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Full text of "Spiegelzauber"

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Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

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Spiegelzauber 



Von 

Dr. Geza Röheim 

Budapest. 




Leipzig und Wien 1919. 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

GES. M. B. H. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 
Nr. 6. 



Übersetzungsrecht in alle Sprachen vorbehalten. 

Copyright 1919 by »Internationaler Psychoanalytischer Verlag" 

Ges. m. b. H., Wien, I. 

Verlags-Nr. 6. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

I. Spiegel und Kind ° 

a) Negative Riten • 5 

b) Positive Riten 16 

IL Der Spiegel des Sehers 34 

III. Spiegel und Herrscher 82 

IV. Liebeszauber • 91 

a) Hochzeitsbräuche 93 

b) Reincarnation 106 

c) Liebesorakel H7 

d) Aggregationsriten 153 

V. Spiegelschauverbote I6 3 

VI. Der zerbrochene Spiegel . 188 

VII. Der verhängte Spiegel 206 

VIII. Die Himmelskörper und der Spiegel 223 



„Tat tvam asi" (Das bist du) 
Chändogya Upanishad. VI. 9—15. 

(Siehe P. Deussen: Sechzig Upani- 
shad's des Veda. 1905. 166—170.) 

„Das Selbst, fürwahr, soll man sehen, soll man hören, soll man verstehen, 
soll man überdenken, oMaitreyi; fürwahr, wer das Selbst gesehen, gehört, ver- 
standen und erkannt hat, von dem wird diese ganze Welt gewußt." Brihadäranyaka- 
Upanishad, II. 5. b. IV 6. 

(Vgl. Qeldner: Die Religion der Inder in Bertholet: Religionsgeschicht- 
liches Lesebuch. 1908. 177 und Deussen: Sechzig Upanishads des Veda 1905 
417, 483.) 



I 



I. Spiegel und Kind. 



a) Negative Riten. 
Eines der wichtigsten Ergebnisse der Freudschen Forschung ist ^Ä 1 " 
die Dreistufentheorie der Libidoentwicklung. Als erste Haupt- «^wg-g. 
stufe kennzeichnet Freud die autoerotische. „Dieselbe entsteht in d»™.*«*. 
Anlehnung an eine der lebenswichtigen Körperfunktionen, sie kennt 
noch kein Sexualobjekt und ihr Sexualziel- steht unter der Herrschaft 
einer erogenen Zone" \ Auch bei der zweiten Stufe wendet sich die 
Libido dem eigenen Ich zu, doch unterscheidet sich diese von der 
früheren dadurch, daß das Individuum bereits um einen Schritt weiter- 
geht, indem es das eigene Ich personifiziert, um sich selbst oder viel- 
mehr sein Ebenbild lieben zu können. Man nennt diese Stufe mit 
einer aus der Narkissossage gewählten Bezeichnung Narzissismus 
.Die Ichlibido heißen wir im Gegensatz zur Objektlibido auch nar- 
zißtische Libido" . . . „Die narzißtische oder Ichlibido erscheint uns 
als das große Reservoir, aus welchem die Objektbesetzungen aus- 
geschickt und in welches sie wieder einbezogen werden, die nar- 
zißtische Libidobesetzung des Ichs als der in der ersten 
Kindheit realisierte Urzustand 2 , welche durch die späteren 
Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter den- 
selben erhalten geblieben ist" 3 . Die dritte Stufe ist die Objektwahl, 
nämlich die völlig entwickelte normale Sexualität, bei welcher die 
Libido das gesuchte Objekt in der Außenwelt, im anderen Geschlechte 
findet 4 . Schon der der Narkissosmythe entnommene Terminus läßt 

i S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1915. 46. Kapitel I— III 
der vorliegenden Arbeit sind im V. Jahrgang der Zeitschrift „Imago" erschienen 
und hier mit einigen Zusätzen neu gedruckt. 

2 Von mir gesperrt. 

3 Freud: 1. c. 79. 

Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zu Sexualtheorie 1915. Über die 
narzißtische Stufe im Besonderen: S. Freud: Zur Einführung des Narzißmus. 



Spiegelzauber. 



ahnen, daß die in der zweiten Entwicklungsstufe herrschende 

D ieK i n dhei «a IS LTv SChe n Ein t 11U K i ; g *T iÜT den S P ie S^nber ihre Geltung 
wÄFJf*- Vor allem bleibt es Tatsache, daß die autoerotische Personi 
—— Urion im Einzelleben durch die der Objektwahl vorausgehende 
Periode, das Kindesalter am vollkommensten vertreten wird 1 
Dem entspricht auch die hervorragende Rolle, welche das Kind 
im Spiegelzauber und Spiegeltabu spielt. Da aber das Tabu die 
Kehrseite des Magischen tat» so bekommen wir, wenn wir statt 
des Magischen den Wunsch einsetzen », eine durch die Hemmung 
des Wunsches entstandene Phobie 4 . Mit anderen Worten • ver- 
botenwerden muß nur das, worauf sich unsere Wünsche richten 
Dem Verbot des Spiegelschauens entspricht der kindliche Wunsch 
nafihjanem Ebenbilde. Bei den Hienzen darf man das noch 

L Sadger Ein Fall von multipler Perversion. Jahrbuch 1910 IL 11 Den 
Zusammenhang zwischen Narzissismus und Seelenbegriff hat O Rank nach« 

~;^ C Dote1 Piege,W f SagUng V ° n di6Sem S " n ^ nkte - "ehanS 
a t M D f tD °PP e] S^ger. Imago 1914. 99-164. Manche Zitate verdanke ich 

Heller (Budapest). Die Abkürzung F. F. bedeutet die im ungarischen National 
museum aufbewahrte handschriftliche Sammlung der ungarischen ^ Sekten des 
internationalen Folkloristischen Forscherbundes (Folklore Fellows) und der Stadt 

vZZn" ^ b6treffenden L0kalverein " » Ethn -" ist die Ethnograph a-, 
(Ung. das Organ der ungarischen Gesellschaft für Völkerkunde 

™ gL * V °o Hu S- Hellmu th: Aus dem Seelenleben des Kindes Schriften 

zur angewandten Seelenkunde. XV. 1913. 9. acnnnen 

2 R. R. Marett: The Threshold of Religion 1909. 85. 115 
Der große Zauberer vermag durch seinen bloßen Willen Bäume zu ent 
wurzeln. Merker: Die Masai 1904. 21. 27. Wenn Jemand großes BeSen^ nach 

w e o rX 222?* St beschleun,gt er dafflit ÄÄtoS£ 

LänN » 19of S"' ff 1C M and f diZtae (N ° rth Q^ensland Ethnography 

GewaH • I w W^ r ■/ M T h hat dne Minute am Ta S e des Wu ™*es 
uewait. J.W. Wolf: Beitrage zur deutschen Mythologie 1852 I <w i„ h»,,, • 

tötet der Fluch des Zauberers. R. Neuhauß: iÄÄSSESSS 
in Ozeanien. Verh. d. Ges. f. Ethn. 1885. 29. umersucnungen 

i Vgl. über das Tabu Freud: Totem und Tabu 1913. 



Spiegel und Kind. ' 

nicht einjährige Kind nicht in den Spiegel schauen oder es 
abbilden lassen 1 . In England finden sich auch in den Kreisen 
der Gebildeten viele, die es nicht gerne sehen, wenn der 
Säugling sich im Spiegel betrachtet 2 . In Lincolnshire hatte eine 
junge Frau starke Angst, ihr kleines Kind könnte sich zufällig 
im Spiegel erblicken; ihre Mutter tröstete sie: „Wenn es nur 
zufällig hineinschaut, hat das nichts zu bedeuten, doch wenn man 
dem Kinde das eigene Bild im Spiegel zeigt, so kann das ihm 
allerdings Unglück bringen" 3 . In Rußland dürfen Kinder nicht in 
den Spiegel schauen, sonst könnten sie nicht ruhig schlafen*. 
Der amerikanische Volksglaube meint, ein Kind, das sich im 
Spiegel erblickt, ehe es das erste Lebensjahr vollendet hat, werde 
ein Leben voller Sorge führen 6 . In allen diesen Tabus verrät sich 
das unbewußte Wissen 6 der narzißtischen Einstellung, da sie die w£ÄTden e 
zu erwartenden Gefahren der durch das Spiegelschauen geför- Tabu - 
derten narzißtischen Fixierung betonen. Am charakteristischesten 
und unbedingt treffend ist der im sächsischen Erzgebirge ver- 
breitete Volksglaube, daß kleine Mädchen, die sich häufig 
im Spiegel betrachten, stolz und eitel werden 7 . In Won- 
goritz heißt es, wenn man ein ganz kleines Kind vor einen 
Spiegel hält, so soll es sich in seinem späteren Leben bloß 



1 I. Thirring-Waisbecker: Zur Volkskunde der Hienzen. Ethnologische 
Mittellungen aus Ungarn, 1896. V. 16. 

2 W. Hazlitt: Brands Populär Antquities of Great Britain 1905, I. 275. 
Es bedeutet ein Unglück, wenn das Kind in den Spiegel schaut, solange es noch 
nicht gehen kann. S. O. Addy: Household Tales. 1895. 102. E. M. Leather: 
The Folk-Lore of Herefordshire 1912. 113. Vgl. W. Henderson: Notes on the 
Folk-Lore of the Northern Counties of England and the Borders. 1879. (F. L. 
S. 11.) 21. (Durham.) 

3 M. Peacock: Scraps of English Folk-Lore. Folk-Lore 1909. 218. 

4 W. R. S. Ralston: The Songs of the Russian People 1872. 117. 
" Knortz: Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart 1913. 42. 

6 Die Sanktion der Verbote entspricht daher entweder unmittelbar oder 
auf dem Umwege der verdrängten Komplexe, d. h. symbolisch einer intra- 
psychischen Realität. 

7 E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge 
1909. 57. 




Spiegelzauber. 



putzen und nicht an die Arbeit denken*. In Meiderich darf 
man das Kind nicht in den Spiegei schauen lassen we 1 es sons 
eitel wird*. Im Voigtland herrscht die Anschauung, ein noch nich 
einjähriges Kind, das sich im Spiegel beschaut, wf de seTn ganzes 
Leben lang eitel sein*. Eitel wird das Kind, wenn es vor Voll 
endung des ersten Lebensjahres in den Spiegel schaut ; in de 
Pfalz, in der Rheinpfalz, in Sachsen; leichtfertig in der Oberpfak 
hochmütig in Schlesien, inWetterau* in sthL7 t! 
Baden, Voigtland, Mecklenburg unTin'dS P^JtnTs' 
Kind unter einem Jahre in den Spiegel sehen, so wird efstolz " 

bevor es reden kann, sonst wird es eitel'. Im Voigtland darf es 

nicht m den Mond schauen, weil es mondsüchf w1r d s n 

i d " M d °" d - Kind unter sechs Jochen nie t 

Snt m h 6S - r ndsüch % 9 - Bea ^tenswert ist hier 

' 6 ™ run g der Mondsüchtigkeit aus der Sehnsucht nach dem 

Monde^bez.ehungsweise nach dem durch den Mond vlgesteüten 

2 Dirks en: Aus Meiderich Zeitschr. d. V. f Volksk IV wt im ^u 
Sinne verwendet von T ic^ion n * . voiksk. iv. 32b. Im selben 

« Köhler v ,v ; V \ QrUndzu S e der Psychoanalyse 1914. 221. 
< K ™ksbrauch, Ab «glaube und Sagen im Voigt.ande. 167. 424 

^tSSS^m^?» ta fc ??" und Bfauch der Völker ' 

I W Wo A H- tit^^T; 1 - WL Wuttk6: Vo.kIab!r ,L R -4%T 
W Wolf. Beiträge zur deutschen Mythologie. 1852. I 208 

Märchen unT™ ° er , deutsche Volksaberglaube. 1900. 392. Bartsch: Sagen 
Märchen und Gebrauche aus Meklenburg 1880 II 53 B ' 

» Die gestriegelte Rockenphilosophie 1759. Kap. XXVII p. 39 
Trevelyan: Folk-Lore and Folk Stories of Wales. 1909. 268 

* *£M Mts aar ■■ — «° d — 

irr *• * Dre f hsler: Sitte - B «uch und Volksglaube in Schlesien 1903 I 
».sehen L,„d,olke, ZeSW ,. Sv*» K *" n ° rdMh - 



Spiegel und Kind, 



Objekt 1 , in diesem Falle das eigene Ebenbild. In Westböhmen 
soll das noch nicht einjährige Kind nicht in den Spiegel schauen, 
weil es sonst furchtsam wird (Schönwerth, Nallesgrün), oder hoch- 
mütig (Hochofen), oder schielend (Karlsbad, Duppau) 2 . Die mit 
dem Narzissismus eng zusammenhängenden Komplexe der aktiven 
und passiven Schaulust erscheinen zum erstenmal in dem letzten 
Tabu und zwar als Talionsstrafe des Sichbeschauens. In Disznös- 
horvät hält man dafür, daß man dem Säugling keinen Spiegel 
in die Hand geben darf, weil er sonst erblindet 3 , in Besenyötelke 
deshalb nicht, weil er sonst schielen wird 4 . Ähnlich dürfte die 
Häßlichkeit als Talionsstrafe für übermäßiges Selbstbewundern 
sein, wenn es in Nordthüringen heißt, daß Kinder nicht in den 
Spiegel sehen dürften, weil sie alsdann häßlich werden 5 . Der in 
der Cserta herrschende Volksglaube schaltet in diesem Komplexe 
wieder den Himmelsspiegel ein, denn hier heißt es, daß das Kind, 
das man ins Mondlicht hält und in den Mond schauen läßt, 
schielen wird 6 . Wie in Schönwerth und in Nallesgrün die Furcht- 
samkeit hält man in Kisvärda die Weinerlichkeit des Kindes für 
eine Folge des Indenspiegelschauens 7 . Die Furchtsamkeit ist als 
Reaktionsbildung des narzißtischen Selbstgefühles zu deuten. In 

1 Vgl. I. Sadger: Über Nachtwandeln und Mondsucht. Schriften zur 
angew. Seelenkunde. XVI. 1914. Zu Mond = Mutter vgl. Ist ein Kind einmal 
abgesetzt, so darf es nicht wieder angelegt werden, sonst wird es mondsüchtig. 
Thüringen. Wuttke: 1. c. 393. Bevor das Kind abgesetzt ist, darf die Mutter 
nicht verreisen, sonst wird es mondsüchtig. D. s. ebenda. 392. 

2 John: Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen. 1905. 109. 

3 Fabian: Nepkßltesi gyüjtemeny (Volksdichtung-Sammlung). Särospatak F. 
F. 1914. 38. 

4 Berze-Nagy: Babonäk etc. Besenyötelken. (Aberglaube und Gebräuche 
in Besenyötelken) Ethn. 1910. 26. Vgl. Dr. Julius Meszäros: A magyar kerek 
tükör. (Der ungarische Rundspiegel) Neprajzi Ertesitö. (Anzeiger der Ethn. Abt. 
des ung. Nationalmuseums) 1940. 240. 

5 R. Reichhardt: Volksbräuche aus Nordthüringen. Zeitschr. d. V. für 
Volksk. XIII. 1903. 384. 

6 Gönczi: Göcsej. 1914. 142. 

7 Rubovszky: Nepköltesi gyüjtemeny Kisvärda kßzsegböl. (Beiträge zur 
Volksdichtung aus der Gemeinde Kisvärda) Szabolcser Komitat. Eger. F. F. 34. 



Spiegelzauber. 



Ost- und Westpreußen wird das Kind, das in den Spiegel schaut 
krank* m Franken > in der Bakonygegend und in dfm Bäcser 
Komitat muß es sterben ». Jetzt vermögen wir die abschreckende 
Wirtang des Spiegelbildes auch schon des Näheren zu bestimmen 
die Eigenliebe des Kindes erschauert, wenn es sein Sp g7b M, 
d h. sein zweites Ich in fremder Hand sieht. Das Spiegelschauen 
fordert natürlich die Entwicklung des visuellen Typus un zwar 
de S n e lbstr e H hallUZ r t0rische ^rm; die Gefühl'sbeton he 
Wedel, k f"' dl6nt 31S d y nam ^ches Element bei der 
we£ die W, ng , der D , eckerinneru "^n. So haben es beispiels- 

kZ t f " mCht gerne ' Wenn das noch nicht einjährige 
Kind besonders um die Mittag- und Abendzeit allein bleibt* 

allem „ *T ?*"** ^ da eS Ginster sehen und vor 
allem erschrecken würde*. In Schlesien darf man das Kind 

Sn L, 6m T Jahr , niCht mft BIUmen Schmücke «' ™* in den 
Spiegel schauen lassen, weil es sonst bald stirbt oder eitel 

sehen wird« ***** aUßergewöhnliche D ™& (Gespenster) 

FÄn g und D ie folgenden Tabus betonen die fixierende Wirkung der nar- 
^n^schen^Einstellung, die sich tatsächlich jeder psychisch determl 

abergL^ b Y9l)" d 3 : 9 2 SPi ?:!; ZeifSCh ;- T f - ^^ ™ l 54L Wuttke: Volks- 

uJZ^Z^^XZ Temme: Die Volkssagen 0s * reußens > 
u„ d i2Ä £-Ä äJ-Ä ehh0te! A1 — ™^ 

w^" d L5r5ss.Ä^; rrr ( r giaube und 

bon äk (glaube im kse r Koi?£^Ä Ä vlTÄ^lT 
ros: Der ungarische Rundspiegel Neprajzi ErtesitS 1914. 240 

VfflfaJ^'wÄ ° ie Mlt ^ SStunde als Geisterstunde. Zeitsch, für 

nr 5 ^;^- Schulen burg: Wendische Volkssagen und Gebräuche 1880 9« 

P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien, 1903. 1.212.' 



sehen wird 6 

Narzißmus und 



Spiegel und Kind. 



11 



nierten x Wandlung entgegenstellen kann. In Feinemet, heißt es, wenn 
das kleine Kind in den Spiegel schaut, wird es schwer zahnen 2 . In 
den Komitaten Nögräd 3 und Bäcs 4 wachsen dem in den Spiegel 
schauenden Säugling die Zähne nicht aus 5 . In Schwaben wird 



i Die unbewußte kollektive Apperzeption macht keinen Unterschied 
zwischen körperlichen und seelischen Erscheinungen, hier ist also alles psychisch 

determiniert. 

2 Szekely: Magyar Nephagyomänyok Gyüjtemenye (Sammlung ungarischer 
Volksüberlieferungen). Eger. F. F. 1914. 18. 

's Kaunitz: Babonäk (Aberglauben) Magyar Nyelvör. II. 277. 

4 Nagy: Bäcsmegyei babonäk (Aberglauben im Bäcser Komitat). Ethn. 
1896. 96.' Meszäros: Der ungarische Rundspiegel Neprajzi Ertesitö. 1914. 240. 

5 Der Zahn ist hier wie so oft ein Penissymbol. Vgl. St ekel: Die 
Sprache des Traumes. 1911. 221-231. Das mit einem Zahn geborene Kind 
wird glücklich sein und Zauberer werden, aber nur wenn es im Alter von 
sieben Jahren im Ringen mit den älteren Zauberern (tältos) den Zahn zu 
bewahren vermag (d.h. wenn es sich nicht kastrieren läßt). Istvänffy: 
A borsodi matyö nep elete (Leben des Matyövolkes in Borsod). Ethn. VII. 364. 
Ipolyi: Magyar Mythologia (Ungarische Mythologie). 1854. 449. Das Zahn- 
ausschlagen und die Riten der Circum-, beziehungsweise Subincisio sind gleich- 
wertige Bestandteile der australischen Männerweihen. Vgl. über Beschneidung 
als Kastrationsäquivalent. Reik: Die Pubertätsriten der Wilden. Imago. 1915. 
125. Über Beschneidung = Haarabschneiden = Zahnausschlagen bei Primitiven 
und Kindern, vgl. Freud: Totem und Tabu. 1913. 141. (Siehe auch weiter 
unten über Nägelabschneiden.) Es ist bezeichnend, daß bei den Gringai die 
Mutter den ausgeschlagenen Zahn des Knaben aufbewahrt (A. -W. Howitt: 
The Native Tribes of South-East Australia. 1904. 575), wohl als symbolischen 
Ersatz des ihr endgültig entrissenen Knaben. Desgleichen bei dem Kamilaroi. 
J. Fräser: The Aborigines of New South Wales. 1892. 14. Vgl. die Wenden, 
bei denen die Mutter den Zahn des Knaben, der Vater den des Mädchens 
verschluckt. (Ploß-Renz: Das Kind. 1912. II. 53. 58.) Die Kaitish werfen den 
ausgeschlagenen Zahn in die Richtung des „Alcheringa Lagerplatzes" der Mutter. 
(Spencer and Gillen: The Northern Tribes of Central Australia. 1904. 589. 
Alcheringa Lagerplatz = die Gegend, wo sich in der mythischen Urzeit die 
Heroen aufhielten, deren einer sich in der Mutter reinkarniert hat.) Nach Kaitish 
und Unmatjera Überlieferung brachten die Alcheringa-Heroen ihre Vorhäute in 
ihren Nanjabäumen (Lebensbaum) unter. Derselbe. Ebenda. 341. „Am Goulbourn 
River sieht man eine ungewöhnliche Anzahl abgestorbener Bäume. Jeder tote 
Baum repräsentiert ein Mitglied des erloschenen Stammes. Die Zähne werden 
bei der Initiation ausgeschlagen und der Mutter übergeben; sie verbirgt die 



12 



Spiegelzauber. 



das kleine Kind, das man zum Fenster schieht „uy u 

In Panjab dürfen Kinder, besonders ZT£\ m XZT^ 

nicht ln den Spiegel «hauen» EineGrule d*Zu* l ^ 

schwerfällig w^ i n SP o s ? OI ! C " aUen ; T eS S0 " St im Reden 
Jahr dasReden nicht w^r 7 ^ daS K '' nd unter ei «em 
läßt man nicht r d aß IT!! indenS P^gel schaut*. In G ÖCS e; 

schaue, weil hm scS dt I T** SäUgHng in den S P^ 
es, daß, wem : man das KnTd vt TT * GibraItar « 
es erst spät reden« i Snl , f " SpiegeI wäscht ' Ief nt 
nicht vor den Spie Jf steSn ^ ^ n,an den Säu ^n g 
In Nagyszalonta 'darf d tt f^" "^ ,emt? 
reden kann, nicht in den £,;« , u ' S0 lange es noch nicht 
__, in den Spiegel schauen, weil es sonst mit einem 

nun die Person, welcher der Baum auf diese ^t T ^ ^ » Im Falle 
Fuße die Rinde abgestreift«. R Oberl ä „ de t ? ST?"* J* "** Wird VOm 
lachen Kolonie. Globus IV. 281 Die Ka traft,«',, Die t Eln g ebore nen der austra- 
läßt diese Gewohnheit als S afe ode r a "J^** ** Zahna ^hlagens 
erscheinen. R. Lasch: Die Verstümmln, L Z "■ "f SWaVerei «*"*<* 
Ges. in Wien. 1901. s A hh? f '" Amerika " Mitt - d - *>thr 

Pacific States of North Amerca 1875 ^ V ' ^ Na " Ve ««« * K 
künstliche Deformierung faZfc z^S* f* * V0 " Iherin S : Die 
^-26, I G. FlaZ er S : ÄL2^2£J «O^St^ 1882 ' 

'eutsche^M^^ * ^'^ J ' W " ™: Beifüge z „ r 

2 Mündlich mitgeteilt vom Hprm tt™, c, 
h nevershownalooklng ™ Vi"" l" 8 ShergÜ,: V ^ » A «*« 
unwell. If however be insL ,,„™ l , „ eS hls ref,ec «°n, he will become 

dem östlichen Htafc^S^sg«*^ Aber ^n und Märchen aus 
6 Gönczi: Göcsej. 1914. 143 

' L e Na Sman N- ^ ^ BliCk " 191 °- l m 

gruben, Abe&Ä vSLt ÄS^ !° ml6vA ^^ Volks- 
voiksbrauch in Somlovasärhely.) Päpa. F.F. 1914. 4 . 






Spiegel und Kind 



13 



Male zu reden beginnt, dann aber für immer stumm bleibt 1 . 
„Wenn ein Kind in den Spiegel sieht, so nicht sprechen kann, 
ist nicht gut" 2 . In Nagypalugya glaubt man, daß das Kind 
stumm 3 , in Mecklenburg, daß es stottern wird 4 , in Rußland, 
daß es spät reden lernt 5 . Im Voigtland dürfen Kinder unter 
zwei Jahren nicht miteinander spielen, weil sonst das eine schwer 
reden lernt 6 . Hier übernimmt das eine Kind als Doppel- 
gänger des anderen die Rolle des Spiegelbildes. Bezeichnend ist 
folgende Angabe: noch nicht einjährige Kinder sollen einander 
nicht küssen, weil sonst keines das Reden erlernt (Karlsbad, 
Duppau) 7 . In Mecklenburg: wenn zwei Kinder, die die Wörter 
noch nicht richtig auszusprechen vermögen, einander küssen, 
werden sie niemals richtig reden lernen 8 . Der Abwehrcharakter 



1 S. Oltyän: Babonagyüjtemeny (Aberglauben-Sammlung) Nagyszalonta 
F. F. I. a. Vgl. den plötzlich zum Reden gebrachten sonst stummen Wechselbalg. 
Gönczi: Göcsej. 1914. 319. Grimm: Deutsche Mythologie. 1875. I. 388. 

2 Grimm: Deutsche Mythologie. 1878. III. 477. Aus des uralten jungen 
Leiermatz lustigem Korrespondenzgeist. 1668. p. 170—176. 

Mstvänffy: Liptömegyei tot babonak. (Slowakischer Aberglauben im 
Liptauer Komitat.) Ethn. 1912. XIII. 35. Dr. Julius Meszäros: Der ungarische 
Rundspiegel Neprajzi Ertesitö. 1914. 240. 

4 Wuttke: Volksaberglaube. 392. Hab erland: Spiegel. Zt. f. Vps. XIII. 341. 

6 Dr. Julius Meszäros : A magyar kerek tükör (Der ungarische Rundspiegel). 
Neprajzi Ertesitö (Anzeiger der Ethn. Abt. des ung. Nationalmuseums). 1914. 240. 

6 Köhler: Volksbrauch etc. im Voigtlande. 423. Ölsnitz. 

7 John; Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen. 1905. 
209. Das zweite Kind entspricht auch der Todesbedeutung des Doppelgängers. 
Wenn in Wales Kinder, die noch nicht reden können, einander küssen, wird das 
eine von ihnen binnen einem Jahre sterben. Trevelyan: Folk-Lore and Folk- 
Stories of Wales. 1909. 265. Kinder unter einem Jahre dürfen einander nicht 
anfassen, oder küssen, oder nicht miteinander spielen, sonst lernt eines derselben 
nicht sprechen (Schlesien, Wetterau, Böhmen, Voigtland) oder stirbt (Thüringen) 
oder beide wachsen nicht mehr (Erzgebirge). Wuttke: Der deutsche Volksaber- 
glaube. 1900. 394. J. W. Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. 1882. I. 208. 

8 K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg; 1880. 
II. 51. Ein neugeborenes Kind soll ein anderes, das noch nicht reden kann, nicht 
küssen, denn sonst wird das Neugeborene schwer reden lernen. Derselbe: 
Ebenda. II. 42. 



14 

Spiegelzauber. 



aus 



des Tabu gegen die narzißtische Fixierung* geht deutlich 
der Fassung aus Eger hervor, der gemäß das Kind nicht in den 
Spiegel schauen soll, bevor es reden kann, weil es sonst 
das Reden niemals erlernt 2 . 

Um aber das Inhaltliche des Fixierungsbegriffes näher zu 
bestimmen, muß ich auf. eine andere, wenn auch vorläufig hypo- 
thetische Determinante hinweisen. Laut der Mecklenburger Angabe 
cu !f m ? en Spiegel schaue "de Kind nicht stumm, sondern 
ein Stotterer «. Nun ließe sich aber auch nach unveröffentlichten 
Anaieroüt. Forschungen Freuds das neurotische Stottern aus der analeroti- 
schen Zurückhaltung der Wörter erklären*. Den Zusammenhang 
zwischen der analen Erotik und dem Narzissismus hat Freud schon 
früher festg estellt«, er läßt sich vielleicht noch augenfälliger mit 

««* 1 P AU - Ch dasMaßnehmen ist bei Weinen Kindern, ebenfalls um eine narziß- 

t'T? zu Q .r m ^ den ' verboten - vgi - ° önczi = gö <^j. law. X. 

A ? fth « f Cr: R 't' BraUCh Und Volks g' au be in Schlesien, 1903. I. 212 
A. John: Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen. 1905. 108. 
Bart e 1 s : Volks-An thropometrie. Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. XIII. 356. 
J e K 1C " ar , dt ; Volksbräuche aus Nordthüringen. Ebenda. 384. Derselbe- 
Geburt, Hochzeit und Tod im deutschen Volksbrauch. 1913 8 G. F Abbott- 

STS^m^ST 1908, "■ Vgl J - °- Frazer: Tabo ° and the Periis « 

w.nn 2 . P - Laza f : °yW™- Eger. F. F. 66. Ein Kind, das noch nicht sprechen 

Z' a l!° n einem 3nderen Kinde ' das ebenfalls noch ^cht sprechen kann 
nicht geküßt werden, sonst lernen beide schwer und spät sprechen. R. Reich' 

J ar / vm 1 he 3US Nordthürin gen. Zeitschrift des Vereines für Volks- 
kunde XIII. 1903. 384: Ebenso darf in Pamproux das Kind „och nicht in den 
Spiegel schauen, wenn es noch nicht reden kann, weil es sonst stumm bleiben 



wird 



_ — *-,«**»*, »»wi VJ OU1JOL 

. Souche: Croyances. 1881, ex Seligmann: loc. cit. I 



180. 



Das Kitzeln ist gleichfalls eine Reizung der erotischen Zonen. (Vgl. I 
£ a d g e r: Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, Jahrbuch für psychoanalytische 

deT C M«Ü gen ' 19 ]\? 11 f 8 ' ' Wenn ' S einer Frau im Anus I«*t - wird ie von 
den Männern gelobt.« S. Revai: Baranyai babonäk. Ethn. 1905. 297.) Das 

KtaderlS nnd £*! kitZe ! n ' We " CS St0ttem Wlrd - « ° c " o 1 z : Alemannisches 
Kinderlied und Kinderspiel aus der Schweiz. 1857. 318 

P S ych^aiy!;. F l917 enCZi: **"*** " "* Int - " Zei « * ärztliche 
5 F r e u d : Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 1913. III. 50. 216. 



Spiegel und Kind, 



15 



folkloristischem und ethnologischem Material beleuchten 1 . Von 
unseren Tabu wären die folgenden in diesem Zusammenhange zu 
erwähnen: In Semjen wird das vor den Spiegel gehaltene Kind 
lausig 2 . In Diösgyör: wer nachts in den Spiegel schaut, wird magen- 
leidend' 3 . Ein Kind muß abends nicht in den Spiegel sehen, sonst 
steht der Teufel hinter ihm 4 . Nach den auf das Kindesalter bezüg- 
lichen Spiegeltabus können mir auf jene Riten übergehen, an denen 
sich der hinter der Hemmung verborgene Wunsch dartun läßt. 
Während in den behandelten negativen Riten das Kind dem Spiegel 
gegenüber passiv magisch war, d. h. Objekt einer magischen . 
Wirkung, läßt die nun folgende Gruppe das Kind in einer aktiv 
magischen Situation erscheinen, wie es auf dem Wege des Spie- 
gels eine magische Wirkung auf die Spiegelbilder der Dinge ausübt 5 . 

i Ich meine damit, aus der europäischen Volkskunde: die Schätze tragenden 
Kobolde, aus der allgemeinen Ethnologie: den Krankheitszauber vermittels Körper- 
ausscheidungen und Abfälle, deren Behandlung in diesem Sinne ich mir vorbehalte. 

2 K. S ü t ö : Lakodalmi köszöntök nepdalok, nepmesek es babonäk gyüjte- 
tnänye (Sammlung von Hochzeitssprüchen, Volksliedern, Volksmärchen und 
Aberglauben), Särospatak. F. F. 1915. 175. Vgl. den feurigen ^Drachen, der die 
Menschen mit stinkendem Schmutz, mit P f e r d e m i s t (Oldenburg, Mecklenburg, 
Thüringen) oder mit Läusen und Ungeziefer überschüttet. Wuttke: loc, 
cit. 45. In Wetterau, wenn's einem von Läusen träumt, so bekommt man 
Geld. J. W. Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. 1852. I. 239. 

s S z e k e 1 y : Magyar nephagyomänyok gyüjtemenye (Sammlung ungari- 
scher Volksüberlieferungen). Eger. F. F. 1914. 19. 

* Grimm: Deutsches Wörterbuch. 1899. X. 2226. Nach Schütze; 
IV, 164. Auf Analerotik deutet das Erscheinen des Teufels hinter dem Kinde, 
worüber weiter unten. 

6 Die aktive und passive Magie, desgleichen die positiven und negativen 
Riten sind verwandte Ausdrücke, die ich hier als termini technici einführen 
möchte. Eine nähere Untersuchung des Gegenstandes würde dartun, daß stets 
dieselben Objekte und Subjekte, von denen die magische Wirkung ausgeht, 
zugleich der von anderen ausgehenden magischen Wirkung am stärksten aus- 
gesetzt sind. Das ist bloß ein Sonderfall des Gesetzes der psychischen 
Polarität oder Ambivalenz, Vgl. L. Kaplan: Grundzüge der Psycho- 
analyse. 1914. 174. Derselbe: Psychoanalytische Probleme. 1916. 1 — 16. 
(Nachträglich bemerke ich die Einteilung in negative und positive Riten schon 
bei A. van Gennep: Les Rites de Passage. 1909. 11.) 



16 



Spiegelzauber. 



Spiegelschau 
der Kinder. 



b) Positive Riten. 

der < 5 enn . 1 , r !i ndl K en _ J' emand Unsichtbares sehen will, behält er laut 
der Sarnavidhanabra-hniana (Handbuch der altindischen Magie 3 
LlfTT ch " lchtm f "bares Mädchen^ und einen Spiegefeine 
Nacht hindurch bei sich ■, und singt über den Spiegel einen Zauber 
spruch. Bei Anbruch der Morgendämmerung wiederhole er de B e 
Ä -sehe sich den Mund ab3 und befehle dem Mädcht 

ttoM * a */ e " Spiegd oder in ein ™* Nasser gefülltes 
Gefäß) und das Mädchen wird sehen*. Laut Bellanger de LeZ av 
Pfegt man m Pondichery auch heute noch duref einen Sei 
Knaben^der eine Jungfrau wahrsagen zu lassen in der Weise! 

adariwS.W r f raJaSam "l BÖhtKngk ^ das Belwort *« dem Worte 
»aaarsa (i>piegel) m Zusammenhang und übersetzt es mit M.«t. „ " . ne 

Volksk Z i h L ri L7 ^ ^ di t Chen Witwen verbrennung. Zeitschr. d V f 
ÄVÄÄ? 1 Der Wahrsager im Panjab schrei 



Spiegel und Kind. 



17 



8 man sie nachts in einer verlassenen Pagode in ein mit Öl 
beschmiertes glänzendes Kupfergefäß schauen läßt 1 . Die kano- 
nischen Schriften des Buddhismus nennen das Spiegelschauen 
„ädäsapanha", d. h. „Spiegelbefragen", den damit parallelen Ritus 
„kumäripanha", das „Mädchenbefragen". Die Gottheit, an die 
man die Fragen richtet, steigt in den Spiegel, beziehungsweise 

das Mädchen 2 . Die Malaien glauben, daß nur ein Kind, welches 
schon seiner Jugend halber noch nicht gelogen haben konnte, 
im Wasserspiegel die verborgenen Dinge sehen kann 3 . Leo Afri- 
canus berichtet über die Zauberer in Fez: „Alii aquam catino 
vitreo infusam olei guttula admixta, lucidam et transparentem 
reddunt, in qua tamquam in speculo daemones se videre affir- 
mant, . . . quorum nonnulli in itinere sunt, alii rivum transmittunt, 
alii terrestre proelium gerunt, quos ubi quietos videt, de rebus 
quas scire cupit, interrogas; daemones porro nutibus respon- 
dent . . . Vitreum illud vas pueris interdum vix octavum egressis 
annum in manum dant, a quibus num hunc vel illum daemonem 
viderint, interrogant" 4 . Die Hindus und indischen Mohammedaner 
nennen den Zauberspiegel „unjoun", d. h. „lampe noire". Wollen 
sie die Art der quälenden Krankheit erfahren, so geben sie einem 
Kinde ein „unjoun" in die Hand, und dort sieht das Kind die 
gräßliche Fratze des Krankheitsdämons 5 . Der Falaschazauberer 
schreibt das Wort „Allah" in den Sand und ein junges Kind 

geistef. Crooke: Populär Religion and Folklore of Northern India. 1896. 153, 
154. Vgl. Lefebure: Le miroir d'encre dans la magie arabe. Revue Afri- 
caine. 1905. 209. cit. D o u 1 1 6: Magie et Religion dans l'Afrique du Nord. 1909. 
:J8S. E. W. Lane: Sitten und Gebräuche der heutigen Ägypter (übers. Zenker)] 

' H. Froidevaux: Une seance de divination ä Pondichery Actes du 
Onzieme Congres international des Orientalistes. 1897. 271—276 
v, Jo7"^ RhyS " DaVids: Buddhi st Suttas. Sacred Books of the East. 
1913 S: ~ Z 3 ° h * f ' 3 C : L ° C ' Cit ' 84 '- R -°' Franke: Dighanikaya. 

3 W. Skeat: Malay Magic 1900. 539. 

4 LeoAfricanus: Africae descriptio. 1632. (Elzevir.) 335 336 

i»u Ü ^I a "7U La Magie 6t 1,Astrol °g ie dans I'Antiquite et au Moyen Age. 
liste. 441 nach Qanoon e islara publ. Herklots. 378. 

Spiegelzauber 



18 



Spiegelzauber. 



muß starr auf die Buchstaben schauen und den Geisterkönig an 
rufen. Der letztere erscheint, fährt in den in Trance gefallenen 
Knaben und beantwortet die an ihn gerichteten Fragen. In der 
Regel stellt man vor den Knaben Wasser oder einen Spiegel, 
damit er statt in den Sand, dorthinein schaue 1 . Ähnliches finden 
wir auch im Altertum des Okzidents. Varro erwähnt es mit der 
Bemerkung, diese Art Wahrsagerei stamme aus Persien 2 . Didius 
Julianus benützt es, um den Ausgang der Schlacht zu erfahren 
„et ea, quae ad speculum dicunt fieri, in quo pueri praeligatis 
oculis incantato vertice respicere dicuntur. Julianus fecit, tuncque 
puer vidisse dicitur et aduentum Severi et Juliani decessionem" 3 . 
Orientalisches und Okzidentalisches trifft sich in schönster Har- 
monie in den demotischen Zauberpapyri ; der Magier sitzt in 
einem finstern Raum auf zwei neuen Ziegeln, zwischen seinen 
Füßen der Knabe, dem er die Augen mit der Hand verdeckt. 
Der Spiegel wird hier nicht erwähnt*. Im Mittelalter ließ man 
unbefleckte Knaben oder Mädchen in den Spiegel schauen, weil 
anderen sich die Gesichte nicht offenbarten 5 . Eines der Geheim- 
nisse von „Albert le Grand" besagt, man müsse in das mit 
klarem Wasser gefüllte Glasgefäß ein „enfant vierge" hinein- 
schauen lassen 6 . Aus doctor Hartliebs (leibarztes herzog Albrechts 
von Bayern. 1455) „Buch aller verboten Kunst" entnimmt Grimm 
folgendes: „cap. 88, Die maister und irgleichen die treiben die 
kunst auch in ainem schlechten Spiegel und lassen kinder darein 
sehen", „auch treibt man die sach in ainem schönen glänzen 
pulierten swert". „So soll das ain swert sein, das vil leut damit 

1 Et. Combe: Quelques coutumes des populations Soudanaises. Revue 
de l'Historie des Religions. 1911. 324. Vergleiche E. D o u 1 1 e : Magie et Reli- 
gion dans l'Afrique du Nord. 1909. 590. 

2 Augustinus: De Civitate Dei. VII. 35. (I. Stoer. 1596 p. 435.) 
3 Spartianus: Didius Julianus. VII. 9. (Historiae Augustae Scriptores. 

Sex. Argentorati. 1677. 163.) 

4 A. A b t : Die Apologie des Apuleius von Madaura. 1908. 236, 237. 

5 Brand: Populär Antiquties of Great Britain. I. 274. 

6 E. L am bei et: Les croyances populaires au Pays d'Enhaut. Schweize- 
risches Archiv für Volkskunde. XII. 1908. 122. 



Spiegel und Kind. 



19 



ertöt sein, so komen die gaist dester ee und pelder." „wann man 
fragen wil nach lust und fräden, kunst erfinden oder schätz zu 
graben, so soll das swert rain und unvermailigt sein« 1 . In Tiszapal- 
konya vermag das siebente Kind mit Hilfe eines Stahlspiegels die 

i der Erde verborgenen Schätze aufzufinden 2 . In Szarvas erblickt 
das siebente Kind im 7-ten, 14-ten oder 21-ten Lebensjahre mit 

[ilfe eines Stahlspiegels das verborgene Geld 3 . In der ungarischen 
ebene sieht das siebente Kind mit Hilfe eines Stahlspiegels (eine 
blank polierte Stahlscheibe, in Messing gefaßt, auf einem schwarzen 
Holzstiel) in der Erde eine Wanne zur Hälfte mit Gold, zur Hälfte 
mit Silber gefüllt. Darauf sitzt ein graubärtiger, kleiner, alter Mann 
und neben ihm liegt der Kaiser von Rußland im Glassarge 4 . In 
Feketegyarmat nimmt das siebente Kind den Spiegel in die Hand 
und beginnt auf dem ihm bezeichneten Ackerfeld oder Gartengrund 
herumzugehen, bis es auf einem Fleck stehen bleibt und erklärt, der 
Schatz bestehe aus Gold oder Silber, befinde sich in einem Faß 
oder in anderem Gerät, sei zwei Klafter tief unter der Erde ver- 
graben und werde von einem Hunde solcher oder solcher Farbe 
bewacht. Dann beginnt man die Erde aufzugraben und wenn man 
sich der angegebenen Tiefe bereits nähert, sucht man einen Hund, 
der dem von dem Kinde erwähnten in der Farbe ähnlich ist, tötet 
ihn und schmiert sein Blut auf dem Boden der Grube 5 . In Pärkäny 

1 J. Grimm: Deutsche Mythologie. III. 1878. 431. Ähnliches über „ge- 
pulierten cristallen oder parillen" ebenda. 

- S z e k e 1 y : Magyar Nep hagyomänyok Gyüjtemenye (Sammlung Unga- 
rischer Volksüberlieferungen). 1914. Eger F. F. 11. 

3 M. M. R. V a r g a : Szarvasvideki babonäk. (Aberglauben aus der Gegend 
von Szarvas). Ethn. 1908. 162. 

1 B. Szivös: Alföldi kincskeresök (Schatzsucher im Alföld). Ethn 
XXIII. 34. 

5 Jancsö es Somogvi: Arad Värmegye Monographiäja (Monographie 
des Komitates Arad) III. 1912. Abt. 1. S. 344. Wenn man den Schatz nicht findet, 
so hat sich das Kind in der Farbe des Hundes geirrt. Die schatzhütenden Tiere 
sind Seelentiere, also wohl symbolische Vertreter der Vaterimago. Den Schatz 
im Schofle der Mutter Erde erlangt man aber durch das Töten des schatzhüten- 
der. Hundes, bezüglicherweise seines Ebenbildes, mit anderen Worten des Vaters. 
leim erwachsenen Manne kehrt das Motiv in der Retributionsform wieder: der 

2* 



Spiegelzauber. 



hatte man im Erdboden eines Baumes Gold vermutet. „Man rief 
ein magisch begabtes (tältos) Mädchen, es möge mit dem Stahl- 
spiegel schauen.« Das Mädchen sieht, daß unter der Erde an einem 
großen Balken mit einer Kette ein Kessel angebunden ist, in diesem 
befindet sich das Geld. Auf dem Balken sitzt ein Büffel, der nachts 
auf dem Grunde des Bauern stets zur Tränke geht. Sie können 

SS , . ? 3tz nicht erreichen > denn wie sie graben, geht der 
Büffel mit dem Balken und dem Kessel immer weiter*. John of 
Salisbury verzeichnet, als er noch Kind gewesen, habe ihn ein 
Geistlicher zuweilen in einen mit Chrisma bestrichenen glänzenden 
Kelch schauen lassen, damit er wahrsage. Die anderen Kinder 
hätten denn auch in dem Kelch verschiedene Nebelbilder ge- 
schaut; ihn aber, der stets nur einen glatten Kelch gesehen, 
habe man später gar nicht mehr gerufen 2 . Den Dieb oder den 
gestohlenen Gegenstand kann man ausfindig machen, wenn man 
einem unschuldigen« Knaben ein mit Weihwasser gefülltes 
Glasgefäß in die Hand gibt und der Knabe mit dreimaliger 
Verbeugung sagt: „Du heiliger Engel, du schneeweißer Engel 
durch mein e Keuschheit und deine Heiligkeit zeige mir den 

?, r l mU 5 S c ne SÖ1 !?, e VerUeren ' Wenn er den Schatz hebe « will. R. Kühnau- 

Schksische Sagen. III. 1913. 620. Die zu opfernden Hühner (Vgl.F S. Kraus"- 

Volksglaube und religiöser Baruch der Südslawen. 1890. 103.B. Szfvös AlS 

k.ncskeresok (Schatzsucher im Alfeld). Ethn. XXIII. 30. In einer fnnfschen 

Variante wird das Blut von „9 Brüdern" gefordert, doch der betre ende 

berichtigt die Forderung „9 Hähne". A. Bän: A kincskereses a Sta 

(Schafzsuchen im Volksglauben.) Ethn. 1915. 34. In Torda hütet eine Henne 

m ihren Küchlein (Erscheinungsform der Hexe) das Geld und es gehört da 

Blut von neun Brüdern (d. h. 9 Küchlein) dazu, um es zu heben Jankö 

To da Aranyosszek, Toroczkö magyar nepe. 1893. 244. Scheftelowitz- Das 

stellvertre ende Huhnopfer. 1914.) sind wohl symbolische Äquivalent für e n 

Menschenleben „Henne und Küchlein bedeutet Mutter und Kind«. F T Kraus 

Das Bauopfer bei den Südslaven. Mitteilungen der anthr. Ges. in Wien.' XVII " £ 

,- J Györffy: Babonäs hiedelmek a feketekßrösvölgyi magyaroknäl fAber- 

l g 916 88 AnSChaUUngen bd den Ul * a '" im ™ ^r SchwärzenSL) Etnnogr- 

» Soldan-Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 1911. I 97 Bastian- 
Der Mensch in der Geschichte 1860. II. 149. Bastian. 



Spiegel und Kind. 



21 



Dieb" 1 . Ganz dasselbe berichtet Rimuald: man nehme einen 
Spiegel oder eine Phiole und eine Weihkerze und indem man die 
Formel „Ange blanc, ange saint, par ta saintete et par ma virginite, 
montre moi qui a pris teile chose" hersagt, erblickt man das 
Bild des Diebes in der Phiole 2 . „Der Höllenzwang" verpflichtet 
denjenigen, welcher die Spiegelschau unternehmen will, zu drei- 
tägiger Enthaltsamkeit 3 . Wollte man den Aufenthalt des Diebes 
durch die Kristallschau ermitteln, ließ man einen etwa zehnjährigen 
Knaben, der noch unbefleckt und ein ehelich geborenes Kind 
sein mußte, in den Kristall schauen 4 . In Pembrigde ließ man 
im Jahre 1671 ein unschuldiges Mädchen (oder einen unbefleckten 
Knaben um Mitternacht in den Kristall schauen, damit sie 
darin den Dieb sehen mögen 5 . Bodinus erzählt den Fall eines 
Nürnberger Bürgers, der ein junges Kind in den Kristallring 
schauen ließ 6 . 

Im Mittelalter zitierte man Erscheinungen nicht nur in den Kage!schau . 
Kristall und in den Spiegel, sondern auch in die flache Hand. Im 
finsteren Zimmer schmierte man die Hand mit Öl und Ruß ein 



1 Montanus: Die deutschen Volksfeste, Volksbräuche und deutscher Volks- 
glaube. 1854. 117 ex Fehrle: Die kultische Keuschheit im Altertum. 1910. 59. 

2 L. Maury: La Magie et L' Astrologie dans l'Antiquite et au Moyen 
Age. 1864. 441 nach Rimuald: Consil. in caus. graviss. 414t. IV. p. 254. Vgl- 
bei Cardanus: De rerum varietate. 1556. p. 1089 „per tuam sanctitatem et 
meam virginitatem*. 

8 Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893. 464, 565. 
Vgl. ebenda. 490. 

4 Hieron. Cardanus: De rerum varietate. 1556. 1088. Lib. XVI. cap. 93. 

5 Leather: The Folklore of Herefordshire. 1912. 66. 

6 J. Bodin: De Magörum Daemonomanla. Vom ausgelasne Wütigen 
Teufelsheer Allerhand Zauberern etc. 1586. Ebendort auch Nagelschau. Es lohnt 
sich die Erklärung Bodinus über die Rolle der Jungfräulichkeit In der Magie 
anzuführen: Dann dieser Unrein Geist nimmt sich an als belieb er auch die reine 
Jungfrauschaft, damit er Leut durch solche Mittel von ihrer zarten Jugend auff 
mög an sich ziehen: Auch zum theil dardurch die Vermehrung des Mensch- 
lichen Geschlechts hinderen und zerstören. Und nicht desto minder und er 
deß reitzt er die Personen, so er- gewinnet zur Sodomy und 
unkeuschheit wider die Natur an." p. 277. 



22 



Spiegelzauber. 



das Mädchen de Sc hä t- ur? ^ Stahls P ie ^' durch welchen 

bestreichJnnH h , J " gerS der rechten Hand mit Mohnöl 
g genf bes ? re tht UrC m T h l" durchschau en l In der Plattensee- 

E dechsenöT '"f. T '" Nagd deS siebenten Kindes mit 
c-mecnsenol und in diesem sieht es das verborgene fip M8 1 
Aranyosszek bestreicht man dem siebenten kÄL^N^S 

• ScllZTmfZl!^^ ,CMe Und Traditi °"- 189S - **>. 
^glaube«^ ^^^^^ ^htsa.ten über 

submurJantes ISlfiSZZS*^ Ve ™ 0l ™> -tum quid 
Sruxellis in ungue suo TalZ ! I Q n ^ Imlitem His P^um novi, q„i 
P^oc e lIisvehe m ^eraf^^v P T^ PO^tUC r ^U^^ae S ° luentum et PanHo pJst 
Disquisitionu " XiZTlT^Ss TÖ d3re ° Sfendebat - M " De,rius: 
VI. Lee. IV. 6 Punkt. S m 171 SeC " ndUS - Ub - IV " C " «• Q- 

6 P V? d j n! ° e u Ma g orumDa enionomanla 1586. 227. 
' Ve»Jl I! Bab0 , na \ (AbergIaUben )- «*** VII. 206. 

». ~ J v^Äyjr^j^T^ (Bdträge 

wohner de-Ü^lJS^*" lak ° SSäk "^ < E Waphie der An- 






Spiegel und Kind. 



23 



mit Leinöl, führt es abends hinaus in die Gemarkung und wo es 

laut aufkreischt, dort befindet sich der Schatz 1 . Bei den Rumänen 

im Retyezätgebirge können Kinder, die mit der Glückshaube 

o-eboren sind, im Fingernagel verborgene Schätze erblicken 2 . Im 

Szeklerland: wenn man dem siebenten siebenjährigen Kinde den 

Daumennagel mit weißem Mohnöl bestreicht und es dann unter 

ein Leintuch hüllt, vermag es anzugeben, wo sich das Geld in 

der Erde befindet 3 . Gleichfalls in Aranyosszek muß man um den 

Annentag herum bei Vollmond, vor der Morgendämmerung, auf 

dem Bauche kriechend Springwurzel suchen, womit man sich den 

Nagel bestreicht, um durch diesen hindurch das im Schoß der 

Erde verborgene Geld zu schauen 4 . In Felsö Boldogfalva: wenn 

man dem siebenjährigen Knaben den Daumennagel der rechten 

Hand mit Mohnöl bestreicht, wird das Kind, wie durch ein Glas 

durch den Nagel sehen und den in der Erde vergrabenen Schatz 

finden 5 . Der oben angeführte Doctor Hartlieb berichtet (1455) 

„Die kunst pyromancia treibt man gar mit manigerlei weis und 

form, etlich maister der kunst nemen ain rains kind und setzen 

das in ir schoss, und lassen das in seinem nagel sehen und 

beschweren das chind und den nagel mit einer großen beswerung, 

und sprechen dan dem chind in ain ore driu unchunde wort der 

ist ains Oriel 6 (cap. 83)". Ferner „mer ist ain trugenlicher list 

in der kunst, das die maister nemen öl und russ von einer pfannen 

und salben auch ain rains Kind die haut . . . und heben die 

hand an die sunnen, da die sunn darein schein oder sie heben 



1 J. J a n k 6 : Torda, Aranyosszek, Toroczkö magyar nepe. (Das ungarische 
Volk in Torda, Aranyosszek und Toroczkö.) 1893. 344. 

2 G. Tegläs: A Retyezät Videke. (Umgegend des Retyerätgebirges). 
Földrajzi Közlemenyek. (Geographische Mitteilungen.) XVI. 461. 

3 A. B e n k ö : Häromszeki babonak. (Aberglauben im Häromszek.) Ethn. 
1891. 359. 

4 J. J a n k ö : Torda, Aranyosszek. 1. c. 1893. 344. 

5 D. Baläsy: Szekely kincsäsö babonäk. (Szekler Schatzgräber - Aber- 
glauben.) Ethn. 1897. 296. Udvarhelyer Komitat. 

6 Vgl. „the spryte Oryance" im Kristall G. F. Black: Scottish Charms 
and Amulets. Proc. Soc. Ant. Scot. XXVII. 436 



24 

Spiegelzauber. 



tans/f ur^ Und l3SSen daS chind da ^in sehen« 
(cap 84, usw.) 1 . Geiler von Kaisersberg verzeichnet: Man habe 
den Nagel eines Kindes mit öl bestrichen, der Sonne zugew and 

Wndl ü g r ahTSagt Wenn man aber nich t in den Nage! d es 
Kindes schaut, muß wenigstens der Nagelbeschauer eS Kind 
oder eine unbefleckte Jungfrau sein 2 

Keuschheit als \/__ j- „.. 

Y ^SSSSS b<dt 2 "bXJ? 1 f UPPe 3USgehend - köMe " wir die Keusch- 
Schauen H^ g ? dCS magischen Handelns - bes °nders beim 

ÄÄ" m°s genen Dinge ' 3lS Stecke ^leiben im visio 
nareniNarziümus- im Sinne einer nicht erreichten erotischer. 
Objektwahl erklären. Zum Fernschauen, zur Entdeckung ver- 
borgener Gegenstände dient in Indien ein knabe, dessen Köroer 
gunstige^Omina zeigte l n Nürnberg pfIegten ^«^ 

R,-,», 1 ! 01 ^ 111 ^ Deutsche Mythologie. 1878. III. 431. Vgl. den Text bei S 
330 über^M eSChIChfe "" Hexe «sse «" Bayern. 18 9 f 33 T Vgl ebenda" 

g laubLtEfh:^ ra 893 n il/ E T m Ro a ch1 P o h f z ben AI (Der **?"«* ** ^ 
Kinderspiel aus der Schweiz 1857 n [ A ' emanmsches Kinderlied und 

19Q nZu r- , 1 äCnweiz - 1857 - 107 - Rubin: Geschichte des Aberglaubens 

Zusammenhang zwischen Nagelschauen, ffiÄ? S^SSTSZ 

to " 1S1 - C "'« 0« V,« J: l/AMgt des Mortui w 76 
H. law Hey: The Kallu Sarft Sag»«. 1884 II 1« r... „k ,- 
bedarf «» e,„e, -— *— li^ÄÄXSTÄS 



, 



Spiegel und Kind. 



25 



Jahrhundert die Menschen einander damit zu bedrohen: „Rede die 
Wahrheit oder ich gehe zu dem kleinen Mann!" Der kleine Mann 
erschien im magischen Kristall und zeigte den Menschen alles, 
aber das Männchen, selbst konnte in dem Kristall nur ein unbe- 
fleckter Knabe schauen 1 . Laut der Lku'ngen Sage kann man auf dem 
Berge Ngä'k'un auch jetzt noch den Strick sehen, an dem sich 
die irdischen Gattinnen der Sterne vom Himmel herunterließen. 
Aber nur ein solcher Jüngling kann ihn schauen, der jedes Tabu 
streng einhält, viel badet und noch niemals ein Weib berührt hat 2 . 
Auch den heiligen Gral kann nur der keusche Held erblicken 3 . 
Die Zauberin und Seherin Ilona Borsi mied die Männer, „daß 
ihre Kunst die Wirksamkeit nicht verliere" 4 . Kassandra, Pythia 
und die vielen anderen Seherinnen des Altertums sind Jung- 
frauen 5 , Gemahlinnen Apollos, eines Gottes, nämlich ihrer eigenen, 
ins Übernatürliche projizierten heterosexuellen Abspaltung 6 . Für 
die bisexuelle Konstitution als Grundlage derartiger Abspaltungs- 
möglichkeiten möchten wir die „boka" (Zauberer, Schamanen) 
der Haussa anführen. Ein solcher ist nämlich so erfüllt von seinem 
„Medizin", daß ihm der Beischlaf mit einem Weibe gar nicht 
wünschenswert erscheint und sollte er es dennoch versuchen, er 
wäre nicht imstande, den Coitus auszuführen. Das Bezeichnende 
aber ist, daß diese Schamanen weiblichen Kopfputz tragen. Der 



nicht mehr dem rein narzißtischen Stadium an, jedenfalls ist aber die Keusch- 
heit als Bedingung der Vision mit Bezug auf Onaniephantasien zu deuten. 

1 Hartland: The Legend of Perseus. II. 15, 16. Bertsch: Welt- 
anschauung, Volkssage und Volksbrauch. 1910. 138. P r ö h 1 e : Deutsche Sagen. 
1879. 232. 

2 F. Boas: Indianische Sagen von der Nordpazifische Küste Amerikas. 
1895. 63. 

3 Malory: Le Morte d'Arthur. Book. XIII. Ch. XVI. Vgl. O. Rank: Das 
Inzest-Motiv in Dichtung und Sage. 1912. 265. 

* Lehoczky: Beregvärmegye Monographiäja. (Monographie des Korni- 
tates Bereg.) II. 1881. 248. 

5 Fehrle: Die kultische Keuschheit im Altertum. 1910, 7. 78. et. pa. 

6 Vergleiche Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch für 
Psychoanalyse. VI. 1914. 15. 



9fi 

Spiegelzauber. 



Beischlaf, wenn ausgeführt, würde seine Macht die „bori" (Schutz- 
geister, die oft als übernatürliche Geliebte ihrer menschlichen 
Schützlinge gelten) zurufen 1 . In Bosnien muß ein Mädchen, 
welches sich einen dienstbaren Teufel ausbrüten will, eine reine 
Jungfrau sein 2 . Bei den Shuswap konnte der herangewachsene 
Jüngling die Schamanenweihen, die in der Traumerscheinung 
des Schutztieres gipfelten, nur dann durchmachen, wenn er noch 
kein Weib berührt hatte. Sowohl bei Knaben als auch bei Mäd- 
chen würde der geschlechtliche Verkehr die Materialisierung des 
Schutzgeistes, mit anderen Worten die Vision, unmöglich machen 3 . 
Bei den Haida nimmt der zur Schamanenweihe Bestimmte sehr 
wenig Nahrung zu sich und enthält sich gänzlich des Weibes. 
Schließlich trübt sich sein Geist ein wenig, er redet unverständ- 
liches Zeug und schaut verborgene Dinge 4 . Dann wird er als 
Schamane anerkannt. 
Die Bedeutung he Die R° lle dos mit dem Spiegel abwechselnden Fingernagels 
^s Nageis. beanspruch t ebenfalls einige Worte. Vom Standpunkt des Nar- 

1 A. J. N. T r e m e a r n e ; The Bau of the Bori. 1914. 150. 151. Über Liebes- 
beziehungen zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen. Vgl. ebda 393. 395. 

2 J. Zovko: Ursprungsgeschichten und andere Volksmeinungen. Wissen- 
schaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegowina. I. 1893. 440. Wenn 
ein Erbdieb, der noch ein reiner Jüngling ist, vom Galgen Wasser oder Samen 
fallen läßt, so entsteht aus diesem Tropfen die Zaunrübe. Jaworsky: Die 
Mandragora im südrussischen Volksglauben. Zeitschr. für österr. Volksk. II. 
1895. 385. 

3 J. Teit: The Shuswap. (Jesup North Pacific Expedition.) 1909. 589. 590. 

4 Dawson: Report on the Queen Charlotte Islands. 1880. 127. Zitiert 
nach Frazer: Totemism and Exogamy. 1910. III. 437. I. R. Swanton: Con- 
tnbutions to the Ethnology of the Haid (Jesup North Pacific Expedition. Vol. 
V. P. I.). 1905. 40. Über die Enthaltung vom Coitus und die magische und 
mystische Bedeutung der Unbeflecktheit im allgemeinen, vgl. J. G. Frazer- 
Taboo and the Perils of the Soul. 1911. 5. 6. 11. 142. 157. 158 161 163-167 
175. 178. 179. 181. 188. 191-198. 200—204.207. 220.221.272. 293. Fehrle: 
Die kultische Keuschheit im Altertum. 1910. E. Crawlay: The Mystic Rose 
1902. 188-190. 228. 343-346. Wes termarck: The Origin and Development 
of the Moral Ideas. 1908. II. 406-421. A. Abt: Die Apologie des Apuleus 
von Madaura und die antike Zauberei (Rel. Vers. u. Vorarb. IV. 2). 1908 161 
184. 185. 



Spiegel und Kind. 



27 



zissismus ist der Nagel ein besonders geeignetes Objekt, denn 
außer der spiegelnden Fläche wird ihm noch ein Libidozuschuß, 
durch die Zugehörigkeit zum eigenen Leibe, zuteil. Bezeichnend 
ist der Schweizer Volksglaube, ein Kind, das noch nicht in den 
Spiegel geschaut hat, könne in der linken Handfläche das eigene 
Antlitz schauen. Man darf dem Kinde keinen Strauß in die Hand 
geben, weil es sonst eitel wird; „denn so oft sie dabei auf ihre 
Händchen niederschauen, beschauen sie sich selbst drinnen und 
lächeln mit herzlichem Wohlgefallen" 1 . Die auf dem Körper 
befindliche spiegelnde Oberfläche steht in näherer Beziehung 
zum Autoerotismus, der sich nur unter langsamen Übergängen 
in den Kultus des vom eigenen Leibe losgelösten zweiten Ichs, 
in den Narzissismus umwandelt. Deshalb hält man in der Gegend 
an der Cserta dafür, das Kind erblicke sich eine Zeitlang in den 
Fingern, könne sich aber hingegen im Spiegel oder im Löffel 
nicht sehen. In Nagylengyel kann das Neugeborne, bis man ihm 
nicht Geld, einen Spiegel oder ein Ei 2 in die Hand legt, sich 

1 E. L. Rochholtz: Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel aus der 
Schweiz. 1857. 318. Zum Blumenstrauß, vgl. „Ein Kind darf man nicht mit 
Blumen schmücken, denn es ist ohnehin die schönste Blume". F. S. Krauss: 
Sitte und Brauch der Südslaven. 1885. 548. Kinder unter einem Jahr soll man 
nicht abbilden und nicht bekränzen, ihnen überhaupt keine Blumen geben, 
sonst sterben sie bald (Rheinlande, Westfalen, Thüringen, Schlesien, Süddeutsch- 
land), sie dürfen nicht an Blumen riechen, sonst verlieren sie den Geruch 
(Erzgebirge). Wuttke: 1. c. 394. Das Sterben deutet wohl auf sympathetische 
Identifikation mit der dahinwelkenden Blume („If you take flowers into a sick 
man's room you will make him much worse". S. O. Addy: Household Tales. 
1895. 100), das Verlieren des Geruches aber auf die Verdrängung der ursprüng- 
lich übermäßigen Riechlust, welche wiederum ein Ableger der analerotischen 
Triebe zu sein scheint. Vgl. „Sieht abends man bei Lichterschein, Noch in den 
Spiegel stolz hinein, Schaut reizend wie ein Blumenstrauß, Gifthauchend, Sata- 
nas heraus". Steiger: Sitten. 139. bei Wand er: IV. 693. ex Grimm: Deut- 
sches Wörterbuch. 1899. X. 2226. Blumen gibt man dem Kind in die Hand 
bei der Tintenschau (miroir d'encre). Crooke: Populär Religion and Folklore 
of Northern India. 1896. 153, 154. 

2 Das Ei als Spiegel kommt in einer bogomilischen Schöpfungssage vor. 
K. K. Grass: Die russischen Sekten. I. Die Gottesleute oder Chüsten. 1907. 
633. Vergleiche übrigens das Motiv „Rieseneiseele". Roh ei m: A kfilsö lelek 



28 

Spiegelzauber. 

in der Handfläche schauen 1 . Bei den Südslaven ist es verboten, 
einem kleinen Kind ein Ei in die Hand zu geben, weil es da' 
auf seine Händchen schaut, sie für Golden hält und mit ihnen 
spielt 2 . (Gold und Ei als exkrementelle Symbole.) Von dem Kinde, 
das im Traume lacht, sagt man, es spiele mit seinem Schutzengel 3 ' 
Der Schutzengel entspricht in der Sprache der Psychoanalyse 
natürlich der narzissistischen Abspaltung. Der Szöreger Volksglaube 
meint, mit dem Kinde unterhält sich sein Engel, auch dann, wenn 
es nicht schläft, sondern auf die Finger schauend lacht. Man sagt 
dann auch, das Kind spiele mit seinem goldenen Apfel. In Öszent- 
ivän spielt das Kind, wenn man es nicht in den Spiegel schauen 
läßt, ehe es einen Zahn bekommt, mit dem goldenen Apfel, den 
sein Schutzengel ihm zeigt; es lacht dann auf und schaut auf 
die Finger 4 . Während der Spiegel und der Schutzengel die sym- 
bolischen Vertreter des Narzissismus sind, weist das Abwechseln 
des goldenen Apfels mit dem Spiegel auf die Rolle, welche 
der Mutter-Imago in der Entstehungsgeschichte des Narzissismus 

fes synonimäi a nepmeseben. (Die Außenseele und ihre Synonima im Märchen) 
tthn. 1915. 299. Köhler: Kleinere Schriften zur Märchenforschung. 1898. 57 
158—161, 348, 404. Frobenius: Zeitalter des Sonnengottes. 1904.391. Mogk- 
Das Ei im Volksbrauch und Volksglauben. Zt. d. V. f. Vk. 1915. 217, 218 
J. G. Frazer: Balder the Beautiful. (The Golden Bough. P.VII.) 1913 II lOfi' 
110, 125, 132, 140. ' ' 

* Gßnczi: Göcsej. 1914. 142, „Geld« wird natürlich ebenfalls der 
spiegelnden Oberfläche halber verwendet; außerdem aber führt eine Assoziations- 
reihe von Geld zum Ei, wobei das Mittelglied (Exkremente) der Verdrängung 
anheimfällt. & s 

2 F. S. Krau ss : Sitte und Brauch der Südslaven. 1885. 548. 

A L. Kälmäny: Boldogasszony, ösvalläsunk istenasszonya. («Unsere liebe 
Frau, eine Göttin unserer Urrellgion.) 1885. 21. „When babies smile in their 
sleep it is said that they see angels«. E. M. Leather: The Folk-Lore of 
Herefordshire. 1912. 88. Oder sie werden von den Feen geküßt. M. Trevel- 
yan: Folk-Lore and Folk Stories of Wales. 1909. 267. Ungetaufte Kinder welche 
im Schlafe lächeln, sehen ihre Schutzengel. R. Reichhard: Geburt, Hochzeit 
und Tod im deutschen Volksbrauch. 1913. 8. Ähnlich P. Drechsler: Sitte 
Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1903. I. 211. 

4 L Kälmäny: Ebenda. 22. 



Spiegel und Kind. 



29 



zukommt \ In Szöreg sagt man, solange das Kind nicht die Katze 
fängt, spiele es stets mit dem goldenen Apfel 2 . Den goldenen 
Apfel gebe die heilige Jungfrau, also die Mutter Gottes dem 
Kinde in die Hand, „Christus der Herr hat mit dem goldenen 
Apfel gespielt, die heilige Jungfrau hat ihm denselben in die 
Hand gegeben. Man nennt ihn den goldenen Apfel des Jesus- 
kindes" 3 . Der Spiegel verdrängt den goldenen Apfel, die Hand- 
fläche, den Fingernagel von seiner Stelle. Die Schöpfungssage 
der Pawnee projiziert diese Spiegel-Nagelvorstellung auf die 
Götter. Tirawa erschafft den Menschen und gebietet ihm, mit 
zusammengepreßten Daumen nach Norden zu weisen. Auf dem 
Nagel des Daumens bleibt der Abdruck des Gesichts der „vier 
Götter des Nordens" zurück. Im Ritus symbolisieren auf vier 
Säulen gelegte Muscheln und eine Scheibe aus Muscheln die auf 
dem Nagel des Urmenschen sichtbaren Göttergesichte und die Götter 
selbst 4 . Die Wichtigkeit, die dem Nagel vom Gesichtspunkte des 

1 Vgl. S a d g e r : Psychiatrisch-neurologisches in psychoanalytischer Be- 
leuchtung. Zentralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin. 1908. 11—12. Zitiert 
nach O. Rank: Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahrbuch. III. 411. 

2 Die erotische Bedeutung des Apfels wird von Kälmäny sehr wohl 
erkannt, wenn er ihn mit dem Brautapfel in Verbindung bringt. Kälmäny: 
Ebenda. 22. Vergleiche des weiteren R ö h e i m : A luczaszek. (Der Hexenstuhl.) 
Neprajzi Ertesitö. (Anzeiger des ethnographischen Museums.) 1916. 31—37. Der 
goldene Apfel ist hier speziell die Mutterbrust, während die Katze der Vagina 
gleichzusetzen wäre. Siehe Röheim: A luczaczek. (Der Hexenstuhl.) Ebenda. 

1916. 24—26. 

3 L. Kälmäny: Boldogasszony. 1885. 23. Vgl. das Motiv der Schatz- 
sagen. Eine Mutter verliert ihr Kind beim Schätzesuchen, nach Jahr und Tag 
findet sie es wieder, siehe da, das Kind spielt mit einem goldenen Apfel. (Das 
Spielen mit dem Apfel ist eben das Finden der Mutterbrust; dasselbe wird ein- 
mal symbolisch, einmal unmittelbar erzählt.) Vgl. R. Kühnau: Schlesische 
Sagen. III. 1913. 578, 600, 602, 609, 615, 623, 637, 651, 652, 654, 657, 659, 
667, 755. Zum Apfel des Jesuskindes vgl. die rumänische Überlieferung Dähn- 
hardt: Natursagen. 1909. II. 79. 

4 Q. A. Dorsey: The Pawnee. Mythology. Carnegie Institution. Publ. 
Nr. 59, 1906. 28. Diese Götter verleihen dem Urmenschen die „power" (mana?) 
sich ein Weib zu erschaffen. Dorsey: Ebendaselbst. (Der narzissistische Weg 
der Libidoübertragung !) Hinsichtlich der Muschel vergleiche die Wakanda- 



Spiegelzauber. 



kindlichen Narzissismus, beziehungsweise bereits vom Autoerotismus 
innewohnt, zeigt schon die Verbreitung der Tabus des Nagel- 
schneidens 1 . In Göcsej darf man den Nagel des kleinen Kindes 
nicht stutze n, weil es sonst diebisch wird 2 . In Pommern deshalb 

muschel der Kansa. (Dorsey: A Study in Siouan Cults. Bureau of Ethnology 
Rep XI. 372), ferner die „Muschelgesellschaften • der Omaha, Menonimi usw* 
A. C. Fletcher and F. Ia. Flesche; The Omaha Trlbe (XXVIII. Report' 
f U ;. eaU ^LfT 10 ^' mi - 509 -565. W. I. Hoff mann: The Menomini 
Indians (XIV. Report). 1896. 102, P. Radin: The Ritual and Significance of 
the Wmnebago Medicine Dance. Journal of American Folk-Lore 1911 159 
182-187 190-103. St. R. Ri ggs: Dakota Orammar, Texts and Ethnography 
Contnbuüons to North American Ethnology. IX.) 1893. 228. Ferner: P. Sebillot-' 
Legendes, Croyances et Superstitions de la Mer. 1886. II. 275-278 Nork- 
Etymologisch-symbolisch-mythologisches Realwörterbuch. 1845. III. 208. 

a- .\ H ^P" üiaca Wir Sch0n das Qebiet der sympathetischen Magie, auf 
die ich behufs einheitlicher Erklärung im ähnlichen Sinne anderwärts zurück- 
zukehren Gelegenheit finden werde. 

2 Gönczi: Göcsej. 1914. 142. Das Nagelschneiden ruft das Gefühl des 
Beraubtseins, des Mangels hervor; das Stehlen als Symptomhandlung, dient 
zur Behebung dieses Unlustgefühles und die gestohlenen Objekte bilden einen 
symbolischen Ersatz der verlorenen Körperteile. (Eine Erklärung der Kleptomanie? 
Vgl. W. Stekel: Die sexuelle Wurzel der Kleptomanie. Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft. 1908.588-600. O.Pfister: Anwendungen der Psychoanalyse 
in der Pädagogik und Seelsorge. Imago. 1912. 61.) Vergleiche noch die magische 
Bedeutung der gestohlenen Gegenstände, die offenbar die Objektivierung der 
beim Stehlen empfundenen Gefühlsspannung ist. Siehe: Sebillot- Le Folk 
Lore de France. 1906. II. 241. 487. P. Drechsler: Sitte, Brauchend Volks- 
glaube in Schlesien. 1906. II. 99. 113. 243. 255. 261. 300. Wuttke-Der 
deutsche Volksaberglaube. 1900. 89. 171. 203. 364. 492 513 522 537*fi1fi 
650. 652. 658. 673. 702. 703. 711. §§ . Strack er j a n : Abegtufe und Sagen 
aus dem Herzogtum Oldenburg. II. 1909. 265. A. John: Sitte, Brauch Sd 
Volksglaube lm deutschen Westböhmen. 1905. 265. Thos. I. Westropp 
AFoklore Survey of County Cläre. Folk-Lore. 1911. 57. A. VwtilVt- 
Secret Societies and Fetishism in Sierra Leone. Folk-Lore. 1907. 427 5 H 

YwJl N ° teS t ° n . S r e CUSt ° mS ° f the Lower ICongo People. Folk-Lore 
1908. 419. Sartori: Diebstahl als Zauber. Schweiz. Arch. f. Vk. XX 380 In 
ndien versammeln sich bei Diebstahlsverdachte die Familienmitglieder und 
2 Z-t° ? m r ttnägtl aneinander . wodurch auf einem derselben! der Name 
des D.ebes leserlich wird. F. A. Wiese; Indien. 1836/37. II. 464 ex Haber 
land: Spiegel. Zt. f.Vps. XIII. 337. Hier finden wir also den mit dem Seh " n 



Spiegel und Kind. 



31 



nicht, weil es sonst unglücklich wird 1 . In Schlesien beißt im 
ersten Jahre die Mutter des Kindes die Nägel ab 2 , denn wenn 
sie das nicht tut, wird das Kind zum Selbstmörder, wenn man ihm 
aber vor dem vollendeten ersten Lebensjahre die Nägel stutzt, oder 
das Haar schneidet, wird es unglücklich 3 . Man kennt dieses Tabu 
auch in Tirol 4 , und mit verschiedenen Begründungen überall in ganz 
Deutschland 5 . In Mecklenburg erstreckt sich das Verbot auf das 
Haar und die Nägel 6 , ebenso in Böhmen, denn man schneidet dem 
Kinde den Verstand, das Glück ab, oder es wird sich später mit 
irgend einem scharfen Werkzeuge schneiden 7 . In der Gironde 
schneidet man die Nägel des erstgeborenen Sohnes unter einem 
Rosenbaum, wenn man nach ihm ein Mädchen erwartet 8 . In Here- 
fordshire 9 , in York 10 und in Wales ist es verboten, dem noch nicht 
einjährigen Kinde die Nägel zu stutzen, weil es sonst diebisch wird 11 . 



assoziativ verbundenen Nagel in der Umkehrung als Spiegel zum Auffinden 

des Diebes. 

iO Knopp: Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche und 
Märchen 'aus dem östlichen Hinterpommern. 1885. 157. „Man schneidet ihm 
das Glück ab.« Erzgebirge, Wuttke: 1. c. 392. Glück (hier) = Ichlibido in 
Glück und Libido vgl. „Ein Pate, der zum erstenmal ein uneheliches Kind aus 
der Taufe hebt, hat später großes Glück; dasselbe gilt, wenn man einen lider- 
lichen Menschen als Paten wählt." A. John: Sitte, Brauch und Volksglaube 
im deutschen Westböhmen. 1905. 114. 

2 Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. I. 1903. 215. 

3 E. John: Aberglaube. Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge. 
1909. 59.' Über den Zusammenhang zwischen Selbstmordimpulse und Narzißmus 
vgl. Rank: Der Doppelgänger-Imago. 1914. 

* J. Z i n g e 1 1 e ; Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes 1857. 4. 

5 Wuttke: Volksaberglaube. 692. 

6 K. B a r t s ch: Sagen, Märchen u. Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. II. 51. 
' A. John: Sitte, Brauch etc. im deutschen Westböhmen. 1905. 109. 
s Sebillot: Folk-Lore de France. III. 391. 
9 Leather: The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 113. 

10 S. O. Addy: Household Tales with other Trational Remains. 1895. 102. 

« Tre'velyan: Folk-Lore and Folk-Stories of Wales. 1909.267. Ver- 
gleiche noch die Tabus bei M. T o e p p e n : Aberglauben aus Masuren. 1867. 
82. Knoop: Polnischer uud deutscher Aberglaube aus der Provinz Posen. 
Zeitschrift für Volkskunde, III. 31. S chön wer th: Aus der Oberpfalz. 1859. 



QO 

Spiegelzauber. 

Zu S£g n " Die bisherigen Resultate zusammenfassend, können wir die 

de ErgebnSs g e en auf das Kind beglichen Spiegeltabus als Verdrängungsformen 
des Narzissismus und der Schaulust, das Spiegelschauen aber als 
ungehemmtes Hervorbrechen derselben Triebe deuten. An Stelle 
der unzensurierten Wunschbetätigung könnten wir unter Annahme 
der von Rank in einem analogen Falle vorgenommenen Ein- 
teilung auch die Rückkehr des Verdrängten aus der Verdrängung 
setzen 1 . Die beiden Erklärungen sind eigentlich gar nicht ver- 
schieden, denn beide gehen von der positiven Seite, von dem 
Wunsche aus und erklären aus diesem den negativen Ritus, mit 
anderen Worten die Verdrängung. Im Hinblick darauf, daß unser 
Material sich auf das Kindesalter bezieht, dürfen wir wohl in den 
positiven Riten berechtigterweise eine primäre und nicht eine 
tertiäre Bildungsstufe erblicken. 2 Diese unsere Auffassung wird 
auch durch die Beobachtungen der Kinderpsychologie bestätigt. 
Laut Sully erkennt das vor dem Spiegel gehaltene Kind nicht so- 
fort sein eigenes Ebenbild. „Schon in der zehnten Woche lächelt 
es seinem Ebenbilde zu." Anfangs, ja sogar noch einige Monate 
hindurch betrachtet das Kind sein Ebenbild als ein selbständiges 
Objekt, lächelt ihm manchmal zu, als ob es vor einem Fremden 

III. 252. Gönczi: Göcsej. 1914. 206. Adler: Allerlei Brauch und Glauben 
ausdem Geiselthal. Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. 1904. 429. J W Wolf- 
Beiträge zur deutschen Mythologie. 1852. I. 208, 209. „Wenn einKind unter 
einem Jahre in den Spiegel schaut, so zahnt es schwer, und solange darf man ihm 
auch die Nägel nicht abschneiden. « (Über Zahn und Spiegel vgl. oben.)M o 1 d o v a n ; 
A magyarorszägi romänok. (Die Rumänen in Ungarn.) 1913. 149. .Unter einem 
Jahre darf man einem Kinde nichts abschneiden, z. B, auch keinen Heftel vom 
Kleide, sonst schneidet man ihm von seinem Glücke etwas ab« Ebendort 
Nagel und Stehlenlernen. J. A. E. Köhler : Volksbrauch, Aberglauben Sagen 
etc. im Voigtlande. 1867. 424. Seyfarth: Aberglaube und Zauberei in der 
Volksmedizin Sachsens. 1913. 58. R. Andre e: Biaunschweiger Volkskunde. 
1901. 292. Nagy: Bäcsmegyei babonäk. (Aberglauben aus dem Komitat Bäcs.) 
Ethn. 1896, 97. Zu den Spiegeltabus (oben) vgl. noch: „Der Spiegel muß ver- 
hangt werden, denn er bebt vor seinem Spiegelurangutang (Schneider)« Rank- 
Doppelgänger. Imago. 1914. 107. „Sieht ein kleines Kind viel in den Spiegel, 
so wird's ein Affe." R. Andree: Braunschweiger Volkskunde. 1901. 293. 

1 O. Rank: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. Imago. 1913. 445. 

2 N ä m I i c h : 1. Wunsch, 2. Verdrängung, 3. Rückkehr des Verdrängten. 



Spiegel und Kind. 



33 



stehen würde, ja es küßt es sogar oder — wie sich dieses mit 
einem kleinen (fünfzehn Monate alten) Mädchen zugetragen — 
schenkt es ihm allerlei, wobei es „Ta" (Danke! als Zeichen der 
Annahme) sagt 1 . Die Erklärung Sullys: Das Kind, das sein Eben- 
bild im Spiegel anlächelt und küßt, es überdies noch beschenkt 
und die Geschenke im Namen des Ebenbildes auch annimmt 2 , 
erkenne nicht seine eigene Identität mit dem Bild im Spiegel, läßt 
sich also kaum annehmen. Wir möchten im Gegenteil sagen, das 
Kind handle deshalb so, weil es sich erkennt. Eben darin sehe ich 
das Übergewicht der auf die Psychoanalyse gestützten Erklärungen 
gegenüber dem bisher gebräuchlichen Verfahren, daß sie auch die 
geringen Einzelheiten als verständliche, den gesamten Zusammen- 
hang aber als einen determinierten, notwendigen erscheinen läßt. 



i Sully: Studies of Childbood. 1912. 112, vgl. S. 309. Vgl. Jekels: 
Narzissismus bei einem kleinen Kinde. Int. Zt. f. ärztliche Psychoanalyse. 1913. 
275 376 Vgl noch die Experimente mit Affen vor dem Spiegel. Ch. Darwin: 
The Descent of Man. 1898. II. 443. Hachet-Souple t: Untersuchungen 
über die Psychologie der Tiere. 1909. 106. 

8 Wir finden eine primitive narzissistische Wurzel des Opfers in dieser 
Form, die dem eigenen Selbste opfernd die Freude des Empfangens mit dem 
Stolz des Gebens vereint und mit dem Schmelz der Entsagung überzieht. In 
Rom ist der Geburtstag das Fest des Genius', der verbrauchte Weihrauch und 
Kuchen das dem Genius dargebrachte Opfer. H. Usener: Götternamen. 1896. 
297. Wissovva: Religion und Kultus der Römer. 1902. 155. Schmidt: Ge- 
burtstag im Altertum. 1908. 9. 23. Die Barak opfern Geschmeide, Kleider, 
Speisen, lebende Tiere usw., dem eigenen „tongi". J. Warneck: Die Religion 
der Batak. 1905. 55-60. Die Tshi bringen am Geburtstage der eigenen Seele 
Opfer dar! A. B. Ellis: The Tshi Speakeng People. 1887. 15. 149. 153—157, 
zitiert bei C r a w 1 e y : The Idea of the Soul. 1909. 175. Die Asaba opfern 
.ihrem Glück". I. Parkinson: On the Asaba People of the Niger. Journ. 
Anthrop. Inst. XXXVI. 312-314. Vergleiche die Opfer der Tshi und Ewe an 
das eigene „Aklama» (Seele, Glück, Schutzgeist). Westermann: Die Be- 
griffe Seele, Geist und Schicksal bei dem Ewe- und Tshivolk. A. R. W. VIII. 
105. 106. Hinsichtlich des dem persönlichen Schutzgeist dargebrachten Opfers 
vergleiche W a i t z : Anthropologie der Naturvölker. 1859. II. 182. I. L. W i 1 s o n: 
Western Africa. 1856. 387. F. Boas: The Eskimo of Baflin Land and Hudson 
Bay. Am. Mus. Nat. Hist. 1901. XV. 156. 511. W. B ogor as : The Chukchee. 
(Jesup Nort-Pac. Exp. Vol. VII.) II. Religion. 1907. 422. 

Spiegelzauber. ' 






II. Der Spiegel des Sehers. 

der S P ™d,eS In den Jetzt folgenden positiven Riten sind die Seher Er- 
sÄ des wachsene, die der Beihilfe von Kindern nicht mehr bedürfen. Wir 
können gleich hinzufügen, sie bedürfen ihrer deshalb nicht, weil sie 
selbst in ihrem Innern genügend von dem infantilen Narzissismus 
und der Schaulust bewahrt haben. Sie haben sich dieses Stadium 
entweder so bewahrt, daß sie die Verdrängung dieser Wünsche 
überhaupt niemals vollzogen haben, oder aber deshalb, weil ihre 

ursprüngliche psychische Einstellung die Hemmungen durchbrechend 
aus der Verdrängung zurückkehrt. Vom Standpunkte des erwach- 
senen Sehers ausgehend, läßt sich auch unschwer eine neue psycho- 
logische Erklärung der bei der Spiegelschau beteiligten Kinder 
gewinnen, wenn wir sie nämlich autosymbolisch als Objektivationen 
des Infantilen im Seelenleben der Erwachsenen betrachten. Bei den 
verschiedenen Abarten der Schamanen, Zauberer und Priester ist 
Me seher d daS Spiegel " und Kristallschauen so sehr verbreitet 1 , daß wir mit 
p e rim e itiren. er dessen Hilfe geradezu den psychischen Sondertypus des S e h e r s 
Au ozet?en Undab g renzen können. Bei den Euahlayi in Australien gebraucht der 
Schamane zum Kristallschauen den größten und wertvollsten der 
Zaubersteine, aus dem der „yowee" (Seele) aufsteigt, um den 
Menschen, von dem wir etwas zu wissen wünschen, aufzusuchen 
und uns sein Bild im Kristall zu zeigen 2 . Diese „gubberah" sind 
geschliffene, halb durchsichtige Kristalle, in denen die wi-wireenun, 
die Weisesten der Seher, Vergangenheit und Zukunft und die 
Bilder der verborgenen Dinge sehen ». Murri-kangaroe erzählt die 
Geschichte seiner Weihe, bei der sein Vater die Quarzkristalle, die 

1 Leider war mir N. W. Thomas: Crystal-Gazing 1909 zurzeit nicht 
zugänglich. 

2 K. L. P a r k e r: The Euahlayi Tribe. 1905. 36. 

3 K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 1905. 26. 



Der Spiegel des Sehers. 



35 



er ihm später in Wasser trinken ließ, in den Körper zauberte. 
„After that I used to see things that my mother could not see" \ 
In West Maitland (Westaustralien) kriecht der Seher in die ge- 
schliffene Steinkugel, um den zu erwartenden Ausgang des Unter- 
nehmens zu sehen 2 . Die Fijier kennen ein Kristall, woraus das 
Heilmittel jeder Krankheit ersichtlich ist 3 . In Tahiti gräbt der 
Priester ein Loch in den Boden des Zimmers und gießt Wasser 
hinein. Dann bringt ihm die Gottheit die Seele des Diebes und 
läßt sie sich im Wasser spiegeln 4 . In Samoa fängt Sinasengi die 
Schatten der Ereignisse in ihrem Zaubertümpel und fixiert sie an 
der Wasserfläche. Wer den Stein, der den Tümpel bedeckt, 
entfernt, sieht Tänze, Wettspiele, Kämpfe und Versammlungen im 
Wasserspiegel 6 . Die Medizinmänner in Nias benützen silberne 
Spiegel 6 . Der Schamane in Borneo trägt den magischen Stein, 
der ihm die Ursachen der Krankheiten anzeigt, im Zaubersäckchen 7 . 
Er schaut in den „bata ilau" (Stein des Lichtes) und erblickt dort, 
wo sich die Seele des Kranken befindet und welche Riten seine 



1 A. W. Ho witt: The Native Tribes of South East Australia. 1904.406. 
Wiradyuri. In den Weihen scheint eine Übertragung auf den Vater stattzufinden, 
wobei der Jüngling übergangsweise in eine passive, weibliche Rolle gedrängt 
wird. „He placed two large quartz crystals against my breast and they 
v a n i s h e d i n t o m e. I do not know how they went, but I feit them going 
through me like wärmt h." Von nun ab sieht er die Geister der Toten 
und erbt auch den individuellen Totem seines Vaters. Ebenda. 

2 A. Lang: The Making of Religion. 1909. 83. Vgl. dazu über den Stein 
im Körper des Schamanen. R ö h e i m: A varäzserß fogälmänak eredete. (Ursprung 
des Manabegriffes.) 1914. 57—60. In diesem Falle findet eine Umkehrung des 
ursprünglichen Motives statt. (Vgl. Freud: Traumdeutung. 1911, 257 und 
L. Frobenius: Die Weltanschauung der Naturvölker. 1896. 396), der Zauberer 
verschwindet im Zauberstein. 

3 D. Jenness: The Magic Minor: a Fijian Folk Tale. Folk-Lore. 
1913. 233. 

4 Ellis: Polynesian Researches 1830. II. 240. 

5 G. Turner: Samoa. 1884. 101, 102. 

6 Folk-Lore. 1910. 2. 

7 H. Ling-Roth: The Natives of Sarawak and British North Borneo. 
1896. I. 269. 

3* 



36 



Spiegelzauber. 



Gesundheit wieder herstellen könnten 1 . Die übernatürliche Macht 
des Kristalles zeigt das Wesen der Krankheit und ermöglicht das 
Zurückholen der fliehenden Seele' 2 . Der „Dayong" der Kayan in 
Borneo sucht die wandernde Seele in der polierten Schwertklinge 
zu erblicken 3 . Der Vorgang wird auch auf die Tiere projiziert: 
so starrt bei den Malayen in Selangor das Krokodil zuerst die 
Abbilder seiner beabsichtigten Opfer an und erst wenn es diese 
kopflos erblickt, ist es seiner Sache sicher 4 . Dasselbe wird auch 
Amerika, vom Tiger erzählt 6 . Bei den Lenguas in Südamerika verlangen 
die Träumer oft die Hilfe des Zauberers, besonders wenn ihre 
Seele auf der Wanderschaft von bösen Geistern belästigt wurde. 
Sie glauben nämlich, daß dieser in der spiegelnden Fläche seiner 
glänzenden Metallohrringe die Schatten der vorbeiziehenden 
Geister sehe 6 . Bei den Huille-che in Südamerika, ebenso wie im 
europäischen Volksglauben sind es die Schatzgräber, die einen 
glatten, schwarzen Stein anstarren 7 . Der Iossakeed der Apachen 
hat keine Theorie für die Operationsweise des Kristalles und sagt 
nur so viel, daß er darin alles sehe, was er wolle 8 . In Yucatan 
heißt der Wahrsager h'men (aus dem Zeitworte men = wissen). 
Er ist „der Wissende", der sein Wissen auch in Taten umsetzt. 
Seine wichtigste Handhabe ist der Zaztun (zaz = hell, durchsichtig, 
tun = Stein). Unter Hersagen im altertümlichen Dialekte gehal- 
tener Zaubersprüche und Verbrennen von Copal wird der Quarz- 
kristall oder ein anderer durchsichtiger Stein geweiht und auf diese 



1 E. H. Gomes: Seventeen Years among the Sea Dayaks of Borneo. 
1911. 165, 166. 

2 L i n g - R o t h : Natives of Sarawak. 1896. I. 273. 

3 Ch. Hose and W. Mc. DougalhThe PaganTribes of Borneo. 1912. II. 30. 

4 W. S k e a t and Ch. O. Blagden: Pagan Races of the Malay Peninsula. 
1906. II. 154. 

5 W. Skeat: Malay Magic. 1900. 159, 160. 

6 W. Barbrooke-Grubb: An Unknown People in an Unknown Land. 
1911. 149. 

7 Fitzroy: Adventure. IL 389 ex Lang: The Making of Religion. 1909. 84. 

8 Bourke: The Medicine Men of the Apache. Rep. Ethn. Bureau. 1887/88. 
IX. 461. 



Der Spiegel des Sehers. 



37 



Weise Vergangenheit und Zukunft widergespiegelt, der Seher aber, 
der seinen Blick in die durchsichtigen Tiefen des Steines dringen 
läßt, sieht dort die verlorenen Gegenstände, erfährt das Schicksal 
der Abwesenden und erblickt den dem Fragenden feindlich gesinnten 
Zauberer 1 . Der heilige Obsidian der Cakquichel, ihr Stammes- 
orakel, steht nach ihren Sagen in mystischem Zusammenhang mit 
dem Ursprung des Menschengeschlechtes 2 . Die Cherokee finden 
den Ulünsu'ti (durchsichtig), d. h. den Kristall im Kopfe der Uktena 
der scharfblickenden Schlange". Im Besitze eines solchen Kristalles 
kann man die „little people" (Zwerggeister) zitieren. Der Kristall 
bringt Glück in der Liebe, bei der Jagd, beim Regenmachen und 
allen anderen Unternehmungen, sein Hauptzweck aber ist, den Blick 
in die Zukunft zu gewähren, denn die Zukunft spiegelt sich im 
durchsichtigen Kristalle wie der Baum im glatten Spiegel des vorbei- 
fließenden Baches. Der Zauberer erblickt im Kristalle die gesuchte 
Person oder Ereignis und je nach der Entfernung des Bildes von 
der Oberfläche stellt er die räumliche oder zeitliche Entfernung fest 3 . 
Die Tuscarora legen einen Kristall in Wasser, worauf auf dessen 
Spiegel das Bild des bösen Zauberers erscheint oder sie lassen 
des bösen Zauberers Ebenbild im Wasserspiegel eines kochenden 
Kessels erscheinen 4 . Die Latoka haben durchsichtige Steine, die Afrika, 
ihnen den Dieb zeigen 5 . Die Gangas in Westafrika zitieren das 

1 D. G. Brinton: Essays of an Americanist. 1890. 165. 

2 E. S. Hartland: The Legend of Perseus. 1895. IL 17. 

s Mooney: Myths of the Cherokee. XIX. th. Report. Bureau of Ethn. 
1900. 289, 460, 461. Das Räumliche wird also ins Zeitliche projiziert, beziehungs- 
weise das Zeitliche wird vom Unbewußten auch räumlich apperzipiert. Die 
schlafende Schlange zu erblicken bedeutet den Tod, aber nicht dem Zauberer, 
der den Schlangenstein (Ulünsu'ti) sucht, sondern seiner Familie. Ebenda. 298. 
Das schlafende Wundertier ist wohl das Verdrängte, Schlummernde im Zauberer, 
denn wenn er dieses erblickt, d. h. die endopsychische Zensur durchbricht, wer- 
den die Todeswünsche frei, und seiner Wünsche Gewalt bringt seiner Familie 
den Tod. Zu den Schlangen, deren Anblick todbringend ist, vgl. Dorsey: 
A Study of Siouan Cults. Rep. Ethn. XL 1894. 393, 441. 

4 E. A. Smith: Myths of the Iroquois. IL Rep. Bureau of Ethn. 1883. 
€8, 69. 

5 J. O. Dorsey: A Study of Siouan Cults. XL Report. 1894. 447. 






38 



Spiegelzauber. 



Bild des Diebes in einem Spiegel, der an dem Bauche des 
Fetisches angebracht ist 1 . Der Befestigungsort des Spiegels weist 
auf den Bauch als Seelensitz hin, wie dies schon Haberland 
richtig bemerkt hat 2 . Der Manganja-Seher schüttelt den mit 
Kieselsteinen gefüllten Kürbis und schöpft dann seine Antwort 
aus dem im anderen Kürbisse befindlichen Holz-, Bein- und 
Glasstückchen 3 . Die Seher der Malimba schauen Zauberer und 
Verbrecher in einer mit Wasser gefüllten Schüssel 4 . Die Wadschagga 
haben fünf Klassen von Wahrsagern. Die erste ist die der Wasser- 
seher. Der Wasserseher schöpft Wasser mit einem großen Schöpf- 
löffel und schlägt dieses Wasser dann mit einem Drazänenblatt, 
wobei er unverwandt in das bewegte Wasser schaut, bis ihm darin 
der Geist erscheint, dem das erlösende Opfer zu bringen ist 5 . 
Die Ovambo blicken starr in einen Wasserspiegel: es erscheint 
ein Abbild, sie spucken darauf und verfluchen das Bild, wodurch 
sie den Betreffenden verzaubern 6 . Die Boloki gießen Wasser in 
die Zauberschüssel und nachdem sie den Seelen und Geistern 
ein Palmweinopfer bringen, erscheinen diese in der Schüssel, 
welche aber nur vom Schamanen betrachtet werden darf 7 . Bei 
den Otando blickt der Medizinmann, um den bösen Zauberer, 
der den Tod verursacht hat, zu ergründen, in einen, mit Wasser 

1 A. Bastian: Der Papua. 1885. 69. Pechue 1 -Loesch e : Die 
Loango-Expedition. 1907. II. 365, 366. R. H. Nassau: Fetichism in West- 
Africa. 1904. 134. 

2 K. H a b e r I a n d : Der Spiegel. Zt. f. Vps. XIII. 1882. 330. In Guiana 
legt man dem Toten einen Spiegel aufs Herz. R. Schomburgk: Journal 
of the Ethnological Society. 1848. 1. 275. Der chinesische Kriegsgott Quanti hat 
ein Glasstück am Bauch. Smith: Basler Missionsmagazin. 1848. 125. Beide 
ex Haberland; loc. cit. 

3 H. W. G a r b u 1 1 : Native Witchcraft and Superstition in South Africa. 
Journ. Anthr. Inst. 1909. 558. 

4 Schneider: Die Religion der afrikanischen Naturvölker. 1891. 244. 
Das Ausland. 1888. 145. 

5 Outmann: Wahrsagen und Traumdeuten bei den Wadschagga Globus. 
XCII. 1907. 166. 

6 H. S c h i n z : Deutsch Südwest-Afrika. 1891. 314. 

7 J. H. Weeks: Among Congo Cannibals. 1913. 286. 



Der Spiegel des Sehers. 



39 



gefüllten, schwarzen irdenen Topf. Dieser ist mit geweihtem Ocker 
und Fetischen umgeben und dient demselben Zweck wie das 
Spiegelglas der Küstenstämme. Der Medizinmann saß auf einem 
Stuhl, blickte geheimnisvoll ins Wasser, schüttelte seinen Kopf 
und schaute dann in eine brennende Fackel, welche er herum- 
schwenkte. Sein Körper geht in Zuckungen über, er raucht eine 
Pfeife, wiederholt die ganze Prozedur und erklärt schließlich, 
daß die gesuchten Zauberer innerhalb der Grenzen des Dorfes 
zu finden wären 1 . Lobengula, der Matabelehäuptling, pflegte in 
einen tiefen Teich zu schauen, um den Ausgang der Schlacht 
zu erkunden 2 . Die Kagoropriester gießen Mehl in ein mit Wasser 
gefülltes Gefäß und wahrsagen daraus 3 . Bei den Zulus schaut der 
Häuptling in einem Becken die Zukunft 4 und in Madagaskar findet 
sich das Wahrsagen aus Kristall 5 . In China steigt die Gottheit in as& 
das mit reinem Wasser gefüllte Gefäß, in ihrem Namen beantwortet 
das Medium die gestellten Fragen 6 , und taoistische Zauberer trugen 
Spiegel am Rücken 7 . In Hinterindien hat man im Inventar eines 
Kabuizauberers einen Spiegel gefunden, der wahrscheinlich dazu 
diente, die Seele des zum Opfer bestimmten Menschen aufzufangen 8 . 
Ein wesentlicher Bestandteil des Schamanenkleides bei den Golden 
und auch bei den Karagassen Südsibiriens ist der runde Bronze- 
spiegel 9 . Der Zauberer der Tschuwaschen erblickt die Ursache der 

i Du Chaillu: A Journey to Ashango Land. 1867. 173—178. 

2 M. R. C o x : An Introduction to Foik-Lore. 1897. 25. 

3 A. I. N. Tremearne: Notes on Some Nigerian Head Hunters. Journ. 
Anthr. Inst. 1912. 160. 

4 C a 1 1 a w a y : The Religious System of the Amazulu. 1870. 341. 

s Lang: Making of Religion. 1909. 84, 85 nach Flacourt: L'Histoire 
de la Grand Ile Madagascar. 1661. 76. 

6 Goltz: Zauberei und Hexenkünste, Spiritismus und Chamanismus in 
China. Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für Natur und Völkerkunde Ost- 
asiens. VI. 28 ex Z a c h a r i a e : Witwenverbrennung. Zt. d. V. f. Vk. 1905. 84. 

7 J. J. M. de Groot: The Religious System of China. Vol. VI. Book. 
II. 1910. 1000. 

8 T. C. H o d s o n : The Naga Tribes of Manipur. 1911. 142. 

9 Meszäros: A magyar kerek tükör. (Der ungarische Rundspiegel.) Nep- 
rajzi Ertesitö. 1914. 13 nach V. K. Va s i 1 i e v : Kratkii ocerk karagasov. 1910. 29. 



40 



Spiegelzauber. 



Krankheit aus einem Glas Wasser 1 , und dasselbe Verfahren findet 
sich auch bei den Tscheremissen 2 . Die Syrjänen entdecken den 
Dieb oder verborgene Schätze durch Wasserschau 3 . Bei den Tataren 
in Kazan sieht der Zauberer aus dem Spiegel, wo das Gestohlene sich 
befindet und wer den Kranken verhext hat 4 . Kalikuter Magier zeigten 
dem Volke in einem mit Wasser gefüllten Gefäße Vasco de Gamas 
ankommende Schiffe 5 . Die Geisterbeschwörer in Tibet schauen die 
Ankunft Gottes aus ihren Spiegeln 6 . Laut'Angabe Ibn Khaldouns 
bedarf der wahrhaftige Seher keiner äußeren Hilfe, um den über 
unsere sinnlichenWahrnehmungen gelegten Schleier zu durchdringen, 
während die übrigen, weniger vollkommenen (Seher) alle ihre Per- 
zeptionen in einen einzigen Sinn, in das Gesicht verdichtend, ihr 
Ziel zu erreichen trachten. In dem Nebelschleier, der sich zwischen 
dem Seher und dem Spiegel herabläßt, sehen sie dann mit ihren 
geistigen Augen das Gewollte 7 . Auch die Malaien kennen die Hydro- 
mantie, doch wie es scheint, durch arabische Vermittlung. Die Be- 
schreibung S wetten hams zumindest spricht von einem Araber, der 
es unternimmt, nach dreitägiger Einsamkeit, Fasten und Gebet den 
Ort anzugeben, wo sich das gestohlene Gut befindet. Er nimmt 
in die Hand ein beschriebenes Papierblatt, auf das er Wasser gießt, in 

1 Meszäros: A csuvas Ssvalläs emlekei. (Urreligion der Tschuwaschen.) 
1909. 269. 

2 Mikhailowski: Shamanism in Siberia and European Russia. 
Journ. Anthr. Inst. 1894. XXIV. 155. Nach R y c h k o v : Zhurnal Ili dnyevnyya 
zapiski 86. 

3 D. R. Fuchs : Eine Studienreise zu den Syrjänen. Keleti Szemle. XVI. 98. 

4 Meszäros: A tnagyar kerek tükör. (Der ungarische Rundspiegel.) Nepr. 
Ert. 1915. 40. Nach eigenen Sammlungen. Diese Parallelen sind allerdings nicht 
„asiatisch" im geographischen Sinne, aber doch wohl im kulturhistorisch- 
ethnographischen. 

5 E. S. Hartland: The Legend of Perseus. 1895. II. 16. Avebury: 
The Origin of Ctvilisation. 1902. 263. nach De Fair a: Astleys Collection of 
Voyages. I. 63. 

6 Zachariae: Witwenverbrennung. Z. v. V. f. Vksk. 1905. 84. Zitiert 
naph Waddell: Buddhism of Tibet. 1895. 482. 

7 Vgl. Rubin: Geschichte des Aberglaubens. 31. A. Lang: TheMaking 
of Riligion. 1909. 340—343 bringt nach Lefebure den ganzen Text. 



Der Spiegel des Sehers. 



41 



W elches er hineinstarrt, worauf ihm ein altes Männchen erscheint 
!in Dschin, der ihm sodann auf der Wasserfläche die ganze 
oTebstahlsszene vorspielt*. Laut Pausanias erfuhren die Griechen d. fi , *. 

f n 1 trai beim Heiligtum der ^^^^S£SfZ ^" d 
Z der Weise, daß sie einen Spiegel auf die Oberflache des Mittelalle , 
Wassers niedergleiten ließen und je nachdem, wie der Kranke 
mdem Spiegel recht bei Fleische oder aber bleich und schwach 
«schien, prophezeite man ihm Genesung oder Tod In Kyaneai 
Z Lykien befand sich eine Quelle, wo derjenige, welcher hinein- 
chaute, alles sah, was er zu wissen wünschte . Pythagoras 
550 ante Chr.) soll um Vollmond aus einem blank polierten 
Spiegel die Katoptromantie betrieben haben«. In Rom nannte 
man diese Weissager „specularii-, und deren Existenz ist noch 
um das Jahr 450 (post Christum) in Irland bezeugt». Die um 
1270 entstandene „Summa de officio inquisitionis« erwähnt die 
mit Spiegeln, Schwertern, Fingernägeln, Elfenbeinkugeln Wasser, 
Ringen usw. betriebene Zauberei«. Im Jahre : 1326 erlaßt Papst 
Johfnn die „Super illius specula", in der er die Menschen adelt, 
die den Dämonen opfern, in Ringe, in Spiegel und Flaschchen, 
Dämonen einschließen und von diesen Antwort auf ihre Fragen, 
Hilfe in ihrer Not erwarten'. In 1398 werden diese Praktiken 
von der theologischen Fakultät in Paris als Götzendienst ver- 
urteilt 8 Im Jahre 1411 schreibt Vintler in den „Pluemen der 
Tugent« „und will die sehen in die Spiegel, Manigen wunder- 



i W S k e a t : Malay Magic. 1900. 38. 539. 

a Pausanias: VII. 21. 12. 13. Erwähnt bei W. E. Hazlitt: Brands 
Populär Antiquities of Great Britain. 1905. I. 274, der nach Pott er: Greek 
Antiquitates. I. 315 zitiert. 

3 M R C o x : An Introduction to Folk-Lore. 1897. 2b. 

* Duc'ange: Glossarium mediae et infimae latinitatis, VII. 1886. 549. 

b A. Maury: La Magie et l'Astrologie dans l'Antiquite et au Moyen 

Age. 1864. 438. „ . MJ „ , ,, 

e J. H a n s e n : Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter 

1900. 242. 

'Hansen: Ebenda. 255. 

8 Maury. La magie. 1864. 440. 



^ Spiegelzauber. 

leichen triegel" 1 , in 1471 wird in Frankfurt eine Frau der Zauberei 
geziehen, die angeblich aus dem Spiegel die gestohlenen Gegen- 
stände erkennt 2 . Thomas von Haselbach erwähnt gleichfalls den 
Zauberspiegel, der den Dieb anzeigt: „Item omnino reprobantur 
benedictiones speculorum ad inueniendum furtum" 3 . Ebenso 
berichtet Gervasius von Tilbury in den Otia imperialia über 
Spiegel und Schwertklingen beim Wahrsagen 4 . Auch der primi- 
tive Steinspiegel taucht neuerdings auf in der Wahrsagung aus 
dem glänzenden Stück Kohle oder Stein. Einen solchen ge- 
schliffenen Stein nennt Butler den Spiegel des Teufels 5 . In 
Bayern verbietet im Jahre 1611 Maximilian solche Praktiken, wie 
das „wahrsagen durch Spiegel oder glass oder durch christall 
oder parillen". Besonders die „fahrenden Schüler" betrieben 
solches 6 . Anno 1564 bekennt ein altes Weib in Görlitz, daß sie 
einen Zauberspiegel besäße, mit dessen Hilfe sie verlorene Sachen 
wieder verschaffen könnte 7 . In Mecklenburg legt Kroger am 
13. Oktober 1570 in einem Hexenprozesse das Geständnis ab, 
wie er die Kristallschau gelernt hat. Wenn er den Namen des 
Verdächtigen weiß, nimmt er den Kristall und beschwört ihn. 
„Der hillige licham, dat hillige testament, dat sacrament und der 
leve vader im hemmel, do dick up, im namen dess vaderss, des 
sohns und des hilligen geistes." Dann erscheint im Kristall ein 
weißer Engel, sowie das Bild des Schuldigen und der Engel 

1 Z i n g e r 1 e : Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. 1857. 
196, 197, Zeile 314, 315 in Zingerles Ausgabe. 

2 Soldan-Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 1911. I. 231. 
Hansen: Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns im 
Mittelalter. 1901. 579. Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertums- 
kunde von Frankfurt. VI. 1881. 72. 

3 A. Franz: Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter. 1909. I. 469. 
i M a u r y : 1. c. 440. 

5 H a z 1 1 1 1 : Brands Populär Antiquities. 1905. I. 46. K i e s e w e 1 1 e r . 
Faust in der Geschichte und Tradition. 474. 

6 Ebermann: Zur Aberglaubenliste in Vintlers Pluemen der Tugent. 
Zt. d. Ver. f. Volksk. 1913. 134. 

7 R. Kühnau: Schlesische Sagen. 1913. III. 258. 






Der Spiegel des Sehers. 



43 



„tot auf den Menschen 1 . Bei Gertrud Schwarth (23. Dezember 1587) 
hat man Haselruten und Kristall gefunden, diesen hat sie beim 
Resuch von Kranken entnommen, ob die Stunde eine g üekhche 
oder unglückliche sein weide». Chettle (1592) erwähnt gleichfalls 
den magischen Kristall und nach Akten aus der Zeit der Königin 
Flisabeth von England erscheint, „the spryte Oryance« im Kristall 
und zeigt, wo sich das verborgene Geld befindet*. Laut Pico di 
Mirandola kann man aus einem astrologischen Spiegel die Zukunft 
ersehen Potet und Cagliostro bedienten sich gleichfalls dieses 
Mittels 'der Prophezeiung*. In Mecklenburg, in Ostpreußen, in 
Friesland, in Schlesien zeigt der Magier dem Agenden m 
Zauberspiegel die gesuchte Hexe, den Dieb oder den zukünftigen 
Gatten' In Leemfnster gab es einen „weißen Hexenmeister;, 
der in den Kristall (Beryll) schaute und daraus au die 
bestellten Fragen antwortete«. Aubrey beschreibt einen solchen 
Berill" der sich im Besitze Sir Edward Harleys befand. In dem 
Kristall erblickte man das Heilmittel oder die Beschreibung des zu 
beobachtenden Verfahrens. Engel meldeten dem Besitzer seine 
Todesstunde. Der Berill ist eine vollständige Sphäre. An den vier 
Ecken sind die Namen Gabriel, Raphael, Uriel und Michael ange- 
bracht 7 . In den Ardennen geht der Mensch, der behext worden ist, 

i K Bartsch- Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. II. 8. 

2 Bartsch: Ebenda. II. 33. Laut dem Texte läßt sich der Nebensatz 

eher auf die Rute beziehen. 

3 G. F. B 1 a c k : Scottish Charms and Amulets. Proceed. Soc. Ant. bcot. 

YY\71T AM(\ 

* Rubin- Geschichte des Aberglaubens. 31. Maury: La magie et 
l'Astrologie. 1864. 441. Vgl. noch Grimoire ou la Magie Naturelle A La Haye, 
309 P G Schott: Magia universalis naturae et arüs. 1677. IV. 55d. m. 
Delrius:Disquisitionum magicarum libri sex. 1603. Tomus Secundus Lib. 
IV C II Q VI 6. p. 170, 171. M. J. Praetor ius: Der abenteuerliche 
Glückstopf. 1669. XXV. Cap. 188. N. Remigius: Daernonolatria oder Be- 
schreibung von Zauberern und Zauberinnen. 1693. II. 314. 

5 Wuttke: Volksaberglaube. 245. 246. 

6 Leather: The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 66. 

'Aubrey: Miscellanies. 1696. 129-131. Die Angabe aus 1645, zitiert 
Hazlitt: 1. c. I. 275 und Leather: 1. c. 66. 









Spiegel und 

Seher 
im heutigen 
Volksglauben. 



44 



Spiegelzauber. 



zum „marechal de Verlee«, der ihm in einem Spiegel das Ruh 
desjenigen zeigt, welcher ihm den bösen Zauber zugefügt hat« T 
Böhmen zeigt ein in den „Erzspiegel« (Hexenspiegel - nekrornan 
üscher Spiegel), der Wunderdoktoren oder „weiier Männer« '3 
worfener Blick den Dieb (Schönwerth, EgerJand)- Der weise Mann' 
oder die kluge Frau schaut in den Stein, in den K ris7a od« ij 
den Spiege , murmelt seine Beschwörungen und sieht die Gesichte" 
In Schleswig-Holstein stellt der Hexemeister ein Sieb über das 
Wasser und erkennt den Dieb darin*. Aus Deslawen L P J 
manche nach Saaz, ja sogar nach Wien zu einem Themas" 
Scharfrichter denn dieser besitzt einen solchen ZauberspiS Der 

SS Im ?a? arfriC H er *? diC VCrirrfe Fra " in eS E M 
Wasser . Im Tal von Hamersbach sieht der „Hetlischsbur« in dem 

aus reinem Bergkristall angefertigten „Bergspiegel« Ted KrankhJ 

iXSal und^H N °M Ch befÜhmter is ^er!lhCbe K nZ k to « 
inS g k + f 1 o 6 ' Mur § e g end ' der gleichfalls mit dem Bei* 
2S i o L ° er Schmied von Waldulm ^t von ihm nur einfn 
fehlerhaften „Bergspiegel« bekommen, deshalb ist sein Ruhm auch 

^Entwicklung, Bemerkenswert ist auch die Rolle des Schmiede! 

i A ?o a hn U i : T t radi p 0nn ! Sn,e de ' a Bdgi( l ue - La Tra d«ion. 1903 129 
1905. 276. • SlttC ' BraUCh Und Volk ^"ben i m deutschen We«L 

Vo 1 ksk. J S h n8 Ebenda ' °- S>: V ° lks ^en im Eger ,a„ de . Zeitschr. f. öster, 

B.r. 4 "fw£Ä2TÄS ; n c d r lk r e T g - HoIstein - i84s - 2o °- 

5 John- «?Ht» b, u * • g Volksbrauch 1910. 137. 

6 J W Wo '• Sff h V" 1 deUtSChCn Wes ^hmen. 1905. 277. 
J. W. Wolf. Hessische Sagen. 1853. 63 ex B ertsch- 1 ,,, 

563. 564 E ; "• M6yer: Badisches Volksleben im neun^te^hrL^ 1900 . 



Der Spiegel des Sehers. 



45 



ls Seher 1 . Im Jahre 1629 geriet in Calbach ein „krystallseher und 
! aU berer« namens Breull in Untersuchungshaft, weil er mehrere 
Frauen der Hexerei beschuldigte 2 . Er bekennt den Kristall von 
einem Schmied in Altengronau, den man auch „der weise Mann" 
zu nennen pflegte, bekommen zu haben. In dem Kristall ist ein 
kleines, schwarzes „Dingelchen", wenn das zittert, kann man aus 
ihm erfahren, was dem Vieh fehlt. Die Spiegelschau kann nicht nur, 
wie bei den Schatzsuchern, nach dem Schoß der Erde, sondern in **£*£*£. 
den Mutterschoß gerichtet sein, und es ist wohl kaum zu bezweifeln, 
daß wir darin die Urform des Brauches gefunden haben, aus 
welchem das Schauen in den Schoß der Mutter Erde erst durch 
Übertragung entstanden sein kann. Die Zigeuner erkennen das 
Geschlecht des zu gebärenden Kindes, indem sie durch einen Trichter 
auf eine polierte Bleiplatte schauen, zuweilen sehen sie auf dieser 
auch das Gesicht des Dämons, der die von den Wehen ergriffene 
Frau quält 3 . Bei den Ga schaut der Wongtschä in einem Topfe 
mit Wasser die Ahnenseele, welche in einem Neugeborenen wieder 
zur Welt gekommen ist 4 . In Westafrika geht eine Eingeborene, die 
im Geheimen das Weib eines Europäers geworden war, zum 
Seher. Dieser sagt ihr aus dem Zauberspiegel, sie werde von einem 
Weißen geliebt, und er sehe in ihrem Schoß zwei Kinder 5 . 
Der „Bergspiegel" zeigt die Lage des Schatzes im Schoß der Erde 
an und schützt vor den schatzhütenden Geistern, sowie vor dem 
bösen Blick der Hexen 6 . Nach dem ungarischen Volksglauben sieht 



1 Vgl. R. A n d r e e : Ethnographische Parallelen und Vergleiche. 1878. 153-159. 
0. Schrader: Sprachvergleichung und Urgeschichte. 1906. II. 13—28. A. P. Zvon- 
kov: 0£erk vjerovanij krestyän Jelatomskavo ujezda Etn. Obozr. 1889. II. 71. 
B. Gutmann : Der Schmied und seineKunst im animistischen Denken. Zeitschrift für 
Ethnologie. 1912. 81-93. A. E. Crawley: The Idea of the Soul. 1909. 111, 116. 

2 W. Crecelius: Frau Holda und der Venusberg. Zeitschrift für deutsche 
Mythologie und Sittenkunde. I. 1853. 272. 

3 Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1893. 94. 
* W. Schneider: Die Religion der afrikanischen Naturvölker. 1891. 259. 

Nach H. Bonner: Im Lande des Fetisch. 1890. 146, 219, 221, 224. 

5 R. H. Nassau: Fetichism in West-Africa. 1904. 134. 

6 G. Graber: Sagen aus Kärnten. 1914. 221. 



46 

Spiegelzauber. 

derjenige, der am Gründonnerstag von der Frühe bis zum Abend 
mit einem Spiegel in der Hand auf einem Grabe sitzt, eine kleine 
Flamme in dem Spiegel, zum Zeichen, daß er noch im selben Jahre 
einen Schatz finden wird 1 . Gleichfalls nach dem ungarischen Volks- 
glauben besitzen die Hexen einen solchen Spiegel, durch den hin- 
durch sie jeden in der Erde befindlichen Schatz sehen 2 . Zu Pfingsten 
kauft man vor Sonnenaufgang ohne zu handeln einen Spiegel und 
schreibt darauf die Worte — oh + Holon + Taller + Ihatal + Thaler 
+ Theja + ganelei 3 . Der Spiegel ist zwar im allgemeinen das 
Attribut der „Hexenriecher«, der Seher, da aber die verschiedenen 
Typen der Priester und Zauberer ineinanderfließen, kann der 
Spiegel auch den Zwecken der Hexe dienstbar sein. In Nieder- 
österreich weiß der Volksglaube von neun „Walpurgisnächten"; so 
bezeichnet man nämlich die derWalpurgisnacht vorausgehenden neun 
Nächte 4 . Während dieser Zeit wird die heilige Walpurga durch 
die Geister verfolgt. In Mank hat einmal ein Mann eine weiße 
Frau gesehen, mit feurigen Schuhen, langem, wallendem Haar, 

1 A. Hermann: Der volkstümliche Kalenderglaube in Ungarn. Zeitschrift 
des Vereins für Volkskunde. 1894. 393, 394. 

2 Ipolyi: Magyar Mythologia. (Ungarische Mythologie.) 1854. 442. 

3 J. Wieder: Kincsäsö babonäk es räolvasäsok. (Aberglauben und Zauber- 
formeln beim Schatzgraben.) Ethn. 1890. I. 248. Vgl. noch über Schatzspiegel 
im vorigen Kapitel. S. 70, 72, 74, 75. 

. * Vergleiche hinsichtlich der entsprechenden neuntägigen Winterperiode 
Roheim: A luczaszek. (Der Hexenstuhl.) Neprajzi fotesitö. 1916. Am 1 Mai 
oder neun Tage vorher und neun Tage nachher, ebenso am Luzetage kommen 
die Hexen und wollen sich etwas borgen, was beim Vieh gebraucht wird damit 
sie einem etwas antun können, da darf man ihnen nichts borgen, vor allem 
kern Feuer, kein Salz. (Vgl. Jones: Die Bedeutung des Salzes. Imago 
I. 361. Das Feuer natürlich im selben Sinne zu deuten.)" W. v. Schulen- 
burg: Wendische Volkssagen und Gebräuche. 1880. 159, 160. Vgl ebenda 
246, 247 über die Periode neun Tage vor Weihnachten. In diesen Tagen soll 
man die verschiedenen Liebesorakel unternehmen aber auch wachen wider die 
Hexen (die Vertreterinnen der mit negativem Vorzeichen versehenen Mutter- 
lmago); funktionell entsprechen sie der Regression, daher ist ihr Auftreten am 
meisten zu befürchten, zur selben Zeit, wo man die Liebesorakel unternimmt, 
d. h. die Libido zum Objekt fortschreiten soll. 



Der Spiegel des Sehers. 



47 



auf dem Haupte eine goldene Krone, die von einer auf weißem 
Pferde reitenden Gestalt verfolgt wurde, und die Verfolgte hielt 
in den Händen einen Spiegel und ein Spindel, diese war die 
heilige Walpurga. Während dieser neun Tage können die Hexen 
von der Heiligen verschiedene Dinge erbitten, namentlich Wal- 
purgis-Spiegel, -Fäden, -Kräuter und -Blumen. Die Walpurgis- 
Spiegel sind kleine, dreieckige Spiegel, aus denen sich jedes 
erfolgende Ereignis im vorhinein ersehen läßt. St. Walpurga trägt 
außer dem Spiegel auch eine Spindel mit sehr feinen Fäden. Ein 
solcher Faden vermag den Menschen aus der Gefahr zu erretten. 
Die Kräuter werden öfters mit Sand auf eine Pflugschar gelegt 
und über Feuer gestellt. Sobald das Gemenge anfängt, übel zu 
riechen, so muß derjenige erscheinen, an den man denkt. Die 
Blumen erhöhen die Schönheit der Mädchen, der Faden dient 
zum Wahrsagen in Liebesangelegenheiten 1 . Obschon das differen- Djev«^ 
zierende Moment in der psychischen Einstellung des Zauberers leher. 
im Vorherrschen der Befriedigungsform 2 zu suchen ist, im Gegen- 
satz zu den neurotischen Hemmungen der Tabu, so behält das 
Gesetz der Ambivalenz doch seine Gültigkeit und die negativen 
Tendenzen lassen ihre Spuren im Ritus zurück. In Neuenburg 
zeigt der „Erdspiegel" den Teufel, doch vorher müssen zwei Tiere 
hineinschauen, die der gräßliche Anblick sofort tötet 3 . Laut 
Albertus Magnus muß in jeden Zauberspiegel zuerst ein Hund 
oder eine Katze hineinschauen, damit demjenigen, der zuerst 
hineinschaut, kein Unglück treffe 4 . In einer aus dem Ende des 
sechzehnten Jahrhunderts stammenden deutschen Handschrift finden 
wir denn auch die Anleitung, daß der Mensch, bevor er den 

i Th. Vernaleken: Alpensagen. 1858. 109 — 112. 

2 Vgl. Rank: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. Imago. 1913. 455. 
Anderseits bildet diese vom Durchschnittlichen abweichende Befriedigung die 
Kompensation anderer, gleichfalls außergewöhnlicher Hemmungen. Vgl. A. H o r n- 
e f f e r : Der Priester. 1912. I. 28. 46. Disharmonie. 

3 Schön werth: Aus der Oberpfalz. 1859. III. 41. 

4 K. Haberland: Der Spiegel im Glauben und Brauch des Volkes. 
Zeitschr. f. Völkerps. XIII. 339. Nach Albertus Magnus: Ägyptische Ge- 
heimnisse für Menschen und Vieh. II. 19. 



48 



Spiegelzauber. 



Zauberspiegel gebraucht, einen Hund oder eine Katze hinein- 
schauen lassen möge 1 . Alle diese Gebräuche deuten auf die 
neurotische Verdrängung. Die Berechtigung einer auf die Psycho- 
pathologie gestützten Methode wird durch den Fall der Seherin 
von Dormfad. von Dormänd nur bekräftigt. Diese Dormänder Seherin vermochte 
jedem über seine Toten Aufklärung zu geben : wo der Tote ruht 
wo sich seine Seele befindet usw., mit einem Wort, sie bekundet 
sich als richtige Visionärin. Das Totensehen wurde bei ihr durch 
folgendes Trauma wachgerufen. Die Beschreibung sagt: Diese 
ihre „Begabung" zeigte sich schon in ihrem Mädchenalter, sie 
und ihre Mutter kämmten sich eines Morgens; da sie aber nur 
einen Spiegel hatten, kämmte sich die Mutter vor diesem, die 
Tochter aber vor dem Glasdeckel des Marienbildes. Wie sie sich 
kämmen, erscheint auf der Glasplatte ein Totenkopf, worauf das 
Mädchen in Ohnmacht fiel und erst nach längerer Zeit konnte 
man sie wieder zum Leben bringen. Von diesem Augenblick an 
sieht sie die Toten. Sie sagt dem Erzbischof, daß seine Mutter 
in der Nähe von Trencsen begraben ist und in den Armen ein 
kleines Kind hält, worauf der Erzbischof ihr verbietet, den Leuten 
Aufklärung über ihre Toten zu geben 2 . Wenn wir nun eine ein- 

1 C. Bartsch: Zauber und Segen. Zeitschrift für deutsche Mythologie. 
III. 330. Vgl. dasselbe in Ungarn. S. Wi e d e r: Kincsäsö babonäk es räolvasäsok. 
(Aberglauben und Zauberformeln beim Schatzgraben.) Ethn. 1890. 1. 248. Ebenso 
im Volksbuch „Völegenyidezes." („Bräutigamzitierung.") 1910. 39. 

2 E. Benköczy: Egervideki babonäk. (Aberglauben in der Egerer 
Gegend.) Ethn. 1907. 102. Das .Können" (tehetseg = Können, Fähigkeit, in der 
Literatursprache Talent) der weisen Frau aus Novaj stammt daher, daß sie eines 
Sonntags sich eilends für den Kirchgang vorbereitete. Sie fand in der Schnellig- 
keit den Spiegel nicht und band sich vor dem Glase eines Heiligenbildes das 
Tuch zurecht. (Nach anderen hat sie beim Kämmen in das Glas des Heiligen- 
bildes wie in einen Spiegel geschaut.) In dem Heiligenbilde aber sah sie statt 
des eigenen Gesichts einen Totenkopf, und von da an wurde sie Totenseherin. 
(Halottlätö = Totenseherin heißen diese Frauen, da ihre Sehergabe sich über- 
wiegenderweise zu den Toten hinwendet.) Wenn dies tatsächlich die Geschichte 
der weisen Frau von Novaj wäre, würde dies in hohem Maße die Wahrschein- 
lichkeit der im Text entwickelten Theorien bestätigen. Aber der Aufzeichner 
weiß, daß dies auch die Geschichte der Totenseherin von Dormänd ist und 



Der Spiegel des Sehers. 



49 



heitliche Erklärung der ganzen Situation versuchen, so kommen 
als auslösende Momente des Totensehens eine Regression 
der Libido, die in der unzweifelhaft narzißtisch gefärbten 
Lage des Kämmens vor dem Spiegel auftritt 1 und funktionell 
durch das Erscheinen des Totenkopfes symbolisiert wird, 
und die sexuelle Rivalität mit der Mutter in 
Betracht 2 . Unter Berücksichtigung der Rolle, welche die Mutter 
Gottes in diesen Visionen spielt, können wir dem noch hinzu- 
fügen, daß hinter der Rivalität mit der Mutter ein Sich -iden- 
tifizieren, eine positive Libidoströmung der Mutter gegenüber 
zu vermuten wäre, während sich anderseits der Totenkopf als 
ein aus abgelehnter Liebe entsprungener Todeswunsch dar- 
stellt. Ganz klar läßt sich aber aus alldem der Kern herausheben; 
eine Art experimentelle Verifizierung des Grundgedankens dieses 
Kapitels, daß nämlich das Differenzierende in der Kon- 
stitution des Sehers im Narzißmus zu suchen ist 3 . 



seiner Meinung nach wird sie irrtümlich über die von Novaj erzählt. Soviel 
steht aber fest, daß auch in den Visionen der Novajer Totenseherin die Mutter 
Gottes neben dem Toten vorkommt. J. Fekete: Tudösasszonyok. (Weise 
Frauen.) Ethn. 1910. 291. 

1 Vgl. weiter unten die Liebesorakel. 

2 Die Mutter bekommt den Spiegel, die Tochter bloß ein Ersatzobjekt. Die 
Situation entspricht dem Anfangsmotiv des Schneewittchentypus (vgl. O. Rank: 
Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen. III. 1. 1911. 406), insoferne Mutter und Tochter hier Rivalen 
sind, aber umgekehrt ; denn bei der Dormänder Totenseherin ist die bewegende 
Kraft der Handlung der Neid der Tochter, bei Schneewittchen »die verzwei- 
felte Gegenwehr der Mutter" (Rank: Ebenda). Vgl. Bolte-Polivka: An- 
merkungen zu den Kinder- und Hausmärchen. 1913. I. 450—464. E. Böklen: 
Schneewittchenstudien I. (Mythologische Bibliothek III. 2.) 1910. II. (Ebenda. 
VII. 3.) 1915. L. Ciorbea: Apa tineret^elor si alte Povesti Poporale. 1904. 85. 
I. Läzär: Alsöfeher värmegye monografiäja. 1899. 1. 2. 597. Gewissermaßen ein 
männliches Gegenstück zum Motiv „Schönheitswettstreit" findet sich in einem 
orientalischen Märchentypus. Vgl. Solymossy: A szep ember meseje. (Das 
Märchen des schönen Mannes.) Ethn. 1916. 257—275. 

3 Außerdem noch in der Schaulust, die sich als Partialtrieb sehr leicht mit 
dem Narzißmus verbindet. Das narzißtisch gesteigerte Selbstgefühl durchbricht 
leichter die Hemmungen, die sich dem Bewußtwerden und noch mehr dem 

Spiegelzauber. * 



50 



Spiegelzauber. 



Ferner ist es auch wahrscheinlich, daß diese Totenseherinnen, 
deren Schaulust ursprünglich wohl auf Lebende, in erster Reihe 
auf die Eltern gerichtet war, indem sie nun ihre Affektivität und 
Interesse auf die Dahingeschiedenen übertragen, dasselbe auch 
den Lebenden entziehen müssen. So hält z. B. die Jäszberenyer 
Totenseherin die Augen stets niedergeschlagen, als ob sie dem 
Blick Fremder ausweichen wollte und pflegt träumerisch vor 
sich hinzuschauen. Sie sieht seit Vollendung des siebenten 
Lebensjahres Geister und hat sich bereits so sehr an sie gewöhnt, 
daß ihre fortwährende Gegenwart sie nicht im geringsten in ihren 
Verrichtungen stört 1 . Der Narzißmus ist im allgemeinen bei den 
Frauen mehr ausgesprochen und die bisher bekannten Totenseher 
Wei Thema Zam in Ungarn sind alle Frauen 2 . Das Tabu des Yoghin zeigt den 
de Nlr e z r fßmu!! enNarzißmus schon im Stadium der Verdrängung, denn wenn das 
Bild des in Wasser, in Öl, in einem Spiegel oder in zerlassener 
Butter schauenden Yoghin sich ohne Haupt zeigt, oder wenn 
ihm der Kopf schief sitzt, bedeutet dies den nahen Tod des 
Sehers 3 . Ebenso ist dem zukünftigen Zauberer, beziehungsweise 
Priester verboten, das eigene Spiegelbild zu schauen 4 . Gleich- 
falls mit negativem Vorzeichen erscheinen dieselben Gefühle bei 
einem dalmatinischen Seher, nachdem die übermäßig energische 
Verdrängung seine eigene Neigung zum Selbstbespiegeln in 
feindliche Einstellung gegenüber ähnlicher Gefühle der anderen 



Erzählen der unbewußten Phantasiebildungen entgegenstellen, das Selbstschauen 
fördert die Tendenz des Visualisierens. 

1 A. Nyäry : A halottlätö. (Die Totenseherin.) Ethn. 1908. 94. 

2 A. Nyäry : Ebenda. 95. In Besenyötelke findet sich aber doch ein Mann 
als Totenseher. Berze Nagy: Babonäk, babonäs alakok 6s szokäsok Besenyötel- 
ken. (Aberglauben, abergläubische Gestalten und Gebräuche in Besenyötelke.) 
Ethn. 1910. 27. Etwas anders liegt die Sache bei den Primitiven; die Männer 
besitzen hier auch unter den Sehern das Übergewicht. 

3 Zachariae: Zur indischen Witwenverbrennung. Zeitschrift des Vereines 
für Volkskunde. 1905. 84, zitiert: Särngadharapaddhati. 4576. A. B'ertholet: 
Religionsgeschichtliches Lesebuch 1908. Geld n er: Die Religion der Inder. 133, 
zitiert Aiteraya-Aranyaka. 3. 2. 10. 

4 I. Jolly The Institutes of Vishnu. (Saced Books of the East. VII.) 1880. 226. 



Der Spiegel des Sehers. 



51 



gewandelt hat. Wenn die Fechsung schlecht war, pflegte der alte 
Radivoj, der berühmte Seher, zu sagen: Verflucht sei, wer den 
Spiegel dem Volke gebracht hat ! Wenn es keinen Spiegel gäbe, 
würden die Ähren zweimal im Jahre reifen. Die Mädchen vergaffen 
sich in ihr eigenes Spiegelbild, flechten sich noch mehr Haare in den 
Schopf und deshalb versengt die Sonnenglut alles auf Feld und Flur 1 . 

Die bisher angeführten Beispiele zeigen das unbewußte Da^ewußte 
Funktionieren der Psyche des Sehers. Da der Fragende aber 
häufig unbewußt die Antwort auf das, was er vom Seher er- 
fragen will, sehr wohl weiß, ist es natürlich, daß solche Ant- 
worten die größte Wirkung erzielen, die dieses verdrängte Wissen 
auf die Oberfläche bringen 2 . Deshalb schaut der Seher häufig 
nicht selbst in den Zauberspiegel, sondern überläßt es dem 
Fragenden, daraus die aus dem eigenen Unbewußten hervor- 
brechende Antwort abzulesen. Manche der östlichen Cherokee 
erklären die auf solche Weise gewonnene Offenbarung als zu- 
treffend. Drei Cherokee gingen zum Medizinmann, der sie in den 
Ulunsu'ti (Kristall, Schlangenstein) blicken läßt. Alle drei sehen 
am Grunde des Kristalls ihre eigene Gestalt. Der roten Linie 
folgend, steigen die Gestalten langsam im Kristall, doch nur eine 
erreicht' die Oberfläche, die beiden anderen kommen nur bis zur 
mittleren Linie und sinken dann auf den Grund zurück. Es kam 
so wie der Medizinmann voraussagte; denn nur der Erzähler, dessen 
Ebenbild die Oberfläche erreicht hatte, überlebte den Feldzug 3 . 



i F S. Kraus s: Tausend Märchen und Sagen der Südslawen. 1914. I. 
376. Beachtenswert ist die Verknüpfung zwischen dem narzißtischen, also un- 
fruchtbaren Spiegelschauen und der Unfruchtbarkeit der Erde. Das Stecken- 
bleiben im Narzissismus wird durch die Sonne, als Vertreter der Vaterimago, 
bestraft (vgl. dazu Kapitel VIII). Die Objektliebe ist ja beim Mädchen die 
Wiederbelebung der Vaterimago, der Konflikt ist also der Konflikt des Narziß- 
mus und des .Anlehnungstypus". Vgl. S. Freud: Zur Einführung des Narziß- 
mus. Jahrbuch für Psychoanalyse. VI. 1914. 15. 

2 Vgl. Silberer: Lekanomantische Versuche. Zentralblatt für Psycho- 
analyse. II. 1912, 383, 438, 566. 

3 J. Mooney : Myths of the Cherokee. (XIX. Annual Report of the Bureau 

of Am. Ethn.) 1900. 461. 

4* 



52 



Spiegelzauber. 



In Wagawaga wird folgendes aus Awaiama stammendes Ver- 
fahren angewendet, um einen vermuteten Ehebruch zu beweisen. 
Der rote Saft der Blätter des „Popori"- Baumes wird in ein 
altes Gefäß oder eine Schüssel gedrückt. In der Einsamkeit seines 
eigenen Hauses starrt dann der Mann in die Schüssel; dort 
sieht er das Bild seiner Frau und das ihres Geliebten ; und wenn 
die Frau trotzdem leugnet, so läßt er sie in die Flüssigkeit 
schauen und sie erblickt darin ihr eigenes Gesicht nebst dem ihres 
Geliebten. Der, den man durch dieses Verfahren entdeckt, traut 
sich nicht seine Schuld zu leugnen „inside belong him no good, 
man he savy" 1 , d. h. man appelliert zum Unbewußten als oberste 
Instanz. In St. Gildas, wenn jemand wissen will, ob der Hund, 
der ihn gebissen, toll war oder nicht, so geht er zur Quelle und 
wenn er an Stelle seines Ebenbildes im Wasserspiegel einen Hund 
erblickt, so ist die Tollwut schon in ihm. Am Cap Sizun läuft 
der Gebissene dreimal um die Kapelle vom hlg. Tugen und blickt 
dann in den Wasserspiegel, wenn er dort sein eigenes Antlitz 
erblickt, ist alles in Ordnung, wenn aber das Spiegelbild des 
Hundes sich zeigt, so war dieser schon früher beim Heiligen, 
der nun keine Macht mehr über die Tollwut besitzt 2 . Der Zauber- 
spiegel (in Thüringen Erdspiegel, in Kärnten Bergspiegel) ist in 
der Regel ein mit Schieber verschließbarer, einfacher viereckiger 
Glasspiegel, das charakteristische Werkzeug des „Venedigers". In 
Württemberg schreibt die weise Frau oder der weise Mann den 
Taufnamen des Fragestellers auf einen Zettel, dann schickt er den 
Betreffenden in ein anderes Zimmer, wo er im Spiegel Erscheinungen, 
wahrscheinlich Verstorbene sieht, die auf seine Fragen Antwort 
geben. Ein solcher Spiegel erhält seine Zauberkraft dadurch, daß 



1 C. G. Seligmann: The Melanesians of British New Guinea. 1910. 654, 655. 

2 P. Sebillot: Le Folk-Lore de France. II. 1905. 245. In Saint-Segal 
gilt gerade das Entgegengesetzte: Wenn er den Hund im Wasserspiegel erblickt, 
bleibt er gesund. In Saint Gildas kann man sich loskaufen, wenn man einen 
Hahn opfert. Ebenda. Vgl. ante über ähnliche stellvertretende Opfer beim Schatz- 
suchen, und auch Ferenczi: Ein kleiner Hahnemann. Int. Zeitschr. f. ärztl. 
Psychoanalyse. 1913. 240. 



Der Spiegel des Sehers. 



53 



man ihn um Mitternacht vor das Gesicht eines Leichnams hält 1 . 
Zwischen Kotsemko und Mukro (Kreis Sohrau) wohnte im freien 
Felde ein kluger Mann, der einen Erzspiegel hatte. In diesem 
konnte eine Frau den Menschen sehen, der ihrem Kalbe den Kopf 
umgedreht hatte 2 . Es ist bemerkenswert, daß die Spiegelschau, 
offenbar infolge der suggestiven Wirkung des Prestiges des magi- 
schen Gegenstandes und des Sehers, gerade die am stärksten 
verdrängten Vorstellungen auf die Oberfläche bringt. So z. B. zeigt 
der Sichtspiegel des Mannes in Schwarzwasser die wahren Diebe, 
Leute, von denen man es kaum geglaubt hätte" 3 . Zwei Dorf- 
bewohnerbegaben sich nach Swansea, Weizen zu verkaufen ; unter- 
wegs aber schliefen sie ein und jemand stahl den Weizen aus 
ihren Säcken, das Geld aus ihren Taschen. Sie gingen darauf 
zu Dr. Harris, dem berühmten Seher. Dieser führte sie im Zimmer 
im Kreise herum und hielt ihnen einen runden Spiegel vor, damit 
sie hineinschauen mögen. Sie sahen in dem Spiegel nicht das 
eigene Gesicht, sondern die Landstraße, auf der sie gekommen 
waren, sich selbst, wie sie schliefen, und einen ihrer Nachbarn, 
den zu verdächtigen sie nie gewagt hätten, wie er den Weizen 
und das Geld stiehlt*. In Schweigershausen wurde einem Mann 
sein Bienenkorb gestohlen. Er geht zum „weisen Mann" nach 
Gieboldshausen und dieser läßt ihn in den Spiegel schauen. Dort 
sieht er den eigenen Bruder mit dem Bienenkorb 5 . In Flums zeigt 
der Zauberer dem Bestohlenen auf sein Begehren im Berg- oder 
Weltspiegel den Dieb ; dort sieht er, wie der Teufel an einer 
Furke seinen eigenen Bruder herhält 6 . In Mecklenburg zeigt der 
Spiegel bei der Frage nach der Hexe, welche das Vieh oder die 



i W u 1 1 k e : Volksaberglaube. 245. 

2 K. Gander: Niederlausitzer Volkssagen. 1896. 23, 24. 

3 R. K ü h n a u : Schlesische Sagen. 1913. III. 203, 204. 

* Trevelyan: Folk-Lore and Folk-Stories of Wales. 1909. 215, 216. 
sSchambachundMüller: Niedersächsische Sagen und Märchen. 

1855. 172, 173. 

e W. Man z: Volksgebrauch und Volksglaube des Sarganserlandes. (Schritten 
der schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde Nr. 12.) 1916, 115, 116. 









54 

Spieseizauber. 

Menschen behext hat, häufig die Mutter der Fragenden 1 . Eine 
Rauriser Sage erzählt, daß der weise Mann in einem Glas Wasser 
das entfernte Heim zeigt und die auf dem Hausdach herumgehende 
Hexe, wie sie einen Eimer Wasser in den Hof schüttet. Dieses 
hat das Vieh verzaubert 2 . Ebenso zeigt der Zauberer von St. Triphon 
in einer französischen Sage den Verzauberer der Kühe im Spiegel 
doch früher muß der Beleidigte schwören, daß er keine bösen 
Gedanken gegen seinen Feind haben wird 8 . In Steinsdorf wurde 
einer Frau Flachs gestohlen. Sie ging nach Bärenklau und sah 

1 W u 1 1 k e. Volksaberglaube. „Der dreizehnjährige Sohn des Opfermannes 
zu Geitelde, Hans Reinhart wollte (1661) die Hexen sehen. Er setzt sich in der 
Walpurgisnacht auf einen hölzernen dreibeinigen Schemel, fährt damit in des 
Teufels Namen dreimal um das Dorf und setzt sich am Kreuzweg im Kreis 
Endlich kommt ein grausamer Windsturm und darin sechs alte Weiber, die 
wollten ihn aus dem Kreise ziehen. Er nannte dann sechs Frauen aus Geitelde 
darunter die eigene Mutter als Hexen. R. Andre e: Braunschweiger Volks- 
kunde. 1901. 381, 382 und Soldan -Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 
1911 II. 371. Beide nach H. Rhamm: Hexenglauben in braunschweigischen 
Landen. (Wolfenbüttel). 1882. 94. Vgl. Rohe im: A luczaczek. („Der Hexen- 
stuh «.) Neprajzi Ertesitö. 1915. 8, 9. A. L ö w e n s t i m m : Aberglaube und Straf- 
recht. 1897. 47. Wenn wir nun bedenken, daß die häufigste Beschuldigung 
welche man gegen die Hexen ins Feld führt, daß sie „virosque ne uxoribus, et 
muheres, ne viris actus coniugales reddere valeant, impedire«. J Hansen- 
Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns. 1901 25 viros 
ad coeundum maleficio reddunt impotentes". Ebenda. 294. (vgl. ebenda- 97" 108 
129, 141, 210, 245, 260, 262, 283, 289, 295, 296, 320, 339, 350, 417, 452 577 
und Koma romy: Magyarorszägi Boszorkänyperek Okleveltära. 1910 2 5 18 

ÜL 85 ' f*. i 56 ; 157 ' 175 ' 176 * 194 ' 195 ' 209 ' 244 ' 245 > 264 ' 508 ' 509,' 514, 530i 
678) und daß die psychische Impotenz wirklich durch eine Fixierung der Libido 

^ ie ü! Utter entstehen kann. (Vgl. Ferenczi: Lelekelemzes (Psychoanalyse) 
1914 60), so werden wir das Erscheinen der Mutter im Spiegel als eine end : 
psychische Wahrnehmung deuten. Von diesem Standpunkt aus fällt ein ganz 
neues Licht auf den charakteristischen Zug der Hexenprozesse, daß die nächsten 
Angehörigen einander des Maleficiums beschuldigen. Vgl noch C G Jung- 
Wandlungen und Symbole der Libido. 1912. „Mutter, furchtbare« im Index 

2 M. Andree-Eysn: Volkskundliches aus dem bayrisch-österreichischen 
Alpengebiet. 1910. 212, 213. 

3 J. Jegerlehner: Sagen aus dem Unterwallis. (Sehr. d. Schweiz. Ges. 6.) 



1909. 56 



CK 

Der Spiegel des Sehers. 0lJ 

dort im Zauberspiegel der klugen Frau die Nachbarsfrau mit dem 
Flachsbindel laufen 1 . In Platznau sieht ein Hirte, wie das „Venediger- 
mandel" Gold wäscht und er bringt ihm den goldtragenden Sand 
nach Venedig. In einem fürstlichen Palaste sieht er den Venediger 
wieder und dieser zeigt ihm seinen Spiegel, was seine Frau zu Hause 
macht. Das war der Bergspiegel, mit dessen Hilfe er das Gold 
im Berge gesehen hatte. Als der Hirte versucht, die Goldmacher- 
kunst zum eigenen Besten zu betreiben, verschwindet alles 2 . Zu 
einem Mann in Grund kamen jedes Jahr Leute aus Venedig, 
schauten in den Spiegel und sahen darin alles, was in den Bergen 
verborgen war. Der Gastgeber wußte dies und stahl den Spiegel. 
Er sah auch darin, daß das Innere des Iberg lauter Eisen ist und 
das Ganze auf Wasser schwimmt. Aber in der Frühe bemerkten 
die Venediger den Diebstahl, nahmen den Spiegel zurück und 
kamen niemals wieder in diese Gegend. Der Dieb verlor das, 
was er an den Venedigern stets verdient hatte 3 . In Edwein be- 
lauschte ein Bauer einen Fremden wie er im Sande Gold wusch 
und ahmte ihm nach. Er geht mit dem Golde nach Salzburg; 
da ruft plötzlich einer aus dem Fenster und ladet den Bauer ins 
Haus hinein. „Du, rühre nicht an meinem Sande, denn ich erschieße 
dich", sagt der Fremde. Dann zeigt er ihm seinen Spiegel und in 
diesem sieht der Bauer sein Gehöft, seine Kühe und seinen Hirten 4 . 
Die Spiegelschau belebt die Erinnerungsbilder und diese bedeuten 
die Vergangenheit, das nicht Bewußte und dunkel geahnte Geahnte 

i K. Q ander: Niederlausitzer Volkssagen. 1896. 23. In Guben hat die 
kluge Frau ebenfalls einen .Sichtspiegel", das aber gar kein Spiegel ist, sondern 
ein Buch, in dem sie alles sieht. Vgl. „Spiegel" als Name eines Hundes. 
E Böklen: Sneewittchenstudien. 1910. 70.- 

M N Alpenburg: Deutsche Alpensagen. 1861. 204, 205. Über 
Venediger und Zauberspiegel vgl. C. Meyer: Der Aberglaube des Mittel- 
alters. 1884. 283. 

3 Wrubel: Sammlung bergmännischer Sagen. 1882. 98, 99. 
• «Andree-Eysen: Volkskundliches aus dem bayrisch-österreichischen 
Alpengebiete 1910. 212. Vgl. auch W. Manz: Volksbrauch und Volksglaube 
des Sarganserlandes. (Schrift, d. Schweiz. Ges. f. Volksk. 12.) 1916. 146. C. 
Meyer: Der Aberglaube des Mittelalters. 1884. 283. 



Spiegelzauber. 

und diese vertreten Gegenwart undZukunft. Der Venediger nimmt den 
Bergmann mit in seinen glänzenden Palast, wo er ihn vor einen 
Spiegel führt. In dem Spiegel sieht der Bergmann sich selber, wie 
er um die Hand seiner jetzigen Frau wirbt, wie er seine Braut zum 
Altar führt und noch vieles andere, was er schon längst ver- 
gessen hatte, was er sich aber jetzt ins Gedächtnis zurückruft. 
Dann führt ihn der Venediger vor einen anderen Spiegel, in 
diesem sieht er sein Heim, seine Frau und seine Kinder, die 
weinen und jammern, weil sie ihn für tot halten. Dieser Anblick 
greift ihm so sehr ans Herz, daß er in Tränen ausbricht. Schließlich 
zeigt ihm der dritte Spiegel die Zukunft 1 . Er lebt mit seiner 
Familie in Hülle und Fülle, aber seine Habsucht stoßt ihn wieder 
in das Elend zurück. „Siehst du," sagt ihm der Venediger, „das 
letzte wird nicht erfolgen, wenn du mir gehorsam bleibst " 
Natürlich hält der Bergmann das Tabu nicht ein und die 
geträumten Schätze verschwinden 2 . Wie im Spiegel des Vene- 
digers, so zeigt sich die Zukunft öfters im Spiegel, und jeder 
Versuch, dem Schicksal zu entrinnen, bleibt vergeblich, was 
von der Sprache der Sage ins Psychologische umschrieben der 
determinierenden Gewalt des Unbewußten gleichkommt. Eine 
Jungfrau sieht in einer großen kristallenen Kugel, daß der 
Bräutigam mit der Pistole auf sie zielt und dann auf sich selbst 
Sie verlobt sich daraufhin mit einem andern, aber die Vision 
bewahrheitet sich doch 3 . Die Vision im Spiegel drückt die un- 
bewußten Befürchtungen des Mädchens, die es vor dieser Ver- 
lobung hegt und die dann durch die Lösung der Verlobung in 
der Tat die Oberhand gewinnen, aus. Ebenso kann sich der Wunsch 
nach dem Reichtum zuerst autosymbolisch in einer Spiegelvision 

_ i Hinsichtlich der drei Spiegel, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 
zeigen vgl I. B i b ö : A szämok jglentese es a gondolkodäs alapformäinak 
tortenete. (Die Bedeutung der Zahlen und die Geschichte der Grundformen des 
Denkens.) Neplelektani dolgozatok. (Völkerpsychologische Arbeiten ) 1 1917 
16-21, 27, 33, 34, 37, 44, 49, 74. ' 

2 Wrubel: Ebenda. 93-98. Nach Ey: Harzmärchenbuch. 40. 

3 Grimm: Deutsche Sagen Nr. 118. I. (Müllersche Ausgabe.) 144-174. 



Der Spiegel des Sehers. 57 

manifestieren. In Balkow hatte eine Frau einen Spiegel, den sie 
gern los sein wollte. Auf ihre Kinder wollte sie ihn nicht ver- 
erben, darum ließ sie sich den Hütejungen in die Stube kommen 
und sagte zu ihm: „Sieh mal in den Spiegel!" Der Knabe dachte 
sich nichts dabei, schaute hinein und erblickte einen Mann darin, 
dessen Leib vollkommen mit Goldstücken überklebt war. Während 
er aber in den Spiegel sah, schnitt sich seine Wirtin hinter ihm 
den Hals durch 1 . Der Hütejunge wurde nun den Spiegel nicht 
mehr los, aber so oft er auch jetzt in die Tasche griff, er fand 
stets Geld darin 2 . Das folgende Beispiel zeigt wieder, wie der 
Verdacht zur Gewißheit wird. In Llandovery ging ein Knecht zum 
Seher und wollte erfahren, wer den in Verlust geratenen Widder 
gestohlen habe. Der Seher zeigte ihm in einem großen Spiegel 
den Nachbarn seines Herrn. Er sagte ihm, daß nach drei Tagen 
abends neun Uhr der Dieb am Fuße eines Berges ihm entgegen- 
kommen und sagen werde: „Hier ist der Widder deines Herrn, 
er hatte sich in die Ferne verirrt und ich habe ihn gefunden." 
Und so geschah es auch 8 . In Steinitz hatte ein kluger Mann 
einen Zauberspiegel, zu dem ging ein Schäfer aus Schleife, um 
in den Spiegel zu sehen, weil ihm eine Hexe am Vieh und auch 
sonst viel Schaden tat. Aber der kluge Mann wollte dem Schäfer 
den Spiegel nicht zeigen, weil, wer hineinsieht, einen großen 
Schrecken kriegt. Denn der Böse hält die Hexe im Spiegel vor 
sich und sieht ihr über die Schulter 4 . In Dithmarschen will ein 
Mann erfahren, wer seine Kühe verhext hat. Da geht er zu dem 
berühmten Hexenmeister (Hexenvertreiber) nach Drage und dieser 



1 Hexen und Zauberern fällt es schwer, sich in der Todesstunde von ihren 
magischen Werkzeugen oder Kräften zu trennen. Oft können sie überhaupt 
nicht sterben, bis diese Loslösung, bezüglw. Übertragung vollzogen ist. Vgl. 
Macculloch: Guernsey Folk Lore. 1903. 349. G ö n c z i : Göcsej. 1914. 
166 — 169. Veckenstedt: Wendische Märchen, Sagen und abergläubische 

I Gebräuche. 1880. 277. Th. Vernaleken: Mythen und Bräuche des Volkes 
in Österreich. 1859. 257. 
2 K. Gander: Niederlausitzer Volkssagen. 1896. 24. 
3 E. M. Leather: The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 59. 
i W. von Schulenburg: Wendisches Volkstum. 1882. 88. 
I 



CO 

"° Spiegelzauber. 

läßt ihn in einen Spiegel (Hexenspiegel) schauen: und da sieht 
er denn, daß eine Hexe den Kühen auf der Weide des Nachts 
alles Gras vor dem Maule wegnimmt. Ein anderer sieht im 
Hexenspiegel, wie eine Nachbarin seine Kühe melkt 1 . Dem 
Fragenden erscheinen im Sichtspiegel des Mannes zu Schwarz- 
wasser fünf verschiedene Bilder vom Schmugglerzuge, Er sieht 
auch seine Frau mit den Schmugglern und beobachtet die Ge- 
sellschaft bis zu ihrer Ankunft im Lager auf dem Rotenberge. 
Dann geht er zum Rotenbergwirt, der zeigt ihm die Lagerstätte, 
welche genau so aussah, wie er sie im Spiegel gesehen hatte \ 
Auf Jahrmärkten werden eine Art von Guckkästen aufgestellt, in 
denen jedermann die zukünftige Geliebte oder den Bräutigam 
im Spiegel sehen kann 3 . Hier wird gewiß der Ursprung des 
Schrankes der Siebenbürger Zigeuner zu suchen sein, von dem 
sie selbst sagen, er sei „für die Weißen« angefertigt. Der Apparat 
besteht aus einem kleinen Schranke, in welchem eine von außen 
drehbare vierseitige Walze angebracht ist; über der Walze ist ein 
Spiegel befestigt, einem in der Seitenwand des Schrankes be- 
findlichen Guckloche gegenüber. Auf zwei Seiten der vierseitigen 
Walze ist je ein Bild eines Mannes oder Weibes angebracht. Wenn 
nun der Fragende durch das Loch in den Schrank sieht, so erblickt er 
sein Gesicht im Spiegel, weil eben die bilderlose Seite der Walze 
dem Spiegel zugekehrt ist, die Frau lenkt die Aufmerksamkeit 
des Fragenden ab, so daß er abermals in den Schrank blickend das 
Bild, das sich auf der inzwischen gedrehten Walze befindet, im 
Spiegel sieht. Natürlich nur trübe und verschwommen, so daß die 
Einbildungskraft dann was immer daraus heraussehen kann 4 . 
Analogiezauber. Da das im Bilde erscheinende Ebenbild das zweite Ich des 
Individiums ist, kann der Seher den in den Spiegel zitierten Dieb 
oder die Hexe auch verletzen. In der Nähe von Hohenstein zeigt 
der „Oberhexer" für. einen Gulden die Hexe, von der man behext 

1 H. Volksmann: Hexenleiter. Urquell. III. 1892. 38. 
3 R. Kühnau: Schlesische Sagen. 1913. III. 204-206. 

3 Wuttke: Ebenda. 246. 

4 W 1 i s 1 o c k i : Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. 1893. 94, 95. 



Der Spiegel des Sehers. 



59 



ist und bestraft sie auch gleich. Er schneidet dem Spiegelbild 
Nase und Ohren ab, damit man die Hexe solcher Art erkennen 
könne, doch über Wunsch des Verzauberten schneidet er ihr auch 
den Hals ab \ Wenn jemand in Nikolivin (Gouvernement Jaroslav) 
beleidigt worden ist, so geht er zu einem Wahrsager. Der läßt 
ihn in ein Glas Wasser sehen, in dem nach einiger Zeit das 
Bild seines Feindes erscheint; der Beleidigte sticht nun womöglich 
in die Augen oder wenigstens in das Gesicht des Bildes und so 
kann er seinen Gegner an derselben Stelle verletzen 2 . In Giebolds- 
hausen zeigt der weise Mann dem Fragesteller im Spiegel den 
Bruder als Dieb des Bienenkorbs. Der Wahrsager fragt: „Soll 
er nun sterben oder soll er ihm einen Arm oder einen Fuß abschnei- 
den?" Der Geschädigte antwortet auf all das mit Nein, er will 
den Bruder nicht so streng bestrafen. Schließlich einigen sie sich 
dahin, daß sein Körper anschwellen möge, bis er beinahe erstickt, 
dann aber soll er genesen 3 . Im Kanton Zürich gab es einen 
Bezirksrichter, der den in den Zauberspiegel zitierten Dieb auch 
gleich umbrachte 4 . In Edwein schießt der Venediger mit der 
Pistole auf das Spiegelbild der Kuh, zur selben Stunde steht zu 
Hause die Kuh des Bauern um 5 . Im CIL Kapitel des Gesta Ro- 
manorum findet sich das Motiv des Ebenbildes gedoppelt, nämlich 
in der Form des Spiegels und des Wachsbildes. Die Frau eines 
Ritters, der das Heilige Grab besuchen will, verliebt sich in einen 
Kleriker, „der wohl in der schwarzen Magie erfahren war" und 
von der Frau aufgefordert, ein Bild mit Namen des Ritters macht 
Als der Gatte in Rom ankommt, verständigt ihn ein gewisser 
„kluger Meister" 6 von der drohenden Gefahr. Er läßt ein Bad 



1 I. W. Kos.tolowski: Rache für eine Beleidigung. Archiv für Anthro- 
pologie. Bd. XXXIII. 1906. 308 (Ethn. Obozr. 1902, Nr. IV). 

2 M. Toeppen: Aberglauben aus Masuren. 1862. 39. 

3 Schambach-Müller: Niedersächsische Sagen 1855. 172, 173. 

4 Wuttke: 1. c. 246. Schweizerisches Archiv für Volkskunde. II. 269. 
^Andree-Eysn: Volkskundliches etc. 1910. 212. 

6 Laut anderen Texten Virgilius, vgl. Charles Swan: Gesta Romanorum 
I. 65. Deslongchamp: Essai sur les fables indiennes. 1838. I. 153. I. G. 
Büsching: Erzählungen, Dichtungen, Fastnachtsspiele und Schwanke des Mittel- 



60 



Spiegelzauber. 



bereiten und den Ritter sich hineinsetzen. Nachher aber gab er 
ihm einen hellpolierten Metallspiegel in die Hand, der ihm 
Wunderdinge zeigte. Er sieht in seinem Hause den Mönch, der 
ein ihm ähnliches Bild von Wachs gemacht hat, dieses an die 
Wand gestellt und nun mit einem Pfeil durchbohren will. Der 
Meister gebietet ihm, noch bevor jener den Pfeil abschnellt, ins 
Wasser unterzutauchen, denn so kann er das Bild nicht treffen. Der 
Versuch wiederholt sich dreimal, bis der zurückschnellende Pfeil, 
den Mönch tötet 1 . Das Wasser wehrt den Zauber, dies dürfte die ge- 
schützte Lage der Leibesfrucht im Mutterschoß symbolisieren ; wenn 
sich der Ritter im Wasser versteckt, folgt ihm auch sein Ebenbild 
in die Abgeschlossenheit vor den bösen Zauberern der Außenwelt 2 . 

alters. I. 130. All diese zitiert Q. Huth: Die Reise der drei Söhne des Königs 
von Serendippo. Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte 1890. N. F. 
III. 310. „Ein kluger Meister" in der ungarischen Fassung. Katona: Gesta 
Romanorum. Übers. Haller (R. M. K. XVIII.). 1900. 295—297 und in H. 
Oesterley: Gesta Romanorum. 1872, 328. Vgl. ebenda. 727. Parallelen zu 
den Wachsbildern und J. G. Th. Grässe; Gesta Romanorum. 1905. II. 266. 
Bodinus: De magorum daemonomania. 1586. 27, 387—390. 

1 Katona: Gesta Romanorm. (Text der Übersetzung von I. Haller. R. M 
K. XVIII.) 1900. 295-297. J. G. Th. Grässe: Gesta Romanorum. 1905.1." 
181—184. Vgl. dasselbe Grimm: Deutsche Mythologie. Vierte Ausgabe. 1877. 
II. 913 aus „Schimpf und Ernst", cap. 272. 

2 Das Wasser bricht des Zaubers Macht, hebt den Einfluß der Dämonen 
auf, es bildet die wichtigste Grenze (vgl. A. van Gennep: Les Rites de Pas- 
sage 1909) zwischen den beiden Welten des Profanen und Heiligen. Bei der 
Rückkehr vom Begräbnis läuft man in Tahiti ins Meer, taucht im Wasser unter 
und wirft die Kleider hinein. Ellis: Polynesian Researches. 1830. I. 403. Auch 
nach dem sakralen Bogenschießen wird gebadet, ebenda 301 und das Tabu 
kann man durch Waschen entfernen. J. Cook: A Voyage to the Pacific Ocean 
1785. I. 410. Der Priester der Matamba wirft die Witwe einigemal ins Wasser, 
damit die Seele des Mannes darin ertrinken und die Frau in Ruhe lassen soll. 
W. Sonntag: Die Totenbestattung. 1878. I. 113 und genau dasselbe geschieht 
in Celebes. G. A. Wilken: Das Haaropfer Revue coloniale internationale II. 
1886. 248, 249. D. s.: De Verspreide Geschriften. III. 427. In Borneo waschen 
die Kenyah die Krankheit, die aus dem Übertreten des Tabu stammt, mit dem 
Blute eines Opferhuhns und mit Wasser weg. Ch. Hose and W. Mc. Dougal: 
The Pagan Tribes of Borneo. 1912. II. 128. In Minehasa vertreibt das Wasser 



r 



Der Spiegel des Sehers, 61 



Wir können jetzt auf jene Riten tibergehen, mit deren Hilfe steigernde 
ein gewöhnlicher Spiegel in einen magischen umgewandelt werden 
kann. Da sich an jeden Spiegel gewisse Wünsche und Besorgnisse 
heften, deren Objektivierung nur in der Form magischer Quali- 
täten erfolgen kann, handelt es sich hier bloß um eine Steigerung 

die Krankkeitsdämonen und schützt vor dem bösen Zauber. Wilken: Haaropfer. 
1. c. 251. Geschäften III. 429. Die Bangalas bespritzen Bäume und Flußufer mit 
heiligem Wasser beim Anblick der ersten Europäer, die sie für böse Geister 
halten. H. M. Stanley; The Congo and the Founding of its State. 1885. II. 106. 
Die Karen ziehen einen Faden über den Bach für die Seele. E. B. Tylor: 
Primitive Culture 1903. I. 442. König Guntrams Seele verläßt im Traum seinen 
Leib in Tiergestalt, aber den Bach kann es ohne Hilfe nicht überschreiten. J. 
Grimm: Deutsche Mythologie 1877. II. 905. Die Baschkiren glauben, daß der 
Fiebergeist kein Wasser überschreiten kann. S. Roudenko: Traditions et Contes 
Bachkires. Revue des Traditions Populaires. XXIV. 1909. 132. Irrlichter dürfen nicht 
übers Wasser. Fr. Schön werth: Aus der Oberpfalz. 1857. I. 98. Fließendes 
Wasser zum Vertreiben der bösen Mächte kennt sowohl die hebräische wie auch 
die assyrische Magie. R. C. Thompson: Semitic Magic. 1908. 185, 188. (Vgl. 
ebenda im Index „Water" und „Washing".) Fieberfrost heilt man, indem man ihn 
in eine Weide hineinhaucht, aber man darf über kein Wasser gehen. Grimm: 
Deutsche Mythologie. III. 475. Will man die Hexen sehen, so darf man am Weg 
kein Wasser überschreiten. Kühnau: Schlesische Sagen. III. 1913. 34. Langer: 
Deutsche Volkskunde aus dem östlichen Böhmen. VI. 1901. 203. Hat man sie aber 
schon gesehen, so soll man schnell trachten, unter der Traufe oder übers Wasser 
zu gelangen, dann können einem die Hexen nichts anhaben. Drechsler: Sitte 
Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1906. II. 246. Man sieht in der Andreas- 
nacht des Zukünftigen Bild im Brunnen, aber nur, wenn man keine Wasser- 
leitung überschreitet. Hoffmann-Krayer: Feste und Bräuche des Schweizer- 
volkes. 191. 96. In Guldal ist es wegen der Hexen gefährlich, den Arbeitern am 
Felde Milch über einen Bach zu tragen. K Liebrecht: Zur Volkskunde. 
1879. 316. Die Bangalas überschreiten einen Bach, um sich vor der Seele der 
beerdigten Verwandten zu schützen. J. H. Weeks: Notes on Some Customs 
of the Bangala Tribe Folk-Lore. 1908. 93. Anderseits dürfen gerade die Toten- 
träger nicht über Wasser. — F. D. Bergen: Current Superstitions 
Journal of American Folk-Lore. 1889. 14. Bei den Weihnachtsumzügen der 
„Rusalki-Gesellschaften" der Bulgaren dürfen die Mitglieder bei ihren Wande- 
rungen von Dorf zu Dorf nicht ins Wasser treten. Wenn ein Bach ihren Weg 
versperrt und sie ihn nicht überspringen oder umgehen können, so lassen sie 
sich hinübertragen. Strausz: Die Bulgaren. 1898. 357. In Nordungarn glaubt 
man, daß die Feen zwar bei der Quelle hausen, doch das Wasser nicht über- 



62 



Spiegelzauber. 



der magischen Eigenschaften. Wir können auch hier, wie im all- 
gemeinen bei jedem steigernden Ritus das Hineinspielen 
des Begriffs der Zauberkraft (Mana) voraussetzen, ohne uns mit 
dieser Erklärung zufrieden zu geben. Aus den aufzuzählenden 
Beispielen erhellt, daß man das Ziel auf dem Wege des Be- 
schreiten können. Z. Elek: Gömörmegyei babonäk. (Aberglauben aus Gömör^ 
Ethn. VII. 1896. 288. In Irland kann sich einer, dem Feen oder Gespenster 
nachsetzen, in vollkommener Sicherheit fühlen, sobald er fließendes Wasser 
überschritten hat. W. I. E. Wen tz : The Fairy Faith in Celtic Countries 19n 
38. „It is a well-known fact, that witches, or any evil spirits, have no power 
to follow a poor wight any farther than the middle of the next running stream « 
R. A. Will m ott: The Poetical Works of Robert Burns. 1856. 154. Tarn ot 
Shanter „If you can interpose a brook betwixt you and witches, spectres ot 
even fiends, you are in perfect safety. It is a firm article of populär faith thar 
no enchantment can subsist in a living stream." W. Scott- Lay of the Las' 
Minstrel. Canto. III. Vers. XIII. Anmerkung. (The Poetical Works of Sir Walter 
Scott. Albion Edition, p. 680.) An den Banksinseln verrichtet jeder seine Not- 
durft im Meere, weil das Wasser den Zauberer verhindert, der Exkremente hab- 
haft zu werden und mit ihrer Hilfe den Menschen zu töten. Codrington- 
The Melanesians. 1891. 203. Kranke Kinder, die im Heilen begriffen sind darf 
man vierzig Tage lang über kein Wasser tragen. Strausz: Bolgär nephit 
(Volksglaube der Bulgaren). 1897. 346. Die Ehsten spritzen ein paar Tropfen 
vom ersten Badewasser des Kindes auf das Fenster, damit Mondschein und 
Dämmerung dem Kinde nicht schaden sollen. W i e d e m a n n: Aus dem inneren 
und äußeren Leben der Ehsten. 1876. 207. Vgl. ferner Goldziher- Wasser 
als Dämonen abwehrendes Mittel. Archiv für Religionswissenschaft 1910 XIII 
20. Sartori: Das Wasser im Totengebrauche. Zeitschrift des Vereins für Volks- 
kunde XVIII. 1908. 353, 375. J. G. Frazer: On certain Burial Customs as 
illustrative of the Primitive Theory of the Soul. Journ. of the Anthr. Inst. 1885 
80. E. Crawl ey: The Mystic Rose. 1902. 198-200. E. B. Tylor- Primitive 
Culture. 1903. II. 429-434 Georgi: Beschreibung aller Nationen des russi- 
schen Reiches. 1776. 32,34. Scheftelowitz: Die Sündentilgung durch 
Wasser. Archiv für Religionswissenschaft. 1914. 353-412. Usener Heilige 
Handlung. Ebenda. VII. 1904. 290. D. W e s t e r m a n n: Über die Begriffe Seele 
Geist und Schicksal bei dem Ewe- und Tschivolk. A. R. W. VIII 106 A w' 
Howittt: Native Tribes of South East Australia. 1904 461. W Croo'ke- 
An Indian Ghost Story. Folk-Lore. XIII. 282. D. s.: Populär Religion and Folk- 
Lore of Northern India. 1896. 11.25. Skeat: Malay Magic 1900 77 81 

Z~^\ «' if' f 7 ' 3 "- 401 ' ^ E ' Samt « : Q i Hochzeit' und 
lod. 1911. 85-89. A. van Gennep: Les Rites de Passage. 1909. 39, 134, 






Der Spiegel des Sehers. 63 



rührungszaubers (contagious magic) erreicht, indem nämlich 
der Spiegel mit einem Toten in Berührung kommen muß, von 
welchem er gewisse Eigenschaften übernehmen kann. Die 
Vorstellung des Spiegels, der alles zeigt, eine Objektivierung 
des Wunsches der Lebenden, alles zu sehen, verschmelzt leicht 



136, 138, 191, 227. R. Pettazzoni: I primordi della Religione in Sardegna. 
Archiv für Religionswissenschaft 1913. 333. W. H. Bird: Ethnographical Notes 
about the Buccaneer Islanders. Anthropos. 1911. 177. (Wasser vernichtet die 
Kraft des gegen das Ebenbild gerichteten Zaubers.) Nassau: Fetichism in 
West-Africa. 1904.219. Moldovän: Alsöfeher värmegye romän nepe. (Die 
Rumänen im Komitat Alsöfeher.) 1899. 223. Wlislocki: Volksglaube und 
religiöser Brauch der Zigeuner. 1891. 113. I. D o o 1 i 1 1 1 e: Social of the Chinese. 
1867. II. 273. Furness: Folk-Lore in Borneo. 1899. 24. F. Boas: Chinook 
Texis. (Bureau of Ethnology.) 1894. 209. Milne: Shans at Home. 1910. 34, 
35. Nicholas: Reise nach Neuseeland. 1891. 41. W. E. H.Barrett: Notes 
on the Customs of the Wa-Giriama. Journ. Anthr. 1911. 33, 34. Z. Nuttal: 
Mexican Superstitions Journ. Am. Folk-Lore. X. 277. Hornyänszky: A prö- 
fetai ekstasis es a zene. (Extase der Propheten und die Musik.) 1910. 56. 
Laistner: Das Rätsel der Sphynx. 1889. I. 116, 117. Strausz: Vilägterem- 
t6si mondäk a bolgär ndphagyomänyban. (Schöpfungssagen in den bulgarischen 
Volksüberlieferungen.) Ethn. 1896. 209. Ich habe früher die Ansicht vertreten, 
daß diese Eigenschaften des Wassers aus dem Erleichterungsgefühl zu erklären 
sind, die man bei seelischer Erregung, Fieber oder brennenden Wunden ver- 
spürt, wenn man sie mit dem Wasser in Berührung bringt. Die „Bösen* 
(Geister oder Menschen) oder die böse Zauberkraft ist die Ursache aller dieser 
Hitzegefühle, ist selbst ein übernatürliches Feuer und wird somit durch ein 
ebenfalls magisches Wasser gelöscht. Rohe im: A varäzserö fogalmänak ere- 
dete. (Ursprung des Manabegriffes.) 1914. 225. Die Deutung dürfte ja aufrecht- 
zuhalten sein, sie reicht etwa bis in die psychische Schichte des Vorbewußten. 
Wenn wir aber die Bedeutung des Wassers als Grenze des Jenseits (Wasser- 
grab etc.) mit in Betracht ziehen (vgl. O. Rank: Der Mythus von der Geburt 
des Helden. 1909.), so dürfen wir doch annehmen, daß das unbewußte, halb 
physische Weiterleben der Erinnerung an die geschützte Lage im Uterus die 
tiefste Wurzel dieser Vorstellungen bildet. Die weitverbreitete Sitte der Taufe, 
die zweite Wassergeburt des Kindes stellt ganz sicher, wie Jung es richtig 
bemerkt, eine Nachahmung der Geburt dar (C. G. Jung: Wandlungen und 
Symbole der Libido. 1912. 306, vgl. E. Thurston: Castes and Tribes of Sou- 
thern India. 1909. 52), sie deutet aber auch den Weg der Übertragung vom 
Fruchtwasser auf die Gewässer der Außenwelt an, wobei ihre dämonenab- 
wehrende Kraft den „missing link" der ganzen Beweisführung herstellt. Vergl. 



64 



Spiegelzauber. 



zu einem Komplex mit der Vorstellung über die Verstorbenen 
die als Ersatz für den Tod ihres Leibes, nebst vielem an- 
deren auch die Fähigkeit der Allsichtigkeit besitzen. Ein großer 
Teil der infantilen Schaulaust wird ja den Eltern, den Toten 
gegolten haben, nun wird diese Schaulust in eine entsprechende 
magische Fähigkeit umgewandelt und auf die Toten projiziert 1 . 
Wer in der Weihnachtsnacht, vor der Mitternachtsstunde einen 
am St. Nikolaustage „unbeschrien" gekauften Spiegel vergräbt, 
wird nach einem Jahre einen „ Bergspiegel " erlangen, der alle 

über Taufgebräuche Pfannenschmidt: Das Weihwasser. 1870. Krohn: 
A finnugor nepek pogäny istentisztelete. (Heidnischer Kultus der finnisch- 
ugrischen Völker.) 1908. 183,185. Mikhailovski: Shamanism in Siberia 
and European Russia. Journ. Anthr. 1894. 148. W. Taurat: Die Zauberei der 
Basotho. 1910. 12. L. R. Farn eil: The Evolution of Religion. 1905. 56, 57, 
88, 162. W. E. Roth: Marriage Ceremonies and Infant Life. (North Queens- 
land Ethnography Bulletin. 10.) 1908. 14. K. L. Parker: The Euahlayi Tribe. 
1905. 52. R. Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 70, 71, 437] 
442, 530. H. Zahn: Die Jabim. 294. St. Lehn er: Bukaua. 400. ' (R. N e u- 
hauss: Deutsch Neu-Quinea. 1911. III.) D. G. Brinton: Myths of the New 
World. 1908. 144—151. J. Mooney: Sacred Formulas of the Cherokees (Bu- 
reau of American Ethnology. VII. Report.) 1891. 343. A. v. Gennep: Les 
Rites de Passage. 1909.88—90. Nassau: Fetichism in West-Africa. 1904*. 212, 
213. Ploss-Renz: Das Kind in Brauch und Sitte der Völker. 1911. \. 
294—323. Daß ich also die Badewaiine richtig als Mutterleib gedeutet habe 
finde ich nachträglich durch einen indischen Beleg direkt bestätigt: „Die 
Nacht nach seiner Rückkehr wird der Totgesagte in eine mit flüssiger Butter 
und Wasser gefüllte Wanne eingeschlossen. Der Vater oder dessen Stellver- 
treter rezitiert einen vedischen Spruch, aus dessen Inhalt hervorgeht, daß die 
Wanne als der Mutter Schoß angesehen wurde. Der Eingeschlossene verbringt 
die Nacht, wie ein Embryo im Mutterschoß die Fäuste ballend, ohne ein Wort 
zu sprechen in der Flüssigkeit zu. Am nächsten Morgen werden an ihm vom 
Vater alle die Zeremonien vollzogen, die an einer schwangeren Frau verrichtet 
zu werden pflegen. Dann wird der Totgesagte aufs neue geboren, indem er 
die Wanne auf der hinteren Seite verläßt. Endlich werden noch die Geburts- 
zeremonien an ihm vollzogen, er heiratet in optima forma seine frühere Gattin 
wieder usw. Zachariae: Scheingeburt. Zeitschrift des Vereins für Volks- 
kunde. XX. 1910. 162. 

1 Dazu kommt noch das Motiv der infantilen Furcht vor dem allsehenden 
Auge des Vaters. Vgl. 7. und 8. Kapitel unten. 



Der Spiegel des Sehers. "5 



Schätze der Erde zeigt 1 . Um die Spitzbuben sehen zu können, 
kaufen die Wenden einen Spiegel, ohne etwas abzuhandeln, und 
graben ihn unter einen Galgen, wo schon Menschen erhängt 
wurden, neun Nächte lang ein, und zwar jede Nacht an einer 
verschiedenen Stelle. Die letzte Nacht, wenn man den Spiegel 
abholen will, kommt der Teufel (cert) und hält ein Buch hin, 
in dem muß man sich unterschreiben 2 . In Deslawen kauft man 
ohne zu handeln, einen Spiegel und sowie jemand im Dorfe 
stirbt, legt man den Spiegel mit nach abwärts gekehrter Spiegel- 
platte auf sein Grab. Nach einem Monate hebt man ihn aus und 
der Zauberspiegel zeigt jetzt jeden Diebsanschlag oder feindliche 
Absicht. Den Toten, in dessen Grab der Spiegel war, muß man 
anrufen: „Josef, ich bitt dich, zeig mir den, der das oder das 
gestohlen hat." Darauf erblickt man im Spiegel die Gestalt des 
Diebes 3 . In Baden vergräbt man einen an den vier Ecken mit 
dem Kreuzzeichen versehenen Spiegel in Gegenwart zweier 
Zeugen, ohne dabei ein Wort zu reden, in mondheller Nacht auf 
dem Kreuzwege. Wenn man ihn solange dort läßt, bis drei 
Leichen darüber fahren, wird daraus ein Bergspiegel 4 . In Vohen- 
strauß öffnet man um Mitternacht das Grab des Selbstmörders 5 
und legt den Spiegel auf dessen Antlitz. Man muß ihn drei 

ITage und drei Nächte hindurch dort liegen lassen und dann in 
einer einsamen Waldquelle abwaschen. Man bekommt dann einen 
, Erdspiegel ", aus welchem man alles sehen kann, was man nur 
will. Ein solcher Spiegel zeigt die verborgenen Schätze, die Erz- 
lager, die Quellen, das gestohlene Gut und den Aufenthaltsort 
der Seelen in der Unterwelt 6 . Außer den Selbstmördern sind die 
1 Birlinger: Volkstümliches aus Schwaben. 1861. I. 337. 

2 W. v. Schulenburg: Wendisches Volkstum. 1882. 87, 88. 

3 A. John : Sitte etc. im deutschen Westböhmen. 1905. 276, 277. 

4 E. H. M e y e r : Badisches Volksleben. 1900. 563, 564. 

5 Vgl. über den im Augenblick des Selbstmordes erscheinenden Doppel- 
gänger. O. Rank: Der Doppelgänger. Imago. 1913. 99, 108, 117. Vgl, auch 
Seefried-Gulgowski: Von einem unbekannten Volke in Deutschland. 

il911. 190. 
6 Schön werth: Aus der Oberpfalz, 1859. III. 218. 
Sp 



Spiegelzauber. 



"k Spiegelzauber. 

im Wochenbett verstorbenen Frauen geeignet, den Spiegel in 
einen magischen zu verwandeln 1 . Beim Thema des Schatzsuchens 
habe ich bereits die Möglichkeit der symbolischen Übertragung 
von der Mutter auf die Mutter Erde angedeutet. Wir können 
jetzt bereits mit größerer Bestimmtheit darauf hinweisen, daß 
man mit Hilfe des von der verstorbenen Mutter er- 
langten Spiegels in den Schoß der Mutter Erde 
hineinschauen kann 2 . Im 72. Kapitel des „ Höllenzwanges" 
wendet man sich bei der Spiegelschau an Sancta Helena 3 . Hinter 
dem Rücken eines keuschen Knaben kniet der Beschwörer und 
bittet die Heilige, daß sie „durch die Liebe, die du zu deinem 
Sohne Constantinum gehabt hast usw., im Kristall die ge- 
suchte Vision offenbare" 4 . Dann erscheint im Kristall ein Engel, 
der die Fragen des Knaben beantwortet. Das alles soll geschehen 
„in ortu Solis, cum iam Sol emerserit et aer fuerit serenus et 
clarus" 5 . Es ist klar, daß in den folgenden Riten die im Kindbett 
verstorbenen Frauen gleichsam den Prototypus des Weibes, die 
Mutter 6 darstellen. In Thüringen kauft man, ohne zu feilschen, 
einen durch ein kleines Deckblatt verschließbaren Spiegel und 



1 Vgl. die Rolle der schwangeren Frau bei der Spiegelschau. 
Kiese wetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893. 466. „Adhibe. 
batur puer impollutus aut mulier praegnans." P. G. Schott: Magia univer- 
salis naturae et artis. 1677. IV. Lib. VI. III. 533, ferner bei den Spiegelschau- 
verboten, hinsichtlich der Frauen im Kindbett; ebenda. Siehe die Erklärung, 
ebenda und im Kapitel Reinkarnation. 

2 Vgl. die Erklärung, die Wünsch zur ersten Silbe des Wortes Erd- 
spiegel gibt und über das Spiegelorakel im Heiligtum der Erdmutter Demeter. 
R. Wünsch: Ein Odenwalder Zauberspiegel. Hessische Blätter für Volkskunde. 
1904. 156—158. Ferner A. Abt: Die Apologie des Apuleus von Madaura, 
1908. 99. 

3 Vgl. ihre Legende bei E. Lucius: Die Anfänge des Heiligenkults in 
der christlichen Kirche. 1904. 107, 505. 

i C. Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893. 466, 467. 

6 Hier. Cardanus: De rerum varietate. 1556. 1088. 1089. Lib. XVI, cap. 93. 

6 Vgl. ihre Rolle in der mexikanischen Mythologie. W. Lehmann: Die 
fünf im Kindbett gestorbenen Frauen des Westens und die fünf Götter des 
Südens in der mexikanischen Mythologie. Zeitschrift für Ethnologie. 1905. 848. 






Der Spiegel des Sehers. 67 

wartet, bis sich eine im Kindbett verstorbene Frau findet, die 
am Charfreitag begraben wurde. Wer den magischen Spiegel 
erlangen will, geht bloß mit einem Mantel bekleidet um elf Uhr 
in den Friedhof. Bei der Friedhofsmauer wirft er den Mantel ab 
und springt ganz splitternackt über die Mauer. Im Namen des 
Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes steckt er den 
Spiegel mit nach abwärts gekehrtem Spiegelblatt in das Grab 
und das Gesicht dem Spiegel zugewendet, geht er rücklings 
schreitend zurück. Er muß dies drei Nächte hindurch wieder- 
holen, in der dritten Nacht entsteht ein Gewitter. Jetzt nimmt 
er bereits „in Dreiteufelsnamen " den Spiegel heraus und geht 
das Spiegelblatt an seinen Leib pressend, rücklings schreitend 
damit fort. Mittlerweile quält der Teufel den Menschen ab, doch 
dafür besitzt er jetzt schon den Zauberspiegel, der den Dieb, 
die verborgenen Schätze zeigt und die Hexe erkennt usw. 1 
In Neukirchen legt man sich mit dem Rücken auf das 
Grab einer Wöchnerin, unter sich einen Spiegel. Die Frau 
kann den Spiegel nicht ertragen und stößt ihn heraus; 
so wird daraus ein „Erdspiegel". Jeder glänzend polierte Gegen- 
stand kann für diesen Zweck benützt werden 2 . Die auf die An- 
fertigung des »Erdspiegels" bezügliche Anleitung des »Höllen- 
zwanges" weicht von dem bisherigen insofern ab, daß der die 
Zauberkraft erteilende Verstorbene hier ein Mann ist. Kapitel 
LXVII handelt, „wie man einen Erdspiegel macht, alles in der 



1 Wuttke: 1. c. 245, 246. Weinhold: Zur Entwicklung des Heidnischen 
Ritus. 1896. 9. E. L. Wucke: Sagen, von der mittleren Werra. 1864. II. 29. 
Das Rückwärtsschreiten symbolisiert die Regression und zwar in diesem Falle 
die Regression in der Richtung des Narzißmus und der auf den Teufel proji- 
zierten infantilen Komplexe. Deshalb beginnt der Ritus im Namen der Drei- 
faltigkeit und endet in „Dreiteufelsnamen". „Wer rückwärts geht, geht dem 
Teufel in den Arsch" heißt es in Amberg (Fr. Schönwerth: Aus der Ober- 
pfalz. 1859. III. 272) wodurch sowohl die oben angenommene Bedeutung des 
Rückwärtsgehens wie auch die infantil-analerotische Funktion des Teufels 
bestätigt wird. 

» Schönwert: Aus der Oberpfalz. 1859. III. 218. Über Erdspiegel vgl. 
auch C. He ss ler: Hessische Landes- und Volkskunde 1904. II. 106, 107. 



68 



Spiegelzauber. 



Erde verborgene Gut darinnen zu sehen" 1 . An einem Freitag 
muß man, ohne zu feilschen 2 , einen neuen Spiegel kaufen. Man 
muß ihn im eigenen Namen 3 im Friedhof auf das Antlitz 



1 Die Schätze gehören natürlich den Seelen der Unterwelt, deshalb bedarf 
es für den Spiegel der Kraft einer Seele. Vgl. A. Bän; A kincskereses a nephit- 
ben. (Das Schatzsuchen im Volksglauben.) Ethn. 1915. 28. 

2 Eine Erklärung für diese außerordentlich verbreitete Regel wird eben- 
falls gegeben, .damit dir ihn kein Geist tadeln kann". Kiesewetter: 463. 
Wer handelt, bewertet den Gegenstand, den er kaufen will, geringer, d. h. er 
setzt dessen Wert auch objektiv herab. Vgl. J. A. E. Köhler: Volksbrauch, 
Aberglauben etc. im Voigtlande. 1867. 364. R. Reichhardt: Die deutschen 
Feste in Sitte und Brauch. 1911. 55. Benköczy: Egervideki babonäk. (Aber- 
glauben aus Eger.) Ethn. 1907. 101. Die Geister, die den gekauften Spiegel 
tadeln könnten, sind auch hier, wie stes, die eiizierten Komplexe des Käufers, 
für die also die Größe des gebrachten Opfers den subjektiven (d. h. also auch 
magischen) Wert des Gegenstandes bestimmt. 

3 Besser als mit den „im eigenen Namen" durchgeführten Ritus kann 
man die seelische Attitüde des Narzißmus kaum charakterisieren. In diesem 
Falle ist der Ritus eher progressiv oder stagnierend, denn der Spiegel wird 
„im eigenen Namen« vergraben und dann „in dreyer Geister Namen" am 
Kreuzweg hingelegt. Infolgedessen entfällt das Motiv des Rückwärtsgehens. 
Außer der Regression kann das Rückwärtsgehen auch das Rückgängig- 
machen des Geschehenen bedeuten, z. B.: Man „kriegt das Messen", wenn 
man nur in einem Schuh läuft, man kann jedoch vorbeugen, daß man den 
nämlichen Weg wieder zurückläuft. P. Drechsler; Sitte, Brauch und Volks- 
glaube in Schlesien. II. 1896. 312. Vgl. D. s.: Mitteilungen der Gesellschaften 
für schlesische Volkskunde. VII. 45. Durch Umwenden des Strumpfes wird auch 
das Glück gewendet. E. M. Leather: The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 
86. Die Regression ist ja auch ein Rückgängigmachen des intrapsychisch 
Geschehenen. Das Rückwärtsgehen wird als Zurückgehen in den Mutterleib 
gedeutet von M. Jellinek: A sarü eredete. (Ursprung des Schuhes.) 1917. 
Vgl. Silberer: Probleme der Mystik und ihrer Symbolik. 1914. 175. Wenn 
ein Kindermädchen mit dem Kinde auf dem Arm rückwärts geht, bevor das- 
selbe laufen kann, so lernt das Kind schwer gehen. Veckenstedt: Wendische 
Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche. 1880. 447. Das bulgarische 
Kind darf beim ersten Ausgang aus dem Hause nicht rückwärts hinausschreiten. 
Strausz: Die Bulgaren. 1898. 298. Kinder, die rückwärtsgehen, graben zwar 
nicht sich selbst, sondern den Eltern das Grab. Drechsler; Sitte, Brauch. 
I. 126. Wuttke: 1. c. 394 was wohl als Analogiezauber zu deuten ist; dadurch 
sollen die Eltern auch rückwärtsgehen, d. h. sterben. „Wer rückwärts schreitet 



Der Spiegel des Sehers. 69 

eines verstorbenen Mannes eingraben und acht Freitage lang 
dort lassen. Am neunten Freitag nehme ihn heraus, geh damit 
an einen Kreuzweg und lege ihn „in dreyer Geister Namen" in 
die genaue Mitte des Kreuzweges. Jetzt muß man sich die Hilfe 
Ariels und Marbuels verschaffen, die die Tiefen der Erde auftun 
und die schatzhütenden „Stammgeister" vertreiben. Schließlich 
bleibt der Spiegel noch weitere neun Freitage hindurch im Grabe, 
dann muß man ihn herausnehmen und ohne hineinzuschauen 
folgendes sagen: Bannung. „Ich N. banne dich Geist Ariel, 
dich Geist Aciel, dich Geist Marbuel, in meinen Spiegel durch 
Rore -f- ipse -j- Loisant -)- et Dortam -j- Bolaimy -f- Acom -f- 
Coelum -f- Quiavitit -f- Sammas -j- Restacia -(- o Adonay -|- 
o Jehova -j- prasa Deus." Und so fort in einer unendlichen 
Litanei; die eingangs genannten drei Geister („drey Fürsten") 
bittet man, im Spiegel zu bleiben und die Welt der verborgenen 
Schätze zu offenbaren. Aber Mephisto hat an all dem noch nicht 
genug, denn wenn die drei Geisterkönige bereits glücklich in 
den Spiegel gebannt sind, fordert er, „daß du ihn (nämlich den 
Spiegel) auf einen Altar bringst, daß die Geister von einer 



oder seinen eigenen Schatten anspeit, dem stirbt die Mutter, hat er keine 
Mutter mehr, eine nahe Verwandte". H. vonWlislocki: Tod und Totenfetische 
im Volksglauben der Magyaren. Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft 
in Wien XXII., 173. Den eigenen Schatten anspeien ist eine eminent narziß- 
tische Introversionshandlung und als solcher der Regression tatsächlich analog. 
Daß das vom eigenen Ich abgewehrte Sterben in erster Reihe auf die Mutter 
proiiziert wird, ist wohl im Zusammenhang mit der Mutterleibsphantasie zu 
deuten. Vgl. noch „Du mööst nich rüggwarts gähn, süss geist'n deuwel ent- 
gegen", „denn kickt de bös di an", „denn geit't'n kräwtgang (Krebsgang = 
Sterben) mit di" R. Wossidlo: Mecklenburgische Volksüberlieferungen. III. 
1906. 189. Zum Rückgängigmachen: „Wenn ein Anfall von Fallsucht auftritt, 
so dreht man den Spiegel um (Wuttke: 334). Man will hier den Doppel- 
gänger, der sich gewissermaßen „verkehrt" und dadurch den epileptischen 
Anfall hervorgerufen hat, durch abermaliges Umkehren in die alten Bahnen 
bringen". Ne gel ein: Bild, Spiegel und Schatten im Volksglauben. Archiv für 
Religionswissenschaft. V. 29. D. h„ wenn wir die Rolle der Regression im Krank- 
heitsbild der Epilepsie berücksichtigen, so bedeutet das Wenden des Spiegels den 
Versuch, die Richtung der Libidoströmung wieder ins Progressive zu wenden. 



70 



Spiegelzauber. 



ordinierten Person konsekriert werden, damit sie dir die Wahr- 
heit anzeigen". Drei Sonntage bleibe der Spiegel auf dem Altare, 
aber man muß acht haben, daß inzwischen keine „Leichen-Kon- 
sekration" darauf stattfinde, denn sonst ist die ganze Mühe ver- 
geblich gewesen 1 . Eine Handschrift aus dem Anfang des sieb- 
zehnten Jahrhunderts zeigt den seltenen Fall, daß man den Aus- 
gangspunkt eines Teils des Ritus im Volksmärchen suchen muß. 
Die Anleitung besagt, „sich unsichtbar zu machen, auch Fortuna- 
tusbeutel und einen glücklichen Spiegel zu bekommen". Kaufe 
am Charfreitag, ohne zu handeln, drei schwarze Hennen, koche 
sie, ohne dabei ein Wort zu reden, an einem verborgenen Orte 
gar und trage sie nach Sonnenuntergang „unuermeldt" dorthin, 
wo sich der Weg spaltet, grabe drei Löcher und in jedes stecke 
ein gekochtes Huhn. Am Morgen, wenn du zurückkommst, fin- 
dest du im ersten Loch einen Ring, wenn du diesen an deinem 
Finger oder Halse umdrehst, bist du unsichtbar, solange, bis 
den Ring nicht Wasser trifft. Im zweiten Loch findest du einen 
Gulden, so oft du diesen auch ausgibst, wird daneben immer 
ein anderer sein. Im dritten Loch findest du einen Spiegel, in 
welchem du alles, was du willst, siehst, aber du mußt zuerst 
einen Hund oder eine Katze hineinschauen lassen 2 . Abgesehen 
von den aus dem Fortunatusmärchen hiehergelangten Zügen weisen 
die nächtliche Stunde, die Gruben, der sich spaltende Weg 3 und 



1 Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893.463,464. 

2 C. Bartsch: Zauber und Segen. Zeitschr. f. deutsche Myth. III. 330. 

3 Vgl. über Kreuz- und Scheidewege. Röscher: Hekate. Ausf. Lexikon. 
I. 1890, 1891, 1894. Gruppe: Griechische Mythologie und Religionsgeschichte. 
1906. I. 761. II. 1291. F. Boll: Griechische Gespenster. Archiv für Religions- 
wissenschaft. XII. 149—151 (Lekanomantie auf dem Kreuzwege). R.C.Thomp- 
son: Semitic Magic. 1908. 177, 201. Oldenberg: Die Religion des Veda 
1894. 267, 268, 442, 495, 497, 510, 562. (Auf dem Kreuzwege errichtet man 
dem König einen Grabhügel.) W. Crooke: The Populär Religion and Folk- 
Lore of Northern India. 1896. I. 78, 165. A. Maury: La Magie et I' Astrologie. 
1864. 176, 177. F. S. Krauss: Slawische Volksforschungen. 1908. 38. Drechs- 
ler: Sitte, Brauch etc. und Volksglaube in Schlesien. 1903. I. 1906. II. Laut 
Index. Wuttke: Volksaberglaube. 89 und laut Index. Wlislocki: Volks- 







Der Spiegel des Sehers. 



71 



das Opfer schwarzer Hühner 1 auch hier auf den chtonischen 
Vorstellungskreis. 

Bevor wir die Märchenvarianten des Seherspiegels berück- Ethnographisch- 
sichtigen, wollen wir der materiell-ethnographischen Seite der Mstörisehes. 
Frage, dem sogenannten Formkriterium 2 einen kurzen Exkurs 



glaube und religiöser Brauch der Magyaren. 1893. 166. P. S e b i 1 1 o t : Le 
Folk-Lore de France. I. 80, 206— 208, 210, 288, III. 36, 86, 123, 135, 240, 487. 
Ale Biaz; La Legende de la Mort chez les Bretons Armoricains. 1902. I. 
56, 172. (Vernichtungszauber an drei Kreuzwegen. II. 314, 390, 396.) J. H. 
W e e k s : Notes on Some Customs of the Lower Congo People. Folk-Lore. 
XIX. 423. (Zwillinge, durch den Blitz erschlagene Menschen und Selbstmörder 
bestattet man am Kreuzwege. Vgl. die oben zitierten griechischen Quellen und 

E. Roh de: Psyche. 1907. I. 320. II. 83, 410). B. Guttmann : Die Opfer- 
stätten der Wadschagga. A. R. W. XII. 98 (Opfer der herumirrenden Seelen). 
A b i o s e : Some West-African Customs. Folk-Lore. XVIII. 1907. 871 (Das krä- 
hende Huhn tötet man und verzehrt es auf dem Kreuzwege). J. H. Weeks: 
The Congo Mediane Man. Folk-Lore. 1910. 454. E. M. Leather: The Folk- 
Lore of Herefordshire. 1912. 83, 122, 123. W. C r o o k e : King Midas and his 
Ass's Ears. Folk-Lore. 1911. 185. E. Westermarck: The Origin and the 
Development of the Moral Ideas. 1908. II. 256 (Begräbnis). Lippe rt: Die 
Religion der europäischen Kulturvölker. 1881, 310. Der Kreuzweg ist die auto- 
symbolische Projektion der seelischen Spaltung der einander kreuzenden Im- 
pulse, welche die sich an die Bewohner der Unterwelt wendende gefährliche 
Zeremonie, d. h. die Introvension, begleiten. Dieselbe Erklärung gibt Silberer: 
Probleme der Mystik und ihrer Symbolik. 1914. 171 über Scheidewege im Märchen. 

1 Vgl. I. Scheftelowitz: Das stellvertretende Huhnopfer. 1914. 

F. Dörfler: Kakas, tyuk es tojäs a magyar nephitben. (Hahn, Huhn und Ei 
im ungarischen Volksglauben.) Ethn. VI. 205. Blau: Huhn und Ei im Glauben 
des Volkes im oberen Angeltale. Zeitschrift für österreichische Volkskunde. 1902. 
Fehrle: Der Hahn im Aberglauben. Hessische Blätter für Volkskunde. 
XVI. 65. W a s i 1 j e w : Übersicht über die heidnischen Gebräuche, Aberglauben 
und Religion der Wotjaken. Mem de la Soc. Finno-Ougrienne. XVIII. 1902. 108. 
A. S t r a u s z : Bolgär nephit. (Bulgarischer Volksglaube.) 1897. 340. G. M o 1- 
dovän: A magyarorszägi romänok. (Die ungarländischen Rumänen.) 1913.491. 
Wlislocki: Volksglaube und religiöser Brauch der Magyaren. 1893. 166. 
Marienescu: Az äldozatok. (Die Opfer.) Ethn. II. 56. Vgl. auch oben über 
Huhnopfer und Schatzgräberei. 

2 Dem Formkriterium wird im Lager der „Kulturkreisler" eine außer- 
ordentlich übertriebene Bedeutung zugeschrieben. Vgl. Gräbner: Die Me- 
thode der Ethnologie. 1911. Dr. Meszäros geht in seiner öfter zitierten Ab- 



72 



Spiegelzauber. 



widmen. In Österreich finden wir den dreieckigen Walpurgis- 
spiegel 1 . In Thüringen den viereckigen Zauberspiegel 2 . In Lech- 
rain den „Bergspiegel", ein mit Weihwasser gefülltes „Uringlas'' 
und den Erdspiegel, eine runde Metallscheibe 3 , also eben jener 
Typus, der nach Dr. Meszäros auf den chinesischen Ursprung 
hindeutet. Ebenso wie Europa nicht ausschließlich die Heimat 
der viereckigen oder mit einem Griff versehenen runden Typen 
bildet, finden wir auch im nahen Orient nebeneinander die 
runden und eckigen, gestielten und grifflosen Formen*. Im fernen 
Westen, in Wales finden wir ebenfalls den Rundspiegel 5 . Von 
allen diesen aber wissen wir nicht sicher, ob sie nicht zu dem 
gestielten, runden Typus gehört haben; die Grifflosigkeit ist aber 
ganz sicher bei dem Odenwalder Zauberspiegel. Dieses Exemplar 
wurde in Breitenbrunn aufbewahrt, es diente zum Sehen in die 
Zukunft, sowie auch zum Schatzsuchen. Nur ein am weißen 
Sonntags g eborener Mensch kann ihn benützen und auch dieser 

handlung (Der ungarische Rundspiegel. Neprajzi Ertesitö. 1914, 1915) von der 
Annahme aus, der runde, grifflose Spiegel sei ausschließlich dem Kulturkreis 
der Völkerwanderung eigen und somit seien auch die westungarischen Formen 
auf China zurückzuführen. 

1 Th. Vernaleken: Alpensagen. 1885. 109—112. 

2 Wuttke: Volksaberglaube. 245. 

3 Leoprechting: Aus dem Lechrain. 1855. 93, 94. Zum Uringlas mit 
Weihwasser, vgl. Scot: Discoverie of Witchcraft. 1651. 188 Bourke- 
Krauss-Jhm: Der Unrat in Sitte, Brauch etc. der Völker. Beiwerke zum 
Studium der Anthropophyteia. VI. 1913. 222. Eine besondere Determinante für 
das „Uringlas" bildet natürlich die magische, beziehungsweise vom Stand- 
punkte der infantilen Sexualität, die affektive Bedeutung des Urins. Die Mon- 
golen halten, um zu dem als Arznei hochgeschätzten Schildkrötenurin gelangen 
zu können, dem Tiere einen Spiegel vor, worauf dieses beim Anblick seines 
Ebenbildes ihnen das Gewünschte abgibt. Seligmann: Der böse Blick 
1910. I. 182, nach Kirilow: Bote für Sozialhygiene. 1892. 103. 

4 M. Reinaud: Monuments arabes, persans et turcs. 1825. II, 393 394. 
China wird hingegen tatsächlich durch den runden Typus charakterisiert. (R. 
Wilhelm: Chinesische Spiegel. Ostasiatische Zeitschrift. II. 65—87.) 

5 Trevelyan: Folk-Lore and Folk-Stories of Wales. 1909. 215, 216. 

6 Invocavit : der erste Sonntag der Fastenzeit. Den Zusammenhang zwischen 
der Geburt am Fastensonntag und der Spiegelschau haben wir wahrscheinlich 



Der Spiegel des Sehers. 



73 



muß ihn anfangs vor den Augen halten und mit dem Hut zu- 
decken. Das Ganze ist ein rundes Lederfutteral im Durchmesser 
von sieben Zentimeter mit einem Zentimeter hohen Rand, dazu 
gehört ein Deckel aus Fensterglas und ein rundes Papierblatt, 
auf welchem auf das achtzehnte Jahrhundert deutende Buchstaben 
sichtbar sind. In das Lederfutteral füllt man Erde (deshalb Erd- 
spiegel). Auf diese legt man das Papierblatt und darauf die 
Glasscheibe, auf welcher die gewünschte Vision erscheint. In der 
Mitte des Papierblattes ist der „Drudenfuß", das Hexagramm 
sichtbar, die Buchstaben aber ergänzt Wünsch folgendermaßen: 
[Eli] as [pro] phet [a]. Das Hexagramm umgeben die Planeten 1 . 
Das Hexagramm ist in ein Quadrat gefaßt, in dessen vier Ecken 
wir die Namen der vier Erzengel sehen. Das Quadrat ist von 
zwei konzentrischen Kreisen umgürtet, im inneren Kreise be- 
finden sich die Namen der vier Evangelisten, im äußeren 
Kreise ist die Schrift nur zur Hälfte lesbar . . . Jehova + . . . 
Alpha et Omega 2 . Die Formel können wir nach Quellen aus 
dem sechzehnten Jahrhundert dahin ergänzen „-\- om -j- Elohim 
+ Adonai -f El Zebaoth -f- Agla Jehova -f- Alpha -j- Omega 3 . 
Aus Haute -Gruyere ist ein mit ähnlicher Formel versehener 
Spiegel bekannt. Die ganze folgende Beschreibung stammt 
aus dem französischen „Grand Grimoire". Sie hat den Titel „Secret 
magique, rare et surprenant, Maniere de faire le miroir de Sala- 

in dem Sehen vorausgehenden Ritus des Fastens zu suchen. Wer „an einem 
goldenen Sonntage" in den .Erdspiegel" schaut, soll unter einem gewissen 
Zeichen in der zwölften Stunde geboren sein. Leoprechting: Aus dem 
Lechrain. 1855. 93. Haberland: 1. c. 338. 

1 Vgl. den nach astrologischen Prinzipien verfertigten Zauberspiegel des 
Pico di Mirandola. S. Rubin: Geschichte des Aberglaubens. 31. M. Reinaud: 
Monuments arabes, persans et turcs. 1828. II. 404—417. Miroir astrologique. 

2 R. W ü n s c h : Ein Odenwalder Zauberspiegel. Hessische Blätter für 
Volkskunde. 1904. 155. 

3 W. Mannhardt: Zauberglaube und Geheimnisse im Spiegel der 
Jahrhunderte. 1909. 165. Die Ergänzung ist nach Wünsch; obschon in der 
Quelle die Formel sich nicht auf einen Spiegel, sondern auf einen magischen 
Kreis bezieht. Vgl. zum Ganzen Zt. d. V. f. Vk. 1913. 223. 



' 4 Spiegelzauber. 

mon 1 propre a toute divination". Solange als der Spiegel verfertigt 
wird, darf man keine „action charnelle" begehen weder in der Tat, 
noch in Gedanken. Wir finden hier also wieder den oben behan- 
delten Zusammenhang zwischen Narzißmus, Spiegelschau und 
Keuschheit. Doch neben der individual-psychologischen Erklärung 
erscheint dies natürlich auch als Ausfluß der christlich-mittelalterlichen 
Weltanschauung, wie dies die folgende Regel zeigt, die viele mild- 
tätige, fromme Handlungen vorschreibt. „Dann nimmt man eine 
glänzend geschliffene, ein wenig konkave Stahlplatte und schreibt 
mit dem Blute einer weißen Taube 2 in die vier Ecken die Namen 



1 Der berühmte magische Ring des Königs Salamon (Salzberger: Die 
Salamonssage in der semitischen Literatur. 1907. Kap. II.) scheint sich im euro- 
päischen Folk-Lore in den Spiegel Salamons verwandelt zu haben. So in zwei 
russischen Salomosagen bei Dr. Meszäros: A magyar kerek tükör. (Der unga- 
rische Rundspiegel.) Ertesitö. 1914. 238. Ferner: „Oglinde lu Solomonu Imperatu". 
Saineanu: Basmele Romane. 1895.771. Auch auf dem Odenwalder Spiegel 
befindet sich das Sigillum Salamonis. Der Spiegel gleitet in den Typus des Fortu- 
natusmärchen hinüber und erscheint dort als Wunschgegenstand neben dem Ring. 
(A. Aarne: Vergleichende Märchenforschungen. Mem. Soc. F. Un. XXV. 1908. 
34.) Der alles zeigende Spiegel und der unsichtbar-machende Ring (O. Rank: Die 
Nacktheit in Sage und Dichtung. Imago. 1913. 438.) sind komplementäre Symbole, 
denn der mit Hilfe des Ringes unsichtbar gewordene Mensch befriedigt die eigene 
Schaulust: Gyges belauscht die nackte Königin. 1. c. Der Spiegelschau analog ist 
das Schauen durch den Ring oder durch eine Spalte, (fi B e r ts ch : Weltanschauung, 
Volkssage und Volksbrauch. 1910. 138, 139.) Vgl. Feilberg: Der böse Blick in 
nordischer Überlieferung. Zt. d. V. f. Vk. 1901. 429. Den Spiegel Salamonis erwähnt 
noch Reichardt: Vermischte Beiträge zur Beförderung einer näheren Einsicht 
in das gesamte Geisterreich. 1781. 1. 518, zitiert bei Kiesewetter: Faust 334. 

2 Mit dem Taubenblute vertreibt man die Warzen und sonstigen Aus- 
schläge, es ist also offenbar das Symbol der auch anderwärts betonten Reinheit. 
Vgl. Wuttke: 1. c. 243, 119. Die Taube ist im allgemeinen Symbol des 
Heiligen Geistes und als solcher Gegner des Teufels. (Vgl. übrigens E. Jones: 
Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. Jahrbuch der Psychoanalyse. 
1914. VI. 187, 188.) Intrapsychisch aufgefaßt entspricht ihre Rolle der Sublimierung, 
besonders der teuflischen, der schwarzen (analerotischen) Wünsche. Vgl. den 
Kampf der Taube und des Raben um die Seele (autosymbolisch), E. M. Leather: 
The Folk-Lore of Herefordshire. 1912. 166. Strackerjan: Aberglauben und 
Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. 1909. 1. 320. Ipolyi: Magyar Mythologia. 
(Ungarische Mythologie.) 1854. 359. Die Hexen vermögen die Gestalt eines jeden 



Der Spiegel des Sehers. 



75 



Jehova, Elohim, Mebiaton (sie), Adonai und wickelt sie in reine, 
weiße Leinwand. Wenn man den Neumond sieht 1 , geht man in 
der ersten Stunde nach Sonnenuntergang zum Fenster und sagt 
andächtig: „O Eternel, O Roi eternel, Dieu ineffable qui avez cree 
toutes choses, par amour et par un jugement oeculte, pour la sante 
de l'homme, regardez-moi, N. votre serviteur tres indigne et mon 
intention et daignez m'envoyer l'ange Anael sur ce miroir qu'il 
mande, commande et ordonne ä ses compagnons et ä vos sujets 
que vous avez faits 6 Tout-puissant, qui avez et£, qui etes et qui 
serez eternellement qu'en votre nom ils jugent et agissent dans 
a droiture pour m'instruire et me montrer ce que je leur demen- 
derai". Man nimmt entsprechend wohlriechende glühende Kohle und 
spricht unter Erwähnung der Cherubim und Seraphim ein neues 
Gebet, in welchem man Anael in einer der vorigen ähnlichen Weise 
anruft. Das muß man achtundvierzig Tage hindurch wiederholen. 
Nach Ablauf der achtundvierzig Tage, manchmal auch schon 
früher, erscheint Anael in Gestalt eines herrlichen Knaben 2 und be- 
fiehlt seinen Genossen, dem Eigentümer des Spiegels Gehorsam zu 
leisten. Vor dem Gebrauch muß man den Spiegel stets mit Safran 
duftig machen und mittels der Zauberformel Anael zitieren 3 . Dem 



Tieres anzunehmen, nur nicht die der Taube. Drechsler: Sitte, Brauch usw. II. 
123. Strackerjan: Aberglaube etc. aus Oldenburg. 1909. I. 403. H. v. Wlis- 
locki: Märchen und Sagen der transsylvanischen Zigeuner. 1886. 105. R. Kühn au: 
Schlesische Sagen. 1911. II. 559, III. 1913. 226. 

1 Vgl. den Zauberkreis am Neumondfreitag. Kiesewetter: Faust. 1893. 447. 

2 Der in Gestalt eines herrlichen Kindes erscheinende Engel dürfte ein 
idealisiertes Eiect der infantilen Persönlichkeit des Spiegelschauers sein. Vgl. den 
„kleinen Mann" der Nürnberger Sage, der aber nur dem keuschen Knaben er- 
scheint. E. S. Hartland: The Legend of Perseus. 1895. II. 15. „He who owns 
a crystal can call one of the Little People to him at any time and make him do 
his bidding." Mooney; Myths of the Cherokee. (XIX. Report.) 1900. 460. Laut 
der Sage war einer dieser Zwerggeister einst ein Knabe, der in den Wald entlief 
und nun, um seine neckischen Spiele ausführen zu können, immer unsichtbar bleiben 
will. Ebenda : 234, 335. Das neckische im Wesen der Puck's et Consortes deutet 
auf ihren Ursprung aus dem Infantilen. 

3 T. Lambelet: Les croyances populaires au Pays-d'-Enhaut. Schweize- 
risches Archiv für Volkskunde. 1908. XII. 123. 



76 



Spiegelzauber. 



französischen Verfahren entspricht vollkommen das des „Höllen- 
zwangs" \ das seinerseits wieder dem ungarischen Stahlspiegel zum 
Muster diente. Der Titel des Kapitels lautet: „Ein Experiment 
von einem stählernen Spiegel seu Divinatio Specularis." Fertige 
einen Stahlspiegel an, das heißt, nimm ein rundes Blechstück als 
Spiegel und laß es schleifen bis es völlig glänzend wird. Dann nimm 
einen anderen Stahlspiegel, einen ebenso großen, doch dieser soll 
nicht glänzend sein und lege ihn auf die andere Seite, ohne hinein- 
zuschauen. Es bedarf auch eines Stück Holzes oder, wenn dieses 
nicht vorhanden ist, eines Papiers, über welches der Geistliche das 
Evangelium Johanni lesen muß, aber der Geistliche muß sich vor- 
her drei Tage des Weibes enthalten haben, auch soll das Papier- 
blatt mit Weihrauch beräuchert, mit Weihwasser besprengt worden 
sein. Aus dem Papier schneide ein rundes Blatt heraus, genau so 
groß, daß es dem Spiegel entspricht, auf dieses aber schreibe in 
den ersten Kreis Alpha et Omega, Adonay, in den zweiten 
Tetragrammaton, Sabaoth, Emanuel, in den dritten „Verbum caro 
factum est". „Der schwarze Circul oder Umkreis aber soll haben 
eben diese Namen in einem Umkreise durch das Widerspiel." Der 
Geistliche liest drei Messen über dem Spiegel, dann das Evangelium 
Johanni und, wenn er zu den Worten kommt „Verbum caro fac- 
tum est", macht er über den Spiegel das Kreuzzeichen und sagt 
die „Beschwörung" her. Ein anderer, als der Eigentümer, darf nicht 
in den Spiegel schauen, denn der Spiegel würde dadurch be- 
fleckt werden 2 . Aber auch der Eigentümer des Spiegels kann 
das Gewünschte im Spiegel nur dann sehen, wenn er in reiner 
Kleidung und in unbeflecktem Zustande hineinschaut 3 . Schon 
die in den verschiedenen Varianten figurierenden Namen (die 

1 Der „Grimoir ist offenbar der direkte Vorläufer des Höllenzwangs" 
Kiesewetter: Faust. 345. 

2 Vgl.: Der Spiegel wird fleckig, wenn eine menstruierende Frau hinein- 
schaut. Plinius: Historia Naturalis. Lib. VII. Cap. XV. 

3 Kiese wetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893,464,465. 
Die Betonung der Reinheit ist vielleicht eine Verdrängungsform der Analerotik. 
Vgl. weiter unten das Verwenden von Safran, um den Spiegel duftig zu machen. 



Der Spiegel des Sehers. 77 

vier Erzengel 1 usw.) deuten gleichfalls auf eine einheitliche 
Quelle. Bei einer Geisterbeschwörung in Wales besprengt der 
Beschwörer Teppich, Tisch und Kristall mit dem eigenen Blute 
und zitiert den Geist, den er hier Phanael (vgl. Anael) nennt, 
„by the power of the holy names Aglaen, Eloi, Sabbathon, 
Anepituraton, Jah . . ., Immanuel . . ., Sadai . . . 2 in den „flecken- 
losen" Kristall 3 . Die gesamte Überlieferung weist nach Osten 
hin ; nicht die primitive, allgemein-menschliche Zauberei, sondern 
die gelehrte Magie des hellenistischen Zeitalters gibt die gemein- 
same Urquelle ab. Auch arabische Handschriften wissen von auf 
den Spiegel geschriebenen Koranworten, durch die der in den 
Spiegel schauende Kranke gesund wird; man macht den Spiegel 
duftig (vgl. ante, über den Safran), beschwört die Engel und 
Erzengel, an den Rand des Spiegels schreibt man den Namen 
der vier Erzengel (Gabriel, Michael, Asrael 4 und Asrafel), man 
fastet sieben Tage und schließt sich von der Außenwelt ab, worauf 
über Beschwörung der Engel im Spiegel erscheint, um den Wunsch 
des Beschwörers zu erfüllen 6 . Wie der deutsche Höllenzwang im 
Abhängigkeitsverhältnis stehtgegenüber dem französischen Grimoire, 
so läßt sich auch der literarische Einfluß auf die ungarische münd- 
liche Überlieferung und deren Abhängigkeit vom Deutschen voraus- 
setzen. Die hohe Schule der Magie hat trotz ihrer aus dem Orient 
stammenden Elemente in Europa offenbar denselben Weg zurück- 
gelegt, wie die systematische Hexenverfolgung vom Westen nach 
Osten 6 . Auch in den Stahlspiegel des ungarischen Schatzgräbers 

1 Vgl. ante beim Beryll Aubrey: Miscellanies und die Verbreitung der 
Erzengelnamen in den Papyri, besonders eben bei der Lekanomantie. A. Abt: 
Die Apologie des Apuleius von Madaura. 1908. 257. 

2 Über den Namen Jao Sabaoth in den Zauberworten. Abt: Ebenda. 254. 

3 J. C. Davis: Chost-Raising in Wales. Folk-Lore. XIX. 329. 

4 Aciel, Azernel, Azarel, Azael und ähnliche Namen in den mittelalter- 
lichen Zauberbüchern. Kiesewetter: Ebenda. 406. 407. et. pa. 

5 M. Reinaud: Monuments arabes, persans et turcs. 1828. II 
401. 402. 

6 F. Hansen: Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter 
1900. 113. 19. 



78 Spiegeizauber. 

läßt man ein Kind schauen 1 ; wir finden hier ebenfalls die auf den 
Spiegel geschriebenen Zauberworte und ähnlich wie bei den 
Deutschen das Vergraben am Kreuzweg, und das vorherige Hin- 
einschauenlassen durch einen Hund 2 . Auch jene Voraussetzung 
Dr. Meszäros', daß der grifflose Rundspiegel nur auf dem von 
der Völkerwanderung berührten Gebieten figuriert, ist nicht 
stichhaltig. Auf isoliertes Vorkommen weist er selbst hin 3 und 
er würde gewiß dessen Vorkommen in Wales, im Odenwald, in 
Lechrain gleichfalls hieher einreihen. Ich war nicht in der Lage, 
derzeit behufs Anstellung von Vergleichen die Museen Österreichs 
abzusuchen, aber ich habe Dr. Trebitsch in der Ethno- 
graphischen Abteilung des ungarischen Nationalmuseums die 
westungarischen Spiegelhölzer gezeigt und ihn gebeten, sich für 
dieses Thema in Wien weiter interessieren zu wollen. Seine 
Antwort lautete, daß das Museumsmaterial zurzeit nicht zugänglich 
sei, aber laut Professor Haberlandts mündlichen Angaben schreibe 
er, daß der grifflose Rundspiegel in den Alpenländern sehr 
häufig vorkommt. Wie also die ungarischen magischen Stahl- 
spiegel und der daran geknüpfte Volksglaube sich als aus dem 
Westen stammend erweist, so ist auch anzunehmen, daß auch 
die westungarischen Spiegelhölzer eher zu ihren heutigen west- 
lichen Nachbarn, als zu den Spiegeln aus der Periode der Völker- 
wanderung, sowie zu den chinesischen in Verwandtschaft stehen. 
Der grifflose runde Typus war übrigens seinerzeit auch in Mittel- 
europa vorherrschend. Weinhold erwähnt neben den Spiegeln 
mit Griff die aus „grifflosen runden Kapseln" bestehenden, die 



1 M. M. R. Varga: Szarvasvideki babonäk. (Aberglaube aus der Szar- 
vaser Gegend.) Ethn. 1908. 162. F. Szell: Törvenykezesi adatok alföldi babo- 
näkröl. (Gerichtsakten über Aberglauben im ungarischen Tiefland.) Ethn. 1892. 
113. Dr. Meszäros: 1. c. Ertesitö. 1915. 46. 

2 I. Wieder: Kjtacsäsö babonäk. (Schatzgräber - Aberglauben.) Ethn. 
1890. 248. 

8 M. Moore: Carthage of the Phoenicians. 1905. 91. E. B. Tylor: Early 
History of Mankind. 1870. 255. E. Seier: Gesammelte Abhandlungen zur 
amerikanischen Sprach- und Altertumskunde. II. 850. 852. III, 412. (Meszäros: 
I. c. 1914. 19. 20.) 



Der Spiegel des Sehers. 



79 



Schaulust. 



man auf einer Schnur befestigt zu tragen pflegte 1 , und die 
deutschen Spiegel sind im allgemeinen ursprünglich runde polierte 
Bronze-, Silber- und Stahlspiegel. Die letzteren standen noch im 
fünfzehnten Jahrhundert in Gebrauch 2 . Der Glasspiegel war wohl 
schon im dreizehnten Jahrhundert gebräuchlich, aber nur in der 
Form kleiner runder Kapseln 3 . 

Zweifellos gehören die alles zeigenden Spiegel der Märchen, »er Siegel im 

, , — Märchen als 

die gewöhnlich in der Gesellschaft anderer „ Wunschobjekte " vor- objektmerung 

. ■ ' der kindlichen 

kommen, in ein und dieselbe Kategorie mit dem Spiegel des 
Sehers und spielen gleichzeitig dem infantilen Charakter des Märchens 
entsprechend die Rolle der Objektivation der kindlichen Schaulust. 
In einem russischen Märchen wird ein kleines Mädchen durch die 
älteren Schwestern umgebracht, damit sie ihm den silbernen Teller, 
in welchem es herrliche, ferne Gegenden, Städte, Flüsse, Wälder, 
Meere, mächtige Berge und wunderschöne Himmel sieht 4 , weg- 
nehmen können. In einem rumänischen Märchen schickt die böse 
Schwiegermutter zu den mit Sonnen- und Mondsymbolen 5 gebo- 
renen Kindern der Schwiegertochter die alte Hebamme, auf deren 
Zureden hin das Mädchen von seinem Bruder folgendes verlangt : 



1 K. Weinhold: Die deutschen Frauen in dem Mittelalter: 1882. 11.338. 

2 K. Weinhold: Ebenda. II. 336. A. Schultz: Das höfische Leben zur 
Zeit der Minnesinger. 1879. I. 176. 

3 A. Schulz: I. c. 1. 176. 177. Auf der Rückseite des einen Spiegels die 
allegorische Abbildung von „vrouwe Minne". Vgl. noch F. Hottenroth: 
Handbuch der deutschen Tracht. 557. 

4J. A. Macculloch: The Childhood of Fiction. 1905. 35, zitiert 
T. I. Naake: Slavonic Fairy Tales. 1874. 170. Zur Vision, vgl.: in Wales 
ercheinen im Kristall verschiedene Gesichte, ausgetretene Pfade (die aus- 
gelaufenen Bahnen ! Die Visionen sind ja symbolische Erinnerungsbilder, 
deren Wiedererscheinen am ausgetretenen Pfade erfolgt.) mit ruhig einher- 
wandelnden Männern, Frauen, Flüsse, Brunnen, Berge und Meere. Am sonn- 
beschienenen Hügelabhang weidet der Hirte seine Herde ; sieht man unzählige 
Tiere, Vögel, Ungetümer. J. C. Davies: Ghost-Raising in Wales. Folk-Lore 
XIX. 329. 

5 Vgl. Prato: Sonne, Mond und Sterne als Schönheitssymbole im 
Volksmärchen und in Liedern. Zeitschrift des Vereines für Volkskunde. 1895. 
363. 1896. 24. 



80 



Spiegelzauber. 



1. Vogelmilch. 2. Den Spiegel der Lamia 1 . 3. „Die Schöne der 
Welt" 2 . Zum selben Typus gehört ein ungarisches Märchen. Der 
goldhaarige Königssohn ist traurig. 1. Weil er den Vogel haben 
will, der Goldwasser trinkt. 2. Weil ihm der Spiegel fehlt, aus 
welchem er die ganze Welt sehen könnte. 3. Weil er das Fräulein 
des Meeres haben will. Den Spiegel bewachen zwölf Teufel, die 
nur um Mitternacht zehn Minuten schlafen. Das Zauberpferd zeigt 
ihm im Spiegel eine Steinmauer: „Dort wohnt eine sündhafte 
Frau, ich spucke sie stets an, wenn ich dieses Weges gehe." 
„Spuck' nicht mehr hin, das ist deine eigene Mutter" 3 . In einer 
neugriechischen Variante schickt die alte Königin, um die Kin- 
der aus der Welt zu schaffen, zur Tochter eine Hebamme, die 
dieser einredet, es fehle ihr zum vollen Glück noch: 1. Der 
Zweig, welcher Musik macht. Den hüten zwei Drachen, die jeden 
verschlingen, aber um Mitternacht schlafen sie mit aufgesperrtem 
Rachen, da muß man ihnen in den Rachen schießen. Die Sonne 
und der Morgenstern bringen ihn herbei. 2. Der Spiegel, in 
welchem man alle Dörfer, alle Städte, alle Länder und Prinzen 
sehen kann. Den hüten vierzig Drachen, die um Mitternacht 
schlafen. 3. Den Vogel Dikjeretto, welcher alle Sprachen der 
Welt versteht und wenn er in den Spiegel schaut, sagen kann, 
was auf der ganzen Welt die Menschen reden. Der Vogel ver- 
steinert durch seinen Blick beide Geschwister; die Hemden, die 
sie zu Hause gelassen, färben sich schwarz. Den Vogel vermag 
nur das Mädchen selbst zu holen, die sich ihm von rückwärts 
nähert, wobei sie nackt sein muß. Sie weckt die Geschwister aus 
der Versteinerung; der Vogel erzählt dem König das Vorfallene 4 . 

1 Vgl. Synodus S. Patricii et Auxentii cap. 16. Christianus, qui crediderit 
esse Lamiam in Speculo, quae interpretatur striga, usw. Ducange: Glossarium 
mediae et infimae latinitatis. VII. 1886. 549. Specularii. 

2 Frumösa pamintului. Sainenu: Basmele Romane. 1895. 411. 

3 L. Kälmäny: Ipolyi Arnold, mesegyüjteme'nye. (A. Ipolyis Märchen- 
sammlung.) 1914. 318—323. 

4 I. G. v. H a h n : Griechische und albanische Märchen. 1864. II. 40—49. 
Aarne: Verzeichnis. F. F. Communications Nr. 3. Typus. 707. Bolte-Polvika: 
Anmerkungen zu den K. u. H. M. II. 1915. 380-394. Der Spiegel auch in einer 






Der Spiegel des Sehers. 81 

Es läßt sich leicht erraten, daß der Wundervogel, der musizie- 
rt aIeV er , alle l 0fenbarende S ^ ] > die' SchönTe T r 

Ifra B "i S : h be ? Uten ' nämlich eben » die Schönste 
aer Welt . Bei eingehender Analyse ließen sich die Verzug 

gungen sämtlicher Motive verfolgen, doch mangS e uns "e u 

an Raum, auch bedürfen wir ihrer nicht Es «nült ZI £ 

we, daß schon die beiden Protagonisten des SchaSpfe * 

und Schwester, darauf deuten, daß die den Symbolismus' herbei 

Ä ^ Tlf d de % inZ6St , UÖSen ^^'Ä 
gm und daß das In-den-Spiegel-schauen auch hier gewisser 
maßen ein reduziertes Symbol der erotischen Triebe ! daST 






türkischen Variante (Jakob: Türkische Bibliothek II 22 Bolte- «wn 
einem swanetischen Märchen (Ebenda. Etn Obozr vS A t'T? ** ** 
serbischen (Ebenda. 384 Dvorovic- 01 ol m J f -) d ln emem 

königin, die Feenkönigin selbst) ' der Spiegd der Fe <*- 

bewei^e 1 " *» d « P ^rung 

flüsternde £ ^^^^dTBÄ^J^T",,'-' *» ^ 
holt, auf die Schwester, deren Wünsche er erfS £ dle „ W unschgegenstände 

gäbe ,ose» (N.r^.3,. ri™"S» L e f "SjSS " "?""*' "" A "'" 
Ergänznng aer Schani (Spiegd Drach n IvIT"^ ? """S™"* 
Vogel (Medusa) bezeichnen gen wL , ', „ S J™P fc Sa*n, a « verfeinerte 
fügen ffata iL, g ?^° e '™ el »S«'«'»l«= Analyse 

A...na S s,ev-Me y Z e° r d glS ar S„ £' £&&,:? 

Ungarische Volksmärchen. 1909. Neue Folge 227. ' Sklarek: 

6 



Spiegelzauber. 



III. Spiegel und Herrscher. 

Das Zepter der schottischen und der ungarischen Könige wird 
durch eine Kristallkugel gekrönt, deren Gestalt an den zu magischen 
Zwecken benützten „Beryll" erinnert 1 . Zwischen den Welteroberern 
Asiens ist esTimurLenk, der mit dem Spiegel als Brustschmuck 
abgebildet wird 2 und für das Haus der Baberiden war die auf dem 
Bruststück der Kleidung angebrachte Schmuckscheibe derart charak- 
teristisch, daß man die königliche Familie geradezu die mit dem 
Spiegel nannte 3 . In Afrika binden die Kabinda zum Zwecke der 
Wahrsagerei Spiegel auf ihre Hausgötzen. Quenquea, der Konig 
von Remba, wollte sich um keinen Preis von seinem Spiegel 
trennen, denn er glaubte, daß, wenn der Spiegel bricht, auch sein 
Lebensfaden sofort abreißt*. Der dritte Typus also, auf den wir 
im Zusammenhang mit dem Spiegel hinweisen können, ist nach 
Kind, sehe- uud dem K i n d e und nach dem Seher der König. Den Ursprung 
EeS?un g des Königtums aus der gesellschaftlichen Schichte der Zauberer 
d AuiS- en hat Frazer meisterhaft nachgewiesen; in den früheren Ausfuhrun- 
aÄSÄgen aber vermochten wir darauf hinzudeuten, daß die Fähigkeit 
IÄt s . des Sehers aus dem zähen Festhalten an dem infantilen Narziß- 

i G F Black: Scottish Charms and Amulets. Proceed Soc. Ant. Scot 
XXVII. 1893.' 436. Ebenda. XXIV. 98. 116. Ipolyl: A magyar szent Korona 
es a koronäzäsi jelvenyek. (Die heilige ungaiische Krone und die Krönungs- 
insignien.) 1886. 208. Im Kristall sind Fabeltiere eingraviert, ferner ein angeblich 

„kabalistisches" Zeichen. • 

2 Dr. M e s z ä r os : A magyar kerek tükör. (Der ungarische Rundspiegel) 
Ertesitö 1915. 35, nach T. Mann: Der Islam einst und jetzt. 93. 

3 Dr M e s z ä r o s : Ebenda nach A. R a c i n e t: Le costume histonque. 
1888 III. Unter dem Zeichen 1 .de la famille de celles dites ä miroirs». 

* W W. R e a d e : Savage Africa. 1863. 542. M a c c u 1 1 o c h : The Cnild- 
hood of Fiction. 1905. 123. Vgl. über die spiegeltragenden Häuptlinge. Pechuel- 
Loesche: Loango-Expedition. III. 2. 1907. 366. 



Spiegel und Herrscher. 



83 



mus und Schaulust, oder aber aus dem Rückfall in diese verständ- 
lich wird. Wir dürften kaum irren, wenn wir dieselbe psychische 
Konstellation auch bei der königlichen Kategorie der Zauberer 
voraussetzen. Die Allmachtsphantasien des Kindes werden bei den 
Königen der Primitiven realisiert 1 und die Selbstanbetung des 
Kindes wird durch die Anbetung eines Volkes abgelöst 2 . Dem 
König bleibt auf Erden nichts anderes zum Anbeten, als das 
eigene Ich; die augenfälligste Form dieser Anbetung ist das selbst- 
gefällige Betrachten des Ebenbildes im Spiegel. In Indien gehörte 
das Schauen in den Spiegel zu den gewöhnlichen alltäglichen 
Pflichten des Königs. „Gesalbt und geschmückt beschaue er sein 
Gesicht im Spiegel." Nachdem der Landesfürst den Göttern und 
seinen Lehrern gehuldigt, einem Brahminen eine trächtige Kuh 
geschenkt, sein Gesicht in zerlassener Butter oder in einem Spiegel 
betrachtet hat, möge er erkunden, in welchem Sternzeichen der 
Mond steht usw. 3 . Vor Beginn eines Feldzuges ist die Zeremonie 
der königlichen Spiegelschau von besonderer Wichtigkeit 4 . Das 
erste Morgengeschäft Krsnas ist, unter die Brahminen tausend 
Kühe zu verteilen, glückbringende Gegenstände zu berühren und 
in einen glänzenden Spiegel zu schauen 5 . Das Pantschatantram 

1 Die Sondergötter der Könige sind die ins Übernatürliche projizierten 
Vertreter ihrer eigenen Persönlichkeit; der Gott der Könige ist der König der 
Götter, oder der Ahnherr der Könige, der König des mythischen Zeitalters. 

2 Eine Novelle von Jan Maclaren führt den Titel: „His Majesty Baby." 

8 Zachariae: Zur indischen Witwen Verbrennung. Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde. 1905. 81. Agnipuräna. 234. 6, 7. 

4 I. v. N e g e 1 e i n : Der Traumschlüssel des Jageddevva. (Rel. Vers. u. 
Vorarb. XII. 4.) 1912. Jogayatra, 2. 23. 

5 Zachariae: Witwenverbrennung. Ztschr. d. V. f. V. 1905. 81. Mahab- 
harata. XII. 53. 7. Unter den acht glückbringenden Gegenständen (mangala) 
figuriert in der Regel auch der Spiegel (die andern sind z. B. : svastika, Sonnen- 
schirm, Thron, gefüllter Krug, Muschel, Lampe usw.). Zachariae: Ebenda. 
78. Vgl. über dieselbe Bedeutung dieser Gegenstände (Spiegel usw.) im Traume. 
I. v. N e g e 1 e i n : Der Traumschlüssel des Jagaddevva (Rel. v. u. V. XI. 4). 
1912. 126, 127. Auch in Tibet figuriert der Spiegel an erster Stelle unter den 
acht Glücksobjekten. L. A. Waddell: The Buddhism of Tibet. 1895. 393. In 
Indien unterzieht sich der Haupttrauernde einer Reinigungszeremonie, bei welcher 

6* 



84 Spiegelzauber. 

beschreibt die Kötiigswahl der Vögel und erwähnt unter den für 
die Krönung nötigen glückbringenden Gegenständen auch den 
Spiegel 1 . Das Märchen nimmt offenbar seinen Ausgang von den 
indischen Gebräuchen desselben Zeitalters, denn nach der 
Agnipurana muß der König bei der Krönung in den Spiegel 
schauen 2 . Auch bei den gewöhnlichen Menschen steigert das 
Schauen in den Spiegel das Selbstbewußtsein oder das Glück 
ebenso, wie bei den Königen. In Gudzerat kann man dem durch 
den Unglückstag verursachten bösen Schicksal ausweichen, 
wenn man in den Spiegel schaut oder Reis ißt 3 . Außerhalb Indiens 
ist der Königsspiegel am besten aus Ostasien belegt. In Japan 
werden dem Mikado gelegentlich der Thronbesteigung die 
Regalia überreicht: Der Spiegel, das Schwert und der Edelstein. 
Von diesen hält Aston den letzteren für eine spätere Zutat 4 . 
Die feierliche Überreichung ist von dem Hersagen der Worte 
Amaterasus begleitet, die man natürlich im Sinne eines übernatür- 
lichen Vorbildes für den irdischen Vorgang auffaßt; „Mein Kind, 
wenn du diesen Schatzspiegel siehst, achte das so, als ob du mich 




er verschiedene glückbringende Gegenstände, z. B. einen Spiegel, berührt. 
Zachariae: 1. c. 76. In Bombay ist der Barbier sehr gnädig, wenn er ge- 
stattet, daß der „Patient" einen verschämten Blick in den Spiegel werfe. 
K. Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. 1903. 122. Der Barbier 
gibt übrigens den Spiegel nicht gern aus der Hand, denn die Begegnung mit 
ihm bedeutet nur dann Glück, wenn er mit seinem Spiegel versehen ist. . 
Zachariae: Ebenda. 76. 

i Th. B e n f e y : Pantschatantra. 1859. IL 224. 

2 Z a c h a r i a e : 1. c. 82. Agnipurana. 218. 28. 

s Campbell: Indian Antlquary. XXV. 78. Zitiert bei Zachariae: 1. c. 
78. Das .Glück" ist wahrscheinlich nichts anderes als die Objektivierung des 
gesteigerten Selbstbewußtseins. 

4 W. G. Aston: Shinto. 1905. 135. Die maga-tana, nämlich eine 
Kristallkugel, ist das Ebenbild der Seele des Weibes, das Schwert das der 
Seele des Mannes, und der Spiegel das Symbol der Seele der Sonnengöttin. 
G. Bonsquet: Le Japon de nos jours. 1877. Zitiert bei Wlislocki: 
Vom wandernden Zigeunervolke, 1890. 220. D. Brauns: Japanische Märchen 
und Sagen. 1885. 134=. Die Kristallkugel und der Rundspiegel sind nahverwandte 
Varianten. 



Spiegel und Herrscher. 



85 



selbst sähest" 1 . Mit dem königlichen Spiegel ist zu vergleichen 
vor allem der „sonnenförmige Spiegel", der „mitama" derUrmutter 
der Mikados, der Sonnengöttin 2 . Das mitamashiro („Sinnbild des 
Geistes") oder shintai (Körper Gottes) 3 läßt sich als Ebenbild 
Gottes auffassen. Nach dem Mythos hat man diesen Spiegel vor 
die Höhle gelegt, um Amaterasu, die Urmutter des Mikados, 
welche die Welt in Finsternis gehüllt hielt, damit hervorzulocken, 
nämlich, um damit das Spiegelbild der Sonne aufzufangen. Bisher 
also könnten wir den Spiegel als Symbol der Urmutter der Herr- 
scherfamilie auffassen. Nach japanischer Auffassung ist nämlich 
der Spiegel die Seele der Frau, das Schwert die des Mannes 4 . 
Auf alten Gräbern finden wir häufig die heute die Regalia bilden- 
den drei Insignien, das Schwert, den Spiegel und den Edelstein 6 . 
Wenn also die Symbole des japanischen Herrschers sich in ein 
weibliches (Spiegel) und in ein männliches (Schwert) spalten, so 
ist damit der bisexuell-autoerotische Charakter dieser Regalia 
angedeutet. Es scheint, daß die Herrscherwürde und der Spiegel 
auch in China in irgend einem Zusammenhang standen. Laut 
dem Si-King-tsah-ki hat Kaiser Süen (87 ante Christum), als er 
im Alter von zwei Monaten, in den großen Hexenprozeß ver- 
wickelt, in den Kerker geworfen wurde 6 , auf seinem Körper einen 

1 K. Florenz: Japanische Mythologie. 1901. 199, 200. In alten Zeiten 
soll der Kaiser den Spiegel ins Haar gesteckt haben ; wahrscheinlich als Amulett. 
Die mexikanischen Götter Tezcatlipoca und Huitzilopochtli tragen runde Spiegel 
an der Schläfe. E. S e 1 e r : Gesammelte Abhandlungen zur amerikanischen 
Sprach- und Altertumskunde. 1908. III. 280—282 und bei den Lenguas dienen 
die Ohrgehänge der Medizinmänner als Spiegel. W. Barbrooke-Grubb; 
An Unknown People in an Unknown Land. 1911. 149. Nach einer anderen 
Variante : „Meine Seele ist die Wahrheit und wenn du in diesen Spiegel 
schaust, wirst du die Wahrheit sehen." G. Bonsquet: Le Japon de nos jours. 
1877, zitiert bei W 1 i s 1 o c k i : Vom wandernden Zigeunervolke. 1890. 220. 

2 Aston: Shinto. 1905. 70. „mi-tama" = „Erlauchter Geist, Seele". 
K. Florenz: Japanische Mythologie. 1901. 287. 

3 Aston: 1. c. 100. Flor e nz : 1. c. 98. 

4 W. Mül 1 e r: Japanisches Mädchen im Knabenfest. Ztschr. f. Ethn.1911. 572. 

5 H. Florenz: Japanische Analen. 1903. 260. 

6 1. 1. M. de Groot: The Religious System of China Book. II. Vol. V. 1907.842. 



°6 Spiegelzauber. 

die Dämonen zeigenden und glückbringenden Zauberspiegel ge- 
tragen. Zum Andenken daran hat er, nachdem er, erlöst aus dieser 
gefährlichen Situation, den Thron bestiegen, den Spiegel ständig 
in der Hand gehalten *. Wenn wir die bereits behandelten indischen 
und japanischen Parallelen beachten, erscheint es sehr wahrschein- 
lich, daß der Spiegel früher auch in China zu den kaiserlichen 
Insignien gehörte und daß die obige Sage ursprünglich einen Zug 
des kaiserlichen Rituells erklären soll. 
Der s b <toigiieiie Der Spiegel als königliches Symbol war einst gewiß weiter 
in der sage, verbreitet, denn Überlebsei davon sind in der Sage nachweisbar. 
Die Aufzählung der Sagen wollen wir gleichfalls mit einem asiati- 
tischen Herrscher beginnen. Der legendäre Priester Johannes des 
Mittelalters, in welchem Oppert den Korkhan Karakhitais erblickt, 
beschreibt seinen Zauberspiegel folgendermaßen: „Ante foras 
palcii nostri iuxta locum in quo pugnantes agonisant est speculum 
pretiose magnitudinis et quod per gradus viginti quinque ascen- 
ditur ... In summitate vero supreme columne, est speculum, tali 
arte consecratum quod omnes machinationes et omnia quae pro 
nobis vel contra nos et adiacentibus et subiectis nobis provinciis 
fiunt, a contuentibus liquidissime videri et agnosci possunt. 
Custoditur autem a tribus millibus armatorum, tarn, in die quam 
in nocte. Ne forte aliquo casu frangi possit et deiici" 2 . Der zweite 
mythische Weltherrscher, an den sich das Spiegelmotiv knüpft, ist 
der Jama oder Husrava von Iran, in dessen aus sieben Spiegeln 
bestehenden Kelche sich die Ereignisse der sieben Weltgürtel 
spiegelten 8 . Der in sieben Teile geteilte mystische Kelch Dschem- 



1 I. I. M. de Groot: Religious System. Book. II. Vol. VI. 1910. 1001. 

2 Epistola Presbyter! Joannis. 184—200. Oppert: Der Presbyter Johannes 
1870. 175, 176. Laut Joannes de Hese. „Est ibi etiam speculum continens tres 
lapldes preciosos quorum unus acuit Visum, alter sensum, tercius experientiam 
ad quod sunt electi quattor doctores qui intuendo ipsum omnia sciunt que fiun 
in mundo." Ebenda, 42. Vgl. G. Huth: Die Reisen der drei Söhne des Königs 
von Serendippo. Zeitschr. f. Vgl. Literaturgesch. 1890. III. 309. 

3 G. Hüsing: Die iranische Überlieferung und das arische System. 1909. 
Myth. Bibl. II. 2. 31. V. Jäkel; War der magische Spiegel im Besitztum der 
Vorzeit? Internationales Zentralblatt für Anthropologie. 1903. 262, 263. 



Spiegel und Herrscher. 



87 



schids entspricht nämlich dem „Weltenspiegel" Kai Chosrus, der 
die sieben Weltgegenden zeigt 1 . In der „Schahname" kehrt Kai 
Chosru, der Schah, nachdem er zu Ormuzd gebetet hatte, daß er 
sein Reich vor Ahriman beschütze, in seinen Palast zurück und 
von Glorienschein umgeben. 

.Trat zu dem Weltenbecher hin der Schah, 
Indem er alle sieben Kischwers sah; 
Das Weltall sah er in dem Zauberischen 
Vom Widderzeichen an bis zu den Fischen ; 
Er sah die Himmel, die sich ewig schwingen, 
Sah das Warum und Wie von allen Dingen 
Sah Mond, Saturn und Mars und Nahid rollen 
Und durch den Zauber, den Geheimnisvollen 
Ward alles was verborgen ist, ihm klar 
Und die verhüllte Zukunft offenbar" 2 . 

Alexander der Große hatte auf dem Pharos in Alexandria einen 
Spiegel, der ihm das Land Rum zeigte, die Inseln des Meeres, die 
ankommenden und abfahrenden Schiffe, ferner alles, was die 
Menschen taten. Christliche Schiffe können in den Hafen von Ale- 
xandria erst gelangen, seit ein Grieche den Spiegel zerbrochen hat 3 . 
Offenbar ist auch in der folgenden Sage Alexander der Große gemeint: 
in der Stadt Ca am Nilufer befand sich eine Säule, darauf ein Spie- 
gel, in welcher der König der Stadt Ca alle irdischen Dinge sah 4 . 

1 A. F. v. Schack; Heldensagen von Firdusi. 1855. 71. Über die sieben 
Weltgegenden Ya§t. 10, 15. F. Wolff: Avesta. 1910. 200. Vgl. die Goldpfeifen, 
deren sieben Löcher den sieben Weltgegenden entsprechen; wenn der König in 
ein solches Loch hineinpfeift, erscheint vor ihm alles, was in den betreffenden 
Weltgegenden geschieht. Carra de Vaux: Avicenne. 1900. 294. 

2 Schack: Heldensagen. 1851. 466, so findet er den in Gefangenschaft 
geratenen Bissen am Ende der Welt. Vgl. weiter unten den Spiegel der Königs- 
tochter und den versteckten Freier im Märchen. 

3 Oppert: Der Presbyter Johannes. 1870. 42. Liebrecht: Zur Volks- 
kunde. 1879. 89. (Masudi; Benjamin von Tudela. I. 155. ed. Asher. Earli Tra- 
vels inPalestine. Ed. Wright. 1848.) L. Deslongchamps: Essai sur les fables 
indiennes. 1838. 152—154. Guignes: Notices et Extraits des Manu scrits. I. 25 
ex Hut h: Zeitschr. f. vgl. Lit. 1890. 308. 

4 Liebrecht: 1. c. 88. Orient und Okzident. I. 335. Eine andere Variante 
spricht von mehreren Spiegeln, von denen ein Teil dazu dient, die Seeunge- 



"° Spiegelzauber. 

In einer anderen Variante heißt der reichste König der Erde 
Saurid; dieser hatte aus einer Mischung verschiedener Elemente 
einen Spiegel machen lassen, der alles zeigte, was unter den 
sieben Himmelszonen geschah, wo man den Acker begoß und 
wo nicht. Dieser Spiegel stand auf einer grünen Marmorsäule 
in der Stadt Amsüs (Emesa) 1 . Die Sage haftet auch an anderen 
mythischen Herrschern; so an Nekraus 2 , an Misraim, dessen 
Spiegel für den Spiegel Alexandriens zum Muster gedient haben 
soll 3 , an Koftarim 4 und an Kersounos, dessen Spiegel auf die 
Schiffe seine Anziehungskraft äußerte und sie solcher Art zur 
Mautbezahlung zwang; damit das Schiff dann weiterfahren könne, 
mußte man den Spiegel verhüllen 5 . In Konstantinopel befand sich 
ein magischer Spiegel, den Kaiser Leo der Weise hatte anfertigen 
lassen, in welchem alles klar zu sehen war, was auf der Welt 
sich ereignete, ja sogar auch das, was die Menschen erst planten. 
Als dann jemand Michael beim Gelage meldete, der Spiegel zeige, 
wie sich die Griechen rüsten, um gegen Konstantinopel zu ziehen, 
ließ er den Spiegel in Stücke schlagen, um in seiner Unterhaltung 
nicht gestört zu werden 6 . Die neunte Erzählung des „Über de 

heuer davon abzuhalten, den Strandbewohnern Böses zuzufügen ; andere wieder 
werfen die Sonnenstrahlen auf die Schiffe des Feindes zurück und verbrennen 
die Schiffe; in anderen kann man die auf dem jenseitigen Strande des Meeres 
befindlichen Städte sehen, wieder andere zeigen ganz Ägypten und geben an, 
wo sich eine gute Ernte erwarten läßt. Carra de Vaux: V Abrege des Mer- 
veilles. 1898. 282. Gleichfalls Sa ließ in Memphis einen Spiegel anfertigen, der 
die Zukunft zeigt, besonders wo Dürre zu erwarten ist und wo eine gute Ernte. 

1 Carra de Vaux: L'Abrege des Merveilles. 1898. 201. Liebrecht: 
1. c. 88. Orient und Okzident. I. 331. 

2 Carra de Vaux: L'Abrege des Merveilles. 1898. 175. 

3 Carra de Vaux: 1. c. 234. Den Spiegel läßt ein ihm feindlich ge- 
sinnter König rauben und zerschlagen. 

4 D. s.: 1. c. 238, 250. 

5 D. s.: 1. c. 281. Vgl. auch über diese ägyptischen Spiegel auch M. 
R e i n a u d : Monuments- arabes, persans et turcs. 1828. II. 418, 419. L. 
Deslongchamps: Essai sur les fables indiennes. 1838. 153. 

6 Lieb recht: Zur Volkskunde. 1879. 85. Zeitschrift für deutsche Philo- 
logie. II. 177. Neugriechische Sagen. (Aus einem 1763 in Venedig gedruckten Buche.) 



J 



Spiegel und Herrscher. 



89 



septum sapientibus" berichtet, daß Virgilius in Rom „erexit 
columnam et super columnam posuit speculum, in quo repraesen- 
tabantur omnes apparatus omnes congregationes quae fiebant ad 
destructionem civitatis" 1 . In naher Verwandtschaft zur Säule des 
Virgilius und des Priesters Jahonnes steht die magische, runde 
Säule des Chateau Merveille, welche Klinschor aus dem Lande 
des Feirefis entwendet hatte: 

„Inmitten dieser Herrlichkeit, 

Stand eine Säule, groß und breit, 

Da sah er, was er nie gesehen, 

Die Lande sich im Spiegel drehen, 

Sah Berg und Tal vorübergleiten 

Und Leute stehn und gehn und reiten." 

Arnive erklärt Gawan den Ursprung und die Rätsel der spiegelnden 
Säule: 

„Es sei Geflügel, sei Getier, 

Wer fremd, wer heimisch im Revier, 

Zu Wasser und Gefilde, 

Erscheint im Spiegelbilde " '. 



1 H u t h : Die Reisen der drei Söhne des Königs von Serendippo. Ztschr. 
f. vgl. Lit. 1890. III. 309. K. G ö d e k e : Orient und Okzident. III. 1866. 412. 
Huth gibt zahlreiche Nachweise über Spiegel in den englischen, französischen 
und italienischen Visionen des Buches der „Sieben weisen Meister". In dem 
Buch „Seven Sages" (ed. Wright. 1845. Percy Society LIII.) macht den Spiegel 
Merlin, anderwärts ist überall Virgilius der Anfertiger. Über von Virgilius 
stammende Gegenstände ähnlicher Bestimmung Huth: 1. c. 313. Vier Toten- 
köpfe. (Massmann: Kaiserchronik. 1854. III. 448.) Jede Säule entspricht 
einer römischen Provinz und wenn in irgend einer dieser Provinzen ein Aufstand 
ausbricht, beginnt die Glocke zu läuten. (L. Deslongchamp: Essai sur 
les fables indiennes. 1838. 151. Die sieben weisen Meister. Die fünfte Rede 
der Kaiserin. Von dem Kaiser Octavianus. Benz: Die deutschen Volksbücher. 
1911. 70.) „Mit teuflischer Kunst hat er ein Standbild verfertigt . . ., welches 
Bild jedermanns geheimgehaltene Versündigung dem Kaiser meldete." Gesta 
Romanorum : Reg! Magyar Könyvtär. (Alte ungarische Bibliothek.) Nr. 18, 204. 
Teil LVII. Vgl. J. G. Th. Grässe: Gesta Romanorum. 1905. I. 83, II. 261. 

s Parzival übers. W. Hertz: 1914. XII. 310, 311. Vgl. die Über- 
setzung von Pannier: Parzival Reclam. XII. 589— 592. S. 187— 189. (Der 
Ursprung aus dem Lande des Feirefis zeigt die Einwirkung der Sage von dem 



90 Spiegelzauber, 

Es scheint, als ob die Einleitung des neugriechischen Märchens, 
laut welchem der König einen solchen Spiegel hat, der ihm alle 
dem Reiche nahenden Feinde anzeigt, ein Widerhall der byzan- 
tinischen Sage wäre. Einmal hatte ein Orkan den Spiegel fort- 
geweht und der „Drakos" hängte ihn in seinem Garten auf einen 
großen Apfelbaum, damit, wenn jemand Äpfel stehlen käme, der 
Spiegel die Wächter rufe. Der jüngste Prinz geht zur Mittagszeit, 
als der Drache schläft, zum dem Baume hin, doch als er den 
einen Apfel berührt, erklingt der Spiegel 1 . 



mythischen orientalischen Herrscher, dem Presbyter Johannes auf die Gralssage. 
(Vgl. O p p e r t : Der Presbyter Johannes. 1870. 219.) Gewiß befand sich unter 
den Regalia des Herrschers von Karakhitai, der bei den angrenzenden Herrschern 
in Ost-, Süd- und Mittelasien nachgewiesene Spiegel. Im Zusammenhang mit 
dem hispanischen Schauplatz der Gralssage (Vgl. Oppert: 1. c. 203.) erscheint 
die arabische Sage beachtenswert, die den Tisch Salamonis nach einem Palast 
in Spanien verlegt. Neben dem aus Gold angefertigten mit kostbaren Steinen 
geschmückten Tisch befindet sich der Zauberspiegel, der die sieben Weltgegenden 
zeigt. Carra de Vaux: L' Abrege des Merveilles. 1898. 122. 

1 I. G. v. H a h n : Griechische und albanische Volksmärchen. 1864. I. 
284—286. Vgl. zum Parallelismus zwischen Apfel und Spiegel folgendes aus 
dem Briefe des Presbyters Johannes : „In extremitatibus vero super culmen pallacii 
sunt duo poma aurea, in unoquoque sunt duo carbunculi ut splendeat aurum 
in die et carbunculi luceant in nocte. 161—164 s. Oppert: 1. c. 174. Vgl. 
noch Apfel und Spiegel im Liebeszauber, ferner oben den goldenen Apfel des 
Jesuskindes. 



IV. Liebeszauber. 



But in her web she still delights 
To weave the mirrors magic sights, 
For often thro' the silent nights 
A funeral, with plumes and lights 

And music, went to Camelot: 
Or when the moon was overhead 
Came two young lovers latey wed: 
„I am half sick of shadows* said: 

The Lady of Shalott 
Tennyson: The Lady of Shalott. 

Es ist eine Schwäche und eine Stärke der Ethnologie zu- Ethnologische 

und psycho- 
analytische 



gleich, daß sie sich häufig auch in der Art des Denkens dem 
zu erforschenden Objekt anpaßt, d. h. solche Theorien hervor- 
bringt, welche, sich ganz im Gedankenkreise der magisch-animi- 
stischen Weltanschauung bewegend, etwa den Rationalisierungs- 
versuchen entsprechen, mit welchen zum Beispiel ein Priester 
der Maori seine eigenen unbewußten seelischen Vorgänge zu 
deuten versuchen würde. So wird allerdings immer eine Teil- 
wahrheit getroffen, aber die Tiefe der Deutungen reicht im besten 
Falle bis ins Vorbewußte. So nimmt z. B. Negelein, um die 
Rolle des Spiegels im Liebeszauber zu erklären, seinen Ausgang 
vom gedanklichen Inhalt des Animismus 1 . Wenn nun ein völlig 
Uneingeweihter, der noch nie etwas von Ethnologie oder Psycho- 
analyse gehört hat, diese Probleme zu lösen hätte, würde er 
gewiß von der Rolle ausgehen, die der Spiegel im realen Liebes- 
leben einnimmt und von da heraus die Irrealität, den erotischen 



Deutungen. 



1 Hingegen trifft die durch keine Theorien getrübte Urteilskraft Renauds 
die Wahrheit: „L'homme, naturellem ent amoureux de sa propre per- 
sonne, dut sentir de bonne heure le besoin d'un tableau fidele oü il put se 
contempler lui-meme." M. Reinaud: Monuments, arabes, persans, et turcs. 
1828. II. 390. 



92 Spieseizauber. 

Zauber zu erklären suchen. Eitelkeit-, Spiegel-Liebe, bilden eine 
in jedem Menschen auftauchende, natürliche Assoziationsreihe, 
deren Anwendbarkeit auf den uns beschäftigenden Stoff keinerlei 
psychologische Richtung zu leugnen vermag. Hören wir nun 
Negelein: „Der Übergang von dem Glauben an das Hervortreten 
des Doppelgängers im Spiegel zu dem durch diesen verübten 
Liebeszauber ist leicht zu finden. Die Frau gilt als die natürliche 
Doppelgängerin des Mannes; Mann und Frau sind ein Leib, 

also auch einander ideell ergänzende Teile D a h e r die 

Gabe des Spiegels, dem Jüngling die Zukünftige und umgekehrt 
zu zeigen 1 . Gegeben wäre also zuerst der Glaube an den 
Doppelgänger, zweitens von dem seelischen Zusammenhange 
zwischen Mann und Weib und schließlich sieht der Jüngling auf 
Grund dieser animistischen Dogmen die zukünftige Geliebte im 
Spiegel. Betrachten wir nun unsere Erklärung, von der ich vor- 
ausschicke, daß sie das Wahre hinter der rationalisierenden Kon- 
struktion Negeleins aufhellen wird. Wir wissen, daß die narziß- 
tische Objektwahl in der Weise erfolgt, daß der Betreffende sich 
selbst oder das idealisierte Ebenbild des eigenen Ichs in dem 
geliebten Wesen findet 2 oder mit anderen Worten das eigene 
Ebenbild auf das Liebesobjekt projiziert, diesen anderen Teil 
aber in sich einbezieht, introjiziert 3 und solcher Art psychisch 
gewissermaßen mit dem Gegenstand seiner Liebe den Platz 
wechselt. 4 Was ereignet sich nun beim Liebesorakel? Der 
Spiegelseher müßte in dem Spiegel sein eigenes Bild er- 



1 Negelein: Bild, Spiegel und Schatten im Volksglauben. Archiv für 
Religionswissenschaft. V. 29. 

2 S. Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch f. Psychoanalyse. VI. 

3 S. Ferenczi: Introjektion und Übertragung. 1910. 10. 

1 Vgl. folgenden Passus aus dem Roman von flieh ens: The Woman 
with the Fan. (Tauchnitz, 3735, II, 101.) Die stark narzißtische Heldin trägt 
einen Gesang vor, angeblich nach Jalalu'd dinu'r Rumi. „One day a man came 
to knock upon the door of the being he loved. A voiee cried from within the 
house „Qui est lä?" „C'est moi!" replied the man. The voiee answered „This 
house cannot shelter us both together". Sadly the lover went away into 
the great solitude, fasted and prayed. Er kommt nach einem Jahre wieder, doch 



Liebesizauber. 



93 



blicken, und wenn er statt dessen ein anderes sieht, müssen 
wir sagen, daß dieses andere mit ihm identisch ist. Identisch 
aber deshalb, weil das Verschwinden des eigenen Ebenbildes 
und das Erscheinen des fremden Ebenbildes ein Symptom des 
inneren Vorganges bildet, als dessen Ergebnis die Stelle des 
idealisierten Ichs von der idealisierten Geliebten eingenommen 
wird 1 . Das heißt, das Liebesorakel durch Spiegel- 
schau stellt die Progression der Libido vom Nar- 
zißmus zur Objektwahl dar. Und wenn wir uns an den 
Wortlaut unserer Texte halten, so sagen diese genau dasselbe: das 
Bild des Geliebten im Spiegel zeigt, daß das Mädchen noch im selben 
Jahre heiraten wird. Negelein hat also eine Wahrheit empfunden, 
nämlich den Zusammenhang zwischen Liebe und der Identi- 
fikation 2 , aber er erklärt nicht den Animismus aus dem Unbe- 
wußten oder wenigstens aus dem Affektiven, sondern das Unbe- 
wußte aus dem Animismus. 

Indem wir diese Bemerkungen vorausschicken, gehen wir 
auf die Behandlung der Hochzeitsbräuche über. 

ä) Hochzeitsbräuche. 

Im Gouvernement Tambovsk wird das Mädchen bald heiraten, 
wenn ein Hahn (Symbol des Männlichen) in eine mit Wasser 
gefüllte Schale schaut 3 . Bei Artemidoros heißt es : „Sich im Spiegel 
besehen und darin sein Bild ähnlich zu finden, bringt dem 



diesmal lautet seine Antwort: „C'est toi". „Then the door was opened swiftly 
and he passed in with outstretched arms." Das „Ich" verschwindet im „Du" 
Wenn die abgeschiedene Seele zum Monde gelangt, so wird sie von ihm be- 
fragt „Wer bist Du?" und sie hat zu antworten: „Du bin ich!" Wenn der Ver- 
storbene so zum Monde spricht, so läßt er ihn über sich hinaus gelangen. 
P. Deussen: Sechzig Upanishad's des Veda. 1905. 24, 25. Kaushitaki 
Upanishad. I. 2. 

1 Ideal-, idea-, eidölon (Ebenbild) ! 

2 Vgl. das ausgezeichnete Buch von E. C r a w le y : The Mystic Rose. 1902. 
Besonders p. 260, „Love and identity." 

3 A. P. Zvonkov: Ocerk vjerovanii krestian Jelatomskavo ujezda Tam- 
bovskoj gubernii. Etnograficeskoje Obozrjenie, 1889. 72. 



94 



Spiegelzauber. 



Heiratslustigen, sowohl einem Manne als einer Frau, Glück; 
denn das Spiegelbild bedeutet dem Manne eine Frau und einer 
Frau einen Mann, weil es die Gesichter zeigt, wie diese einander 
die Kinder 1 . Bei den Großrussen wird der Bräutigam zur Braut 
geführt. Er setzt sich ihr auf den Schoß, worauf ihm ein Spiegel 
gereicht wird, damit er sehe, ob das auch seine Frau sei. Der 
Bräutigam sieht in den Spiegel und erklärt, es sei nicht seine 
Frau. Die Braut küßt ihn, er sieht wiederum in den Spiegel, 
erkennt sie aber immer noch nicht. Erst nachdem sie ihn dreimal 
geküßt hat, ruft er aus, daß dies seine Frau sei 2 . Bei den Türken 



i F. S. Krauss: Artemidoros aus Daldis Symbolik der Träume. 1881. 

103. II. 7. Kap. 

2 I. Piprek: Slavische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebrauche. 1914. 
12. 13. Großrußland. Herr N. N. erzählt mir : „Ich saß mit meiner Braut zu- 
sammen, indem ich sie in einer etwas sentimentalen Stimmung anhimmelte. 
Plötzlich sage ich ihr: „Klara, mein Spiegel!" Eine Dame, die dem Autor 
dieser Arbeit nicht gleichgültig gegenübersteht, erzählt ihm, sie hätte geträumt, 
daß sie die Ernennung auf eine vom Autor erwünschte wissenschaftliche 
Stellung erhalten habe und sei hierauf aufgefordert worden über ihr Werk, 
dessen Titel „Zauberspiegel* lautete, einen Vortrag zu halten. Sie habe sich 
aber dabei gar nicht als Frau gefühlt. (Liebe, Identifikation und Spiegel : daher 
kommt im Traume gerade diese Arbeit des Verfassers vor.) Der Bräutigam, der 
sich der Braut in den Schoß setzt, vollzieht eine Regression ins Infantile. Er 
ist das Kind, welches sich in den Schoß der Mutter setzt, um dann auf dem 
Wege der Libidoübertragung in der Braut das Ebenbild der Mutter von neuem 
aufzufinden. Vgl. besonders bei den Russen den Brauch des Snochacestwo, 
demgemäß die achtzehn bis zwanzig Jahre alte Frau die nominelle Gattin des 
vier bis fünf Jahre alten Knaben ist, hingegen den Beischlaf mit dem Vater des 
Knaben ausübt. Schrader: Sprachvergleichung und Urgeschichte. 1906. II. 
360. Meszaros: A csuvas ösvalläs emlekei. (Urreligion der Tschuwasch.) 
1909. 429. 430. Weiteres hierüber anderwärts. Auch ein zweites Säugenlassen 
des Bräutigams kommt vor. In Bretagne: „It is the custom for a girl just 
wedded to make an incision under the left breast immediately the ceremony 
in church is over. The bridegroom then applies his ups and sucks a drop of 
her blood. F. C. Conybeare: A Brittany Marriage Custom. Folk-Lore. 1907. 
448. Der junge swanetische Ritter, der der Dame seines Herzens „dienen" 
will, fällt vor ihr auf die Knie und fragt sie, ob er ihre Brust mit den Zähnen 
berühren soll, oder ob sie ihm dasselbe tun will ; „that is to sey, whether she 
will be his mother, or he shall be her father." Im ersten Falle öffnet er ihr 



Liebeszauber. 



95 



setzt sich das Paar auf einen Diwan und eine alte Dame zeigt 
ihnen in einem Spiegel ihre vereinten Gesichter „expressing at 
the same time her best wishes for the continuance of their 
present harmonious union" 1 . 

Einen beredteren Beweis für den Zusammenhang zwischen 
Spiegelschau und Libidoübertragung können wir uns wohl nicht 
wünschen. Desgleichen wird in Nagyszalonta das Mädchen, wenn 
es vor dem Spiegel mit dem Burschen redet, von diesem ge- 
heiratet werden 2 . Im Dithmarschen wird das Mädchen, das vor 
dem Spiegel sitzt, noch im selben Jahre Braut 3 . Der ungarische 
Volksglaube ist vollständiger, denn er gibt auf einmal das Sub- 
jekt der Übertragung (das Mädchen), den Gegenstand, der den 
Weg der Übertragung symbolisch bezeichnet (der Spiegel) und 
das Objekt der Gefühle (der Bursche), während im Dithmarschen 
von den beiden ersten auf das dritte gefolgert wird. Bei den 
Nambutiri an der Malabarküste hält der Bräutigam einen Stock 
und einen Ring, die Braut einen Pfeil und einen Spiegel in der 
Hand 4 . Bei den altindischen Heiratszeremonien legt der Bräutigam 
in die rechte Hand der Braut einen Stachel des Igels, in ihre 



Kleid, streut Salz auf ihre Brust. (Vgl. Jones: Die Bedeutung des Salzes. 
Imago. I. 361) und berührt die Brust mit den Zähnen, indem er dreimal wieder- 
holt: „Du Mutter, ich Sohn." S. Singer: Blood-Kinship, Folk-Lore. 1908.343. 
Vgl. St. Cisze wski: Künstliche Verwandtschaft beiden Südslaven. 1897. 
103—111. 

1 L. M. J. Garnett: The Women of Turkey. 1891, 488. 

2 S. 1 1 y ä n : Babonagyüjtemenye. (Aberglaubensammlung) Szalonta. 
F.F. L. Kocsis: Nagyszalontai babonagyüjtemeny. (Nagyszalontaer Aberglauben- 
sammlung.) 8. Szalonta. F. F. 

3 Carstens: Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 
Zeitschrift des Vereines für Volkskunde. 1913. 280. 

4 Z a c h a r i a e : Witwen Verbrennung. Z. d. V. f. Vk. 1905. 80. R. S c h m i d t : 
Liebe und Ehe in Indien. 1904. 371. Haberlandt: Spiegel. Zeitschrift für 
Völkerpsychologie. XIII. 330. Stock und Pfeil sind offenbar Symbole des Phallos, 
Ring und Spiegel der Vagina. (Vgl. zum Ringe O. R a n k : Die Nacktheit in 
Sage und Dichtung. Imago. II. 436.) Es ist beachtenswert, daß die gegen- 
seitige Identifikation des Bräutigams und der Braut in der paargemäß gleich- 
wertigen Verteilung der Symbole (Stock = Pfeil, Ring = Spiegel) zum Ausdruck 



96 



Spiegelzauber. 




linke einen Spiegel 1 . In Pundjab zeigt vor der Hochzeit der 
Barbier dem Bräutigam, die Friseurin der Braut, einen Spiegel und 
dafür bekommen sie Geschenke 2 . In Schaumburg-Lippe sind die 
Brautknechte und ihre Pferde mit kleinen Spiegeln geschmückt 3 . Bei 
den Rumänen nimmt die Braut zur Trauung einen kleinen Spiegel 
mit, den sie vom Bräutigam erhalten hat und in den Busen 
steckt 4 . Im Kindesalter läßt man gleichsam die Präludien dieser 
Zeremonie abspielen. Die Alfuren von Minahasa nennen die 
zwischen Kindern geschlossenen symbolischen Heiraten, die dazu 
dienen, „om den kinderen daardoor de voorbeschicktheid 
te geven later te kunnen trouven " 5 , Spiegelhochzeiten. Im Komi- 
tate Komärom (Ungarn) wirft man das Tuch des von der Taufe 

gelangt. Hinsichtlich der Gleichwertigkeit von Pfeil und Stock vgl. : In Tranan- 
core bei den Kschatriya hält die Braut einen pfeilartig zugespitzten Bambus- 
stock und einen Spiegel in der Hand. Zachariae; 1. c. nach I. Jolly. 
Opstelle geschreven ter eere van H. Kern. 1903. 179. Pfeil und Spiegel als 
Hochzeitsgeschenk auch bei den Näyar. T h u r s t o n : Castes and Tribes of 
Southern India. 1909. V. 331. In der Hand der Braut, ebenda. 321. Bei den 
Kshatriya „The mother of the bride gives her a brass mirror and a garland, 
both of which she takes in her hand to the altar where the marriage is to be 
performed", ebenda. IV. 86. Nach dem Pubertätsbad bekommt sie ebenfalls 
einen Metallspiegel, ebenda. IV. 87. Vgl. ebenda VII. 226. R. Schmidt: 
Liebe und Ehe im alten und modernen Indien. 1904. 369. B. Stern: Medizin, 
Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei. 1903. II. 114. Piprek: 
Slavische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebräuche. 1914. 5. M. Gj. Milicevic: 
Der serbische Bauer in der Jugend. Donauländer. 1898. 94. Zum Ring als 
Symbol der Vagina vgl. das folgende Verfahren zur Wiedererlangung der ver- 
lorenen Zeugungsfähigkeit, „pisses a travers de votre anneau nuptial", Gri- 
m o i r e ou la Magie naturelle. A la Haye. Ohne Jahreszahl. S. 336. 

1 A. H i 1 1 e b r a n d t : Ritual Literatur. Vedische Opfer und Zauber. 
(Grundriß der indo-arischen Philologie. III. 2.) 1897. 65. Die Stacheln des Igels 
werden von der naturdeutenden Sage als Speere erklärt. R 6 h e i m : Zwei 
Gruppen von Igelsagen. Zeitschrift des Vereines für Volkskunde. 1913. 409—414. 
Vgl. oben den spitzen Stock und Pfeil. 

2 Mündliche Mitteilung des Herrn Umrau Sing Shergill. 

3 P. Sartori: Sitte und Brauch. 1910. 1. 83. Nach Niedersachsen II. 103. 
4 G. Moldovän: A magyarorszägi romänok. (Die ungarländischen Ru- 
mänen.) 1913. 162. 

5 G. A. W i 1 k e n : De Verspreide Geschriften. 1912. I. 153, 472, 473. 



Liebeszauber. 



97 



heimgebrachten Mädchens, womit dieses zugedeckt war, auf den 

Spiegel, damit es umschwärmt und begehrt werde und früher 

einen Mann bekomme 1 . Derselbe psychische Mechanismus, der Hochzeits- 

diese Riten zustande brachte, hat auch im Märchen Spuren hinter- mÄÄ. 

lassen. Unter den drei magischen Gegenständen, mit deren Hilfe 

die Freier die Liebe der Angebeteten gewinnen, spielt auch der 

Zauberspiegel eine Rolle. In einem russischen Märchen bringt 

von den drei Freiern der eine einen Zauberwagen, der andere 

heilwirkende Äpfel, der dritte aber einen magischen Spiegel, 

welcher alle Dinge zeigt«. In einer rumänischen Variante kommen 

der fliegende Teppich, der Spiegel Salamonis, „worin man alles 

sehen kann, an was man denkt", und schließlich der Apfel, der 

die Genesung bringt und vom Tode auferstehen macht, vor 8 . Im 

neugriechischen Märchen sind die drei magischen Gegenstände 

der Hut, der unsichtbar macht, der Beutel des Fortunatus und 

der Zauberspiegel. Den Spiegel hat der Vater des Helden von 

einer dankbaren Schlange bekommen. Als der Held in den 

Spiegel hineinschaut, sieht er darin die Prinzessin der Stadt, in 

die er sich sofort verliebt 4 . 

Es folgt nun die Kehrseite der Medaille. Das Mädchen, das Negative Riten, 
bereits Braut ist, darf nicht in den Spiegel schauen, denn das 
würde eine Regression auf dem bereits zurückgelegten Wege 
bedeuten. Bei den Bulgaren wirft am Samstag nach der Trauung 
die Braut den Spiegel und das Silbergeld in den Brunnen, welche 
Verrichtung sie mit aufgelöstem Haar vornimmt 5 . Die amerika- 

1 J. Borvendeg: Babonäk (Aberglauben) 6. Komitat Komärom. Äcs 
F. F. Gy6r. 

2 J. A. M a c u 1 1 o c h : The Childhood of Ficton 1905. 36. Nach N a a k e • 
Slavonic Fairy Tales. 1874. 194. 

3 Sainenu: Basmele Romane. 1895. 771. Parallelismus von Spiegel 
und Apfel. 5 

* I. G. von Hahn: Griechische und albanesische Märchen. 1864 II 
202. 203. ' ' 

5 G. Czirbusz:A temes es torontälmegyei bolgärok. (Die Bulgaren in 
den Komitaten Temes und Torontäl.) 1913. 74. Das Haarauflösen ist eine an- 
gedeutete Nacktheit. All diese Riten zeigen nur den Spiegel, d. h. den Narziß- 

Spiegelzauber. „ 



98 



Spiegelzauber. 



nische Braut darf nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn sie 
die Brauttoilette bereits beendet hat. In der Regel pflegen die 
Bräute sich genau im Spiegel zu mustern und erst dann die Hand- 
schuhe anzuziehen 1 . Bei den Polaben darf sich das Brautpaar wäh- 
rend des Kirchganges nicht umsehen und vorher nicht in den Spiegel 
gucken, sonst sterben beide bald 2 . In Worcestershire darf die Braut 
nicht in den Spiegel schauen, wenn sie sich für die Hochzeit bereits 
angezogen hat 3 . Ein Mädchen, das vor dem Spiegel sitzt, d. h. 
an seinem Narzißmus festhält, bekommt keinen Mann 4 und eine, 
die so unter dem Spiegel zu sitzen kommt, daß ihr Kopf auf die 
Mitte des Spiegels fällt, wird nie heiraten 5 . Bei den Rumänen 
darf sich ein Mädchen nicht dorthin setzen, wo ein Spiegel ist, 
denn sie bleibt sieben Jahre unverheiratet 6 . Wenn man in Deutsch- 
böhmen bei einer Hochzeit auf ein Kanapee zu sitzen kommt, 
über dem ein Spiegel hängt, so bleibt man noch sieben Jahre 
ledig 7 . In England und Neufchätel bedeutet es Unglück, wenn 
die Braut am Hochzeitstage ihr Kleid im Spiegel betrachtet. Die 
wallonische Braut darf, wenn sie zum ersten Male das Haus des 

mus als den Weg der Libido. Die positiven Riten sind in diesem Falle die 
Symbole der zur Objektwahl fortschreitenden, progressiven, die negativen, die 
der gegen den Autoerotismus regredierenden (neurotischen) Libido. 

1 K. K n o r t z : Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart. 1913. 42. 43. 

2 F. T e t z n e r : Die Slawen in Deutschland. 1902. 372. 

3 S. O. A d d y : Sraps of English Folk-Lore. Folk-Lore. 1909. 345. 

4 J. Q a a 1 : Nepköltesi termekek. (Volksdichtung.) F. F. 1914. 17. 
ä Nagy: Bäcsmegyei babonäk. (Aberglauben aus dem Komitat Bäcs) 

Ethn. 1896. 181. 

6 Fi 1 i m o n : Beszterczevideki oläh babonäk. (Rumänischer Aberglaube aus 
Besztercze.) Ethn. 1912. 346. Oder sie wird (Komitat Szeben) sieben Tage lang in 
allem Unglück haben. Meszäros: 1. c. 1915. 239. Nach T. Schmidt (Handschrift). 

7 A. John: Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen. 
1905. 250. Bei der Hochzeit tritt der Narzißmus vor der Objektwahl zurück; 
wer auch dann noch am Spiegel, nämlich an dem eigenen Ich haftet, dessen 
Fixierung an sich selbst, wird die Übertragung der Libido noch eine Zeitlang 
verhindern. „Sieht die Braut im Hochzeitsschmucke in den Spiegel, so wird 
sie stolz und hochmütig." E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im säch- 
sischen Erzgebirge. 1909. 94. 



Liebeszauber. 99 

Gatten betritt, sich nicht in einem Spiegel sehen 1 . Nach schwe- 
dischem Volksglauben verliert das Mädchen, das bei Kerzenlicht 
in den Spiegel schaut, seinen Geliebten 2 , wir können hinzufügen, 
deshalb, weil es sich von dem Geliebten sich selbst zugewendet 
hat. Eine solch e Regression ist mi.t dem Aufleben 
der vergessenen oder verdrängten Erinnerungs- 
bilderverbunden. Sie figuriert in diesem Sinne im Märchen- 
typus von Amor und Psyche, wo das In-den-Spiegel- 
schauen des Mädchens Vorzeichen oder Folge 
des Heimwehs ist. In einem masurischen Märchen bemerkt 
das Ungeheuer, daß dem Mädchen etwas fehlt, daß es sich heimsehnt 
Das Ungetüm gibt dem Mädchen einen Spiegel, worin es seine An- 
gehörigen sehen kann. In den Spiegel schauend, bemerkt die Schöne 
daß die Ihrigen zu Hause herumspringen, sich freuen und singen. Dar- 
über wird sie ganz traurig, weil man sich zu Hause um sie nicht mehr 
kümmert und ihr Heimweh ist vergangen. Nach einigen Tagen 
erfaßt das Heimweh sie von neuem und sie kehrt nach Hause 
zurück 3 . In der Grodnoer kleinrussischen Variante ersieht sie aus 
dem Spiegel, daß die Ihrigen gestorben sind; sie weckt sie mit 
einem Apfel wieder zum Leben*. - In einer italienischen Variante 
geht Zehnda in den Garten eines Ungetüms, will aber nicht 
seine Gattin werden. Da sagt ihr einmal das Monstrum- Höre 
mich an Zelinda: Vom Schicksal ist beschlossen, daß wenn Du 
Dich weigerst, mich zu heiraten, Dein Vater sterben muß 
Sein Leben naht bereits dem Ende, Du wirst ihn nicht mehr 
wiedersehen«. Um seine Worte zu beweisen, zeigt das Ungetüm 
Zehnda im Zauberspiegel den Vater, wie er auf dem Totenbette 

1 S Seligmann: Der böse Blick. 1910. I. 181. Nach J. H Bon- 

Z iQif?£ M e t C M ätel0iSe " 1865 - L *' Samter: Geburt ' Hochz ' e « «*> 
lod. 1911. 135. Nach Monseur: Le Folk-Lore Walion. 36. 

2 K. Knortz: 1. c. 42. Sie verliert der Männer Gunst. Grimm: 1. c. 
lil. 478. 

3 M. Toeppen: Aberglauben aus Masuren. 1867. 144. Bolte-Polivka- 
Anmerkungen zu den K. u. H. M. II. 245. 

,„„ M B ,°ii 6 ; P0liVka: Ann,erkun S en n- 245. Nach Cubinskij: Trudy II. 
444. Nr. 136. Wieder Apfel und Spiegel. * 



*"" Spiegelzauber. 

liegt. Zelinda verspricht, ihm eine treue Frau zu sein, wenn es 
das Leben des Vaters rettet, worauf statt des Ungetüms plötzlich 
ein herrlich schöner Jüngling vor ihr steht, der Sohn des „Königs 
der Orangen" 1 . Die im Spiegel als tot geschauten Verwandten 
bezeichnen autosymbolisch das Absterben, das Verblassen der 
Erinnerungsbilder des elterlichen Heims und gleichzeitig die 
darüber empfundenen Gewissensbisse 2 . — In einer Variante aus 
der Schwalmgegend sagt die Tochter des Kaufmanns ihrem Gatten, 
dem schwarzen Tier: „Ich fürchte mich so, ich weiß nicht wes- 
halb. Ich fühle, als ob mein Vater oder meine Schwester krank 
wären. Wenn ich sie nur ein einziges Mal sehen könnte". Darauf- 
hin führte das Tier sie zum Spiegel; als sie hineinschaute „war 
es recht als wäre sie zu Haus ; sie sah ihre Stube und ihren 
Vater, der war wirklich krank aus Herzeleid, weil er sich Schuld 
gab, daß sein liebstes Kind von einem wilden Tier geraubt und 
gar von ihm aufgefressen worden sei". Sie erbittet die Erlaubnis 
zur Heimkehr, aber nach acht Tagen muß sie zu dem Tier zu- 
rückkommen. Ihr kranker Vater stirbt und in ihrer Trauer bricht 
sie das dem Gatten gegebene Wort. Endlich fällt ihr der Gatte 
ein. Zurückgekehrt, findet sie alles in tiefer Trauer, „der Garten 
aber war ganz Winter und von Schnee bedeckt" 3 , das Tier ist 

1 Crane: Italian Populär Tales. 1885. 10.11. Montale bei Plstoia. Bolte- 
Polivka; 1. c. II. 243. 

2 In einer tieferen Schichte des Unbewußten bedeuten die toten Ver- 
wandten die aus den Hemmungen der Libido entstandenen Todeswünsche. 
Darum lebt der tote Vater wieder auf, wenn die Libido im Sohne des „Königs 
der Orangen" ein neues Objekt findet. 

3 Die Winterlandschaft ist eine Projektion der erkalteten Libido auf die 
Umgebung, ebenso wie die Dornenhecke des schlafenden Dornröschens (vgl. 
Bolte-Polivka: I. c. I. 434-442) die Hemmungen bedeutet. (In unserem 
Märchen ist die Projektion eine vollständigere, hier ist der Gatte „tot", während 
es doch eigentlich die Heldin ist, die „schläft".) In den Gralromanen wird Erfolg 
oder Mißerfolg des Helden (bzgw. das Unterlassen der Frage) durch den Zu- 
stand des Landes (Fruchtbarkeit — Unfruchtbarkeit) dargestellt. Vgl. J. L. 
Weston: The Quest of the Holy Grail. 1913. 36 D. s.: The Legend of Sir 
Perceval. II. 1909. 277, 292, 311, 335. Die erlösende, aber nicht gewagte Frage, 
bezieht sich auf das Ziel der infantilen Sexualforschung, die eigene Geburt 



Liebeszauber. 101 

tot. Sie weckt es zum Leben, und da verwandelt es sich in einen 
Prinzen 1 . — Eine hannoveranische Variante zeigt auch das Spiegel- 
Tabu nur in der Projektion auf die Kammerfrau. Der Gatte 
(= Rabe) gibt der Prinzessin einen Spiegel, in welchem sie alles 
sehen kann, was im Palast ihres Vaters geschieht, aber die 
Kammerfrau darf nicht hineinschauen. Einmal vergißt die Prin- 
zessin den Schlüssel, die Kammerfrau geht in das Gemach hinein, 
schaut in den Spiegel, worauf der Rabe sie zerreißt. Die Prin- 
zessin muß nun fortgehen und für sieben Mägde sieben Jahre 
lang dienen 2 . Der letztere Zug zeigt deutlich, daß die Kammer- 
frau nur eine „Abspaltung" der Prinzessin ist. In einer französi- 
schen Variante sieht das Mädchen seine Verwandten im Zauber- 
spiegel, die neidischen Schwestern halten sie über den zehnten 
Tag zurück, worauf sie den Gatten halbtot findet 8 . Charakteristisch 
ist die Schwankung zwischen dem Tier-Gatten und der Vater- 
Imago; von diesen beiden ist stets der ferne Abwesende, der 
Verlassene gleichzeitig auch der Verstorbene. In einer römischen 
Variante gibt der Gatte der heimkehrenden Frau den Spiegel 
mit und in diesem sieht sie nicht den Tod des Vaters, sondern 
den des Gatten, zu welchem sie nicht zur versprochenen Zeit 
zurückgekehrt ist 4 . Im ungarischen Märchen sinnt das Mädchen 
darüber, wie gerne es die Eltern besuchen möchte. Am anderen 
Tage findet die Schöne auf einem Zettel die Worte: „Du darfst 
nicht nach Hause gehen, denn Du würdest meiner vergessen". 
Das Mädchen schwört, es werde niemals seiner vergessen. Es 
bekommt einen Ring, wenn es diesen stets am Finger trägt, wird 
es an den Gatten denken. Ferner einen Spiegel, in diesem wird 
es sehen, was er macht, wie es ihm geht. 



(Speer und Schüssel?) ein Gegenspiel zu der verbotenen Frage. Vgl. O. Rank: 
Die Lohengrinsage. 1911. 53. Nur der wird zum Gralkönig (= Vater, Erwach- 
sener), der das Frageverbot durchbricht. 

1 Bolte-Polivka: Anmerkungen II. 233, 234. 

2 D. S.: Eb. da. 230. 

3 Ds.: 1. c. II. 243. nach Beaumont: Magazin des enfants 1760.1.61. 

4 R. H. Busk: The Folk-Lore of Rome. 1874. 117. Bolte-Polivka: II. 243. 



102 *■•!*. 

SpiegeLzauber. 



Die Geschwister nehmen dem Mädchen beides weg und so 
ver gl ßt es an das Tier. Endlich erscheint ihm das Tier im Traume 
mit zerschmettertem Körper und bittet um Hilfe. Sowie das 
„Madchen erwacht, nimmt es die Zauberobjekte zurück" sie 
schaute in den Spiegel und sah ihr geliebtes Tier ohnmächtig 
in seinem Blute liegen. - Zu Hause findet es das Tier in der 
Gruft und weckt es zum Leben 1 . - Auch in den Märchen der 
primitiven Völker finden wir das Motiv der neubelebten Er- 
innerungsbilder ähnlich dargestellt. In einem Sentah-Märchen 
langt Se Jura im Himmel an, bei den Plejaden. In einem unbe- 
wachten Augenblick schaut er in ein großes Gefäß und sieht daselbst 
seine auf Erden zurückgelassenen Verwandten 2 . — In einem 
Märchen der Bavili sind Mavungu und Luemba Zwillinge Ma- 
vungu und die Tochter des Nzambi (Himmelsgott) verlieben 
sich auf den ersten Blick ineinander und Nzambi gibt ihm die 
Tochter zum Weibe. Nach der ersten Nacht sieht Mavungu daß 
das ganze Haus voller Spiegel ist, die aber alle verhängt 'sind 
Die Tochter Nzambis zeigt ihm in einem dieser Spiegel seine 
Vaterstadt, in einem anderen Spiegel ein Dorf und so in jedem 
ein anderes Dorf, nur einen Spiegel will sie ihm nicht zeigen. 
~ In diesem ist nämlich das Bild jener Stadt, von welcher noch 
niemand zurückgekehrt ist. Mavungu schaut aber doch hinein und 
naturlich macht er sich dann auf den Weg, um das früher Gesehene 
w ^ blld ÄA aufzusuche n- Dasselbe geschieht mit Luemba, den das 
Weib für Mavungu hält. Auch dieser gelangt in die Stadt der Ge- 
fahren, aber es gelingt ihm, die Hexe zu überwinden und den Bruder 
sowiejhejmdern Verzauberten wieder zum Leben zu wecken 3 . 

x L. K ä 1 m ä n y : Ipoly Arnold mesegyüjtemenye. (A. Ipolvis Volks- 
inärchensammlung.) Magyar Nepkum Gyüjt. XIII. 1914. 227, 228 

1896. I. 307 lgR ° th: ^ NaÜVCS ° f Sarawak and B«ish- North -Borneo. 

r> L^'u' R - E - D e n n e * t: Notes on the Folk-Lore of the Fjort. 1898. 60-64 
Das Märchen gehört zum Perseus-Typus. (Zweibrüder-Märchen.) Vgl. Bolte-' 
PoUvka: Anmerkungen. 1913. I. 528-556. Grimm No. 60. E S Hart- 
and: The Legend of Perseus. 1894-96. I.-III. Es ist europäischen Ursprungs 
aber stark mit autochthonen Elementen vermischt Ursprungs 



Liebeszauber. 



103 



Auf Grund der bisherigen Ergebnisse können wir auf die Totenhochzeit. 
Erklärung des bei der Verbrennung der Hinduwitwen figurieren- 
den Spiegels übergehen, die Zachariae trotz seiner gründlichen 
Beherrschung des indischen Folk-Lore-Materials nicht gelungen 
ist 1 . Nach der Beschreibung Balbis erwartet in Negapatam die 
Witwe ihre Verbrennung auf einem Stuhle sitzend, sie hält in 
der Linken einen Spiegel, in der Rechten eine Zitrone, mit 
welcher sie spielt 2 . Ibn Batoutah hat in Nordindien die Zere- 
monie beobachtet; die der Verbrennung vorausgehenden Tage 
verbringen die Witwen bei Spiel und Unterhaltung, am vierten 
Tage setzt man sie zu Pferd, gibt ihnen in die Rechte eine 
Kokusnuß, mit der sie sich spielen, in die Linke einen Spiegel, 
in den sie hineinschauen sollen und so verbrennt man sie 3 . — 
Noch charakteristischer ist die aus dem Jahre 1567 stammende 
Beschreibung des Cesare Frederici. Nach derselben wurden die 
Witwen im Brautstaat in der Stadt herumgeführt, bei dieser 
Prozession hielten sie in der Linken einen Spiegel, in der 
Rechten einen Pfeil 4 . — Honigberger erzählt, daß vor der zu 
opfernden Königin rückwärts schreitend, nämlich das Gesicht 
der Königin zugewendet, ein Mann ging, der in der Hand einen 

1 An einer Stelle (Zacharia e; Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde, 1904, 
1. c. 209) beginnt er sich der richtigen Erklärung zu nähern, aber sehr unbe- 
stimmt. Er leitet ein „fast werden wir zu dem Schlüsse gedrängt" — doch später 
verschiebt sich die Untersuchung nach einer ganz anderen, irrigen, Richtung. 

2 Zachariae: Zur indischen Witwenverbrennung. Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde. 1904. 207. In der lateinischen Übersetzung heißt es statt 
Zitrone „malum aureum". 

3 C. Derremery et B. B. Sanguinetty. Voyages d'Ibn Batoutah. 
1877. III. (Societe Asiatique.) 138, 139. .Toute paree et parfumee" setzen sie 
sich aufs Pferd bevor sie in das Feuer springen, entkleiden sie sich, baden, 
verteilen Almosen. — Eb. da. 140. 

4 Zachariae: 1. c. 209. Eine aufzuopfernde Frau trägt in der Rechten 
eine Kokusnuß, in der Linken ein Messer und einen kleinen Spiegel, in 
welchen sie fortwährend hineinschaut. — Vgl. folgenden jüdischen Hochzeits- 
brauch aus Bagdad. „The bride, closely veiled by her attendants Is put on a 
horse which a relative of the groom leads, while another holds a mirror betöre 
her face. The Jewish Encyclopedia. VIII. 1904. 346. 



104 

Spiegelzauber. 



Siegel hielt damit die Königin sehen könne, daß ihre Gesichts 
züge S ,ch nicht geändert haben, sie also keine Ursache h«ht" 
geh zu ängstigend - Damit stimmt auch d e S ch eibun^ 
Orhchs uberein, der bemerkt, es habe der Königin be der Pro 
Zession sichtlich wohlgetan, endlich einmal die Reize ihrer Schön" 
hat vor der Öffentlichkeit zeigen zu können und sie hZ t 
sorg, bald auf das Publikum "bald in den Spiegtl geschau ob" 
an ihren Gesichtszügen nicht irgend eine AEJLfwkbar 
w t ' ~ • C o 6mer anderen Varia «te zeigen die PriesTer der 
Witwe einen Spiegel und um sie leichter zu dem Opfe zu übe 

der sVT n 1 lhr " dem Spie ^ el de * vmrtÄ^ 
cngKeit zu teilen. — Aus alledem geht deutlich hervor daß 
die Verbrennung der Witwe die Wiederholung der Hnl' f 

!!!!! ein J nlien die ^ ^r^SS, 1 * 

lande.' 185 a i! h lio r . iae: '' * ^ ^^ Honi g be ^ Süchte aus dem Morgen- 
° Ds a .Eb a da a l^ b ch?ft n d C es V "? °; Hc ^ Reise * Ostindien. 1845. 103. 

about Bering Stfait XVm'' Inn^T^ T,t E ' W " Nelson: The ^imo 
logy. 1899t 879 JankT A Sa S. BUreaU ° f Amerkan Eth - 
der Plattenseegegend) 1902 403 n th S f ° SS3g "T^ 3 ' ( Ethn0 ^phie 
gebrauche bei dL Türkin.! 7« i ?' Katanov: Üb « die Bestattungs- 
103. Flachs: IJSSSTS^^t **?- Ke,eti SzemIe " <■ «** 
donyi: A ha.iotas tänef (Stent ' l] " E I^TT^IT Vf 
kezesi nepzokäsok Szeperi vMpW„ m »I i • Cser zy: Temet- 

Neprajzi Irtesite i 19U S E In h ( Beg a rabni f äuche der Gegend von Szeged.) 
sischen Erzgebirge 1909 1*28 /n L^T' ^ ™ d Brauch im sä <*- 
ditional Rernains g 1895 125 W H ' P P y: """^ TdeS With other ** 
5W, 701. R. F. Johns ton- L a , n""' ^ T ° daS - 1906 - 366 > 392 - 
205. H. Speer Maiia« Customs „T^T," "" N ° rthem China ' 191 °" 2 <* 
273. Sart'ori: ESÄ^ T l tte Cy^ F ?!tS ^^ 1Wa 
1910. 153. Ud - 22 - D - s - Sitt e und Brauch. I. 

5 Zachariae: 1. c. 1905. 81. Indian Antiquary XI. 143. 



Liebeszauber. 105 

sie keine neue Ehe eingehen darf. Doch wenn auch die Rolle 
des Spiegels vom Standpunkt des Ritus eine einfache Wieder- 
holung des Hochzeitsbrauches ist, so bedingt der bedeutende 
Unterschied zwischen diesen beiden Situationen je eine andere 
seelische Einstellung seitens des Teilnehmers und eine andere 
Erklärung seitens der Psychologie. — Wir halten wieder an der 
von Zachariae so überlegen außer acht gelassenen wörtlichen 
Erklärung fest: Die Witwe schaut deshalb in den Spiegel um 
sich von der eigenen Schönheit zu überzeugen und um die Furcht 
abzuwehren, mit anderen Worten, damit die narzißtische 
Libido die Stimme der Todesangst übertöne* — 
Hingegen ist es offenbar, daß der Weg, den bei der Heirat die 
Libido vom Narzißmus bis zur Objektliebe zurücklegt, sich hier 
an der Schwelle des Todes wiederholt. — Nach der letzten Be 
Schreibung sieht die Witwe im Spiegel nicht sich selbst, sondern 
den verstorbenen Gatten und es läßt sich als sicher annehmen 
daß ln das Ergötzen über die Schönheit der eigenen Züge die 

* Vgl weiter oben in der Beschreibung Orlichs die exhibitionistische 
Tendenz mit hemmenden Angstvorstellungen. Im Text war das Übertönen eine 
.zufällig« gewählte Methapher, doch wie sehr so etwas nicht zufällig geschieht 
und was für eine dünne Wand die Methapher von der Wirklichkeit des Ritus 
scheidet, zeigt die seither bemerkte Angabe des Ibn Batoutah: Wenn die 
Witwe in das Feuer springt, „les timbales, les clairons et les trompettes reten- 

87? itSfi *'■?"? m ?'o B ' San e uinet ": Voyages d'Ibn Batoutah. 
1877. (Societe Asiat.que.) III. 1877. 141. Das Entstehen der Totentänze und 
Schmausereien aller Art bei Todesfällen. Vgl. (Sartori: Die Speisung der 
Toten. 1993. R e t h e i - P r i k k . 1: Magyar halottas tänczok. Ungaris he fote" 
tanze. Ethn. 1906. 167. A. d e Gub er natis: Storia popolare degli usi fu- 
nebri. 1873. 105) dürfte wohl zum Teil den inneren Mechanismen zuzuschreiben 
sein d,e stets darauf gerichtet sind, eine unlustvolle durch eine lustvolle 
Situation zu ersetzen. Vgl. Pikler: Das Grundgesetz alles neuropsychischen 
Lebens. 1900. 69. In Neu-Mecklenburg werden erotische Tänze, haupScWich 
bei den zu Ehren der Verstorbenen stattfindenden Festlichkeiten aufgeführt 
R.Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 276, 277 Die Todes' 
gedanken werden also durch eine energische Lebensbejahung verdrängt. 

tZJr r l Her ^ er2ählt ' daß er an de * Tagen, wo irgend ein Be- 
kannter begraben wird, womöglich den Beischlaf ausübe oder zumindest 
daran denke. 



Spiegekauber. 

Vorstellung mit hineinspielt, ob sie dem toten Gatten noch ge- 
fallen werde 1 . — 

b) Reinkarnation. 

wiedOTg^Ct 1 _ Die narzißtische Libido, die stets das eigene Selbst sucht, 
findet in der Realität, in der Außenwelt einen von der Natur 
gegebenen Zielpunkt in der Nachkommenschaft, in welchem die 
Eltern das eigene Ebenbild wiederfinden. Die Seele des Vaters 
oder des Großvaters erscheint von neuem in dem Kinde, d. h. 
das Beisammensein mit dem Kinde gibt den Eltern Gelegenheit 
zur Wiederbelebung der eigenen narzißtischen Libido, um so 
im Kinde und mit dem Kinde die eigene Kindheit wieder zu 
erleben 2 . 

Der den apokryphen Apostelgeschichten entnommene, gno- 
stische „Hymnus von der Seele" läßt die menschliche Seele 
handelnd auftreten. Sie erzählt ihre Geschichte wie folgt: „Als 
ich ein Kind war und in meinem Königreich, in meines Vaters 
Hause wohnte, zufrieden mit dem Reichtum und dem Überflusse 
meiner Ernährer, rüsteten mich meine Eltern aus und entsandten 
mich aus dem Osten meiner Heimat." Er kommt nach Ägypten, 
vergißt aber dort seine hohen Aufgaben, den Drachen zu be- 
siegen und die Perle zu holen, denn die Leute gaben ihm ihre 

1 Von hier aus zurückfolgernd könnten wir fragen, ob dem Spiegel im 
Hochzeitsbrauch außer den bisherigen Bedeutungen nicht auch noch die eines 
Gegenmittels gegen Angst und Hemmungsvorstellungen zukomme ? Mit anderen 
Worten ein Aggregations-Ritus, der zur Oberwindung der Tabu zwischen den 
Geschlechtern und des psychischen Widerstandes dient. Vgl. Crawl ey The 
Mystic Rose. 1902. 33-58, 332-365. D. s.: Sexual Taboo Journ Anthr Inst 
1894. 116, 219, 430. 

2 Vgl. S. Freud: Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch für Psycho- 
analyse. VI. 1914. - R e i k : Die Couvade und die Psychogenese der Ver- 
geltungsfurcht. Imago. 1914. 447, 448. Jones: Die Bedeutung des Großvaters 
für das Schicksal des Einzelnen. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. 
1913. 219. R e i k : Über Vaterschaft und Narzißmus eb. da. 1915. 332, 335. 
O. R a n k: Der Doppelgänger. Imago. 1914. 139. A. B e r t h o 1 e t- Seelen- 
wanderung. (Rel. Volksb. III. 2.) 1906. 60. 



Liebeszauber. 



107 



Speise 1 zu essen. Er bekommt aber von seinem Vater „dem 
König der Könige" einen Brief, der ihn an seine Herkunft, seine 
Aufgabe und an die „glänzende Toga" erinnert. Nun besiegt er 
den Drachen und betritt den Rückweg nach dem Osten. „Und 
mein lichtes Kleid, welches ich abgelegt hatte, 
und die mit demselben zusammengefaltete Toga 
hatten meine Eltern dorthin gesandt. Und da ich 
mich seiner Gestalt nicht erinnerte — denn in 
meiner Kindheit hatte ich es in meines Vaters 
Hause zurückgelassen — so schien mir plötzlich 
das Gewand, als ich es mir gegenüber sah, gleich 
einem Spiegel meiner selbst zu werden. Ich sah 
es ganz in mir, und ich hatte mich ganz in ihm 
gegenüber, denn wir waren zwei, von einander 
unterschieden und doch wieder nur eins, in glei- 
cher Gestalt 2 . Die Seele, Kraft schöpfend aus den ersten 
lustbetonten Erinnerungen des Infantillebens, überwindet die 
Schwierigkeiten des Lebens (Drache). Von nun ab läuft die 
Lebensbahn wieder abwärts, die Seele kehrt heim zum Orte ihrer 
Herkunft, vereinigt sich — wie die Erzählung fortfährt — mit 
dem Vater, d. h. wird selbst zum Vater; — nun geschieht das 
Wunder, die Gestalt, die sie in der Kindheit zurückgelassen, er- 
scheint ihr wieder, sie erscheint gedoppelt in ihrem Kinde 3 . 

1 Das Essen der Speise der Unterwelt versperrt den Rückweg zu den 
Lebenden. Vgl. Mooney: Myths of the Cherosee. XIX. Report. 1900. 324, 
329, 474. A. Lang: Myth, Ritual and Religion. 1906. II. 291, 292. Gill: 
Myths and Songs from the South Pacific. 1876. 173. R. H. Codrington: 
The Melanesians. 1891. 277. Kalevala Runo XVI. und das Märchenmotiv vom 
Helden, der die Braut beim Kusse der Mutter oder weil er Speise genießt, ver- 
gißt, um sie dann wiederzufinden. Bolte-Polivka: Anmerkungen. 1915.11, 
517. Das Vicarieren von Speise und Kuß erklärt sich aus der Oralerotik. 

2 Das Kleid ist geziert mit glänzenden Farben, Gold und Beryllen etc. 
„Das Bild des Königs der Könige (d. h. des Vaters) war überall ganz darauf 
gemalt." W. Schultz: Dokumente der Gnosis. 1910. 236. Vgl. R. Eisler: 
Weltenmantel und Himmelszelt. 1910. Vgl. auch das „Seelengewand" der 
Batak. War neck: Die Religion der Batak. 1909. 58. 

3 W. Schultz: Dokumente der Gnosis. 1910. 234—236. 



108 „ . . . 

Spiegelzauber. 



Nach einem Königsberger Traumbuch aus dem Jahre 1835 
wird demjenigen, der im Traum sich im Spiegel sieht, ein Sohn 
geboren werden 1 . Ebenso besagt ein englisches Traumbuch (A Trea- 
tise on the Interpretation of Sundry Dreams 1601. „Hee which seath 
his image in the moon, not having children, doth foreshew the 
birth of a sonne te ensue, but to the woman like dreaming 
to haue a daughter« 2 .) - Beachtenswert ist die Rolle des Mondes 
an Stelle des Spiegels, ferner daß, wenn ein Mann sein Bild 
im Traume sieht, ein Knabe, wenn eine Frau, ein Mädchen auf 
die Welt kommt - also jedes von dem eigenen verjüngten 
Ebenbild träumt. - Träumt man hinwiederum, daß man sein 
eigenes Bild im Spiegel unähnlich finde, so weissagt es man 
werde einem die Vaterschaft von Bastarden und fremden Kindern 
zusprechen 3 . 

Bei den südungarischen Bulgaren gibt die Frau des Braut- 
fuhrers (die stara svaca) der Braut einen kleinen Taschen- 
spiegel, in den sie aber erst als Frau hineinblicken darf. An 
diesem Tage aber schauen sie hinein, damit ihre zukünftigen 
Kinder ihnen ähnlich sein mögen 4 . 

Bei den Ga schaut der Seher in einem Topf mit Wasser 
die Ahnenseele, welche in dem Neugeborenen wieder zur Welt 
gekommen ist 8 . Am untern Kongo glaubt man, daß am Kinde 
nur der Körper neu ist, die Seele war schon früher auf Erden 
oder sie gehört einer noch lebenden Person. Wenn das Kind 
seiner Mutter, seinem Vater oder Onkel ähnlich ist, so hat 
es die See le des betreffenden Verwandten absorbiert, der nun 

Rel. w£. e v e 3 4 ein: Blld ' Spiegd " nd SChatten lm VoIks S lauben - Arc Wv für 

* W. C. Hazlitt: Brands populär Antiquities 1905 I. 191 
104. Lib.'ll'cap a vn S: Artemid ° r0S aUS DaIdis - Symbolik der Träume. 1881. 

in H P n Jö C + Zi / b T SZ: A TemeS 6S Tor ° ntal me ^ ei boI g ärok - (D^ Bulgaren 
in den Komitaten Temes und Torontäl.) 1913, 74, 75. 

W <;!•!?' B °} ntI L ImLande des Fe« 8 *. 1890. 146, 219,221,224. ex 
Vgl ante" * Die R eI1 g io " der afrikanischen Naturvölker. 1891. 259. 




Liebeszauber. 



109 



ohne Seele, bald sterben muß 1 . In Aurora kann das Kind ein 
„nunu", d. h. „Echo, Spiegelung" eines Toten sein. So war z. B. 
Arudulewari die Spiegelung eines Adoptivsohnes seiner Mutter, 
den diese sehr geliebt hatte und der kurz vorher gestorben war 2 . 
Die Galelaresen glauben, daß ein Kind, welches seinem Vater 
ähnlich sieht, dessen Schatten oder Abbild genommen hat und 
so muß der Vater bald sterben 3 . Während sich also der starre 
Narzißmus der Primitiven schon durch die Möglichkeit der Über- 
tragung auf die eigenen Nachkommen bedroht fühlt, ist die Doppe- 
lung des Ichs im Kinde auf etwas höherer Stufe schon ein Ziel- 
punkt der narzißtischen Strebungen. In Indien verbringt eine Frau, 
wenn sie sich Mutter fühlt, einen großen Teil ihrer Zeit damit, 
daß sie in den Spiegel schaut, in der Annahme, ihr Kind werde 
ihr dadurch ähnlich v/erden. Sie trägt am Daumen einen winzigen, 
in einen Ring gefaßten Spiegel, auf den ihr Blick stets gerichtet 
ist 4 . Nach der Kaushttaki-Upanishad wird demjenigen, der den 
Geist des Spiegels verehrt, ein Ebenbild erstehen in seinem Nach- 
fahren, die ihm ähnlich sein werden 5 . Eben wie die Gefühls- 
strömungen, die sich dem Kinde zuwenden, beruht auch die 
Freundschaft auf einer Übertragung der Libido auf Grundlage 
der Ähnlichkeit; deshalb bedeutet in Mesopotamien der im Traum 
erblickte Spiegel eine neue Freundschaft 6 . Nun schließt sich der 



1 J. H. Weeks: Notes on some Customs of the Lower Congo People 
Folk-Lore. XIX. 1908. 422, 

2 R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 252. Die Mutter sagt, der Tote 
wünschte zu ihr zurückzukehren - projiziert also ihre eigenen Wünsche auf den Toten. 

8 M. J. van Baarda: Fabelen, Verhalen en Overleveringen der 
Galelareezen. Bijdragen tot de Taal-Land-en Volkenkunde van Nederlandsch- 
Indie\ XLV. 1895. 459. ex F r a z e r : Taboo and the Perus of the Soul. 1911. 88. 

4 Zachariae: Witwenverbrennung. Z. d. V. f. V. 1905. 79. Church 
Missionary Intelligencer. 1860. 142. Über diese Spiegel vgl. Swynnerton: 
Indian Nights Entertainment. 1892. 376. W. C r o o k e : The Populär Religion and 
Folk-Lore of Northern India. 1896. II. 35, 36. 

5 Kaushitaki Upanishad IV. 11. P. Deussen: Sechzig Upanishads des 
Veda. 1905. 54. 

6 I. Tfinkdji: Essai sur les songes et l'art de les Interpreter en Meso- 
potamie. Anthropos. 1913. 519. 



110 



Spiegelzauber. 



unmittelbar darauffolgende Satz der Upanishaden an, dort heißt 
es nämlich, daß, wer den Schatten als den eigenen, untrennbaren 
Genossen in Ehren hält, im Leben Genossen finden wird 1 . Bei 
den Griechen in Tripolis geht, wenn die Braut abends das Eltern- 
haus verläßt, ein Kind vor ihr her, das ihr einen Spiegel vorhält 2 . 
Bezeichnend ist der japanische Volksglaube. Ein junger Knabe 
darf nicht in den Spiegel schauen, denn, wenn er darin sein 
kindliches Gesicht sieht und dann später heiratet, wird seine Frau 
ihm Zwillinge gebären 3 . Das zweite Kind ist offenbar das Kind 
oder die Wiederholung des durch das In-den-Spiegel-schauen 
zustandegekommenen Ebenbildes 4 . Die Bewohner der Riff-Gegend 

1 D e u s s e n : 1. c. 55. 

2 Reinsberg Düringsfeld: Hochzeitsbuch. 1870. 75. Ein Kind 
muß wohl darum den Spiegel halten, damit das Kind der Frau, die in den Spiegel 
schaut, ihr ähnlich werde. 

3 I. Russell: Japanese Folk-Lore. Folk-Lore Record, Vol. III. P. II. 1881 
280. Nach Bird: Unbeaten Tracks in Japan I. 880 — 385. 

4 Vgl. Rohe im: A medve es az ikrek. (Der Bär und die Zwillinge.) 
Ethnographia. 1914 93. — Zwillinge sind Doppelgänger und infolge ihrer narziß- 
tischen Einstellung zu einander aktiv und passiv magisch. „A strong sympathy 
is believed to exist betwen them, so that what gives pain or pleasure to the 
one is suffered or enjoyed by the other as well. Should one die, however, the 
other though weakly before, will at once improve in health and strength, the 
life and vital energy of his fellow being added to his own." W. Henderson; 
Notes on the Folk-Lore of the Northern Counties. 1879. F. L. S. 307. Bei den 
Nutka ist es ihnen verboten, einander oder auch ihr eigenes Haar zu' berühren 
Frazer: The Magic Art. 1911. I. 263. Nach Boas: Sixth Report on the' 
North -Western Tribes of Canada. Report of the British Association. 1890. 58, 62. 
S. A. Bei den Ho müssen die Zwillingskinder so lange genau die gleichen 
Kleider tragen, bis sie erwachsen und in das Jünglings- und Jungfrauenalter 
gekommen sind. J. Spieth: Die Ewe-Stämme. 1906. 694. Am unteren Kongo 
pflegt man eines der Zwillinge zum Hungertode zu verdammen. „When a twin 
is thus starved or dies a natural death, a piece of wood is roughly carved to 
represent a child and it Is put with the living twin that it may not feel 
lonely. Should the second child die the image is buried with it. J. H. Weeks- 
Among the Primitive Bakongo. 1914. 116. Bei den Jao werden Zwillinge stets 
ganz gleich gekleidet, denn eins der Kinder würde sterben, wenn es anders 
gekleidet wäre als das andere. Ähnlich bei den Makonde. Weule: Wissen- 
schaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen Forschungsreise in den Südosten 



Liebeszauber. 



111 



bringen die entgegengesetzte Seite des Tabu zur Anschauung, sie 
fürchten nicht die Verdoppelung, sondern den Verlust des Eben- 
bildes. Sie glauben nämlich, wenn sie in den Spiegel schauten, 
könnten sie keinen Sohn bekommen h Das im Spiegel erscheinende 
Bild der Nachfahren kommt auch als Spiegelorakel vor. Die Hexen 
zeigen Macbeth, wer die Herrscher Schottlands sein werden; es 
erscheint der Geist Banquos und ihn begleiten die ihm ähnlich- 
sehenden Nachkommen. Macbeth vermag dieses Gesicht nicht zu 
ertragen: „Another yet! A seventh! Hl see no more: And yet 
the eighth appears who bears a glass which shows me many 
more" 2 . Katharina von Medici schaute, wahrscheinlich mit Hilfe 
des berühmten Nostradamus (1503 — 1566), in ihrem Spiegel die 
zukünftigen Herrscher Frankreichs. Die Söhne Katharinens er- 
scheinen so oft, als ihre Regierung Jahre dauern wird; dann 
huscht über den Spiegel die Gestalt des Herzogs von Guise und 
schließlich erscheint öfter als zwanzigmal Heinrich von Navarra 3 . 
Die folgenden Verbote knüpfen sich dadurch an das Vorher- 
gegangene, daß das Kind in ihnen ebenfalls die Rolle einer Ver- 
doppelung der Eltern spielt. In Brandenburg darf man die im 
Kindbett liegende Frau neun Tage lang nicht allein lassen und 
neun Tage lang darf sie nicht in den Spiegel schauen 4 . Bei den 
Kaschuben darf die Frau während der Schwangerschaft kein Bild 
von sich anfertigen lassen 6 . Wahrscheinlich deshalb, weil die 



Deutsch-Ostafrikas. Mitteilungen aus den deutschen Schutzgebieten. 1. Ergheft. 
1908. 61, 99. 

1 M. I. D i a n a : Un prisoniero en el Riff. 1860. 60. ex S e 1 i g m a n n : 
Der böse Blick. 1910. I. 161. Ober den Zusammenhang zwischen Zeugungs- 
fähigkeit, Schatten und Doppelgänger vgl. O. Rank: Der Doppelgänger. 
Imago. 1914. 148, 149. 

2 Macbeth: IV. Erster Auftritt. Vers 120. 

3 Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. 1893.462. 
Auffallend ähnlich ist die Beschreibung einer Spiegelschau nach P e 1 1 e r : Poli- 
ticus sceleratus. 43—45 ex C. Meyer: Der Aberglaube des Mittelalters. 1884. 282. 

* S a r t o r i: Sitte und Brauch. 1. 1910. 30. Ztschr. d. Ver. f. Volksk., 1. 184. 
5 E. Seefried-Gulgowski: Von einem unbekannten Volke in Deutsch- 
land. 1911. 120. 



Spiegelzauber. 



Lebenskraft der Frau, welche sich erst jetzt von einem ihrer Eben- 
bilder getrennt hat oder dasselbe zu tun im Begriffe ist eine 
Doppelung dieses Vorgangs nicht ertragen könnte 1 . 

Auf die Einwirkung anderer kreuzender Motive deuten die 
analogen Tabu, insoferne wir die Erscheinung der bösen Geister 
als autosymbolische Darstellung der von den oberen Schichten 
des Psychischen zensurierten bösen Triebe auffassen. Die Süd- 
slaven glauben, daß die im Kindbett liegende Frau während der 
ersten neun Tage nicht in den Spiegel schauen darf, weil sie 
sonst dann böse Geister sehen würfe«. In Gleiwitz darf die im 
Kindbett hegende Frau nicht in den Spiegel schauen, denn sie 
wurde dann Ungetüme sehen, und sie darf sich nicht kämmen 
weil sie sonst in die Gewalt des Teufels fällt«. In Ostpreußen 

ZL IZ S V n "^ NähG def WöChnerin verh **t, denn sonst 
2EL nZ , TT- m demS P ie S el den Teufel sehen*. Im 
Komitat Bekes darf die Wöchnerin nicht in den Spiegel schauen, 
„denn sonst« würde sie der Teufel rücklings rupfen«. Das Gegen- 
teil gilt ab er f ür Südafrika; hier sehen Wöchnerinnen, um sich 

of Jth n in^T H^ f 6iner ZwWn S^bmt „unless the father places a lump 

InS« Kidd Tt°p 0ne ,° ?' baWeS (Um " ZU töten > he wil1 I«e his 
sirengtn. Kidd: The Essential Kafir. 1904. 202. Zwei Doppelgänger kann P r 

vS RA A Uber ,f el \ Kam P f ZWlSChen Vater Und Sohnld g d,fzXl 
vgl. Rohem: A medve es a2 ikrek. (Der Bär und die Zwillinge.) Ethn. 1914 93 

»Seligmann: Der böse Blick. 1910. 181. 

204 V^lluu^r'' S i tte ' Brauch und Volksglauben in Schlesien. 1903. I. 
Nit a-. , \ l ° C - ° lf - 379 - ( Mec klenburg und Schlesien.) Auf der Inse 

dij ae Masers. Geneeskundig Ti dschrift voor Nederl. Indie XXII 2fiS 97n 

scW len" Ti H Pleg H ° de , r BambuSbehäto «*■«* so'nS' ZZeZ~Z 
scölelen. E. S. Hartland: The Legend of Perseus II 18Q^ am u 

Modigliani: Un viaggio a Nias. 1890. g 5 55. Klei weg de Zwaan Di'e Hei. 
künde der Niasser. 1913. 172. g ae ^ Waan - Die Heil- 

4 Frischbier: Volksglauben aus Ostpreußen. Am Urquell. I 151 
Pflege dl^g^erJC^r^ ***** h ** °^^ «* 



Liebes-zauber. 



113 



zu reinigen, in das Gefäß hinein, trinken daraus und waschen das 
neugeborene Kind mit dem Wasser 3 . Beim Eintritt der ersten 
Wehen einer spaniolischen Jüdin hält man der Frau eine Schale 
mit Öl vor das Gesicht, damit sie sich darin wie in einem Spiegel 
anschaue; dann schickt man das Öl in die Synagoge 2 . Da nun 
der Spiegel das mit ihm in Berührung gelangende Objekt mittels 
der Ebenbilder vervielfältigt, glaubt man in Wetterau und in 
Schlesien, daß, wer im Namen der Dreifaltigkeit drei Weizenähren 
über den Spiegel steckt, bei der Ernte Glück haben wird 3 . In 
Mecklenburg meint man ebenfalls, daß, wer drei reife Kornähren 
im Namen des dreieinigen Gottes über den Spiegel steckt, reichen 
Kornsegen zu erwarten hat 4 . 

Da die Spiegelschau im Ritus die Trennung des Ebenbilds vom 
Körper des Kindes von den Eltern herbeiführt, ist es nur natürlich, 
daß dem Spiegel in der narzißtischen Gruppe der Schöpfungssagen 
eine solche Rolle zukommt. Narzißtisch müssen wir auch das Motiv 
der Schöpfung nach dem eigenen Ebenbilde 6 nennen, mit denen 
die Sagendichter unbewußt die hinter ihrer eigenen Phantasie und 
überhaupt hinter jeder schöpferischen Phantasie verborgenen 
Komplexe beleuchten. Jede psychische Schöpfung kann ja nur aus 

1 Th. Waitz: Anthropologie der Naturvölker. 1860. II. 414. Nach 
Arbousset et Daumas: Relation d'un Voyage d'Exploration au N. E. de la 
Colonie du Cap. 1842.561. Dohne: Zulu-Kafir Dictionary. 1857. 124,303. Soll 
wohl die narzißtische Übertragung befördern. 

2 B. S t e r n ; Medizin. Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei. 
1903. II. 299. 

3 Wuttke: 1. c. 423. J. W. Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. 
I. 222. O. Jahn: Die deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau und Viehzucht. 
(Germanistische Abhandlungen. III.) 1884. 159. 

4 K. Bart seh : Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. II. 163. 
6 Diese Sagen sind auch in anderer Hinsicht lehrreich; sie bieten gute 

Beispiele der autosymbolischen Umkehrung, d. h. sie kennzeichnen 
den eigenen Ursprung (auto-symbolisch), aber in die Hülle der Umkehrung 
verkleidet. (In Wirklichkeit schafft der Mensch sich Gott nach seinem eigenen Eben- 
bilde; nach dem Mythos aber schafft Gott nach seinem Ebenbilde den Men- 
schen.) Vgl. demnächst in den „Nepleleksani töroenyel" (Völkerpsychologische 
Gesetze). 

Spiegelzauber. a 



Schöpfung»- 
sagen. 



Spiegelzauber. 



der Projektion der Persönlichkeit des Schöpfers stammen und 

M P tl r af !f n diG ° Ötter MCh ihrem ei S enen Ebe "Mde den 
Menschen Indem wir die im weiteren Sinne hiehergehörigen 
Sagen außer acht lassen wollen, berücksichtigen wir nur die- 

So'Sp'/ r kh ? d6r Spiegd ° der der Schatten vorkommt, 
seil™ der / pie Pi seher si <* •* Einern Ebenbilde, nämlich in 

ZZ,f IT f h ° l l dle Ahfe mittdS d6S S P ie § els sich ver- 
unzähl £ 52 TS S1Ch T k d6r s P ie g els ^auende Gott in 
Äf. Ebenbildern m die Außenwelt hinaus. In der japani- 
schen Schopfungssage sagt Izanagi: „Ich wünsche ein herrliches 
Kind zu erzeugen, das die Welt regieren soll«. Er nimmt in die 
au d™ ° q eme ? , gIänzenden Kupferspiegel, schaut hinein, und 

Snnnl P T ^° mmt die ° hohiru me (Große-Mittags-Frau- 
Sonne) genannte Gottheit zum Vorschein. Ebenso schaut er in 
den , n der rechten Hand gehaltenen Spiegel, aus welchem 
der Mondgott ersteht. Schließlich als Izanagi seinen Kop ^ nach 
rückwärts wendet und hinter sich schau? kommt Susanowo 

S n p\ der °f ^ T ° deS ' d6S StUrmes und ^ Zerstörung" 
Nach^roklus ,st es sein in dem von Hephaistos angefertigt!' 

D P „f„nf • F h l0r o enZ: Japanische Mythologie 1901. 31. Meine früher gegebene 

Cn^ 9 t: r NT^s w \ (R 4 h 2 e kTob r r ^ und d ^^" ^ 

Hüsing-schuh,^ 1 ! 8 ,; t^fi ^LZXTtLTJTt 

s r aar äs -s- s mo ä = ££ 

schauens vgl Wuttke- 1 r tw«sw i * , .« " li!> "- nc »cn aes Kuckwarts- 
«4,«,.-* ,„ ' »Umsehen* laut Index, und oben über Rückwärts 

HeTsl',; H...,. 1 ^'f ge " h '" ° d « "'« eben getanen Schrille bereuten 

«<**«. Lebenspl.d „eh 1£L. *? d Ue 'S' "?bS 
seh.«t, »poltet sieb von seinem Wesen de, Gott des Todes ab 




Liebeszauber. 



115 



r 

Spiegel erscheinendes Ebenbild, das Dionysios dazu verführt, 
alle Dinge zu erschaffen 1 . Den Zusammenhang zwischen der 
Schöpfung und der körperlichen Reinkarnation zeigt schon das an, 
daß auch Dionysios Zagreus selbst dadurch geboren wird, daß 
seine Mutter Persephone lange Zeit sich selbst im Spiegel 
beschaut 2 . In der indischen Kosmogonie erwacht die schöpferische 
Kraft Brahmas dadurch, daß er sich im Spiegel der Maya 
(Täuschung, Schein) erblickt 8 . Man betrachtet übrigens Maya 
auch als den weiblichen Teil Brahmas und ein Bild zeigt Brahma 
und Maya in androgyner Gestalt verbunden. Auf dem Bilde 
breitet Maya einen halbmondförmigen Schleier aus, auf dem 
zahlreiche kleinere Gestalten erscheinen 4 , die Welt der erschaffenen 

1 Haberland t: Spiegel. Zt. für Völkerps. XIII. 327. F. Nork: Etymo- 
lögisch-symbolisch-mythologisches Real-Wörterbuch 1845. IV. 307. O. Gruppe: 
Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, 1906. I. 1027. 

2 Haberlandt: 1. c. 328. Zagreus schaut in der Gestalt eines Stiers 
sein Bild im Spiegel des Hephaistos an, als ihn die Titanen trotz seiner Meta- 
morphosen zerreißen, ebda. Der Spiegel der Schöpfung ist also auch ein Spiegel 
des Todes. Vgl. über diese Ambivalenz unter Liebesorakel und zu den Meta- 
morphosen die chinesischen Sagen weiter unten. Nork: I. c. leitet die andro- 
gyne Natur des Dionysios aus der mystischen Deutung des Spiegels ab. Der Zu- 
sammenhang ist ja klar, nur ist das Erotische das Prius, und nicht das Mystische. 

3 Nork: Etymologisch-symbolisch-mythologisches Real-Wörterbuch 1845. 
III. 307. Bohlen: Ind. I. 161. Weinstein: Entstehung der Welt und der 
Erde. 1913. 22. 

4 Haberlandt: Spiegel. Zt. f. Völkerps. XIII. 327. Vgl. jene Variante 
der Narkissossage, in der Narkissos in seine Schwester verliebt ist. (Weiter 
unten.) Hinsichtlich der androgynen Natur Adams und anderer Urwesen vgl. 
E. B ö k 1 e n : Adam und Quain 1907, 9, 21, 28, 40, 98, 105. Th. I m m a n : 
Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism. 1809. 93. Die lunare Erklärung 
Böklens ist natürlich ein psychologisches Absurdum ; die Urwesen (und auch 
der Mond selbst als erster Mensch) sind deshalb Androgynen, weil jeder Mensch 
in seiner Entwicklung physisch (Embryo) und psychisch eine bisexuale Stufe 
durchläuft. Vgl. noch hinsichtlich Maya P. Oltramare: La Theosophie 
Brahmanique. 1907. (Annales du Musee Guimet. Bibliotheque d'Etudes XXIII.) 
178, 179. Bezüglich der Schöpfungssagen im allgemeinen „Sic etiam dicitur 
esse speculum Patris, pro ut a Patre in ipso species Divinitatis recipitur« 
T h o m a e A q u i n a t i s : Opera XVIII. Tomus Venetiis 1753. Quaest XII. De 
Prophetia. Articulus VI. Utrum Prophetae videant in speculo aeternitatis p. 415. 



8* 



I 






■ 



116 

Spiegelzauber. 



7 Ei herauf, in diese» ^E s^ St" ^^/-^es Wassers 
die zweite P ers0 n der heiligen DreZiff S V" d S0 entsteh * 
Sagen nicht Produkte der bewußten f 1 ' ^ aber SoIche 
«efer liegenden unbewußt ^m^S^ ""*"* der 
wir mit einigen primitiven S? " ? nstellun g sind, können 
^r Spiege, selbsM^ Tus ^ ? f "j^"' * denen ™* 
betreffenden Steinzeitvökir keinen Sn^ft" Gnmde ' Weil d *e 
dasselbe narzißtische VerdoooZc" P ^ kennen) ' welche *ber 
Hierher läßt sich die Ä T J" *" Sage aüfweise "- 
entstehenden Menschen rt von Tn **„ ^^ g,dchzei % 
eigenen Schatten schauend den N™ ?? ^ 3Uf Seine " 

ibm gleichzeitig entstanden- r annimmt ' den mi ' 

Schatten komnft s SnST? *" ? ^ ado P«ert* 
der gleichfalls gleichzeitfg nu r Menl ~ l^ Sage VOr > * 
as you and me«a _ Da ™h , T entstehen, „all the same 
gewagt erscheinen wenn wir dl 1/ ""^ DeUtMg nich * ™ 
bei Sonnenaufgang hTJe / Teile fLlm ^^Jesen, der 
Sonnenuntergang wieder verein«« uT ' ' S1Ch aber mit 
sinken. Es ist dies wieder I? , ? ln emem Tüm Pel ver- 
Schattens, des EbLS'd ^ S Seet te H deS c KÖrperS Und d es 
so lange sichtbar, als di Sonn 1 % **' * ist * nur 
Arininga und sein Schalt n „ T Mo Zi ?T* f* 1 Daß da ™ 
gültig voneinander scheiden und ™ anderen Ta ^s end- 

ibre mythische Laufbahn eg nnen "as Tan' ^ ?°* get ™ nt 
™ verachtenden Hinweis auf 2 n l ^ 1Ch für ^n nicht 

typus von den Diosku r e ? SeTuntlt ^ *" ^ 
Uie A ™ta-Sage von den „rella 

2 B.' Spen'",'^? ^f^^ kte n. 1. 1B07 . 633 . 
Australia. 1904 409. Der Adontiv^hnc?^ The Northern Tribes of Central 
hörst i„ die Kartwia 4a ^ d a S Set tT- T Schatten «* Ä 
(Schatten).« Ebda. 410. Schattenreich) und dein Name ist Iliinja 

• !|pe nCerandGnien: Eb da- 413 414 



Uebeszauber. 



117 



manennja«, zusammengewachsenen Menschen, die der Totemheros 
auseinander scheidet, um sie sodann unter Vollzug der Subinzision 
zu Männern zu weihen und zu lehren, wie man das Feuer bohrt 
und die Heiratsregel einhält \ läßt sich kaum anders verstehen 
als eine Projizierung der vom Narzißmus zur vollentwickelten 
Sexualität fortschreitenden Ontogenese ins Phylogenetische. 

c) Liebesorakel. 
.Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels 
Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich 

im Spiegel." 
„Also standen sie und schauten beide noch einmal 
In den Brunnen zurück und süßes Verlangen ergriff sie." 

Hermann und Dorothea. „Dorothea" Vers 41. 42, 126, 127. 

„ m D t aS B ! ld T , des Gelieb *en im Spiegel haben wir bereits als Keg^n und 
Symptom der Progression der Libido vom Narzißmus zur Objekt- £?Ä 
wähl gedeutet So zum Beispiel in der Legende der südindischen 
Pockengottin Man. Diese war nämlich so heilig, daß sie keinen 
lopf mitzunehmen brauchte, wenn sie zum Fluß gW Wasser 
zu schöpfen, denn sie brauchte nur in den Flußsand zu greifen 
der formte sich von selbst zum Topf in ihrer Hand. Als sfe eines 
Tage wieder zum Fluß gegangen war und sich über das Wasser 

SnVfV 7 ^ ^ daS Spiegdbild von himmlischen 
Wesen Ghandarven), die über ihr in der Luft hinflogen. Wie 

schwind die!« dachte sie und dieser Gedanke war für dL 

auch daselbst (das Embryo im Mutterleib). Arininga und sein Ebenbild sind 
am Morgen rot (gleich dem Neugeborenen), mittags färben sie sich TmQ^ 

Die eTzw T (gld ? dem erW3ChSenen ÄUStrali - an -iLm Üben mitSge) 
Die Entzwe Spaltung erklärt die beiden exogamen Hälften des Stammes wie ia 
die Exogam.e eine direkte Fortsetzung der Entwicklung ist, die skh von dem 
Autoerotismus zur Inzestliebe vollzieht 

ZentraUustraHL 0W 19^i L r S nhardl: Die Aranda " ™ d Loritja-Stämme in 
r " Australien. 1907. I. 6. S p e n c e r and G i 1 1 e n : The Native Tribes of 
C ntal Austral a. 1899. 388. Inapertwa. Derselbe Mythos bei d n Lor tja 
Körner FT 1 \ V 1 190a *" Si ' Ieben auch " ach "hrem Tode mit roem 
sS^Zl^; mnkaTmÜ ° n ^^ ^ te irdischen H^de"; 



118 

Spieseizauber. 

Heilige schon Sünde und darum rann der Sand ihr nun durch 
die Hand und bildete keinen Topf 1 . Mit dem Erblicken des 
Spiegelbildes eines männlichen Wesens ist schon der erste Schritt 
von dem narzißtischen Keuschheitsideal (Topf, durch den kein 
Wasser rinnt) 2 zur Objektwahl getan. Aber die Untersuchung der 
einschlägigen Gebräuche wird uns davon überzeugen, daß 
gerade in diesem für die Libidoübertragung entscheidend 
wichtigen Augenblicke, infolge der Fixierung an das eigene Ich, 
Hemmungen eintreten und eine Regression der Libido nach 
der autoerotischen Stufe bewirken, mit der sodann ein Gefühl 
fiÄdlhr 8 ; des Energieverlustes und die Todesangst verbunden ist 3 . Daraus 
parallelen, erklärt sich auch die Narkissos-Sage, in welcher der Zusammen- 
hang des Verliebtseins in das eigene Ich, der Verdopplung 
der Persönlichkeit durch das Ebenbild, sowie des Todes sich 
kaum mißverstehen läßt. — Pausanias hat eine minder bekannte 
Variante dieser Sage bewahrt, laut welcher Narkissos eine Zwillings- 
schwester 4 hatte, stets ebenso gekleidet herumging wie diese 
und welcher er im höchsten Maße ähnlich sah. Er war fortwährend 
in ihrer Gesellschaft, nahm sie auch auf die Jagd mit und hatte 
sie sehr lieb. Als das Mädchen starb, sah er das eigene Spiegel- 
bild in der Quelle als das der Schwester an 5 . — Die meistver- 
breitete Variante zeigt die vollkommene narzißtische Fixierung 
„nulli illum iuvenes, nullae tetigere puellae" 6 . — Als er in der 

1 R. Fröhlich; Tamulische Volksreligion, o. J. 22. 

2 Das Wasserholen ohne Topf (in durchbrochenen Krügen etc.) ist eine 
typische Danaidenarbeit. Vgl. O. Waser: Danaos und die Danaiden. Archiv 
für Religionswissenschaft. II. 58. D. s.: Über die äußeren Erscheinungen der 
Seele. Ebda. XVI. 373. To b 1 e r : Die alten Jungfern. Zt. f. Vps. XIV. 64. 

3 Eigentlich ist ja jede Regression ein Zurückgehen in den Zustand vor 
der Geburt, also des Todes. Wir legen aber den Weg, den wir schon einmal 
hinter uns hatten, noch einmal zurück, dieses Energievergeuden wird endo- 
psychisch wahrgenommen und in Form von Todessymbolen hinausprojiziert. 

4 Vgl. über die Zwillinge weiter oben. 

6 Pausanias: IX. 31. 9. Greve: Narkissos, Roschers Lexikon der 
griechischen und römischen Mythologie. III. 12. 
O v i d i u s : Metam. III. 353. 




Liebeszauber. 119 

Quelle seinen Durst löschen will, bekommt er einen anderen Durst: 
dumque bibit, visae correptus imagine formae 
spem sine corpore amat, corpus putat esse, quod umbra est 
adstupet ipse sibi vultuque immotus eodem 
haeret 1 . 

Auf den Zusammenhang zwischen dem bösen Blick und der 
Schaulust deutet die der Narkissos-Sage parallele Sage von 
Eutelidas, denn hier tritt uns die Autoerotik als Autofaszination 
entgegen 2 . Bei Plutarch finden sich die Verse, die allein ein 
Fragment dieser Sage bewahrt haben 

„Quondam pulcher erat crinibus Eutelidas, 
Sed sese ipse videns placidis in fluminis undis, 
Livore infamis perdidit invidiae 
Fascinus attraxit morbum formamque peremit" 3 
in beiden Sagen, ferner erscheint auch in der gleichfalls hieher- 
gehörigen Hylas-Sage das todbringende Ebenbild im Wasserspiegel 
und dahinter birgt sich, wie Rank dies treffend nachgewiesen 
hat, der Zusammenhang des Wassers mit den Komplexen des 
Todes und der Geburt, mit einem Wort mit der Vorstellung von 
der Reinkarnation 4 . Die Sage ist aber in der Regel nur eine 
Rückprojizierung des Volksglaubens in die Vergangenheit; nun 

1 Ovidius: Metam. III. 415—419. 

2 Vgl. Selig mann: Der böse Blick. 1910. I. 178—187. 

3 Plutarchi: Moralia (ed. Wyttenbach) 1828. III. P. 2. 152—155. Con- 
vivialium disputationum über quintus. Quaestio VII. De his, qui fascinare 
dicuntur. Rank: Ein Beitrag zum Narcissismus. Jahrbuch für psychoanalytische For- 
schungen 191 1, III, 408, zitiert einen anderen Text, welcher der griechischen Fassung 
besser entspricht. Der Eutelidas-Sage entspricht im neugriechischen Volksglauben 
die Ansicht, man könne sich selbst durch Spiegelschau verzaubern, z. B. wenn das 
eine Auge entzündet ist, kann das andere durch den Spiegel ebenfalls krank 
werden. Selig mann: Der böse Blick. 1910. 1.181. Nach E. Bybilakis: Neu- 
griechisches Volksleben. 1840. 9. Bartholdy: Voyage en Grece. 1807.11.59. 

4 O. Rank: Der Doppelgänger Imago. 1914. 148. Frazer: Taboo and 
the Periis of the Soul. 1911. 94. Als Ergänzung zu den Ausführungen Ranks 
kann die Frage aufgeworfen werden, welche Komplexe objektivieren sich in 
den Wasserdämonen, die das Spiegelbild an sich reißen? Zu der Narkissos- 
und der Eutelidas-Sage gehört auch die Geschichte des Hylas, den die Ver- 



120 « ■ , . 

ispiegelzauber. 



bedeutet es nach dem griechischen Volksglauben für denjenigen 
welcher im Traume sein Ebenbild im Wasser sieht, tatsächlich 
de^genen Tod oder den Tod eines seiner ^trautesten 

odefdi? n a<1 n ^ Zielinski: Hermes ™d die Hermetik. A. R. W. VIII 327) 
S£ ? Q ue ^nnymphe (Seliger: Hylas; Roschers Lexikon I 2793) in S 
Ktader H r- S WnabZieht - (In derB -'^e lockt der Wassergeist b er und 

J 1905 417 . X K0g tal : VodnVv podan M ' sk'ho t^l J f^i 
SR A d h e M G l Hebte d6r Nymphe Und S ° h " «™ Cphe'se,in g e-r Ebda'' 

i2»S£K nymphae«) und Sohn einer Nymphe. Jever 
bei U HolmberJ rS w »u f flnnlsch " u g"schen Wassermütter 

167, 16 im 227 H? Pr f W H aS f rg0 , th , eiten d6f finnisch -«g^chen Völker. 1913). 

iqop; rr iom j i- . kr - oe oniot: Le roIk-Lore des francais 

1904. I. 88, 108 117 123 128 iS" TS" M , a " nhardt: WaId " «nd Feldkulte 

können w„ das „ nf , rtsche Sprich« heranziehen: .Die Eroe '"«„. Lte 
der Ung,„«hen Sprichwdrte,., 1851. S. 147. Ho. 2853.) Wenn .1, ,„f arnnd 



Liebeszauber. 121 

Freunde 1 . Der griechische und der indische Volksglaube ver- 
bieten denn auch das Inswasserschauen, denn wer im Wasser 
sein Spiegelbild sieht, wird bald sterben 2 . 

alles dessen in den Wasserfrauen die in die Natur projizierten 
Mütter sehen (vgl. L. Kaplan: Grundzüge der Psychoanalyse. 1914.67—74). 
wird uns die todbringende Bedeutung des Erscheinens der Wasserleute (J. G. 
Frazer: Taboo. 1911. 94. U. Holmberg: Wassergottheiten, 206) und die Vor- 
stellung von den, die Sterblichen zu sich ins Wasser herabreißenden Feen 
(vgl. W. Hertz: Gesammelte Abhandlungen. 1905. 456 über den Namen 
Lorelei) sofort verständlich sein. Ich habe bereits auf Sadgers Auffassung hin- 
gewiesen, nach welcher als Grundlage des Narcissismus die Bewunderung des 
Kindes durch seine Mutter und auf dem Wege der Identifikation mit dieser die 
Bewunderung der eigenen Person anzunehmen wäre. (Sadger: Psychiatrisch- 
neuorolisches in psychoanalytischer Beleuchtung. Zentralbl. f. d. Gesamtgb. d. 
Medizin. 1908. 11/12 zitiert nach Rank: Jahrbuch III. 411.) Es erscheint also 
nicht unmöglich, daß dies der Schlüssel zu der Anziehungskraft des auf das 
Wasser projizierten Ebenbildes, beziehungsweise der in das Wasser projizierten 
Mutter-Imago bildet. Doch können wir diese Erklärung nicht in jedem Falle 
als entsprechenden Ausgangspunkt ansehen, in erster Linie deshalb nicht, weil 
sie den Ursprung der männlichen Wassergeister nicht beleuchtet. Greve be- 
zeichnet als alleinstehend eine Variante der Narkissossage, in welcher Narkissos 
sich in das Wasser gestürzt hätte, weil er darin seinen Vater suchte. (Greve: 
I. c. 12.) Hier ist der Zusammenhang zwischen dem Eidolon des Individuums 
und dem verstorbenen Vater jedenfalls klar. (Vgl. weiter oben über Reinkarnation 
und im Schlußkapitel.) Wir können im allgemeinen sagen, daß, wenn der Mensch 
im Wasser statt des eigenen Bildes den Wassergeist entgegengesetzten 
Geschlechtes sieht, dies ebenso der vom Narzißmus auf die Objektwahl fort- 
schreitenden Libido entspricht, wie wenn man bei der Spiegelschau im Spiegel 
nicht sich selbst, sondern das Bild des geliebten Wesens erblickt. In Passen- 
dorf ruft der im See wohnende Geist dem Vorübergehenden zu „Komm, komm, 
komm, ich habe schon lange auf dich gewartet; wo bleibst du denn?" Wenn 
ein Mann des Weges geht, erklingt der Ruf mit weicher einschmeichelnder 
Mädchenstimme, geht ein Mädchen vorüber, klingt die Stimme wie die eines 
jungen Burschen. (I. W. Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. II. 1857. 302.) 

1 F. S. Krauß: Artemidoros aus Daldis. 1881. 104. (Lib. II. C. 7.) Rieß: 
Volkstümliches bei Artemidoros, Rheinisches Museum für Philologie. IL. 1894. 
185. Vgl. in der indischen Traumdeutung J. von Negelein: Der Traum- 
schlüssel des Jagadevva. 1912. (Rel. Vers. XI. 4.) 126—131. 

2 Frazer: Taboo. 94. Sacred Books of the East. XXV. (IV.) 38. Rank: 
Der Doppelgänger. Imago. 1914. 148. Prell er: Griechische Mythologie. I. 598. 



122 

Spiegelzauber. 



w Di f.. Zul f haben S roße Angst davor, in den tiefen dunklen 
W sser umpel zu blicken, denn sie glauben, daß iSe die n 

und dt B^r e f m u' ih l SpiegelWld ZU sich reiß - ^ e" 
und die Basuto glauben dasselbe von den Krokodilen f;1 

assoziation Selbstbeschauen-Tod wird ™ m tischet fÄ?"" 
vom Individuum auf die ganze Mensen^ t fden 

Hermeükern steigt der „Anthropos«, das Ebenbüd der Gott 
heit, zur Natur hernieder, sieht in den Gewässern der t, ts 
eigenes Spiegelbild und entbrennt in U be z LZ jl Z 
wil er schon nicht mehr in seine himmlische Sphre zurück 
kehren (narzißtische Fixierung!), er geht in das vernun tlos B Id 
en^die Natur umfängt ihn, zieht ihn zu sich nieder und sie 

^c^:^-^z^^ --- de ia 
VTi^zv^r^ ° f the zZ J 18 t ri H - caiiaway: 

^ u. Kidd: The Essential Kafir. 1904 111 
R. HC od rington: The Melanesians. 1891. 186 
Vgl. die kamtschadalische Sage; der Schönfer ' a m PoK 
eigene Spiegelbild im Wasser und verliebt ich in H ,k R SleM daS 
nämlich in dem Bilde für ein ZZT J dasse]be . er hält sich 

hatten die Mäus^ sTq L J? h J^ 6 "' ^^ Während er schIief ' 

schichten der Kamts^hadalen über 1 f ,■ /' SOgenannlen »komischen» Ge- 
ostasiatischen un "we LerikanSh p ^ ^ ""' im Rahmen des nord - 
Hch des Antagonis^^^ 

Frau in einen Mann und 1 S ' T ^ *" Rabe ' in ein Weib - •*" 
— e, Joch'son Ebd a 168 ""^ * "* VOn neaeffl 



Liebesizauber. 



123 



vereinigen sich in Liebe. So wird er der Urahne der Menschheit. 
Der Schöpfer erklärt jedoch diuov tou davccrou eparra 1 . Also der 
Eros, und zwar der narzißtische Eros, ist Ursache der Sterblichkeit 
des Menschen 2 . Mit den Anthropos der Hermetiker hängt der 
gnostische Adam eng zusammen, der seine göttliche Natur und 
seine Unsterblichkeit verliert, weil er sich im Spiegel erblickt 
und sich in sein Ebenbild verliebt 3 . 

Die Projizierung auf die gesamte Menschheit ist im Grunde Wasserspiegel, 
genommen nur ein Entlastungsversuch der Psyche, um die 
„atracura", die der regredierenden Libido auf der Spur folgt, die 
Todesfurcht zu lindern; insoferne es jedoch der Zensur nicht gelingt, 
das unerträgliche Gefühl des eigenen Todes aus der Psyche voll- 
kommen zu verdrängen, überträgt sich der Todesgedanke, ge- 
paart mit den entsprechenden verdrängten Todeswünschen, auf 
andere. In Bayern erscheinen im Wasserspiegel sumpfiger 
Zisternen die Schemen jener Menschen, die demnächst sterben 

1 Th. Zielinski: Hermes und die Hermetik. Arch. f. R. W. VIII. 326. 

2 Vgl. Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod. Imago. 1915. 12. 
3 Haberlandt: Spiegel. Zt. f. Völkerps. XIII. 327. Der Zusammenhang 

zwischen dem Coitus (= Semen — d. h. Energieverlust) und dem Tode ist 
in dem Sagenkreis der hebräischen Schöpfungs- und Sündenfallsage offenbar 
genug, doch können wir hiezu auch den Ursprung Evas aus dem Leibe Adams 
nehmen, was in das Psychische transponiert, nichts anderes bedeuten kann, als 
die Objektwahl durch Projektion des Ebenbildes. Vgl. „Die Tragödie des 
Menschen" (von E. Madach, übers. L. Doczi. 1891). Eva „— verlöscht der Glorie 
Schimmer, Begegn' ich, Adam, ihm in deinem Aug'. Wo fände ich sonst Licht 
und Freude auch ? Da mich dein heißes Sehnen nur geboren, Wie sich die 
Sonne, die da fürstlich strahlt, Daß sie nicht einsam glänze 
und verloren, Auf dunklem Wasserspiegel zitternd malt, . . ." 
und Adams Antwort „Was war' der Ton, könnt ihn kein Ohr vernehmen, Was 
Licht, solang sich's nicht in Farben bricht, Was ich, hätt ich zum 
Widerhall dich nicht, Als Blüte, die mein knospend Herz getrieben, 
Dich, Eva und in dir mich selbst zu lieben? (Tragödie des 
Menschen. Zweite Szene.) Ob die polynesische Parallele (Vgl. Waitz-Gerland: 
Anthropologie der Naturvölker. VI. 1872. 234) autochthon ist, dürfte trotz der 
Analogien (Vgl. P. W. Schmidt: Grundlinien einer Vergleichung der Reli- 
gionen und Mythologien der Austronesischen Völker. 1910. 109), wegen des 
Gleichklangs des Namens (ivi) zweifelhaft sein. 



124 

Spiegelzauber. 



S :ZllT: e T gel Si6ht ' d6r muß baI * st'rbe" Hingen 
nachf n S p ChWaben . am St. Thomastage das Mädchen um S" 

hei L Tb? 6 " mit WaSSef gefülIten Eim ^ ^d bUtet den 

Wasserspiegel gSe? B « ^n Ts* BM T F^hT^ de ' 
Im Sarganserland stellt das Mädchen In H uT™ ^ 
zwischen 11 und 12 Uhr ein mHw!? ? , hClhgen Nacht 

die Türe und betet dl L mit Wasser gefülltes Geschirr vor 

Gelegenheit die m E t * f ^ S ° ^ 6S am Mor § en 
Bestimmten^ h rle"enm e nH en ; ZÜge *" V ° m Sdlicksal 
sei angesichts des ruThtL Hm- f dleSe Pr ° Zedur ansfüh ^> 
worden*. In TogL^r. e ,i H ***** ° eSiChtS " närrsch " ge' 

künftigen im iSSSi^sZZS *1T** to *- 
Tage vor Mitternarht IT • u bl ™ enthal muß man am selben 

wenn n»nt£S£ ZSTw^T 01 ^ ***" U " d 
im letzten Brunnen SasBldT, 7 , f g3ngen ist ' sieht ma » 
Parallelen zeigen die Re^eJn Zukünftige^. Die folgenden 
Todesvorstellung b k£l ? n C» ° arzißtischen Li ^o als 
Mädchen mit dem üefeefüh L w„ fT' WeM ein J Un ge S 
zu erblicken, in % S ^ d"^ '^ ZUkÜnftigen Man " 

sie darin sein Bild ' W ' e ^fr g f ^ 6rblickt 
wenn sie neun Tage nacheinander jeden 

^Zl'^iffiZ S^e ^h nachträglich sehe, 
den Tod des Träumenden FrTud t " Versforb enen in der Regel 

Ärztliche Psychoanalyse 1913 382 D ?' V °" T ° ten - Int - Zeitschrift für 
den Tod der anderen dargestellf "" "*"' der e * ene ™ **d durch 

^irVi:;e^^ th volti ra h; h ? erpfa '^ sitte^ und **■• »7. L 260 

**— ~* Ä 1. 3«. Berts ; h: 

5 W^^ ta SäChs - E ^birge. 190, 144 

8 H o f f m a „ »Ä™* 6 ? Sar »*ndes. 1916^40. 
7 P. Sebillot: LeFolkLorP 1 p raUChedeS Schwe ^rvolkes. 1913 96 
le to Guemsey. 47 * *"""*• 1905 - IL 252 ' Nach L. L. Clarke 



Guide to Guemsey. 47. 



Liebeszauber. 



125 



r 

Morgen fastend und wortlos eine Quelle aufsucht, kann sie am 
neunten Tage den zukünftigen Mann im Wasser erblicken. Sollte 
es ihr beschieden sein, ledig zu sterben, so erscheint statt des 
Gewünschten ein grinsender Totenschädel 1 . In Plegat-Guerrand 
geht man in der ersten Mainacht zur Quelle des Todes (Feunteum- 
an-Ankou) und wenn man bald sterben soll, so sieht man an 
Stelle des Spiegelbildes einen Totenkopf. Mit einer eigentümlich 
anmutenden Offenheit wird die intrapsychische und Regressions- 
bedeutung der Todesvisionen herausgesagt in einem ungarischen 
Volksbuch 2 . (Man könnte es ebensogut Schundliteratur nennen.) 
Die zwei älteren Schwestern zitieren des Zukünftigen Bild am 
Andreasabend, wozu sich die jüngste nur widerstrebend über- 
reden läßt. „Es ist aber möglich, daß ein sündhafter Wunsch 
oder Neugierde in ihr entstanden war, welcher gegen ihren 
Willen den Gedanken der Sünde in ihr wachrief, denn sobald 
sie die zauberischen Worte gesprochen und wiederholt hatte, 
verfinsterte sich der Wald vollkommen 3 und ein Trauerzug mit 
langen schwarzen Schleiern kam des Weges 4 . Weiter wird dann 
erzählt, wie sie sich von ihrem Bräutigam und Lebensretter ab- 
wendet, da sie an die Wahrheit des Orakels glaubt: „Sie wäre 
jetzt die Glücklichste der Frauen, wenn der Leichenzug nicht 
immer mehr und mehr das Bild ihres Bräutigams aus ihrem 
Herzen verdrängt hätte". „In ihrem Busen wogte ein endloser 
Kampf zwischen der Liebe zum Bräutigam und der Todesangst" 5 . 



1 E. Macculloch : Guemsey Folk-Lore. 1903. 190. A. le Braz: La Legende 
de la Mcrt chez les Bretons Armoricains. 1902. 1.71. 

^ 2 „Völegeny-idezes vagy a kitepett lelek a varäzstukörben" (Bräutigam- 
Zitieren oder die herausgerissene Seele im Zauberspiegel). Verlag Rösza. 1909. 
Budapest. 

3 Projektion des Gefühlswandels auf die Landschaft. Vgl. ante. 

4 Völegeny-idezes. 16. 

5 Ebda. 21. In derselben Geschichte wird erzählt, wie die Heldin bei der 
Mutter des Waldes (eine solche Gestalt kennt der ungarische Volksglaube nicht, 
wohl aber der rumänische. Moldovän: A magyarorszägi romänok. Die ungar- 
ländischen Rumänen. 1913. 324. Mama padurei. Allerdings ist sie auch hier 
kein Hexenweib, sondern ein übernatürliches Wesen. Ein etwas zu freies 



126 

Spiegelzauber. 



I 



In der Nacht des Andreastages stellt man in der Schweiz einen 
großen Zuber Wasser ins Freie, derart, daß der Mond daran" 
scheme Dann stellt man sich zusammen vor das Wasser und 
wenn dem Spiegelbilde ein Glied fehlt, so wird der Bref ende 

her o^e f/ ahreS , dieS6S GHed Vedieren; wessen e2S£ 

dem bei der ° W ™ ^ ^ ** WM Sterbe "- Ein Mädch ^, 
aem bei der Wasserschau im Bilde ein Finger fehlte hat soäte 

dtesenFmger auch tatsächlich verloren, denn gegen End ? des 

t. fZ^T d : S T d W6gen " UmiaUf " -p'tLen müLt 
ffllt ,n h5 u BUfSChen die Wahl einer Gelie bten schwer 

fallt so befragen sie ihr Unbewußtes, d. h. sie gehen zur Quelle 
der heiligen Brigitte und beugen sich dreimaf darüber fa d 
Dämmerung; der Zukünftigen Bild erscheint im dunklen Spieje 
des Wassers In Barenton erscheint bei Vollmond das BfldTr 

ein Pnrtat L V ° r lhr nieder und in derselben Minute zerbricht 

Pathologie des Alltagslebens 1Q19 1S1 1Q o r? V S'- ö - r r eu d. Zur Psycho- 
P. Sebillot: Le Folk-Lore de Fr.nce. 1905. II. 252. 



Liebeszauber. 



127 



slowenischen Mädchen am Heiligen Abend im Wasserspiegel 
ihren Zukünftigen 1 . In Seidenberg, Kreis Lauban, steigt das 
Mädchen am Andreasabend auf einen hohen Baum, der an einem 
Fluß oder See liegt. Im Spiegel des Wassers sieht sie 
den Zukünftigen 2 . Wenn man in Böhmen in der Christ-, 
St. Johannes- oder St. Thomasnacht sich einen aus neunerlei 
Blumen geflochtenen Kranz auf den Kopf setzt und bei 
Sternenlicht zu einem Wasser geht, an dem ein Baum steht, 
sieht man im Wasser das Bild des Geliebten 3 . Der Kranz 
ist ein aus der Johannisnacht verschobener Zug 4 des Ritus, den 
wir auch zur Zeit der sommerlichen Sonnenwende vorfinden. In 
England pflegt man in der Johannisnacht zur Mitternachtsstunde 
ein Schaff Quellenwasser in den Hof zu stellen und das Mädchen 
sieht im Spiegel des Wassers das Bild des zukünftigen Gatten 5 . 
In Berry lehnt sich das junge Mädchen am Johannistag bei 
Morgendämmerung über eine Quelle, dort sieht sie das Bild ihres 
Geliebten neben dem eigenen Spiegelbild 6 . In Nemet-Pröna schaut 
das Mädchen in der Thomasnacht, nach Mitternacht, in den Brunnen 
und sieht dort den Zukünftigen. 7 Im Erzgebirge und in Bayern sieht 
man zur Zeit der „Zwölften", in den heiligen drei Nächten, um 
Mitternacht im Brunnen den zukünftigen Geliebten 8 . Um Weih- 
nachten herum offenbart das In-den-Brunnen-schauen den Zukünf- 

1 Urbas: Aberglaube der Slowenen. Zeitschrift für österreichische Volks- 
kunde. 1898. 146. 

2 Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1903. I. 10. 

3 Wuttke: Volksaberglaube. 246. 

4 Vgl. R ö h e i m : A luczaszek. (Der Hexenstuhl) Neprajzi Ertesitö, 1916. 
21, 28. Der Kranz in den Riten der Johannisnacht entspricht wieder seinerseits 
dem Brautkranz. 

5 S. O. A d d y: Household Tales with other Traditional Remains. 1895. 
79. Zur selben Zeit sieht man auch die Phantome derjenigen, die im selben 
Jahre sterben werden. J. A u b r e y ; Remaines of Gentilisme and Judaisme. 
1686/87. ed. B ritten: F. L. S. IV. 26. 

6 P. S e b i 1 1 o t : Le Folk-Lore de France. 1905. II. 252. 

7 M. J. Richter: Lakodalmi szokäsok Nemet-Prönän. (Hochzeitsbräuche 
in Nemet-Pröna.) Ethn. VIII. 1897. 104. 

8 Wuttke: 1. z. 246. 



128 

Spiegelzauber. 



gesehen haben, denn il"^*^ und 
zurück.«i In der Gebend von R-.il L k ln das Zim mer 

Mädchen in der SahZrht ° Z p e , SC fl hö P fen die rumänischen 
Wasser und wl SS f «• einM Zuber vo » 

sie betend C^«^^^^* e ^en, gehen 
erblicken sie den Zukünftigen" Lr h Flußs P ie S el ™d hier 
Uebesorakel eine symbSe iE?, I ' genommen « jedes 
des Coitus, welche towS AT ^ Hochze * °der 
ahmte zustande bringt EbTSi*^? Analogteambe» das Nachge- 
Vorabende zu Neujahr alt f f ° V6rStehen ' weshalb am 

kerzen erbitten um sieZn eineHo ^ hzeit gefeiert wurde, Hochzeits- 

den Schatten, einer mZ^^^^T^ ^^ 
Das rumänische Mädchen zündoTh- ,f ^ ' W,rd SIe heiraten«, 
umhüllt ihr Haupt und sieht t f-^' 6 0sterl ™ an, 

Zukünftigen« Die fo ge„ n Be sni e!ü Spiegel des Wass ^ den 
**-*** Doppelspiegels, beziehung wei 'des Bruf ? *" BedeUtnn S des 

-ÄSiÄÄ 

Brunnen CÄ^Äfi 
185. 34a ösS^i 6 « "der st" ^ **"*■ deS V ° lkes " Österreich. 
^ der ÄfiÄW ««cner Aoer gIauben 

; r ? U lt ÄK£ s^fj - PUt under their pmows 

Z %T al L ° Califies - Folk "Lore 1909 74 V^' ?, 0mnle: Polklo« Scraps 
the Folklore of the Northern CountL ;o Fn f \ Hende "«n: Notes o„ 

"o?; d °^ w Ä fiS g d - 1879 (F - L - s - ^ Se- 
inen.)' i^r^ A ma g^ors 2 ägi romanök. (Die ungarländlschen 

Popullirt ° IX m'vTpi X: k T S - R °T inS - ReTOe - Tradltlons 
gebrauche. 1899. 19. S aChs ' omanische Hochzeits- und Toten- 



Liebeszauber. 



129 



Spiegel in den Brunnen, derart, daß bei richtigem Anbringen der 
Kerze und des Spiegels das Brunnenwasser das Bild irgend eines 
jungen Burschen widerspiegelt. Natürlich das Bild desjenigen 
welcher der Geliebte der Betreffenden ist, und wahrscheinlich "ihr 
Bräutigam wird. Daraus folgert man dann, daß in dem folgenden 
Jahre die Hochzeit stattfinden wird*. Auf der Insel Andros hallen die 
griechischen Mädchen über den Brunnen einen Spiegel aus 
welchem sie das aus dem Wasser reflektierte Bild des Zukünf 
tigen ersehen* In Alabama schaut man anfangs Mai durch ein 
geschwärztes Glas in den Brunnen, um die zukünftige Ehehälfte 

t tlfrl \ d6n Vereinigten Staaten 2 ehen die Mädchen 
am Silvesterabend gegen Mitternacht zu einer Quelle vor der 

sie sich mit einem Spiegel in der Hand hinstellen, um im Spiegel 
den Bräutigam zu sehen*. Wenn in Indiana ein Mädchen in der 
Silvesternacht sich zwischen zwei Spiegeln das Haar kämmt, sieht 
7I « dem 5 hl " ter lhr befindlichen Spiegel das Gesicht ihres 
Zukünftigen^. Die Rolle des zweiten Spiegels kann auch einem 

fvmS« zu n all f n , Tu Syfjänen nennen foIgendes Verf ~ 

viit t son« namhch Schauen. Zwischen zwei Tische setzt man 
einen Mann auf einen niederen Stuhl und zündet neben ihm 
zu beiden Sehen Wachskerzen an. Wer in die Zukunft schauen X 

el t sich in die hintere Ecke des Zimmers und hält über dem Hau" 
™ H S « e . ln welchem das Gesicht des zwischen den Tischen 

itzenden Mediums sichtbar ist. Wenn sich auf dem Gesichte schwarze 
Linien zeigen oder wenn die Züge geschwollen erscheinen, wird der 
in die Zuk unft Schauende selbst oder jemand aus seiner Familie 

mto^wtlT dl6ki nSPSZ ° käSOk - < V ° Iksbräuche - den Ufern des 

H 3 rH?'J T w The CUSt ° mS and Lore of Modern Gr «ce. 1892. 185 ex 

lih l u- T he Leg6nd ° f Perseus - «• 21. Meszäros: 1 c. 1015 45 D? 

n PetS 1 " H inaÜOn J 0n Spi6gel Und Brunnen diente «■ Heiligtum £ DenSe 

erseh t, P ^ ^ *** ° eliebten ' SOndern den Verlauf der Krankh U zu 

ersehen, P a u s a n i a s : VII. 21, 12. iMdiuwen zu 

3 K. Kn ort z: Amerikanischer Aberglaube der Gegenwarf. 1913 150 
4 K. Knortz: Folkloristische Streifzüge. 1899 47 
K. Knortz: Ebda. 46. 

Spiegelzauber. 



130 



Spiegelzauber. 



sterben ; wenn sich um das Haupt des Mediums ein Kranz zeigt, 
wird der oder die Betreffende heiraten 1 . Tod oder Glück, welche 
der Fragende aus dem über den Kopf gehaltenen Spiegel abliest, 
zeigen sich also auf dem Gesicht des anderen, d. h. das 
Schauen eines anderen fällt nicht unter eine so hohe Stufe der 
Verdrängung wie das Sich-selbst-Schauen 2 . In Österreich geht 
man in der St. Thomasnacht mit Spiegel und Kerze ins Freie 
und wenn man Punkt Mitternacht in den Spiegel schaut, sieht 
man, was diejenige Person, die einem lieb ist, eben macht 3 . 
Wenn in Tirol jemand in der längsten Nacht in den Spiegel 
lacht, sieht er alles, was er nur sehen will 4 . In Schwaben er- 
scheint im Spiegel neben denf Bilde der fortschreitenden Libido 
auch das der regredierenden, oder, wie wir noch sehen werden, 
die Objektivierungen der verdrängtesten Triebe. Wer in 
Schwaben in der Andreasnacht in den Spiegel schaut, sieht 
darin den zukünftigen Gatten, gleichzeitig aber auch den 
Teufel 5 . In Neapel wird eine Frau, die in der Weihnachtsnacht 
vor dem Spiegel stehend den Teufel ruft, eine Hexe 6 . Die Masuren, 
wenn sie in der Silvesternacht um Mitternacht wortlos in den 
Spiegel schauen, so sehen sie darin den Zukünftigen 7 . In Torna 
stellt sich das Mädchen zur selben Zeit vor den Spiegel; dann 
schaut sie nach rückwärts und sieht den Zukünftigen 8 . In Schle- 
sien stellt man sich in der Silvesternacht zur zwölften Stunde 



1 D. R. Fuchs: Eine Studienreise zu den Syrjänen. Keleti Szemle. XVI. 
1915. 16. 96. 

2 Indessen befindet sich der Spiegel zu Häupten des Fragenden und die 
Frage bezieht sich auch auf ihn, also Wiederkehr der Verdrängten. 

3 Vernaleken: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. 185. 337. 

4 I. V. Zingerle: Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. 
1857. 120. Ambras. 

5 E. Meier: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben. 1852. 
252. cit. B e r t s c h : 137. W u 1 1 k e : 246. 

6 J. B. Andrews: Neapolitan Witchcraft. Folk-Lore. VIII. 2. 

7 M. Toeppen: Aberglauben aus Masuren. 1867. 66. 

8 Versenyi: Babonäs napok. (Kalenderaberglaube.) Progr. der staatl. 
Realschule in Körmöczbänya. XXII. 1892. 13. 



Liebeszauber. 131 

mit zwei Kerzen vor den Spiegel und spricht dreimal den Namen 
des Toten aus, worauf dieser im Spiegel erscheint 1 . In Gnesen 
geht der Betreffende zur gleichen Stunde in eine dunkle Kammer 
und bleibt mit einer brennenden Kerze eine Stunde lang vor 
dem Spiegel stehen, worauf man aus dem Spiegel die Zukunft 
ersieht 2 ; ähnlich erfährt man in Mecklenburg, was im künftigen 
Jahre geschehen wird 3 . In Hessen und in Oldenburg ruft das 
Mädchen mit zwei Kerzen in den Händen vor dem Spiegel 
stehend am Silvester um Mitternacht dreimal laut den eigenen 
Namen, worauf sie den Zukünftigen sieht 4 . Desgleichen im Dith- 
marschen, wo die Mädchen in der Christnacht um Mitternacht 
sich mit zwei Kerzen vor den Spiegel stellen, in welchem sie 
den Zukünftigen erblicken 5 . In Ostpreußen geschieht dasselbe 
in der Silvesternacht 6 . In Tarnowo bei Rogasen sieht man, wenn 
man am Weihnachtsabend zur Mitternachtsstunde in den Spiegel 
schaut, „seinen Doppelgänger oder sein anderes Ich" 7 . In Ober- 
viechtachen rollte dem in der Christnacht arbeitenden Schneider 
ein Glasfaß vor die Füße, in welchem er Bekannte im Sarge 
liegend sah, — binnen einem Jahre sind dann diese sämtlich ge- 

1 Wuttke: 1. c. 484. 

2 O. Knoop: Sagen und Erzählungen aus der Provinz Posen. 1893. 377.. 

3 K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg 1880 
IL 238. 

4 Wuttke: 1. c. 246. Die beiden Kerzen versinnbildlichen vielleicht den 
Bräutigam und die Braut. Vgl. B. K a h 1 e : Kerze und Seele. Hessische Blätter 
für Volkskunde. IV. 1907. 9. Mit dem Ausrufen des eigenen Namens betont 
der Ritus seinen narzißtischen Charakter. Tennyson pflegte durch das Wieder- 
holen des eigenen Namens in Trance zu versinken. A. Lang: The Making of 
Religion. 1909. 942. „Das ersterwähnte Kind verknüpfte im Alter von noch 
nicht neun Monaten seinen Namen mit seinem Spiegelbilde und drehte sich, 
wenn man es beim Namen rief, nach dem Spiegel um, auch wenn es sich in 
einem nicht geringen Abstand von ihm befand". W. Preyer: Die Seele des 
Kindes. 1912. 352. 

5 Carstens: Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 
Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. 1913. 290. 

6 Wuttke: 1. c. 246. 

7 O. Knoop: Sagen und Erzählungen aus der Provinz Posen. 1893. 317. 

9* 



1 32 Spiegelzauber. 

sterben, zuletzt auch der Mann, der dieses Gesicht hatte 1 . Wir 
könnten auch sagen, daß der Schneider seinen eigenen Tod nahen 
fühlt, aber dem Tode anderer lieber ins Auge sieht. Noch lieber 
sieht das Mädchen den Bräutigam, dessen Bild sie statt des 
eigenen im Spiegel schaut. In Waldthurn legt das Mädchen (am 
Andreas-, Thomas- oder Weihnachtsabend) abends einen Spiegel 
unter das Kopfkissen und legt sich nach dem „Bettreten" nieder. 
Um Mitternacht steht sie auf und schaut im Spiegel das Bild 
des Geliebten, oder sie sieht ihn ohne Spiegel im Traume (Am- 
berg) 2 . In Baja betet das Mädchen am Andreastage drei „Vater- 
unser" und drei „Ave Maria", dann salzt sie ein Stück Brot, 
beißt hinein und legt den übriggebliebenen Bissen zusammen 
mit einem Spiegel unter das Kopfkissen. Um Mitternacht wirft 
sie einen Blick in den Spiegel und sieht darin ihren Bräutigam 3 . 



i S c h ö n w e r t h : Aus der Oberpfalz 1857. I. 274. 

2 S c h ö n w e r t h : Aus der Oberpfalz. 1857. I. 143. 

3 B e 1 1 o v i t s : Ünnepek babonäi : (Aberglauben an Feiertagen). Ethn. 
1896. 186. D. s. Bäcs-Bodrog megyei monographiäja. (Monographie des Komi- 
tats Bäcs-Bodrog). 1909. 1. 338. Meszäros: I.e. 1915.44. Statt des Brotes (vgl. 
Confarreatio, E. Crawley: The Mystic Rose 1902. 382 und ebda. 148—178) kann 
mit unmißverständlicher erotischer Betonung unter dem Kissen auch eine Unter- 
hose liegen. Siehe z. B. I. N a g y : Bäcsmegyei babonäk (Aberglauben aus dem 
Komitate Bäcs) Ethn. 1896. 181. Das Erscheinen des Bräutigams im Traum in der 
Andreasnacht ist psychologisch mit dem Erscheinen im Spiegel gleichwertig der 
Spiegelschau. Vgl. dazu C. A. M i 1 e s : Christmas in Ritual and Tradition. 1912. 
213. Wuttke: 1. c. 249. H. F. Feilberg: Jul. 1904. II. 123, 124. (Dänische 
Spiegelorakel mit Hersagen von ähnlichen Versen, wie sonst bei den Traum- 
gesichtern.) Versenyi Babonäs napok. (Kalenderaberglaube) Progr. der Staatl. 
Realschule in Körmöczbänya. XXII. 1892. 44. (Halbes Ei; halbe Semmel; Brot, 
gesalzen ; Hose.) Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 
1903. I. 3. R. Reichhardt: Die deutschen Feste in Sitte und Brauch. 1911. 
25, 26. P. Otto: Gebräuche und Spiele, sowie Aberglauben aus Fröden. Zeit- 
schrift des Vereins für Volkskunde. 1899. 442. W. Manz: Volksbrauch und 
Volksglaube des Sarganserlandes. 1916. 141, 142. J. A. E. Köhler: Volks- 
brauch, Aberglauben, Sagen etc. im Voigtlande. 1867. 382. Macculoch: 
Guernsey Folk-Lore. 1903. 408, 411. (Zauberkuchen und Strumpf unter dem 
Kissen.) E. M. L e a t h e r : The Folk - Loie of Herefordshire. 1912. 61, 62. 
(„Dumb cake"; hartgesottenes Ei unter dem Kissen.) M. Trevelyan: Folk- 




r 



Liebeszauber. 



133 



Folgender Zauber ist in Serbien am Georgitag, in Syrmien am 
Vorabende eines Dienstags, Freitags oder Sonntags im Neumonde 
im Schwange. Das Mädchen nimmt das erste Stück Brot beim 
Nachtmahl, tunkt es ins Salzfaß 1 , steckt es dann in den Mund 
und läßt es wieder in die Schürze gleiten. Auch Löffel, Gabel 
und Messer, die sie auf jeden Fall gebraucht haben muß, kom- 
men in die Schürze. Bevor sie sich zu Bett begibt, nimmt sie ein 
Spiegelchen zur Hand, besieht sich drin und spricht dabei „Glän- 
zender Spiegel, so wie du mich jetzt zeigst, daß ich mich schön 
besehen kann, so zeige mir auch im Traum den mir beschiede- 
nen Mann'. Spiegelchen, Weberschiff lein und Kämme werden in 
den Schurz gewickelt und unter das Kissen gelegt. Nun betet 
sie, daß der Mann ihr im Traume erscheine, „wenn er sich jen- 
seits eines Gewässers befindet, hier ein Schifflein und ein Ruder 
(das Weberschifflein und der Löffel), wenn er sich jenseits des 
Waldes befindet, hier hat er eine Axt (das Messer), muß er über 
Dornen und Gestein setzen, hier hat er eine Gabel. Er mag 
kommen, hier findet er Brot und Salz, damit wir gemeinschaft- 
lich davon genießen, Kämme, damit wir uns kämmen, Spiegel, 
damit wir uns besehen und zusammen zum Traualtare schreiten 2 . 
Hier wird also nicht bloß der Traumgedanke suggestiv beein- 
flußt, sogar die zu verwertenden Symbole werden handgreiflich 
angegeben. Der Vareler (Oldenburg) Fall weist wieder deutlich Realisierung 
auf den realen Kern der Gebräuche, d. h. die Möglichkeit, die wünsche. 
Zukunft wirklich durch Spiegelschau zu erfahren, insoferne näm- 



Lore and Folk-Stories of Wales. 1909. 255. (Nackt zu Bett gehen in der An- 
dreasnacht.) W. Henderson: Notes on the Folk-Lore ofthe Northern Counties. 
1879. 36 (Hochzeitskuchen) 90, 91 („Dumb cake"). L. Strackerjan: Aber- 
glaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. 1909. I. 108. (Der Schutz- 
geist — also die narzißtische Abspaltung — führt den Mann vor das Bett.) 
J. A u b r e y : Remaines of Gentilisme and Iudaisme. ed. B r i 1 1 e n. 1881. 
F. L. S. IV. 65. Vgl. den in der Thomasnacht geträumten Spiegeltraum. 
0. Rank: Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahrbuch III. 414. 

1 Vgl. Jones: Die Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker. 
Imago. 1912. 361. 

2 F. S. K r a u s s : Sitte und Brauch der Südslaven. 1885. 172, 173. 



134 " , 

bpieselzauber. 



n « h f m de " Spiegel dazu dient > d * verdrängten 

Vorstellungen bewußt zu machen. Um Mitternacht, von allen 
ungesehen, geht ein Schiffer mit brennender Kerze in ein 

e t m e m 7 r ;-H Stellt v SiCh V ° r dCn Spiegd und "^hdern r 
eine Zeitlang hineingeschaut hat, lacht er laut auf. Wenn 

dr Lai am aut 7 ^ ** ""* * den ^ Schau " 
oreimal laut den eigenen Namen ruft oder auflacht 
sieh man die Zukunft , Der Sch . ffer auflacht 

ZJs^M-Xl' ^ SP 'T S3h " daS — deutlichste und 
„rauheste Madchen seiner Bekanntschaft von Kindern umgeben 
Dieses Gesicht gefiel ihm nicht, und er sagte seinen Fr2 ' 
er werde diese „Schmiertasche« auf keinen Fall heiraten S 
dauerte nicht lange und die Betreffende wurde seine Frau"* W 
können den Inhalt der hier bewußtseinsfähig werdenden ve 
drängten Vorstellungen auch des Näheren bestfmmen die Be to 
SW des Schmierigen am Mädchen weist nach den der schärfsten" 
Verdrängung unterliegenden Trieben der Analerotik h^Da" 
D e g nl e -H r Pid diCSer Aft Zdgt die Unbe -«ßte Libido des 
beeh ? 6nS v dIe SiCh nach dem Herm > wohl als Wieder 
be lebung des Vater-Imago zuwendet. Czink erzählt einen Fa 1 

h^T?' eHaaSfraU emUntert *r Dienstmädchen 2 Wdh 
nachtsabend einen Versuch mit dem Spiegel zu machen die 
Magd erschrickt vor Scham fast zu Tode als sie S h 

rSrrhab? 1 ^ "* f* ~ »£** i£ 
iure Herrin habe sie zum Besten gehalten und ihr den Gatten 

als Lauscher nachgeschickt. Als sie am anderen Tage erwacht 
W Wen S ? VV er FfaU gCfragt: ' Nun ' wen hast du gesÄ 

Tirol« VolkeT Ä' *" g * r L« i Sitten ' Brä «*e „nd Meinungen des 
246. (Oben) ««n Rufen des eigenen Namens. Wuttke: 

bürg. 'iL 8 1. r i08 k "^^ Aber 2 Iauben un <* Sagen aus dem Herzogtum Olden- 
3 Vgl. weiter unten über Kehricht und Fegen. 



Liebeszauber. 



135 



es auch \ Die folgenden Ritengruppen kombinieren die Spiegel- 
schau mit anderen Orakelgebräuchen, oder wir könnten auch mtenhäufung. 
sagen, sie determinieren den Sinn der Spiegelschau auf dem 
Wege anderer, jedoch analoger Handlungen und heben ihn so 
hervor. Eben deshalb ist ein sicheres Verständnis einzelner 
Gebräuche eigentlich erst aus dem Zusammenhang mit dem 
ganzen Komplex koexistenter Riten zu gewinnen 2 . Die Wen- 
den stellen sich in der Andreasnacht mit zwei Kerzen vor 
den Spiegel und werfen beide Pantoffel über den Kopf hinter 
sich, worauf sie den Teufel sehen, wie er in das Zimmer herein- 
kommt 3 . Wir gehen nun auf jene Gruppe der Gebräuche über, 
aus welcher zwar die spiegelnde Oberfläche fehlt, deren Erwähnung 
aber durch das Vorkommen des Wassers notwendig erscheint, in Das Wasser. 
welchem, wie wir oben gesehen haben, das Bild des Bräutigams 
in ähnlichem Zusammenhang zu erscheinen pflegt. Bei den ungar- 
ländischenRuthenensiehtdasMädchen,wennessich ohne zusprechen 
in Osterwasser wäscht, den Zukünftigen im Wasserspiegel 4 . Am Vor- 
abend des Johannistages oder zu Weihnachten stellt das Mädchen in 
Fiume neben das Bett eine Schüssel Wasser, daneben Seife und Hand- 
tuch; wer sich im Traum waschen wird, der wird ihr Gatte werden 5 . 



1 L. C z i n k : Fiume neprajza. (Ethnographie von Fiume.) Ethn. 1892. 
175, 176. Weiteres über die Rolle des Dienstherrn vgl. unten bei den kombi- 
nierten Riten. Ferner bei den Beschwörungen bei Feuerlicht J. E. Waldfreund: 
Volksgebräuche und Aberglaube in Tirol und dem Salzburger Gebirg. Zeitschrift 
für deutsche Mythologie III. 335. 336. 

2 So kann sich die Forschung der Aufgabe widmen, die herrschende 
psychische Einstellung einzelner Jahresepochen zu ermitteln. Vgl. die durch- 
greifenden Unterschiede der Stammesorganisation im Winter bei den Kwakiutl. 
F. B o a s : The Social Organization and the Secret Societies of the Kwakiutl 
Indians. Report of the United States National Museum. 1897. 418 und W. Hell- 
p a c h : Die geopsychischen Erscheinungen. 1917. 262. 

3 E. Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Ge- 
bräuche. 1880. 444. Das Hinter-sich-werfen der Pantoffel und die Erscheinung des 
Teufels deuten funktionell auf die Regression, inhaltlich auf die Analerotik. 

4 O. Szabö: A magyar oroszokröl (Die Russen Ungarns). 1913. 206. 

5 L. C z i n k : Fiume Neprajz (Ethnographische Beschreibung von Fiume). 
Ethn. 1892. 176. 



1 q^. 

Spiegelzauber. 

Wenn in Mecklenburg ein Mädchen in der Silvesternacht sich ohne 
Seife zu waschen beginnt und sagt: „Water hevv ik wol; wenn ik 
man Seip had", so kommt ihr zukünftiger Gatte (beziehungsweise 
dessen Geist) und überreicht die Seife. Der Bursche beginnt zu 
Silvester sich zu rasieren, da kommt die Frau mit der Seife \ Wenn 
wir sehen, daß solche Liebesorakel den Beschworenen gerade in 
der intimsten Situation zeigen, sind wir berechtigt, auf Grund der 
Kenntnis der Traumsymbolik noch weiter zu gehen und an Stelle 
der intimen Situation des Waschens eine noch intimere zu setzen, 
nämlich den Coitus 2 . Weitere Forschungen werden gewiß dartun', 
daß die Liebesorakel überhaupt als Analogiezauber aufzufassen 
sind, weil sie das erwünschte Ziel, die Vereinigung der Geschlechter, 
durch symbolische Nachahmungen des Coitus herbeizuführen 
suchen 3 . Bei den Deutschen in Nordungarn wäscht sich das 
Mädchen am Thomasabend und legt sich ungetrocknet ins Bett. 

1 K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg 1880 
II. 239, 240. s 

2 Vgl. die Rolle des Brunnenganges und Wassers überhaupt in den Hoch- 
zeltsbräuchen. L. v. Schroeder: Hochzeitsbräuche der Esthen 1888 133 
Mancherorts begibt sich am zweiten Tage das Paar mit den Gästen an den 
Fluß, in dem sich alle waschen. Braut und Bräutigam trocknen einander ab 
Piprek: Slawische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebräuche. 1914. 47 When 
a female child is born the father of some male child brings him into thVhouse 
with a bamboo of water, and se male child proceeds to wash the female who 
henceforth becomes his betrothed. R. H. Codring ton: The Melanesians. 

3 Ich passe mich damit nur der herkömmlichen ethnologischen Ausdrucks- 
weise an. Eigentlich hat man die Sache so aufzufassen, daß die Libido in ihrem 
Streben nach Befriedigung und im Kampfe mit der Verdrängung nur die sym- 
bolischen Abbilder des Coitus zustandebringt, die aber, da sie ja auch wunsch- 
erfullend wirken und somit einen analogen psychischen Zustand hervorrufen 
nunmehr als Vorläufer der reellen Wunscherfüllung gelten. Ob mit Recht' 
das hängt von dem Kräfteverhältnis zwischen Libido und Verdrängung ab' 
Vgl Rohe im: A varäzserö fogalmänak eredete (Ursprung des Manabegriffesj 
1914. 44, wo es aber, da nicht die Libido, sondern der Hunger oder Aggres- 
sivität, mit einem Wort die Ichtriebe die treibende Kraft bilden, keine Verdrän- 
gung g,bt, und die Nachahmung, statt verhüllt und symbolisch zu sein, eine 
offensichtige ist. 




Liebeszauber. 



137 



Dann erscheint der Zukünftige und trocknet sie ab 1 . In Olden- 
burg wäscht sich der zukünftige Bräutigam oder die Braut 
in der Johannisnacht in einer Waschschüssel 2 . Wenn man 
in Tirol in der Weihnachtsnacht zwischen elf und zwölf 
Uhr zu drei Brunnen geht, und zwar zu solchen, aus 
denen das Wasser gegen Sonnenaufgang zu herausfließt, und 
wenn man sich bei jedem dieser Brunnen wäscht, wird man 
beim dritten den zukünftigen Gemahl sehen 3 . In den nörd- 
lichen Grafschaften Englands legt das Mädchen in der Nacht vor 
Allerheiligen oder in der Silvesternacht das Hemd zum Trocknen 
auf einen Stuhl. Wenn sie lang genug wach bleibt, sieht sie den 
zukünftigen Gatten, wie er in das Zimmer kommt, das Hemd 
umzudrehen. Wenn sie zu dieser Zeit statt des Mannes einen 
Sarg sieht, bedeutet dies den Tod. Es kam auch vor, daß zu- 
erst der Mann erschien und dann der Sarg und daß das Orakel 
sich bewahrheitete, weil das Mädchen wohl gefreit wurde, ihr 
Gatte aber bald darauf starb. In Irland und in Sussex ist dieser 
Gebrauch in derselben Form bekannt, ferner auch in Norfolk, 
wo er jedoch an die St. Markus- oder die St. Agnesnacht ge- 
knüpft ist 4 . In Yorkshire stellt man in der St. Annanacht (am 
26. Juli) um Mitternacht einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, 
darauf setzt man eine Schüssel Wasser und spannt über das 
Zimmer einen Strick. Sieben Mädchen hängen, ohne dabei ein 
Wort zu sprechen, ihre Hemden auf den Strick ; jede wirft in das 
Wasser ein Lorbeerblatt und der erscheinende Mann sprengt 
damit Wasser auf das Hemd jenes Mädchens, das er noch in 
diesem Jahre heiraten wird 5 . In den englisch-schottischen Grenz- 



1 M. J. Richter: Regi lakodalmi szokäsok Nemet Prönän. (Alte Hoch- 
zeitsbräuche in Nemet Pröna.) Ethn. VIII. 104. 

2 Strecker jan: Aberglauben und Sagen aus dem Herzogtum Olden- 
burg. 1909. I. 109. 

3 Z i n g e r 1 e : Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. 1854. 127. 

4 W. Henderson: Notes on the Folk-Lore of the Northern Counties 
of England and the Borders. F. L. S. II. 1878. 101, 102. 

5 S. O. A d d y : Household Tales 1895. Vgl. In der St. Markusnacht taucht 
das Mädchen sein Hemd in fließendes Wasser und hängt es zum Trocknen über 



*"° Spiegelzauber. 

gebieten stellt das Mädchen zu Allerheiligen, Weihnachten, Sil- 
vester oder St. Johannes nachts drei Schaff Wasser in ihr 
Schlafzimmer und steckt drei grüne „Holly"-Blätter 1 in ihr Nacht- 
hemd, an die Stelle, die dem Herzen entspricht. Sie wird dann 
nachts durch dreifachen Schrei geweckt, als ob dieser aus dem 
Rachen dreier Bären käme, dann folgt dreifaches Lachen und 
hierauf erscheint das Ebenbild des zukünftigen Gatten. Wenn er 
das Mädchen wirklich liebt, wird er die Stellung der drei Wasser- 
schaffe ändern, wenn nicht, verläßt er das Zimmer ohne an das 
Wasser zu rühren. Die dem Ebenbilde des Mannes vorgehenden 

einen Stuhl, um Mitternacht erscheint der Bräutigam und kehrt das Hemd um. 
Ebda. 88. Die schottischen Mädchen gehen am Allerseelentage zu einem südwärts 
fließenden Bach, dort wo sich die Grenzen dreier Gemarkungen berühren und 
tauchen den linken Hemdärmel ins Wasser. Das Hemd hängen sie zum Trock- 
nen beim Feuer auf. Um Mitternacht kommt die Erscheinung und dreht das 
Hemd um, als ob sie auch die andere Seite des Hemdes trocknen wollte. 
R. A. Willmok: The Poetikal Works of Robert Bums. 1856. 69. „Halloween". 
Zur Bedeutung des Hemdes vgl. Daniele: Das Hemd in Glauben, Sitte und 
Brauch der Südslaven. Anthrophohyteia. VII. 1910. 54. Zur Besprengung vgl. z. B. 
die Osterbesprengung mit analoger Bedeutung. K a r 1 o w i c z : Liebestaufe bei 
den Polen. Am Urquell 1891. 7. R e i c h h a r d t : Die deutschen Feste in Sitte 
und Brauch. 1911. 131, 132. P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglauben in 
Schlesien 1903. I. 100. Ferner in Verbindung mit den Hochzeitsgebräuchen, 
W. Mannhardt: Wald und Feldkulte I. 1904 488. Die Südslaven geben 
der Kreißenden aus dem Hemde ihres Mannes „unbegonnenes Wasser" zu 
trinken, um das Gebären zu erleichtern. F. S. K r a u s s : Sitte und Brauch der 
Südslaven. 1885. 539. 

1 Unter „Holly and Misletoe" darf man sich zu Weihnachten küssen. 
C. A. Miles: Christmas 1912. 274. Mädchen verbrennen Hollybeeren am 
Weihnachtsabend, worauf des Zukünftigen Bild zwischen dem Mädchen und 
der Flamme erscheint. Macculloch: Guernsey Folk-Lore. 1903. 410. Der 
Holly (Jlex aquifolium) ist übrigens Sinnbild des Mannes im Gegensatz zu dem 
durch das Immergrün symbolisierten weiblichen Geschlecht, wir könnten sagen 
das „sex totem" vgl. Mille s: 1. c. 275. Wenn er mit trüber Flamme verbrennt, 
bedeutet das den Tod. S. O. A d d y : Scraps of English Folklore. Folk-Lore 
1909. 343. Wer einen blühenden Zweig abbricht (Onanie), aus dessen Familie 
stirbt jemand. T r e v e 1 y a n : Folk-Lore and Folk-Stories of Wales. 1909. 88. 
Die Hexen hassen ihn. Henderson: Folk-Lore of the Northern Counties. 
1878. 226. (Wie jedes Libidosymbol ?) 



Liebeszauber. 



139 



Visionen sind zweifellos Projizierungen des Widerstandes, wie 
dies bereits Riklin bei analogen Märchenmotiven nachgewiesen 
hat 1 . Noch weniger läßt sich jener Zug mißverstehen, daß der 
Mann, wenn er das Mädchen liebt, an dem Wasserschaff (vulva) 
des Mädchens irgend eine Änderung zustande bringt, während, 
falls er für sie keine wahre Neigung hegt, er nicht daran rührt. 
Derselbe leicht lesbare Symbolismus findet sich in „The Uni- 
versal Fortune Teller", einem englischen Volksbuch. In der 
St. Johannisnacht gehen drei, fünf oder sieben 2 junge Mädchen 
in den Garten und jede bricht wortlos einen roten Salbeistengel. 
Den Salbei stellen sie in der Mitte des Zimmers in einer 
Waschschüssel auf. Sie ziehen von einem Ende des Zimmers zum 
anderen einen Strick und jedes Mädchen hängt, das Innere nach 
außen gekehrt, ein reines Hemd auf den Strick. Um Mitternacht 
erscheint der Bräutigam, den man erwarten muß, ohne ein Wort 
zu reden, nimmt den Salbei aus dem Wasser und besprengt 
damit das Hemd des Mädchens 3 . Der rote Salbei 4 ist ein noch 
entschiedenerer Hinweis auf den Penis als das Lorbeerblatt in 
Yorkshire. In Österreich sieht man den Zukünftigen in der Weise, 
daß man in einem Wasserzuber Wein schüttet 5 . Die Masuren, 
flechten am Vorabend der Johannisnacht, ohne dabei zu reden, 



1 Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. 1908. 40. 46. 

2 Bemerkenswert ist in diesen stark affektbetonten Riten die Bedeutung 
der ungeraden Zahlen, besonders der Drei. Vgl. J. B i b 6 : A szämok jelentese 
es a gondolkodäs alapformäinak törtenete. Die Bedeutung der Zahlen und die 
Grundformen des Denkens. Neplelektani Dolgozatok. (Völkerpsychologische 
Arbeiten.) 1917. 23. 

3 Henderson: Notes on the Folk-Lore of the Nortern Counties. 1878. 99-102. 
* Vgl. auch M. Peacock: The Folklore of Lincolnshire. Folk-Lore 1901. 

XII. 167. 

5 Wuttke: 1. c. 247. Der Zuber, das Gefäß u. dgl. sind häufige Sym- 
bole des Weibes, beziehungsweise der weiblichen Genitalien. In Schottland 
nimmt man am Allerseelentag drei Schüsseln und füllt die eine mit reinem, 
die andere mit schmutzigem Wasser, die dritte läßt man leer. Man bindet dem 
Betreffenden die Augen zu und dann muß er mit der Linken nach den Schüs- 
seln langen. Wenn er an das reine Wasser rührt, bekommt er eine Jungfrau, 
wenn er nach dem schmutzigen greift, eine Witwe, wenn nach der leeren 



Spiegelzauber. 

einen Kranz aus Feldblumen. Um Mitternacht sagt das Mädchen, 
ausgestattet mit dem Kranze und mit einem Glas Wasser: „der 
Liebste kommt zu trinken", beziehungsweise der Bursche sagt: 
„die Herzallerliebste komme und reiche mir zu trinken", worauf 
das Bild des oder der Geliebten im Wasser erscheint 1 . In Indiana 
läuft das Mädchen in der Silvesternacht, Wasser im Munde hal- 
tend, um das Haus herum, der erste ihr entgegenschreitende 
Mann wird ihr Gatte werden 2 . Im Sarganserland kann man den 
„Zukünftigen" erblicken, wenn man während des Zusammen- 
läutens in der Weihnachtsnacht die Stube „hinderschi" wischt, 
an allen, oder auch nur an neun Brunnen, je drei Schlucke 
Wasser trinkt und sich hierauf zur Kirchentüre begibt 3 . Ein 
Nacktheit, typisches, rituelles Überlebsel des Coitus ist die Nacktheit 4 , 

Schüssel, bleibt er ledig. R. A. Willmott: Poetical Works of Robert Burns. 
1856. 70. Vgl. dasselbe in Wales. M. Trevelyan: Folk-Lore and Folk-Stories 
of Wales. 1909. 254, 255. Die Kaste der Konga vellala in Südindien verbietet 
der Witwe das Eingehen einer neuen Ehe. Wer eine Witwe ehelicht, wird aus 
der Kaste ausgeschlossen, außer daß er sich neuerlich von der Frau scheiden 
läßt. Die Frau muß zu dieser Scheidung ihre Einwilligung erteilen und das 
geschieht mit folgender Formel: „Das Weib ist bloß ein Tongefäß, welches 
jetzt zerbrochen wurde«. E. Thurston and K. Rangachari: Castes and 
Tribes of Southern India. 1909. III. 419. Das Weinschütten in den Wasserzuber 
ist eine symbolische Nachahmung des Coitus. Vgl. die von A. I. S t o r f e r ; 
Marias jungfräuliche Mutterschaft. 1914. 96. 97. 118. angeführten Beispiele. Wasser- 
schöpfen und Coitus' vgl. noch G. Tessmann: Die Pangwe. 1913. II. 52. 

1 M. Toeppen: Aberglaube der Masuren. 1867. 72. Der Grund des 
Unterschiedes ist im reellen Brauch zu suchen, nämlich, daß die Mädchen zum 
Brunnen gehen, also sie dem Burschen den Krug reichen. Allerdings ist das 
Reichen des Kruges auch dem Reichen der Vagina gleichzustellen. Das 
Zusammenessen oder Trinken ist ein ständiger Zug der Hochzeitsriten, (Vgl. 
E. Cra wl ey : The Myslic Rose. 1902.) ein Motiv, das sich wiederum ungezwungen 
aus der Verschiebung nach oben erklärt. Der Hochzeitsritus ist eine feierliche Kom- 
mensalität, das Liebesorakel wiederholt die praktische Kommensalität in der 
traumähnlichen magischen Form. 

2 K. Knortz: Folkloristische Streifzüge. 1900. 46. 

3 W. M a n z : Volksbrauch und Volksglaube des Sarganserlandes. 1916. 
139. Vgl. auch die ebendort angemerkten Quellen. 

4 Vgl. dieselbe Auffassung bei M. J e 1 1 i n e k : A saru eredete. (Der Ur- 
sprung des Schuhes) 1917. 



Liebeszauber. 



141 



welcher in unserem Falle noch eine besondere Determinante zu- 
kommt, indem sie sich als exhibitionistischen Komplementär- 
trieb der Schaulust kundgibt. Das niederdeutsche Mädchen sieht 
am Andreastage, nackt vor dem Spiegel stehend, das Bild des 
Geliebten 1 ; am Silvesterabend oder am Andreastage kann in 
Dees das Mädchen den zukünftigen Gatten sehen, wenn sie sich 
splitternackt auszieht, das Zimmer verfinstert, in die Mitte des 
Zimmers einen Zuber Wasser stellt und hineinschaut 2 . Wie nun 
die Nacktheit ein symbolisch reduzierter, angedeuteter Coitus, 
so ist in der Variante von Feinemet das Kleiden in reines Weiß 
eine bloß angedeutete Nacktheit 3 . Wenn am Neujahrsmorgen ein 
Mädchen einen Spiegel in den Hof hinausstellt und sich in reines 
Weiß kleidet, sieht sie in dem Spiegel den Mann, der sie hei- 
raten wird, und wenn es ihr beschieden ist, als Jungfrau zu 
sterben, so sieht sie den Tod 4 . In Fiume entkleidet sich beim 
Nahen der Mitternachtsstunde zu Weihnachten oder in der Johannis- 
nacht das Mädchen im finsteren Zimmer und zwar splitternackt; 
wenn der erste Glockenschlag ertönt, eilt sie mit einer brennen- 
den Kerze in der Hand vor den Spiegel und wen sie darin 
erblickt, der wird ihr Gatte werden; sieht sie aber eine Toten- 
bahre mit den gebräuchlichen Kandelabern, bleibt sie ledig und 
wird niemals einen Mann bekommen. Czink erwähnt auch einen 
Fall, in welchem die in dem Totengesicht sich offenbarende 
regredierende Tendenz die Objektwahl tatsächlich verhinderte, 
d. h. das Orakel erfüllt wurde 6 . Das Verbot des Umdrehens be- 



« O. L a u f f e r : Niederdeutsche Volkskunde. 1917. 115. Nackt und nach 
rückwärts zu wird auch das Zimmer ausgekehrt. 

2 G. Versenyi: Babonäk (Aberglauben) Nyelvör. XII. 45. 

3 Allerdings kann es im Hinblick auf den Inhalt der Vision auch mit der 
weißen Träuerfarbe und mit dem Totenhemd in Verbindung stehen. Vgl. Zs. B ä t k y: 
Adatok a feher gyäszviselethez (Beiträge zur weißen Trauerkleidung). Ethn. 
1911. 33. 

4 L. S z e k e 1 y : Magyar Nepköltesl gyüjtemeny (Sammlung ungarischer 
Volksdichtungen) Eger. F. F. 1914. 28. 

5 L. Czink: Fiume neprajza (Ethnographie von Fiume). Ethn. 1892. 
175, 176. 



142 

Spißgelzauber. 



Kehrichtfegen 



deutet die Verdrängung der bei der Spiegelschau sich offen- 
barenden Schaulust. Die ruthenischen Mädchen hängen am Vor 
abernte des Andreastages der Tür gegenüber einen Spiegel auf" 
so daß die Tür und wer durch dieselbe eintritt, in dem Spiegel 
sichtbar sem mögen. Dann zünden sie zwei Kerzen an und 

» hauen um Mitternacht in den Spiegel; sie sehen dann den 
Zuku nft] lm Spiege]> aber s . e d „ rfen s . ch ^^ den 

noch geradezu nach der Tür schauen. Nach manchen Angaben 
muß sich das Mädchen nackt vor den Spiegel stellen* Im säch 
TTenltr Stel Ü SiCh amAnd -4 dachen t~ 

lir-h.n P 7 V? dan " den Geliebten zu erblick en 2 - Des- 
gleichen in der Z.laher Gegend in der Weihnachtsnacht*. 

Zu dieser zweifachen Zusammensetzung kann als dritte 
Komponente der Ritus des Kehrichtfegens kommen, derart daß 
sodann die Spiegelschau (-Schaulust) Nacktheit (-Exhibitionismus) 
und die magische Bedeutung des Kehrichtes (-Analerotik) eTnen 

am t AndreT **" T*' In ^ ** ^-Mädchen 
am St. Andreastage um die Zeit der Messe nackt ihr Zimmer 

au in welchem der Spiegel der Tür gegenüber hängt ™ 

der Tur zu schauend, fegt sie den Kehricht nach der Reh W 

gegen den Spiegel, sowie sie sich umdreht, sieht s e den Ge 

wir ^"d SP i egd5 - V ° m St3ndpUnkte d « AnalerotL können 
wir auch den keineswegs nebensächlichen Zug erklären daß das 
Mädchen^den Kehricht nach rückwärts zu fegt und dem 

ZeitscLStS; ö ^, n ^ ei ;£ £™ SkUnde d6S Ostkarpathen^etes. 
1909. \u. J ° hn: Aberglaube ' Sitte und *»** im sächsischen Erzgebirge 

5 Wuttke: 1. c. 2S0. 



Liebesaauber. 



143 



Spiegel mit dem Rücken zugewendet ist 1 . Aus denselben Trieben 
läßt sich in der folgenden Variante das Erscheinen des Teufels 
erklären, der ja auch sonst oft als Personifikation der analero- 
tischen Triebe auftritt 2 . 

In der Schweiz ist das „Andres' len" auch am Andreastage 
gebräuchlich, meist aber doch zu Weihnachten. Das Mädchen 
fegt um Mitternacht sein Schlafzimmer, und zwar ist es dabei 
nackt. Dann legt sie sich gleichfalls nackt zu Bett und steckt 
den Spiegel verkehrt unter den Polster. Vor dem Einschlafen 



1 Hexen wenden dem Altar den Rücken zu. Vgl. Grimm: Deutsche 
Mythologie. 1875. II. 903. Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und 
Sagen. 1859. III. 173, 174. Zingerle: Sitten, Bräuche und Meinungen des 
Tiroler Volkes. 1857. 35, 125. J. E. Waldfreund: Volksgebräuche und Aber- 
glaube in Tirol und dem Salzburger Gebirge. Zeitschrift für deutsche Mythologie. 
III. 1855. 336. Krainz: Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes 
in Steiermark. Zeitschrift für österreichische Volkskunde. 1895. I. 247. R. 
Horväth: Sto narod priCa o bozanstvo i o svecina Narodni koledar. Zbornik 
za narodni zivot i obicaje juznih slavena. I. 1896. 245. F. S. Krauss: Volks- 
glaube und religiöser Brauch der Südslaven. 1890. 120. D. i.: Slavische Volks- 
forschungen. 1908. 69. Boch-Stransky: Cesky Lid. I. 500. P. Sochäfi 
Prosto närodne povery v Lopasove. Slovenske Pohlady. 1897. 379. (Diese, sowie 
die meisten benützten slavischen Quellen hat Herr Dr. Hiador Stripszky 
für mich übersetzt.) V. Tolnai: Nagyfalusi babonäk. (Aberglauben aus Nagy- 
falu.) Ethn. 1899. 396. Istvänffy: Neprajzi adalok Nögrädböl. (Ethnographi- 
sches aus Nögräd.) Ethn. 1897. 378. Berze-Nagy. Babonäk etc. Besenyötelken. 
(Aberglauben.) Ethn. 1910. 30. Dobay: Babonäk. F. F. Györ. 1914/15. V. Th. 
Vernaleken: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. 1859. 336. 
J. Schramek: Der Böhmerwaldbauer. (Beitr. deutsch-böhmischen Volks- 
kunde. XII) 113. John: Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen West- 
böhmen, (ebda. VI.) 1905. 5, 20. B. Hrabi: Cesky Lid. I. 404. Vrbka: Land 
und Volk der mährischen Walachei. Zeitschrift für österreichische Volkskunde. 
1896. II. 249. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1906. 
II. 246. Kühn au: Schlesische Sagen. 1913. III. 35. E. H. Meyer: Badisches 
Volksleben. 1900. 559. F. Gönezi: Muraköz es Nepe. (Die Muhrinsel und 
dessen Bevölkerung.) 1895. 61, 62. W. Urbas: Aberglaube der Slowenen. 
Zeitschrift für österreichische Volkskunde. 1898. 146. Wuttke: 1. c. 257, 258. 
(Diese Belegstellen habe ich bereits in der Abhandlung „A luczaszek" (Der 
Hexenstuhl). Neprajzi Ertesitö. 1915, 1916, verwertet.) 

2 Vgl. z. B. Jones: Der Alptraum. 1912. 82, 91. Vgl. oben. 



144 

Spiegelzauber. 

sieht sie dann den Zukünftigen. In einem Fall ist das Mädchen 
irrsinnig geworden, weil sie den Zukünftigen in Gestalt des 
Teufels gesehen hatte. Einem anderen Mädchen erschien der in 
Amerika weilende Geliebte mit einem Wanderstabe in der Hand 1 . 
In Dalleschitz geht das Mädchen zur Zeit der Mitternachtsmesse 
in ein leeres Zimmer, in welchem der Tür gegenüber ein Spiegel 
hängt; sie entkleidet sich vollkommen nackt und fegt den Staub 
gegen den Spiegel zu. Wenn sie sich umdreht, sieht sie im 
Spiegel den künftigen Gatten. Eine Magd hat solcher Art den 
Brotherrn im Spiegel gesehen und das Orakel erfüllte sich 2 . 
Der Reckte Die Tendenz der Ritenhäufung ist des weiteren tätig, wenn 

zu den bisherigen Gebräuchen noch das Motiv des gedeckten 
Tisches, ein durchsichtiges Symbol der Gemeinschaft von 
Tisch und Bett hinzutritt 3 . Neben dem analerotischen finden wir 
hier also die oralerotische Regression. — In Kärnten sieht das 
Mädchen in der Johannis-, Walpurgis- und Thomasnacht, sowie 
am Christabend den Bräutigam, wenn sie einen ganzen Laib 
Brot samt dem dazugehörigen Messer auf den Tisch setzt, ohne 
nach dem Tisch zu schauen und splitternackt die Stube aus- 
kehrt. Wenn sie dann in den Spiegel schaut, sieht sie das Nebel- 

1 O. S t o 1 1: Zur Kenntnis des Zauberglaubens, der Volksmagie und Volks- 
medizin in der Schweiz. Jahresbericht der geol. ethn. Ges. 1909. 152, 153. Vgl. 
R. Trebitsch: Versuch einer Psychologie der Volksmedizin und des Aber- 
glaubens. Mitt. Anthrop. Ges. in Wien. XLIII. 1913. 197-199. Der Zwiespalt 
in der Libidoübertragung (Geliebter = Teufel) als Anfang der Geistesstörung. 

2 Vernaleken: Mythen u. Bräuche des Volkes in Österreich. 1859. 339, 340. 

3 Über den gedeckten Tisch als Heiratsorakel (ohne Spiegel). Vgl 
Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1903. I. 13 
Wuttke: 1. c. 249. W. Manz; Volksbrauch und Volksglaube des Sarganser- 
landes. 1916. 140. (Tischdecken und die Stube „hinderschi" auskehren.) V. 
T o 1 n a i : Nagyfalusi babonäk. (Aberglauben aus Nagyfalu.) Ethn. 1899 395 
396. M. JohannesPraetorius: Saturnalia, das ist eine Kompagnie Weih- 
nachtsfratzen. 401. Macculloch: Guernsey Folk-Lore. 1903.410,411. M. 
P e a c o c k : The Folk-Lore of Lincolnshire. Folk-Lore XII. 1901. 167 AMorri- 
son: Divers Vanities. 1905. (Tauchnitz) 20. F. S. Krauss: Sitte und Brauch 
der Südslaven. 1885. 181. Versenyi: Babonäs napok. (Kalenderaberglaube.) 
Programm der staatl. Realschule in Körmöczbänya. 1892, 44. 



Liebeszauber. 



145 



bild des zukünftigen Bräutigams; grinst ihr aber ein Totenkopf 
entgegen, muß sie im kommenden Jahre sterben. Ebenso 
kann sie den Bräutigam sehen, wenn sie zur selben Zeit 
sich nackt niederbeugend zwischen die Beine hindurch nach 
dem Tische schaut 1 . Eine Magd, die über Rat ihrer Frau 
dieses Orakel versuchte, sah ihren Dienstherrn in der Türe 
und beklagte sich bei der Frau, weil diese auch ihren 
Mann in die Sache eingeweiht hat. Die Bäuerin antwortete aber 



1 Das isländische Zauberweib schreitet bei Ausübung ihres Zaubers ge- 
bückt und durch ihre Beine hindurch schauend nach rückwärts. F e i 1 b e r g : 
Der böse Blick in nordischer Oberlieferung. Zeitschrift des Vereins für Volks- 
kunde. 1901. XL 310, 426. Am Weihnachtsabend heizt das Mädchen den Ofen 
tüchtig ein, entkleidet sich splitternackt und sieht so vornübergebeugt durch die 
Beine in den Ofen. Dort erblickt sie den Zukünftigen. M. M. R. Varga: Szar- 
vasvideki babonäk. (Aberglauben aus der Gegend von Szarvas.) Ethn. 1909. 113. 
(Ofen als Mutterleibssymbol.) Bei den Deutschen in Oberungarn dreht sich das 
Mädchen nach dem Brotbacken in der Mettennacht mit dem Rücken dem Ofen, 
zu. Sie beugt sich nach vorne und schaut durch die Beine in den Ofen, um 
dort ihres Zukünftigen Beschäftigung oder Stand zu erblicken. M. J. Richter. 
Regi lakodalmi szokäsok Nemet Pronän., (Alte Hochzeitsbräuche in N. P.) Ethn. 
VIII. 1897. 104. Vgl. Knoop: Volkssagen, Erzählungen etc. aus dem östlichen 
Hinterpommern. 1885. 179. Wuttke: 1. c. 247. Durch dieselbe Gebärde 
kann man den Teufel (Weinhold: Zur Geschichte des heidnischen Ritus. 
Abh. d. Königl. Preuß. Ak. d. Wiss. 1896. 10) oder der Lyeshy (W. R. S. 
Ralston: The Songs of the Russian People. 1872. 159) sehen. Der Arunta 
schleicht sich zum Lagerplatze seines Feindes, kehrt ihm den Rücken zu, beugt 
den Kopf tief herab, so daß er seinen Feind zwischen den gespreizten Beinen 
erblicken kann und führt in dieser Stellung die magischen, stechenden Be- 
wegungen aus. C. S t r e h 1 o w : Die Aranda- und Loritja-Stämme. (Veröff. aus 
dem Stadt. Völker-Museum Frankfurt am Main. IV. Teil, IL Abt. 1915. 34, 35.) 
F e i 1 b e r g: (1. c.) bespricht den Ritus zusammen mit dem Brauch der Entblößung 
des Hintern. Wenn man durch die Beine nach rückwärts schauend den Zu- 
künftigen erblickt, so heißt das mit anderen Worten: die Objektwahl wird unter 
Zuhilfenahme der analerotischen Regression vollzogen. Die zitierten Geister (Teufel) 
sind Eiekte eben dieser analerotischen Komplexe, wozu auch die Verwendung 
der Gebärde im Angriffszauber (Haß und Analerotik vgl. unten über den Basilisken) 
vorzüglich stimmt. Und dann: die Gebärde wird sowohl benutzt, um den 
Wind zu rufen als ihn zu wenden (Feilberg: 1. c. 426) wobei natürlich 
die Analogie zwischen Flatus und Wind entscheidend ist. 



Spiegelzauber. 



10 



146 

Spieseizauber. 

ruhig: „Nein, das ist nicht so. Wenn du einst deinen Kindern 
ein Stück „Reindling" abschneidest, dann gib auch den meinen 
ein Stücklein Brot." Binnen Jahresfrist starb die Frau und der 
Bauer heiratete die Magd 1 . 
sich kämmen. Daß man sich vor dem Spiegel kämmt, hat wohl auch als 
Liebesorakel denselben narzißtisch-erotischen Sinn, die ihm als 
alltäglichen Brauch zukommen 2 . In Indiana kämmen sich die 
Mädchen in der Silvesternacht zwischen zwei Spiegeln stehend, 
es erscheint ihnen dann in dem rückwärtigen Spiegel das Bild 
des zukünftigen Gatten 3 . Rumänische Mädchen erblicken den 
Zukünftigen, wenn sie sich in der Neujahrsnacht um Zwölfe vor 
dem Spiegel kämmen 4 . Hier findet sich auch die Motivkonver- 
Liebesapfei. genz von Spiegel und Apfel, dessen psychologische Bedeutung 
wir bereits berührt haben. In Schottland setzt sich das Mädchen 
in der Nacht des Allerseelentages allein mit einer Kerze vor den 
Spiegel, ißt einen Apfel und kämmt sich auch, worauf sie das 
Gesicht des Zukünftigen im Spiegel erblickt, wie er ihr über die 
Achsel zuschaut 5 . In Nordschottland spießt das Mädchen jeden 
Apfelschnitt auf die Spitze des Messers und in den Spiegel 
schauend, kämmt sie sich, während sie den Apfelschnitt über die 
linke Schulter nach rückwärts hält. Es erscheint das Ebenbild des 
künftigen Gatten und langt nach dem Apfel 6 . Wer in England 

1 Grab er: Sagen aus Kärnten 1914. 201, 202. Vgl. oben ähnliche Sagen 
über Heirat zwischen Bauer und Magd. 

2 Vgl. O. Rank: Ein Beitrag zum Narzissismus Jahrbuch III, 1911. 409. 
8 Knortz: Folkloristische Streifzüge, 1899. 46. 

4 Filimon: Beszterczevideki oläh babonäk. (Rumänischer Aberglaube 
aus der Beszlerczer Gegend) Ethn. 1912. 345. Vgl. „Bevor der Bräutigam der 
Braut das Geld auf den Kopf legt, zerstört er ihr die Haarfrisur. J. P i p r e k : 
Slawische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebräuche. 1914. 61. Der Jungfrauen- 
kopfschmuck ist ja die „Jungfräulichkeit«, die ihr genommen wird, wenn man 
ihre Haartracht verändert. Vgl. ebda. 

5 R. A. W i 1 1 m o 1 1 : The Poetical Works of Robert Burns 1856. 66. 
A. Macgregor: Highland Superstitions 1901. 45. 

6 W. Gregor: Notes on the Folk-Lore of the Nort-East of Scotland. 
1881. (F. L. S. III.) 88. Man beachte: links, rückwärts. 






Liebeazauber. 



147 



am Allerseelentag um Mitternacht einen Apfel ißt und in den 
Spiegel sieht, ohne sich umzuschauen, erblickt den künftigen 
Gatten oder die Gattin *. In Amerika ersetzt den Spiegel das mit 
Wasser gefüllte Gefäß. Die Mädchen schreiben auf drei Zettel die 
Namen dreier Männer und stecken jeden Zettel in je einen Apfel. 
Die Äpfel werfen sie in ein mit Wasser gefülltes Gefäß, Dann 
knien sie vor dem Zuber nieder und versuchen einen der 
schwimmenden Äpfel mit den Zähnen zu erhaschen, während sie 
folgenden Spruch murmeln: 

„Oh apples ripe, oh apples three 
Please teil tne who my lover will be" 2 . 

Wenn in Mecklenburg das junge Mädchen den Zukünftigen Hafereäen. 
sehen will, stellt sie sich in der Silvesternacht um zwölf Uhr vor 
den Spiegel, nimmt Hafer und in den Spiegel schauend, läßt sie 
die Körner über den nackten Busen rinnen, indem sie sagt: „Vor 
dem Spiegel steh ich, Meinen Hafer sä' ich, Wer mein Liebster 
will sein, Der stelle sich ein." Im Spiegel erscheint der Zukünftige 3 . 



1 S. O. A d d y : Household tales with other traditional remains. 1895. 84. 

2 Knortz: Folkloristische Streifzüge 1899. 46. 

3 K. Bartsch: Märchen, Sagen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. 
II. 240. Vgl. dasselbe ohne Spiegel. In der Thomasnacht säen die Eltern dem Burschen 
Leinen, dem Mädchen Hanf auf ihr Polster, dann erscheint der (oder die) Zukünftige im 
Traum. M. J. Richter: Regi lakodalmi szokdsok Nemet-Prönän (alte Hochzeits- 
bräuche in Nemet Pröna). Ethn. VIII. 104. Im Traum des Mädchens sprießt der Samen 
und der, mit dem sie den Leinen erntet, ist ihr Zukünftiger. J. S z a b ö : Devai 
szekely-csängö keresztelö es lakodalom. (Taufe und Hochzeit bei den Csängo in 
Deva.) Neprajzi Ertesitö. 1906. VII. 3. Das Mädchen stiehlt die Fußbekleidung 
ihres Geliebten, säet am Andreastag Leinsamen in den Garten und fährt dann 
mit dem Schuh wie mit einer Egge darüber, indem sie zum heiligen Andreas 
betet : „Andreas, Andreas, den Leinsamen säe ich mit dir ; daß mir Gott zeige, 
mit wem ich ernte". S z a b ö : A magyar oroszokröl. (Die Russen in Ungarn.) 
1913. 206. In Österreich „Ich säe meinen Samen in St. Thomas Namen ; 
in St. Thomas Garten, will ich auf meinen Bräutigam warten". 
(W u 1 1 k e : loc. cit. 244.) In Weobly geht das Mädchen in der St. Johannis- 
nacht um zwölf Uhr zwölfmal um die Kirche herum und sagt: „Hemp- 
seed I sow, Hemp seed I moe, Let him that is my true-love Come öfter me and 
mow." E. M. Leather: The Folk - Lore of Herefordshire 1912. 61. Vgl. 

10* 



* 4° Spiegelzauber. 

Da nun die Verbindung zwischen den einzelnen Motiven des 
Ritus keine zufällige sein kann, so werden die Teilkomponenten 
irgend eines Ritenkomplex sich gegenseitig erklären und beleuchten. 
Im Falle des Samensäens liegt die sexuelle Bedeutung besonders 
klar zu Tage. Nach der Atharvaveda sagt man, wenn der Hochzeitszug 
vor dem Hause des Bräutigams anlangt: This dame hath come, an 
animated com field: there sowthou man, the seed of future harvest. 
She from her teeming side shall bear the children, and feed them 
from the fountain of her bosom \ wozu das Bewerfen mit Samen 
als Hochzeitsbrauch zu vergleichen ist 2 . Nicht minder ausdrucks- 
voll ist die ungarische Redensart : szänt, de nem vet (er pflügt, aber 
säet nicht) coitus sine eiaculatione. Es ist also verständlich, weshalb 
der griechische Ackerbauer seine Arbeit nackt verrichten mußte 3 , 

L. Salmon: Folk-Lore in the Kennet Valley. Folk-Lore 1902. XIII. 422. 
In Schottland säet man am Allerseelentage unbemerkt Hanf aus. „Hemp- 
seed, I saw thee, and him that is to be my true lover come after me and 
pou thee." Wenn dann das Mädchen über die linke Schulter schaut, erscheint 
ihr der Bursch in solcher Stellung, als ob er den Hanf abreißen würde. W i 1 1- 
mott: Burns 1856. 67. Macgregor: Highland Superstitions. 1901. 45. 
In Norfolk steht dasselbe am Tage Martini in Gebrauch und der Bursche 
erscheint hinter dem Mädchen mit einer Sense, als ob er den gesäten Samen 
ernten wollte. Henderson: Notes on the Folk-Lore of the Northern Counties 
of England. 1879. 104, 105. Ebenso streut man auf dem Kreuzweg Gerste aus, 
der Zukünftige erscheint und vollbringt den Schnitt. „Barley Isow, barley I trow 
Let him who will my husband be, Come after me and mow. Addy: 
Household tales 1895. 34. in Wales ohne Datum mit der obigen Formel. 
M. Trevelyan: Folk-Lore and Folk-Stories of Wales. 1909. 235. Vgl. He 
has sowed his wild oats, er hat seine Jugendsünden bereits ausgetobt und zur 
symbolischen Bedeutung des Hafers den Hochzeitsbrauch der Tschechen 
„Wenn die Grütze aufgetragen wird, sammelt der druzba Geld für die Braut auf 
eine Wiege, und auf Windeln. Dabei hält er einen Teller mit Hafer in der Hand." 
Piprek: Slawische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebräuche. 1914. 93. 

1 R. T. H. Grif f it: Hymns of the Atharva-Veda. Vol. II. 1896. 174. Atharva- 
Veda. Book XIV. Hymn 2, Stanza 14. 

2 W i n t e r n i t z : Das altindische Hochzeitsrituell. Denkschriften der 
kais. Akad. d. Wiss. Phil.-hist. Cl. XL. 1892. 80. Ausführlicher darüber handle 
ich an anderer Stelle. 

3 Hesiodos: Erga kai Hämera 390 Zeile (Hesiodi, quae extant Lugd. 
Bat. 1650. p. 34.) 



Liebeszauber. 



149 



weshalb man in Byzacium ein altes Weib neben dem Esel vor 
den Pflug spannte 1 und weshalb in den heutigen europäischen 
Volksbräuchen Männer und Frauen zur Zeit der Ackerbestellung 
einander gegenseitig mit Wasser begießen 2 . In dem Mecklen- 
burger Brauch spielt das spiegelschauende Mädchen mit sich 
selbst auch die Rolle des fernweilenden Mannes, als es den Samen 
in den eigenen nackten Busen sät. In der englischen Variante 
(siehe die Anmerkung) aber erntet der hinter den samen- 
säenden Mädchen erscheinende Bräutigam die Frucht der nar- 
zißtischen Libidoübertragung 3 . 

Den Zusammenhang zwischen Spiegel und Geliebten können Ebenbild 

° r- o un( j Liebeswahl 

wir vom Ritus aus bis in das Märchen weiter verfolgen, wo wir im Märeben. 
die Wirkung derselben psychischen Faktoren sehen. In einem 
Toskaner Märchen ist der Zusammenhang zwischen Spiegel — 
Ebenbild — Liebe das primum movens. Der in einen Raben 
verwandelte Prinz erblickt die Prinzessin eines fernen Landes 
und raubt mit ihrem Spiegel gleichzeitig ihr Ebenbild. Zu Hause 
erkrankte er an seiner Liebe zu der unbekannten Prinzessin. Die 
Prinzessin geht als Arzt verkleidet auf Reisen, um den geraubten 
Spiegel zu suchen. Man ruft sie zu dem kranken Königssohn, 
sie erfährt, daß dieser es gewesen, der in der Gestalt eines Raben 
ihren Spiegel entfremdet hat und daß sein Leiden durch ihre 
Liebe Heilung finden könne 4 . In einer russischen Variante ver- 



1 Mannhardt: Wald und Feld. Kulte I. 1904. S. XVII. (Plinius: 
Hist. natur. XVII. 5.) 

2 E. H. Meyer: Indogermanische Pflügebräuche. Zeitschrift des Ver- 
eines für Volkskunde 1904. XIV. 141. Vgl. Ed. Hahn: Demeter und Baubo, 
1895. 59. D.s.: Die Entstehung der Pflugkultur 1908. 121, 145. W. Mann- 
hardt: Mythologische Forschungen. (Quellen und Forschungen zur Sprach- 
und Kulturgeschichte der germanischen Völker. LI.) 1884. 351—374. Kind und 
Korn. A. I. Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft. 1914. 114. Vgl. über 
Frauen, die von den Wassergeistern befruchtet werden. J. G. Frazer: The 
Magic Art and the Evolution of Kings. 1911. II. 159. 

3 Der vom Bräutigam geschnittene Hanf ist selbstverständlich auch mit 
dem Mädchen selbst identisch. 

4 T e z a : La tradizione dei Sette Savi nelle novelline magiare. 1864. 52. ex. 
Köhler: Kleinere Schriften zur Märchenforschung. 1898. 335, 336. 



*"" Spieseizauber. 

liebt sich die hinter Schloß und Riegel gehaltene Prinzessin in 
das verschleierte Bild des Prinzen. Auf den Flügeln des Zhar 
Phtitsa (Feuervogel) fliegt sie zu dem in Zauberschlaf versunkenen 
Prinzen und tötet die Hexe, die gerade des Prinzen Herz kocht 1 . 
Das Märchen der Csängö in Siebenbürgen zeigt am schönsten den 
Identifikationsvorgang, welchen wir weiter oben als den vom 
Narzissismus zur Objektwahl führenden Weg bezeichnet haben. 
Tünder Ilona (Die Fee Helene) will nur den zum Gatten nehmen, 
der ihr alles nachzuahmen weiß. Sie legt ihre sechzehn 
Gewänder ab; der Zigeuner zerschneidet seine einzige Hose in 
sechzehn Teile und zieht sie solcher Art aus. Tünder Ilona 
wäscht sich in sechzehn Wassern, der Zigeuner zerbricht seine 
Seife in sechzehn Teile, dann geht Tünder Ilona sich zu kämmen 
und auch der Zigeuner folgt ihr. Zwei Spiegel waren aufgestellt 
mit Kamm und allen Nötigen ausgestattet und sie begannen sich 
zu kämmen 2 . „Wenn Fee Ilona einmal den Kamm durch das 
Haar zog, tat es der Zigeuner auch ; so zog Fee Ilona sechzehn- 
mal und auch er sechzehnmal. Der Zigeuner hatte auch langes 
Haar und als sie sich gekämmt hatten, da wurde sein 
Gesicht gerade so wie Fee Ilonas Antlitz. Als Fee 
Ilona ihn erblickte, wußte sie sich vor Freude 



1 W. R. S. Ralston: Russian Folk-Lore. 1873. 284. Die der Hexen- 
tötung entsprechende Episode findet sich auch im Italienischen. Den Psycho- 
analytikern ist es bekannt, daß die im engen Kreise der Familie bleibende 
Wiederbelebung der infantilen Erinnerungsbilder ein nicht zu unterschätzender 
Faktor der Objektwahl ist. Dem wohlbekannten Erinnerungsbild entspricht in 
der mythischen Umkehrung das Bild der unbekannten Prinzessin; Inhalt des 
Märchens ist die Sehnsucht nach derjenigen, welche den idealisierten Erinne- 
rungsbildern entspricht. Zu dem Bildmotiv vgl. Solymossy: A szep ember 
meseje. (Das Märchen vom schönen Manne.) Ethn. 1916. 257—275. C. H.Taw- 
n e y : The Katha Sarit Sägara. 1884. I. 490. 541. II. 158. 370. Ch. S w y n n e r- 
ton: Indian Nigths' Entertainment 1892. 150, 159. Dunlop-Luprecht: 
Geschichte der Prosadichtungen 1851. 157, 335, 372. Prym und Socin: 
Syrische Märchen. 3. Rohde: Der griechische Roman. 49. Grimm: 
K. u. H. M. Nr. 135. 

2 Vgl. weiter oben den Gebrauch des Kämmens vor dem Spiegel. 



Liebeseauber. 



151 



nicht zu fassen 1 ." Nach diesen Vorgängen ist es natürlich, 
daß der Zigeuner, gleich dem in der Silvesternacht in den Spie- 
gel schauenden Mädchen und Burschen im Spiegel nicht den 
Zigeuner, sondern Fee Ilona sah. Und in der Tat, bevor Fee 
Ilona ihren Mann auf die Jagd schickte, „denn er war damals 
schon nicht mehr Zigeuner", gab sie ihm einen Spiegel, „wenn 
du sehen willst, was ich mache, schau nur in den Spiegel und 
du wirst es sehen". Wie nun der Zigeuner sich im Walde ver- 
irrt und den Spiegel hervorzieht und hineinschaut, sieht er, wie 
Fee Ilona ihm mit der Hand zeigt, er möge nach rechts gehen 2 . 
In dem folgenden Märchen scheint sich der Mörder nach der 
völligen Entladung der feindlichen Komponente der ambivalen- 
ten Regungen durch das Freiwerden der entgegengesetzten Ge- 
fühle mit seinem Opfer zu identifizieren 3 . Ein türkischer Tältos 
(Zauberer) raubte das Mondpferd des König Mathias, welches 
die Nacht zu erhellen vermochte. Der Tältos Kampö geht dem 
Pferde in das Feenreich nach und tötet den tiergestaltigen Tor- 
hüter. Die Fee reicht ihm einen Spiegel: „Schau in diesen 
Zauberspiegel; so hat der ausgesehen, den du getötet hast, eile 
rasch zu ihm hin, lege sein Gewand an, ahme ihn nach und 
durch zweiwöchigen Dienst wirst du dein Vergehen entsühnen 4 ." 
Hieher gehört auch das Märchen von der Prinzessin mit dem 
Zauberspiegel, die nur dem angehören wird, der sich so gut 
zu verbergen weiß, daß sie ihn im Spiegel nicht erblicken kann. 
Der Spiegel der Prinzessin hat nämlich die besondere Eigen- 
schaft, daß man darin Himmel und Erde sehen kann, nur den 



1 A. Horger: Hetfalusi csängö mesek (Csängö-Märchen aus Hetfalu). M.Nepk. 
Gy. X. 1908. 378. Röna-Sklarek: Ungarische Volksmärchen. 1909. 31. 

2 Horger: 1. c. 379. „Seiner Liebsten muß man keinen Spiegel schen- 
ken, sonst sieht sie alle Fehler ihres Liebsten und alles was er tut'. 
P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1903. I. 231. 

3 Vgl. Freud: Totem und Tabu 1913. 

4 L. Kälmäny: Ipolyi Arnold nepmesegyüjtemenye (Ipolyis Märchen- 
sammlung). M. Nepk. XIII. 1914. 109. Der Spiegel, der sieben Meilen weit 
zeigt.Ebda.110. Aufgezeichnet von B. Csaplär: (Szeged), der das Mär- 
chen aus volkstümlichen und selbsterfundenen Motiven zusammengeflickt hat. 



152 



Spiegelzauber. 



nicht der hineinschaut 1 . Es gibt also nur eine Art, wie sich der 
Prinz erfolgreich verstecken kann, er muß einfach in der Prin- 
zessin verschwinden. — Das Märchen materialisiert hier bloß 
den seelischen Mechanismus der weiblichen Introjektion, d. h. 
die völlige Identifikation mit dem Geliebten. In der neugriechi- 
schen Variante wird die Prinzessin dem gehören, der sich so zu 
verbergen weiß, daß sie ihn mit ihrem Zauberspiegel nicht zu 
sehen vermag. Mit den Köpfen der Freier, die diese Probe nicht 
bestehen konnten, hat sie bereits einen ganzen Turm aufge- 
schlichtet. Der Held verbirgt sich 1. im Magen eines Fisches 
(Hilfstier). Die Quaste der Kappe hängt heraus. 2. Ein Adler 
trägt ihn zum Himmel hinauf. 3. Die Füchse bauen unter dem 
Palast einen Tunnel, er verbirgt sich im Sessel der Prinzessin 
und sticht sie von unten mit einer Nadel, als sie in den Spiegel 
schaut 2 . Die letztere Handlung symbolisiert offenbar den Coitus 
und betont damit noch stärker den Zusammenhang zwischen 
Introjection und Objektwahl. In einer rumänischen Variante aus 
dem Banate wird der Held 1. von einem Geier in die finster- 
sten Wolken des Himmels emporgetragen, 2. verbirgt er sich 
im Magen eines Fisches, 3. ein Riese, der „Domnulu Floriloru" 
verwandelt ihn in eine Rose und verbirgt ihn im Haar der Prin- 
zessin 3 . Er verwandelt sich wieder in einen Menschen, zerbricht 
den Spiegel und heiratet die Prinzessin*. In einer ungarischen 
Variante gelangt der Held ans „Ende der Welt" zu der Prin- 
zessin, die nur den heiraten wird, der sich so zu verbergen 
weiß, daß sie ihn nicht sehen kann. Die Prinzessin steigt auf 
die Ecke des Diamantberges hinauf, von wo sie die ganze Welt 

1 Die Erklärung dieses Zuges im sechsten Kapitel. 

2 I. G. von Hahn; Griechische und albanesische Märchen. 1864. I. 
316—319. 

3 Ein arabisches Mädchen teilt dem Jüngling ihre Liebe in folgender 
Form mit: „Thou hast entered into the comb of my head." H. H. Spoer: 
Notes on the Marriage Customs of the Bedu and Fellahin. Folk-Lore 1910. 276. 

4 Sainenu: Basmele Romane. 1895. 779. Schott: Walachische 
Märchen. 1845. 106, 154, 159, 188. Das Zerbrechen des Spiegels bedeutet den 
Bruch mit dem Narzißmus. 



Liebeszauber. 



153 



sehen kann. Sie sieht 1. den Helden im Bauch eines Haifisches. 
2. Als die Sonne aufgeht, springt er auf die Sonnenscheibe. Die 
Prinzessin beginnt bereits zu verzagen, doch zufällig schaut sie 
zur Sonne hinauf und ruft ihn auch von dort hervor 1 . 3. Er 
verwandelt sich in einen Floh und versteckt sich in den ums 
Haupt der Prinzessin gewundenen Kranz von Rosen. In einer 
anderen ungarischen Variante nimmt die Prinzessin ebenso wie 
im Volksbrauch den Zauberspiegel, in welchem sie die ganze 
Welt sieht, immer um Mitternacht zur Hand. Der ausgediente 
Soldat verbirgt sich 1. im Meer unter einem Haifisch, 2. hinter 
einer blitzgeladenen Wolke, 3. verwandelt sich in eine Rose im 
Glas der Prinzessin 2 . Am nächsten zur neugriechischen steht die 
mingrelische Variante, in der die Freier, die sich vor dem Zauber- 
spiegel nicht verbergen können, gleichfalls umgebracht werden. 
Der Held verbirgt sich 1. im Magen eines Fisches, 2. der Adler 
trägt ihn in den Himmel, das Reh nach den Bergen, 3. der 
Schakal verbirgt den Helden unter dem Ruhebett der Prinzessin. 
Diese sucht nun vergebens den Himmel, die Erde und das Meer 
ab, der Held ist nirgends zu sehen. In ihrem Ärger wirft sie den 
Spiegel zu Boden 3 , worauf der Held unter dem Ruhebett hervor- 
kommt und die Prinzessin heiratet 4 . 



d) Aggregationsriten. 

Jene Riten, welche wir als symbolische Ausdrucksformen, Kinder und 
zwischen menschlichen Wesen bestehenden libidinösen Bezie- 
hungen ansprechen dürfen, werden vielleicht nicht ganz grund- 
los auch auf die Beziehungen zwischen Mensch und Tier über- 
tragen. Wir kehren zum Thema des in den Spiegel schauenden 



1 Kälmäny: Ipolyi Arnold nepmesegyüjtemenye. (Arnold Ipolyis Volks- 
märchensammlung.) 1914. 170. 

2 D. s. 1. c. 171, 172. Zur Rose im Glas vgl. oben die Rolle des Wasser- 
glases beim Beschwören des Bräutigams. 

3 Vgl. die rumänische Variante. 

4 Wardrop: Georgian Folk Tales. 1894. 124. Macculloch: Child- 
hood of Fiction. 1905. 36. 






154 



Spiegelzauber. 



Kindes zurück. Wir haben gesehen, daß die Tabu und deren 
Motivierung unverändert bleiben, ob sie sich nun auf das Ver- 
hältnis zwischen dem spiegelschauenden Kinde und dessen eige- 
nen Ebenbilde beziehen, oder ob auf Grund der Libidoübertra- 
gung das Ebenbild durch ein anderes gleichalteriges Kind ver- 
treten wird, und fügen wir jetzt hinzu, ob an Stelle des anderen 
Kindes ein Hunde- oder Katzenjunges gesetzt wird. In dem Jahre, 
— heißt es in der Mark — in welchem ein Kind aufgezogen 
wird, darf kein junger Hund und keine junge Katze aufgezogen 
werden, denn nur eines von beiden (Kind oder Tier) kann ge- 
deihen 1 . In Mecklenburg darf man Tierjunge nicht gleichzeitig mit 
den Kindern großziehen, weil nur das eine (entweder das Tier oder 
das Kind) aufwachsen wird, „ein Deil hett man D^g" 2 oder das 
Kind diebisch wird 3 . In Pommern darf man mit dem Neugeborenen 
nicht gleichzeitig Hundes- oder Katzenjunge aufziehen, „das eine 
hat dann nicht Art" 4 . In Lauenburg und in Brandenburg wächst 
das eine oder das andere nicht auf, in Oldenburg lernt das Kind 
nicht das Reden, der Hund nicht das Bellen 5 . Hienach halten 
wir es für wahrscheinlich, daß, wenn man das Ebenbild der an 
das Haus zu gewöhnenden Katze fixiert 6 , man die Katze auf 
Grund ihrer narzißtischen Neigung zu eigenem Ebenbilde an das 
Haus gewöhnen will. Wie Drechsler sehr richtig bemerkt, ist die 

1 Ad. Kuhn: Märkische Sagen und Märchen. 1843, 377. 

2 Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. II. 55. 
3 Wuttke: Volksaberglaube 392, desgleichen, wenn manihm die 

Nägel gar zu früh abschneidet. Vgl. über den Verbot des Nagel- 
abschneidens oben. Das allzufrühe Entwöhnen vom Narzissismus figuriert da 
als Ursache der übertriebenen, auch auf leblose Objekte übergreifenden Libido- 
übertragung (Kleptomanie). Die gestohlenen Gegenstände wären in diesem Fall 
gewissermaßen der symbolische Ersatz der verlorenen Teile der (materiell- 
und psychisch verstandenen) Persönlichkeit. 

4 O. K n o o p : Volkssagen, Erzählungen etc. aus dem östlichen Hinter- 
pommern, 1885. 156. 

5 Wuttke: 1. c. 392. Strackerjan: Aberglaube und Sage I 1909 55 
Cloppenburg. 

6 Meszäros: 1. c. Nepr. Ert. 1914. 



Liebeszauber. 



155 



Art, wie man die neugekauften Haustiere an das Haus und dessen 
Bewohner zu gewöhnen pflegt, eine dem beim Liebeszauber 
gebräuchlichen Verfahren parallele 1 . Bei primitiven Völkern hat 
man oft beobachtet, daß ihre Frauen mit den Kindern auch 
Hundes- oder andere Tierjunge säugen 2 und ich glaube, daß wir 
uns dem bisher unlösbaren Problem des Angewöhnens der Tiere 
an den Menschen 3 am ehesten nähern, wenn wir voraussetzen, 
daß auch zwischen den Tierjungen einerseits, seiner Amme und 



1 Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1906.11.96. 
Zum Parallelismus zwischen den Riten bei der Gewöhnung der Haustiere und 
dem Liebeszauber, (W u 1 1 k e : 1. c. 433.) vgl. folgende Angaben, wobei ich 
die entsprechenden Handlungen aus dem Gebiete des Liebeszaubers, um die 
Anmerkung nicht über Gebühr zu erweitern, als bekannt voraussetze. Der 
Hausvater kaut etwas Brot und gibt es dem neuen Tiere zu fressen. (Wuttke: 
1. c. 433. Schwaben, Bayern. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in 
Schlesien. 1906. II. 96.) Ein Stück Brot wird unter die Achsel gelegt, bis es 
vom Schweiß durchdrungen ist und dann dem Hund zum Fressen gegeben. 
(Wuttke: 1. c. 433. Schlesien, Böhmen, Tirol, Rheingegend, Voigtland. 
Drechsler: 1. c. II. 96. Sebillot: Le Folklore de France. III. 1906. 109. 
Lothringen; Wallonen. E. S. Hart I and: The Legend of Perseus. 11.1895.124. 
Belgien; amerikanische Neger. Oder man spuckt dem Tier ins Maul. Wuttke: 
1. c. ebda. Schlesien, Tirol. Sebillot: 1. c. III. 109. Lothringen. Hartland: 
The Legend of Perseus. 1895. II. 269. Nordamerika. 127. Italien. Corslca. 
Gironde. Drechsler: II. 96.) Man verrichtet die Miktion auf ein Stück Brot, 
das gibt man dem Hunde zu fressen. (Drechsler: II. 96. Sebillot: 1. c, 
109. Lothringen). 

a Vgl. Ploss-Bartels: Das Weib. 1908. II. 526. Breton: Excursions 
in New South Wales, Western Australia and Van Diemens Land. 1833. 193. 
R. W. W i 1 1 i a m s o n : The Mafulu. 1912. 177. B. Hagen: Unter den Papuas. 
1899. 268. H. H. Romilly: From my Verandah in New Guinea. 1889. 79. 
C. L u m h o 1 1 z : Au Pays des Cannibales. 1890. 230. H. Taunton: Austral- 
ind. Wanderings in Western Australia and the Malay East. 1903. 47. K o c h- 
G r ü n b e r g : Zwei Jahre unter den Indianern. 1910. II. 148. E. Norden- 
s k i ö 1 d : Indianerleben. 1912. 56. J. B a t c h e 1 o r : The Ainu and their Folk- 
Lore. 1901.483,484. D. Mac. Ritchie: The Aino. Int. Arch. f. Ethn. 1892. 
Suppl. 18, 19, 28, 41. In der Sage vielleicht Überlebsel. Strackerjan: Aber- 
glauben und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. I, 1909. 131. 

3 Das Feuer und die Frau sind nach Ed. Hahn: Die Entstehung der 
Pflugkultur, 1909, 61, die beiden Urfaktoren bei der Domestikation des Hundes. 



156 Spiegelzauber. 

seinen Milchgeschwistern andererseits eine libidinöse Übertragung 
stattfindet und daß dieses Gefühlsmoment bei der Zähmung der 
ersten Haustiere des Menschen eine entscheidende Rolle gespielt 
hat. Von diesem Standpunkte aus können wir die Gebräuche, 
die bei der Einführung neuer Haustiere in die 
Hausgemeinschaft beobachtet werden, alsRegres- 
sionserscheinungen auf ein ähnliches Verfahren 
der primitiven Menschheit betrachten. Ontogen e- 
tisch fängt man immer wieder dort an, wo der 
erste Schritt phylogenetisch getan wurde: bei 
der Libidoübertragung. So läßt man beispielsweise in 
Baden die neugekaufte Henne in den Spiegel schauen und 
flüstert ihr ins Ohr: „Putte komme wieder!" 1 . In Oldenburg 
läßt man die frischgekauften Hühner und Enten in den Spiegel 
schauen und läßt sie erst dann frei. 2 In Westböhmen läßt man die 
Hennen in den Spiegel schauen, damit sie sich nicht verlaufen 
und sich rasch an das Haus gewöhnen sollen oder aber man dreht 
sie zu demselben Behufe dreimal um das rechte Bein (Karlsbad- 
Duppau) 3 . Oder aber : wer Hund, Katze, Henne kauft, drehe sie 
dreimal um sein rechtes Bein, so gewöhnen sie gut ein 4 . Im 
Isergebirge, wenn man eine neu gekaufte Katze ins Haus bringt, 
führt man sie dreimal um das Tischbein und sagt: 

„Dreimal ums Been — 

Koatze bleib d'rheem!" 5 

Bei dem folgenden Gebrauch vertritt unter Verdunkelung der 

ursprünglichen Bedeutung des Ritus das Tischbein das Bein des 

Menschen. Im sächsischen Erzgebirge gewöhnt man das Huhn 

dadurch an das Haus, daß man es dreimal ums Tischbein her- 

1 W u 1 1 k e : I. c. 431. 

2 Strackerjan: Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. 
1909. I. 124. 

3 A. J o h n : Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen, 
1905, 216. „Letzterem Mittel liegt eine aphrodisische Gebärde zu Grunde." 

4 Grimm: Deutsche Mythologie. III. 474. 

5 W. Müller-Rüdersdorf: Die Haustiere im Aberglauben des Iser- 
gebirges. Zeitschrift des V. f. Vk. 1913. 183. 



Liebeszauber. 



157 



umgehen oder in einen Spiegel schauen läßt 1 . Bei Gernsbach 
führt man gekauftes Geflügel dreimal um den Tischfuß, schneidet 
von jedem Tischeck ein Stückchen ab und gibt es dem Tier zu 
fressen, so bleibt es. Ähnlich verfährt man in Pforzheim 2 . Dieser 
Übergang erhellt aus folgenden Beispielen: In Böhmen behält 
man die frischgekauften Hühner derart im Hause, daß man ein 
Bein unter den Tisch stellt und das Huhn zwischen Bein und 
Tisch hindurchzieht. In Baden stellt man das rechte Bein auf 
die Schwelle des Hühnerstalles und schiebt das Huhn mit einem 
Spruch dreimal darunter; schließlich gleichfalls in Böhmen setzt 
man das Huhn auf den Tisch, dann stellt man sich unter den 
Rauchfang und dreht das Huhn um den linken Fuß 3 . Dem ent- 
spricht bei den Kaschuben das Durchziehen des Geflügels durch 
die linke Hosenröhre oder zwischen der dritten und vierten 
Stufe der Leiter 4 . Der affektive (erotische) Ursprung des Ritus 
ergibt sich noch deutlicher aus dem Warmbrunner Brauch: hier 
stellt die Hausfrau das nackte rechte Bein neben das Tischbein 
und die Hühner müssen dreimal um Menschen- und Tischbein 
herumgegeben werden 5 . In Mecklenburg läßt man das frisch- 
gekaufte Geflügel dreimal in den Spiegel schauen und führt es 
dreimal um den Kesselhaken herum 6 . Den frischgekauften Hahn 



1 E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge. 
1909. 234. 

2 Grimm: Deutsche Mythologie. III. 454, 455. 

3 Wuttke: 1. c. 431. 

4 K n o p p : Volkssagen, Erzählungen etc. aus dem östlichen Hinterpommern. 
1885. 172, 173. 

5 Drechsler: Sitte etc. in Schlesien. II. 87. 

6 Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. 
II. 158. Bein, Tischbein, Kesselhaken, Tisch und Kessel bilden einen Asso- 
ziationskomplex mit der Nahrung (oralerotisch). Hinsichtlich des dreimaligen 
Rundganges vergleiche den dreimaligen Rundgang der Braut. E. S a m t e r : 
Familienfeste der Griechen und Römer. 1901. 92. (Umgang von Tisch und 
Herd.) Ebendort 62. (Das neugeborene Kind um den Herd getragen.) Sar- 
tori: Sitte und Brauch. 1910. I. 115. L. v. Schroeder: Die Hochzeits- 
bräuche der Esthen. 1888. 127—133. A. John: Sitte, Brauch etc. im deutschen 
Westböhmen. 1905. 148. (Tisch 149, 162). W. R. S. Ralston: The Songs of 



1 



158 Spiegelzauber. 

trägt man ins Zimmer hinein, dreht sich, ohne dabei zu reden, 
dreimal mit ihm vor dem Spiegel um und läßt ihn bei jeder 
Umdrehung in den Spiegel schauen; der Henne reißt man aus 

the Russian People. 1872. 277. Piprek: Slavische Brautwerbungs- und Hoch- 
zeitsbräuche. 1914. 170, 171. etc. (Tisch, Herd.) L i 1 e k : Vermählungsbräuche 
in Bosnien und der Herzegowina. Wissenschaftliche Mitteilungen aus Bosnien. 
VII. 291. T o e p p e n : Aberglauben aus Masuren. 1867. 90. R. Fr. K a i n d 1 ' 
Die Huzulen. 1894. 18. (Tisch.) J a n k ö : Adatok a bäcs-bodrogmegyei sokaczok 
neprajzähoz. (Beiträge zur Volksk. d. Sokaczen.) Ethn. VII. 160. (In den Rauch- 
fang blicken.) Istvänffy: Felv. tot babonäk (Slowak. Abergl.) Ethn. V. 340. 
(Umarmt den Ofen.) J. B a 1 o g h : Cserhäti neprajzi adatok. (Ethnographisches 
vom Cserhät.) Ethn. IX. 133. J. Zathureczky: Väzlatoka liptöi tötsäg 
neprajzäböl. (Skizzen aus der Volkskunde der Liptauer Slowaken.) Ethn. X. 116. 
Dr. A. K i s s : Regi Iakodalmi szokäsok Tokaj Hegyaljäröl. Ethn. II. (Alte Hoch- 
zeitsbräuche aus Tokaj Hegyalja.) H.N.Hutchinson: Marriage Customs 
in Many Lands. 1897.189. (Bulgarien; Weinfaß.) 195. (Serbien ; Schwiegermutter, 
Herd.) 241. (Kroatien; Brunnen.) Gönczi: Göcsej. 1914. 344. (Tisch dreimal 
umgangen, Herd umarmt von der Braut.) Moldovän: A magyarorszägi romä- 
nok. (Die ungarländischen Rumänen.) 1913. 174. (Schwiegermutter dreht die 
Braut dreimal um ein Schaff Wasser.) 175. (Tisch.) Drechsler: Sitte, Brauch 
etc. in Schlesien. 1903. I. 264. (Braut trägt ein Stück Brot dreimal um den 
Tisch.) J. A. E. Köhler: Volksbrauch etc. im Voigtlande. 1867. 235. (Tisch.) 
N. v. Seidlitz: Die Abchasen. Globus. LXVI. 1894. 41. (Herd.) E. Wester- 
marck: Marriage Ceremonies in Marocco. 1914. 200.255. „She also gives 
seven pieces of bread to the dog of the house putting them one öfter the other 
on the top of her foot an letting the dog take them from there so as to make 
it friendly." Ebda. 296. T. C. Hodson: The Meitheis. 1908. 115. (Braut geht 
siebenmal um den Bräutigam und bewirft ihn mit Blumen.) M. Weiss: Die 
Völkerstämme im Norden Deutsch-Ostafrikas. 1910. 166. (Die Braut wird, als 
Symbol der Fruchtbarkeit, um die Bananenpflanzung herumgeführt.) E. Th ur- 
ston: Castes and Tribes of Southern India. 1909. V. 482, 483, 431, 421. III. 
179, 193. II. 72. Georgi: Beschreibung aller Nationen des Russ. Reiches. 41. 
Meszaros: A csuvas ösvalläs emlekei. (Urreligion der Tschuwaschen.) 1909. 
360. Skeat and Blagden: Pagan Races of the Malay Peninsula. 1906. II. 
67, 68. (Ameisenhaufen umkreist.) M. Winternitz: Das altindische Hoch- 
zeitsrituell. Denkschriften d. Kais. Ak. d. Wiss. Phil. hist. Cl. XL. 1892. 62. 
Leitner: Races and Languages of Dardistan. Part. III. 1873. 35. M. Gj. 
M i 1 1 c e v i c : Der serbische Bauer in der Jugend. Donauländer. 1898. 22, 23. 
Moldovän: Alsöfeher Värmegye Monographiäja. (Monogr. des Komitätes 
Alsöfeher.) 1899. I. 999, 1000. A.Kuhn: Märkische Sagen und Märchen. 1843. 



Liebesizäuber. 



159 



dem linken Flügel drei Federn aus 1 . Ebenso läßt man die neu- 
gekaufte Kuh in den Spiegel schauen, um sie an das Haus zu 
gewöhnen 2 . 

Im Hinblick darauf, daß die Katze ein weitverbreitetes Sym- 
bol der weiblichen Genitalien ist, erscheint es natürlich, daß auch 
die Spiegelschau erotischen Ursprungs sich in erster Reihe auf 
sie bezieht 8 . In Jäszbereny läßt man die neue Katze dreimal in 
den Spiegel schauen, dann glaubt sie, es wäre noch eine 
andere Katze im Haus und läuft nicht fort 4 . In Eger 
läßt man die neugekaufte Katze in den Spiegel schauen, 



361. L. Strackerjan: Aberglauben und Sagen aus dem Herzogtum Olden- 
burg. 1909. II. 196. Wuttke: 1. c. 373. (Kesselhaken, Herdfeuer.) F. Tetz- 
n e r : Die Slaven in Deutschland. 1902. 22. (Herd.) W. R. H a 1 1 i d a y : A Greek 
Marriage in Cappadocia. Folk-Lore. 1912. 86. R. Fr. Kaindl: Ruthenische 
Hochzeitsgebräuche in der Bukowina. Zt. d. V. f. Vk. 1901. 65. 

1 Bartsch: 1. z. II. 140, 158, 160. 

2 P. Sartori: Sitte und Brauch. 1911. II. 143. NachHüfer: Progr. v. 
Warburg. 1898. 26. 

3 Vgl. R ö h e i m : A Iuczaszek. (Der Hexenstuhl.) Neprajzi Ertesitö 1916, 
25, 26. Deshalb sagen die Slowaken, wenn die Katze in den Spiegel schaut, 
kommt ein lieber Gast. Istvänffy: Liptö megyei tot babonak. (Slowakischer 
Aberglauben im Liptauer Komitat.) Ethn. 1912. XII. 33 ; in Wales und in Ungarn, 
wenn die Katze sich putzt, kommt ein Gast. Trevelyan: Folk Lore and 
Folk Stories of Wales. 1909. 80. E. I. Horvät: A babonäröl. (Über den Aber- 
glauben) 1906. In Eger (Ungarn), wenn die Katze in den Spiegel schaut, bedeutet 
dies den Tod. (Narzißmus und Regression.) Benköczy: Eger-videki babonäk 
(Aberglauben aus der Egerer Gegend) Ethn. 1907, 102. M6szäros: 1. z. 240. 
In Hessen bekommt das Mädchen, das der Katze schmeichelt, einen schönen 
Mann. I. W, Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. 1852. 1. 210. Mädchen, 
die heiraten wollen, sollen „der Katze" schmeicheln und sie gut füttern, hin- 
gegen Männer, welche die Katzen gerne haben, bekommen keine Weiber. 
I. V. Z i n g e r 1 e : Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. 1857, 7. 
(Weil sie bei der symbolischen „Katze" steckenbleiben.) Vgl. auch O. Knoop: 
Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche etc. aus dem östlichen 
Hinterpommern. 1885. 158. Bartsch: Sagen etc. aus Mecklenburg. II. 62. 
Schönwerth: Aus der Oberpfalz. I. 1857. 356. W. Henderson: Notes 
on the Folk Lore of the Northern Counties of England and the Borders. 1879. 
(F. L. S. Publ. II.) 207. T o e p p e n : Aberglauben aus Masuren. 1867. 89. 

4 Nach mündlichen Mitteilungen. 



Katze und 
Spiegel. 



1 



160 Spiegekauber. 

damit sie sich an das Haus gewöhne 1 . In Värkeszö läßt 
man sie in den Spiegel schauen und gibt man ihr drei fette 
Bissen, damit sie sich hingewöhne 2 . In Somogy-Visomta läßt man 
sie in den Spiegel schauen, damit sie nicht durchgehe 3 . In 
Somlöväsärhely muß man die Katze dreimal in den Spiegel 
schauen lassen, damit sie sich an das Haus gewöhne 4 . Ebenso 
läßt man sie in der Plattenseegegend in den Spiegel schauen 5 . 
In Feinemet gewöhnt man die Katze an das Haus, indem man 
ihr Hinterteil dem Spiegel zeigt 6 . In Oldenburg steckt man die 
Katze, damit sie sich rasch ans Haus gewöhne, in einen Sack, 
den man dreimal herumschwingt, dann läßt man die Katze in 
den Spiegel und in den Rauchfang schauen 7 . Auch in Mecklen- 
burg läßt man sie in den Spiegel schauen, oder zieht ihr drei 
Haare aus 8 . Nach einer anderen Mecklenburger Angabe läßt man 
den frischgekauften Hund 9 oder die Katze neben sich in den 
Spiegel schauen. Sie hängen dann an dem neuen Herrn und 
gehen nicht mehr zu dem alten Besitzer zurück 10 . Dieser Beitrag 
zeigt am besten die dem Liebesorakel analoge gegenseitige 
Libidoübertragung, die Katze sieht im Spiegel den Menschen, 



1 J. L ä z ä r : Gyüjtese (Sammlung) Eger F. F. 1914. 26. 

2 I. B e r t a : Gyüjtese (Sammlung) 1914. Päpa F. F. 

3 I. M a t ä n: Neprajzi adatok gyüjtemenye (Sammlung ethnographischer 
Beiträge) Csurgö F. F. 1914. 

4 L. Nagy: Nephit (Volksglaube). Päpa F. F. 1914. 20. 

5 J. Jankö:A balatonmelleki lakössäg neprajza (Ethnographie der Bewohner 
der Plattenseegegend), (Sonderabzug). 1902. 421. 

6 L. Szekely: Magyar nephagyomänyok gyüjtemenye (Sammlung unga- 
rischer Volksüberlieferungen) 1914. 18. Eger F. F. 

7 Stracker jan: Aberglaube und Sage aus dem Herzogtum Oldenburg 1909. 
I. 124. Wuttke: 1. z. 433. 

8 Bartsch: Sagen II. 140. 

9 Vgl. Wenn der Hund in den Spiegel schaut, wird dieser bald zerbrechen. 
Matö es Tarczy: Neprajzi gyüjtemeny (Ethn. Sammlung). Särospatak F. F. 
1914. 179. Todesbedeutung des Hundes. Hopf: Thierorakel und Orakelthiere. 
1888. 55. 

10 Bartsch: 1. c. II. 140. 



Liebeszauber. 



161 



der Mensch die Katze und der zwischen den Ebenbildern hervor- 
gebrachte Kontakt ist der gegenseitigen Introjektion gleichwertig. 
Eine häufig vorkommende mythische Umschreibung der 
Schaulust ist die Unsichtbarkeit, welche die ungestörte Befriedigung 
der sexuellen Phantasien ermöglicht 1 . Die Ruthenen nehmen eine 
siebenjährige Katze und bringen sie in einer verlassenen Hütte 
um Mitternacht um, kochen sie weich und schauen jeden einzel- 
nen ihrer Knochen im Spiegel besonders an, bis sie endlich zu 
jenem Knochen gelangen, welcher den Menschen unsichtbar 
macht, so daß er nicht einmal sein Ebenbild im Spiegel sieht. 
Mit diesem Knochen kann man allerlei Wunder bewirken, denn 
in dem Knochen steckt ein Teufel, der in jeder siebenjährigen 
Katze wohnt 2 . Ähnlich geht man in Hessen vor 3 . Wie wir hier 
einen ideellen Zusammenhang zwischen Spiegel und Katzen- 
knochen sehen, in welchem man mit Hilfe des Spiegels den zur 
Zauberei geeigneten Knochen erkennt, erscheint es nicht unmög- 
lich, daß den bereits behandelten Riten, bei welchen eine Katze 
oder ein Hund zuerst in den Zauberspiegel schaut, neben der 
negativen auch noch die positive Bedeutung zuzumessen ist, daß 
hier im Gegenteil die Katze den Spiegel erkennt, beziehungs- 
weise ihm die Zauberkraft verleiht 4 . Die Annahme der Reziprozität 
wird durch folgende Angabe nahegelegt; das unsichtbarmachende 
(und unsichtbare) Vogelnest kann man auf die Art erwerben, daß 
man zufällig in den Spiegel oder in das Wasser schauend, das 



1 O. R a n k : Die Nacktheit in der Sage und Dichtung. Imago 1913. 267, 409. 

a W. B u g i e 1 : Aus dem ruthenischen Volksglauben, Zeitschrift für österr. 

Volkskunde I. 302. Dasselbe ohne Spiegel, vgl. Grohmann: Aberglauben I. 56. 

3 W. Mannhardt: Die praktischen Folgen des Aberglaubens 1878. 
82. cit. Haberlandt: i. h. Zt. f. Vkps. XIII. 341. 

4 Wenn wir den hinter den Symbolen verborgenen Sinn wiederherstellen, 
wird der obige Satz verständlicher sein; Katze = Vagina. Spiegel = Narcißmus, 
hier besonders Schaulust, Hund (wahrscheinlich) = Phallos ; darauf deutet die 
Rolle der Schlange in demselben Zusammenhange. Man schneidet einer am 
1. Mai getöteten Schlange den Kopf ab und steckt in den Rachen einen Bohnen- 
kern, worauf man den Schlangenkopf mit dem Bohnenkern vergräbt. Die daraus 
wachsenden Bohnen pflückt man und die einzelnen Bohnen in den Mund 



Unsichtbarkeit. 



Spiegelzauber. 



11 



162 



Spiegelzauber. 



magische Vogelnest erblickt und aus dem Spiegel oder Wasser- 
spiegel ersieht man auch diejenigen, welche das magische Vogel- 
nest tragen und sonst unsichtbar wären 1 . 



nehmend, stellt man sich vor den Spiegel bis man auf eine Bohne stößt, 
mit der im Munde man das eigene Bild im Spiegel nicht mehr sieht. 
W. H. D. R o u s e : Folklore from the Southern Sporades Folk-Lore X. 171. 
1 Grimm: Deutsche Sagen I. 115 (Ausgabe Müller) Nr. 85. 



V. Spiegelschauverbote. 



Von der Spiegelschau war wohl auch bisher schon die Rede, Negaöve Rilen 
doch jetzt sind wir soweit gelangt, um — die Terminologie 
Ranks benützend — die Verdrängungsform 1 , oder wie man es 
nach ethnologischem Gebrauch ausdrücken würde, das Tabu, oder 
endlich, beides zusammenfassend, die negative Form in Betracht 
zu ziehen. Die Spiegelschau erschien auch bisher im Lichte einer 
außergewöhnlichen Unternehmung, an die sich nur das K i n d, 
der Seher, der König und, begünstigt von der Kraft der 
magischen Stunde, der Li e b e n d e heranwagen konnten. Aber schon 
beim Kinde mußten wir von der negativen Seite des Ritus aus- 
gehen und wenn wir jetzt, wenngleich unter minder durchsichtiger 
Begründung dieselben Tabu auf die Erwachsenen angewendet 
finden, werden wir sagen, daß hier ein infantiles „survival" vor 
uns steht 2 . In Brasilien verhüllten sich die Coroado-Frauen beim 
Anblick des Spiegels das Gesicht 8 . Die Bewohner der Humboldts- 
Bai in Neu-Guinea legten eine große Furcht vor Spiegeln an 
den Tag. Sie schienen sie für höhere, böse Wesen zu halten und 
wiesen sie ängstlich von sich 4 . Mit völliger Offenherzigkeit drückt 
den Kern des Verbotes die schiitische Tradition aus, dergemäß 
der vor dem Gebet in den Spiegel schauende 
Moslim in die Sünde fällt, das eigene Ebenbild 



1 Vgl. O. Rank: Nacktheit, Imago 1913. 445. 

2 Die Vermischung der Terminologie der Psychoanalyse und der Ethno- 
logie geschieht hier absichtlich ; denn schon die Tatsache allein, daß diese 
Vermischung überhaupt möglich ist, gibt zu denken. 

3 St. Hilaire: Voyage dans les provinces de Rio de Janeiro et de 
Minas Geraes 1830 I. 45. 46. ex. S e 1 i g m a n n : Der böse Blick. 1910. 181. 

4 O. Finsch: Neu-Guinea und seine Bewohner. 1865. 145, 146. 

11* 



1 64 Spiegelzauber. 

anzubeten 1 . Nach Auffassung der Hindu soll der Mensch, der 
lange leben will, täglich das eigene Antlitz im Spiegel bewundern 2 . 
In den Spiegel muß derjenige schauen, den die „manas" (=mens, 
Seele, geistiger Teil, das Denken) verlassen hat. (Taitt. Samh. 
VI. 61. 72). In Süd-Canava schaut der Kranke in ein mit Öl 
gefülltes Gefäß, so daß sich sein Gesicht im Öl spiegelt. Dann 
schneidet er ein wenig von seinem Haare ab und wirft dies zu- 
sammen mit den Zehennägeln in das Öl. Das Ganze gibt er 
einer Koragar-Frau, damit sie die die Krankheit verursachenden 
Götter unschädlich mache 3 . Das Hingeben des in Öl verbliebenen 
Ebenbildes, dessen Zusammenhang mit der Persönlichkeit durch 



'R, C. Thomson: Semitic Magic 1908. 28. H a d j i Khan: With the 
Pilgrim to Mecca. 42. Dadurch, daß sie in den Spiegel schauen, erkennen die 
untergeordneten Geister ihre Gottähnlichkeit und empören sich gegen Sing- 
bonga. A. Bastian: Völkerstämme am Brahmaputra. 1883. 116. Nach arabischer 
und jüdischer Überlieferung empfiehlt es sich nicht, nachts in den Spiegel zu 
schauen ; wie die Araber glauben, weil einem dann der Mund schief wird. 
Rubin: Geschichte des Aberglaubens. 31. Nach einer anderen Version ist das 
Spiegelschauen in der Samstagnacht verboten, und wer es dennoch tut, setzt sich 
dem Einflüsse der bösen Geister aus, von denen er dann eine solche Ohrfeige 
bekommt, daß er sein ganzes Leben hindurch die Spuren trägt. M. S c h u h 1 : 
Superstitions du judaisme contemporair 1882, 30 ex. S e 1 i g m a n n : Der böse 
Blick I. 182. „Nach einem warmen Bade soll man sich im Spiegel beschauen. 
Besonders den Frauen wird es empfohlen als Schutz gegen Kopfschmerzen. 
(Kopfschmerzen und Libidostauung.) Wenn sich jemand nachts im Finstera im 
Spiegel besieht, so droht ihm der Verlust des Verstandes." B.Stern: Medizin, 
Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei. 1903. I. 99. 

2 Crawley: The Idea of the Soul. 1909. 198. Der Zusammenhang ist 
hier: Narzißmus — ewige Schönheit, Jugend, — langes Leben. Oder wir könnten 
dies auch so erklären: die narzißtische Fixierung an die Kindheitserinnerungen = 
ewige Kindheit, langes Leben, spätes Altern. Vgl. die tägliche Spiegelschau 
der Könige. Oben Seite 114. 

3 Die Pariakaste der Koragars an der Malabarküste. Globus XXVIII. 60. 
Ebenso pflegt man im Falle eines Unglücks vorzugehen. Vom Standpunkte des 
Narzißmus ist sehr charakteristisch, daß man das Gefäß, in welches der Mensch 
sein Ebenbild projiziert, ebenso ehrt, wie die Familiengötter. — Thurston: 
Castes and Tribes of Southern India. 1909. III. 426. Ebda. Über die magischen 
Eigenschaften der Pariakaste der Koragars und den Zusammenhang mit den 
unheilbringenden Erddämonen. 



Spiegelschauverbote. 



i65 



das in das Öl geworfene Haar und die Nägel noch besonders 
hervorgehoben wird, dient in Wirklichkeit dazu, die Aufmerksamkeit 
der Krankheitsdämonen vom Original auf das Ebenbild zu lenken 
und entspricht vollkommen der bei solchen Anlässen gebräuch- 
lichen Namensänderung 1 . — Ein solches Hingeben des Spiegel- 
bildes ist ja eigentlich ein fiktiver Tod und so ist es ein Vorzeichen 
des Todes, wenn jemand sein eigenes Spiegelbild nicht sieht 2 . 
In Nordindien ist es gefährlich, in den Spiegel fremder Leute zu 

1 Über diese Riten handle ich eingehender in einer Abhandlung über »Völker- 
psychologische Gesetze" (im Manuskript). Zur Namensänderung vgl. R. Andre e: 
Ethnographische Parallelen und Vergleiche. 1878. 176. 177. E. Samter: 
Geburt, Hochzeit und Tod. 1911. 106. 107. J. Mooney: Sacred Formulas of 
the Cherckees VII. Annual Repport of the Bureau of Ethnology. 1891. 343. 
E. W. Nelson: The Eskimo about Bering Strait. XVIII. Annual Report of the 
Bureau of Am. Ethn. I. 1899. 289. E. B. Tylor: Researches into the Early 
History of Mankind. 1870. 127. E. C 1 o d d : Tom Tit Tot. 1898. 134—141. 
W. Skeat: Malay Magic. 1900. 341. Thurston: Castes and Tribes of 
Southern India. 1909. III. 426. Die esthische Gewohnheit, das Kind unter einem 
Jahre nicht beim Namen zu nennen. R. Hovorka: Vergleichende Volks- 
medizin 1909. II. 645 (entspricht dem weiter oben behandelten Tabu ; „das noch 
nicht einjährige Kind soll nicht In den Spiegel schauen". (Spiegelbild = 
Seele = Name). 

2 Oldenberg: Die Religion des Veda 1894. 526. 527. Ebenso, wenn 
sich auf dem Spiegelbild oder im Schatten irgend eine Änderung zeigt. I. von 
N e g e 1 e i n : Der Traumschlüssel des Jagaddeva. 1912. 129. 130. Es dürfte der 
Widerspruch auffallen, daß dort die Hingabe des Spiegelbildes den Tod ver- 
hindert, hier aber der Verlust des Spiegelbildes den Tod verursacht. Die 
Ursache des wesentlichen Unterschiedes haben wir in dem Unterschiede 
zwischen dem Hingeben und dem Verlieren, zwischen dem absichtlichen Ver- 
zicht und dem Gefühl des Beraubtseins zu suchen. (Vgl. zum Hingeben des 
Ebenbildes. Beim Eintritt der Wehen einer spaniolischen Jüdin hält man der 
Frau eine Schale mit Öl vor das Gesicht, damit sie sich darin, wie in einem 
Spiegel, anschaue : dann schickt man das Öl in die Synagoge. B. Stern: 
Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei. 1903. II. 299). Der 
Verzicht ist bloß ein fiktiver Tod, der dazu dient, dem wirklichen zuvorzu- 
kommen und in solcher Art zu verhindern. Solche fiktive Riten ent- 
sprechen jenen Träumen unangenehmen Inhaltes, deren Tendenz teilweise im 
Wunsche zu suchen ist, die Traumvorgänge der Realität zu entkleiden. (Schau- 
spiel im Traume. „Es sei nur ein Traum." Hier ist es nur Ritus, keine 
Wirklichkeit.) 



1"° Spiegekauber. 

schauen, denn das Spiegelbild, also ein Teil der Seele, könnte 
im Spiegel zurückbleiben 1 . In Pundjab schaut man an einem 
bestimmten Tage der Woche in ein Ölgefäß und wenn man sein 
Spiegelbild nicht sieht, so stirbt man bald 2 . Ein Snetaka 3 darf 
nicht in die aufgehende Sonne, nicht in die sinkende Sonne, 
nicht in die durch ein Gewebe scheinende Sonne schauen. Ferner 
darf er nicht die Sonne schauen, die durch einen Spiegel oder durch 
das Wasser reflektiert wird, noch die Mittagssonne, noch aber das 
Antlitz seines Lehrers, wenn dieser zornig ist. — Er darf nicht 
das im Öl, im Wasser oder in einem trüben Spiegel reflektierte 
eigene Bild schauen, darf seine Frau nicht schauen, wenn diese 
ißt und darf kein Weib nackt sehen, noch einen Mann, bei der 
Defekation oder beim Urinieren erblicken. — All diese Verbote 
sind die Negativa des in der kritischen Periode vor den Weihen 
gesteigerten ambivalenten Narzißmus 4 . 
und S Giück" Wieder der positiven Richtung zu wendet sich der Ritus, 

wenn man in Gudjerat das am Unglückstage drohende Unheil 
dadurch beseitigen kann, daß man in den Spiegel schaut und Reis 






1 W. C r o o k e : The Populär Religion and Folk-Lore of Northern India. 
1896. I. 233. 

2 Mündliche Mitteilung des Herrn Umrau Sing Shergill. 

8 Von dem rituellen Bade nach Beendigung der Studienjahre bis zum 
Empfang der Weihen nennt man so die zu weihenden Jünger. I. Jolly: The 
Institutes of Vishnu. 1880. Sacred Books of the East. VII./120. 

4 J o 1 1 y : 1. c. Sacred Books VII. 226. Die Sonne (= Vater) entspricht 
dem Lehrer, die übrigen Tabu sind Verdrängungsformen der Schaulust 
(= nacktes Weib) beziehungsweise der Regression in die Oral- und Analerotik. Den 
Narzißmus charakterisiert die Furcht vor einem Verzicht auf was immer für 
einen Teil des eigenen Selbst, das bezieht sich auf alle Arten der Exkremente 
und Sekrete. Vgl. „A voluntary effusion of semen by a twice- born youth in 
sexual intercourse with a woman during the period of his studentship 's a 
transgression". Jolly: 1. c. 120. Also nicht der Coitus ist verboten, sondern 
die Ejakulation ! Vgl. Über den Yogin. „Guttam in pudenta feminae casuram 
exercitatione reverti cogat: si autem ceciderit propria gutta, eam reverti cogat 
servetque. Jogi ita guttam servens mortem vincet nam ut gutta 
lapsa mortem, eodem modo retenta vitam indicat. In animo semen virile, in 
semine vita nititur diligenter igitur animus semenque servanda sunt. 






Spiegelschauverbote. 



167 



oder Gerste ißt 1 . — In Persien spritzt man den einen langen 
Weg unternehmenden Menschen Wasser nach und hält ihm einen 
Spiegel vor. Nach Kremer, damit das Bild des sich Entfernenden 
fixiert und seine glückliche Wiederkehr gesichert werde 2 ; über- 
dies aber auch deshalb, damit das Selbstvertrauen des eine 
gefährliche Reise Unternehmenden sich steigere. Hingegen ist es 
der Pend-Nameh gemäß verboten, nachts in den Spiegel zu 
schauen und in Syrien glaubt man, wer nachts in den Spiegel 
schaut, wird irrsinnig 3 . In der europäischen Volkstradition 
dominiert, abgesehen von den bereits berührten Fällen 4 , gleich- 
falls der Tabu-Charakter. So soll Pythagoras die nächtliche 
Spiegelschau für gefährlich erachtet haben 5 . In Konstantinopel 



Europäischer 
Volksglaube. 



R. Schmidt: Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien. 1908.201. 
Die Yogilehre und die Philosophie der Upanishaden sind die reinste narzißtische 
Introversion. Vgl. z. B. hinsichtlich der auf die Exkremente und Sekrete 
bezüglichen Tabu: Freud: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre- 
III. 1913. 214, 215. D. P. Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 
1903. 225—227. 

1 Campbell: Indian Antiquari XXV. 78. ex. Zachariae: Zur 
indischen Witwenverbrennung Zt. d. V. f. Vk. 1905. 78. Der Zusammenhang 
zwischen dem Essen und dem Spiegel (Selbsterhaltung = Narzißmus) ist 
hier ein glücklicher, dort ein verbotener. „Glück' ist hier bloß die Hypothese jenes 
Erleichterungsgefühls, das dem Niederringen des psychischen Widerstandes folgt- 

2 Goldziher; Wasser als Dämonen abwehrendes Mittel. Archiv fUr 
Religionswissenschaft 1910. 32. Die Angabe wird angeführt nach H. Brugsch: 
Aus dem Orient. 1864. II. 97 und A. v. Kiemer: Studien zur vergleichenden 
Kulturgeschichte 1890. III./IV. 50. Hinsichtlich der Perser und der Parsi steht 
dasselbe unter Anbieten eines Glases Trinkwasser statt der Besprengung mit 
Wasser. E. C. S y k e s : Persian Folklore. Folk-Lore XII. 1901. 266. 

3 Seligmann: Der böse Blick 1910. I. 181. Vgl. weiter oben. In Indien 
schaut gerade der in den Spiegel, der den Verstand verloren hat, um ihn 
zurückzugewinnen. Das Tabu, der negative Charakter, ist bei der 
nächtlichen Spiegelschau besonders ausgeprägt, weil die die Zahl der von 
außen kommenden Reize vermindernde Periode (Dunkelheit) die im Unbewußten 
gestauten inneren Reize nur zu Worte gelangen läßt, die Introversion und 
Regression erleichtert. Vgl. Abraham: Ober Einschränkungen und Umwand- 
lungen der Schaulust. Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 1914. 56. 

4 Nämlich das Kind, der Seher, der König und die Verliebten. 

5 Selig mann; 1. c. Ebda. 



1"° Spiegekauber. 

glaubt das christliche Volk und ebenso in Schlesien, daß der 
Spiegelseher sein Ebenbild verliert 1 . Holiday schreibt im Jahre 
1618 in „Marriage of the Arts": „Ich habe schon oft den Spruch 
gehört, es bedeutet Böses, wenn man bei Kerzenlicht sein Bild 
im Spiegel sieht 2 . Wer in der Fastnacht allein im Zimmer bleibt 
und dann in den Spiegel schaut, wird zur Jahreswende gestorben 
sein 3 , was freilich seinen Ursprung in dem den regredierenden 
Narzissismus begleitenden Angstgefühl hat. Nach bulgarischem 
Volksglauben empfiehlt es sich in gewissen Nächten in den Brun- 
nen zu schauen, niemals aber soll man vor dem Schlafengehen 
in den Spiegel blicken 4 . Wer in der Oberpfalz in der Christnacht 
den eigenen Schatten verdoppelt sieht, wird im folgenden Jahre 
sterben 5 . Wer im Komitate Bäcs sich um Mitternacht vor den 
Spiegel stellt, wird bis zum Morgen sterben 6 . Wenn drei Per- 
sonen gleichzeitig in den Spiegel schauen, muß eine von ihnen 
binnen Jahresfrist sterben 7 ; nämlich der störende Dritte, der 
seinen Widerpart (mit Todesbedeutung) im Spiegelbild findet. 
Ebenso heißt es in Oldenburg, wenn man in ungerader Zahl 
(besonders 3, 11, 13) bei Tisch sitzt, wird derjenige der vor oder 
unter dem Spiegel sitzt, zu allererst sterben 8 , denn er hat zum 
Partner das Ebenbild, nämlich den Tod. Der Held eines italieni- 
schen Märchens sieht aus einem Blick in den Spiegel, daß seine 

1 S e 1 i g m a n n: 1. c. I. 181. C a r n o y : Traditions populaires de Con- 
stantinople. 1892. 8. 

2 H a z 1 i 1 1 : Brands Antiquities. I. 275. 

3 E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge 
1909. 118. 

4 Czirbusz: A fernes es torontälmegyei bolgärok (Die Bulgaren im 
Temeser und Torontäler Komitat). 1913. 57. 

5 Schönwerth: Aus der Oberpfalz 1857. I. 265. 

6 I. Nagy: Bäcsmegyei babonäk (Aberglauben aus dem Komitate Bäcs). 
Ethn. 1896. 94. Vgl. Ebda. Umwandlung in einen Bären, wozu vgl. weiter unten 
die Zurückverwandlung der Fuchsfrau in eine Füchsin in China. 

7 F. D. Bergen: Current Superstitions. Journ. of. Am. Folk. Lore 1889. 
15 Peabody, Mass; New Hampshire. 

8 Stracker jan: Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. 
1909 I. 37. 



Spiegelsehauverbote. 



169 



Todesstunde naht 1 . In Rußland (Gouv. Tambov) bedeutet es Unglück, 
sein eigenes Antlitz im Wasser zu erblicken 2 . Im serbischen Volkslied 
sagt die Vila dem Prinzen Marko, daß seine Stunde geschlagen 
habe. Er möge sein Pferd besteigen und in die Berge reiten. 
„Neige dich hinab aufs Brunnenwasser, Daß dein Antlitz du im 
Spiegel schauest, Siehest dorten wann du sterben wirst" 3 . Vom 
eigenen Tode auf die Toten überhaupt verschoben finden wir 
diese Vorstellung in Szeged, wo es nicht ratsam ist, abends in 
den Spiegel zu schauen, weil sonst die Geister heimkehren 4 . 
Wer mit einer Kerze in der Hand in den Spiegel schaut, über 
dessen Schulter schaut entweder der Tod oder der Teufel 5 . 
Der Teufel ist hier neben dem Tode die Personifikation 6 haupt- 5« Teufel als 

r Personifikation 

sächlich der analen, also am stärksten verdrängten Erotik, wie aerAnaieroük. 
dies das umseitige Bild am besten zeigt. 

Hieher gehört auch der böhmische Volksglaube, daß wer nachts 
in den Spiegel schaut, die Gelbsucht bekommt 7 . In Szeged ist es 
nachts oder abends nicht ratsam, in den Spiegel zu schauen, weil 
man sonst den Teufel sieht 8 . Nach deutschem Volksglauben „Welcher 
des nachts in einen Spiegel sihet, der sihet den teuffei darin" 9 . In 
der Moselgegend steht der Teufel hinter dem Rücken des Men- 



1 R. Köhler: Kleinere Schriften zur Märchenforschung. 1898. I. 337. 
2 A. P. Zvonkov: Ocerk vjerovanii krestian Jelatomskavo ujezda 
Tambovskoj gubernü. Etnograficeskoje Obozrjenie. 1889. 72. 

3 T a 1 v j : Volkslieder der Serben. 1853. I. 255. 

4 K o v ä c s : Babonäk (Aberglauben) Nyelvör. II. 178. Funktionell auf die 
neubelebten Erinnerungsbilder zu deuten. 

5 Bartsch: Sagen etc. aus Mecklenburg. 1880. II. 4. 

8 Vgl. O. Rank: Der Doppelgänger. Imago. 1914. 156. Nach ihm ist der 
Teufel in gewissen Fällen „eine abgespaltene Personifikation der als verwerf- 
lich empfundenen Triebe und Neigungen". Vgl. auch Freud: Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosen-Lehre. 1912. IL 136. Charakter und Analerotik. 

' Grohmann; Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 
1864. Nr. 1097. 

8 K o v ä c s: Szeged nepe. (Das Volk von Szeged.) 1901. 373. 

9 F. Pfeifer: Der alten Weiber Philosophey. Zeitschrift für deutsche 
Mythologie. III. 315. 



170 



Spiegelzauber. 



sehen 1 . Wer in Fiume abends oder nachts in den Spiegel schaut 
sieht darin den Teufel 2 . Desgleichen in Böhmen 3 und in Zala- 
Aräcs 4 . Wenn man in Tirol nachts in den Spiegel schaut, blickt 
einem daraus der Teufel entgegen und wenn man gar zu lange 




Von einer edlen frowen wie die vor eym Spiegel 
stund, sich mutzend vnnd sy jn dem Spiegel den tüfel 
sach jr den hyndern zeigend. 

Ritter vom Turn, Basel 1493. 

(Nach Soldan-Heppe: Geschichte der Hexen- 
prozesse. 1911. I. 258.) 



1 Hocker: Aberglaube von der Mosel. Zeitschrift für deutsche Mytho- 
logie. I. 243. J 

2 C z i n k : Fiume neprajza. (Die Ethnographie Fiumes Ethn.) 1892 180. 

3 J o h n : Sitte etc. in Westböhmen. 1905. 250. 

4 A. F e j e r : Babonäk. (Aberglauben.) Nyelvör XXII. 474. 



Spiegelschauverbote. 



171 



hineinschaut, dreht er einem sogar den Kragen um 1 . Brognoli 
erwähnt einen Fall aus Venedig. Ein Mädchen bewunderte das 
eigene Bild so lange Zeit im Spiegel, bis es vom Teufel besessen 
wurde. Einmal nämlich, als das Mädchen in den Spiegel schaute, 
erschien neben ihrem eigenen Bilde das des Teufels in Gestalt 
eines herrlichen Jünglings, der das Bild des Mädchens umarmte 
und ihm seine Liebe anbot, wenn es Christum verleugnen 
wolle 2 . Nach dem Egerer Volksglauben kann man den Teufel 
um Mitternacht sehen, wenn man scharf in den Spiegel schaut. 3 — 
In Oldenburg, wer in der Nacht nach elf in den Spiegel schaut, 
über dessen Schultern schaut der Teufel 4 . In Nagykörü darf 
man beim Licht einer Ampel oder einer Lampe nicht in den 
Spiegel schauen, weil man sonst darin den Teufel sieht 5 . In 
Mecklenburg steht der Teufel hinter dem Menschen 6 und schaut 
mit ihm zugleich in den Spiegel 7 . (Vgl. die Abbildung.) Nach 
deutschem Volksglauben, wenn man abends in den Spiegel 
schaut, schaut aus diesem der „Gottseibeiuns" heraus 8 . Eben- 
falls den Teufel sehen zur Nachtzeit im Spiegel die Italiener in 



1 I. Z i n g e r 1 e : Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes 
1857. 19, 20. 

2 Seligmann: Der böse Blick. 1910. I. 179. 

3 J. L ä z k r : Gyüjtese. (Sammlung.) Eger, F. F. 1914. 27. 

4 Stracker jan: Aberglauben und Sagen aus dem Herzogtum Olden- 
burg. I. 330. 

5 N. Nemeth: Gyüjtese. (Sammlung.) Eger, F. F. 125. Komitat 
Szolnok. 

<? Das Hintenstehen des Teufels dürfte ein Symptom seiner analerotischen 
Bedeutung sein. Vgl. Silberer: Imago. 1913. 451. Staudenmaier: Die 
Magie als experimentelle Naturwissenschaft. 1912. 72, 117. Auf der Gazellen- 
halbinsel stellt man sich den Geist als Wesen mit tierischer oder menschlicher 
Gestalt vor, dem das Gesicht nach hinten steht. Die Geister wohnen 
in Höhlen, und nähren sich von menschlichen Exkrementen. 
F. Burger: Die Küsten- und Bergvölker der Gazellenhalbinsel. 1913. 33. 
Siehe auch die Abbildung. 

7 Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1880. 
II. 4. Oder der Tod guckt einem über die Schultern. Ebda. 

8 Weber: Demokritos. (Achte Ausgabe, Rieger.) IV. 46. 



179 

' Spiegelzäuber. 

den Abruzzen 1 . Auch in Frankreich zeigt sich der Teufel, wenn 
eine Frau nach Sonnenuntergang in den Spiegel schaut; in Saint 
Brieuc sagt man, daß er hinter ihr steht und ihr über die Schul- 
tern schaut. Dasselbe ist schon in den Evangiles des Quenouilles 
bezeugt „Qui se mire en un mirouer, de nuit, il y veoit le 
mauvais et si n'en embelira ja pourtant, ains en deviendra plus 
lait" 2 . Nach dem Volksglauben in Gyergyö träumt man vom 
Teufel, wenn man abends in den Spiegel schaut 3 . In Märamaros, 
wer abends beim Kerzenschein in den Spiegel schaut, den wer- 
den die Teufel herumzerren 4 . Im Spiegel sieht man abends den 
Teufel in der Gegend um den Balaton 5 . Wer sich um Mitter- 
nacht mit einer Kerze in der Hand vor den Spiegel stellt und 
dreimal den Teufel ruft, den holt er auch, oder es erscheinen 
dem Betreffenden zumindest solche Ungetüme im Spiegel, daß 
ihm die gute Laune für sein ganzes Leben lang verdorben wird 6 . 
Wenn in Yorkshire jemand um Mitternacht bei völliger Finsternis 
sich gegen die Sonne zuwendet, dreimal um das Zimmer herum- 
geht und dann in den Spiegel schaut, grinst ihm das Bild des 
Teufels entgegen 7 . An die analerotische Bedeutung des Teufels 
knüpft sich der bei den Csängö von Hetfalu herrschende Glaube, 
daß wer abends 8 in einem Hause, wo sich ein Toter befindet, 
in den Spiegel schaut, die Gelbsucht bekommt. Dasselbe gilt — 

1 N. de Nisco: Usi abruzzesi. 1881. II. 125. ex. Seligman n: Der 
böse Blick. 1909. I. 182. 

2 P. Sebillot: Le Folk-Lore de France. 1904. I. 139. 

3 J. K ö n y a : Gyergyöi nepszokäsok. (Volksbrauch in der Gegend von 
Gyergyö.) Neprajzi Ert. 1914. 128. 

4 Viski: Babonäk. (Aberglauben.) Nyelvör. VII. 206. 

5 J. Jankö: Abalatonmelleki lakossäg neprajza. (Ethn. der Bewohner 
der Plattensee-Gegend.) 1902. 421. 

6 1 1 w o f : Zur Volkskunde der Steiermark, Zeitschrift für österreichische 
Volkskunde. 1897. 50. 

7 W. Henderson: Notes on the Folk-Lore of the Northern Counties 
of England. 1879. 62. (F. L. S. II.) 

8 K o v ä c s : Hetfalusi csangö babonäk. (Aberglauben bei den Czängös 
in Hetfalu.) Ethn. 1895. 329. 



Spiegelschauverbote. 



173 



für die Nacht — in Böhmen 1 und in der Plattenseegegend 2 . 
Anscheinend außer Zusammenhang ist folgendes Tabu: Wer 
nachts in den Spiegel schaut, dessen Haus wird abbrennen 3 . 
Doch dürften wir den Schlüssel dieses Verbotes wahrscheinlich 
in dem bereits aufgeklärten Zusammenhang zwischen der Brand- Brandlegung, 
legung und der Onanie (hier = Narzißmus, Spiegel) zu suchen 
haben 4 . Von hier aus ergibt sich ungezwungen ein Übergang 
auf die folgende Gruppe. Im Traume einen Geistlichen sehen 
oder in den Spiegel schauen bedeutet Schmach 5 . Wer im Traum 
in den Spiegel schaut, wird Schande erleben 6 . Wer in den 
Spiegel schaut 7 oder abends in den Spiegel schaut 8 , wird böse 
Träume haben. 

Ferenczi beleuchtet außer dem Narzißmus noch eine andere, Autosymboii- 
autosymbolische Quelle der Spektrophobie, nämlich die Angst vor sc aer verböte! 12 
der Selbsterkenntnis 9 . Hieher gehört das auf Kranke bezügliche 



1 Wuttke: 1. c. 314. 

2 J a n k ö : Balatonmelleki lakossäg neprajza. (Ethnographie der Bewohner 
der Plattensee-Gegend.) 1902. 421. 

3 D. Baläsy : Udvarhely värmegyei babonäk. (Aberglauben im Komitate 
Udvarhely.) Ethn. 1905. 40. 

4 Vgl. H. S c h m i d : Zur Psychologie der Brandstifter, Psychologische 
Ahhandlungen. 1914. 80—179. O. Pf i s t e r : Ist die Brandstiftung ein archaischer 
Sublimierungsversuch ? Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse. 1915. III. 139—153. 
Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. 1912. 163. 

5 Bänöczi: Babonäk. (Aberglauben.) Nyelvör. V. 419. Szt. Gäl, Komitat 
Veszprem. 

6 Jankö: 1. c. 421. 

7 G. Harcsär: Babonäk. (Aberglauben.) Nyelvör. XV. 84. Szatmär- 
Nemeti. 

8 I. £. Gubicza: Babonäk (Aberglauben) Nyelvör XV. 140. Veszprem. 

9 Ferenczi: Ideges tünetek (Neurotische Symptome) 1914. 103. Er beschreibt 
einen Kranken, der zur Zeit der Pubertät sich davor zu fürchten begann, in den 
Spiegel zu schauen; besondere Angst hatte er davor, seine Augen oder Augenbrauen 
zu erblicken: „Ich will mich nicht Aug in Aug sehen". D. s. : Zur Augensymbolik. 
Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 1913. 162. Vgl. weiter unten 
die Verhüllung des Spiegels und das Auge der Toten. In einem anderen Bei- 
spiel (ohne Tabu) ist der Zusammenhang mit dem Selbsterkennen noch evi- 
denter. (Dr. Ferenczis mündliche Mitteilung.) Der Kranke sieht den Korridor, 



174 



Spiegelizauber. 



Verbot, in den Spiegel zu schauen; die Eitelkeit des Kranken 
entsetzt sich angesichts der Veränderung, die sich in seinem 
Äußeren vollzogen hat 1 . Der Frau im Kindbett ist es verboten, 
in den Spiegel zu schauen, weil sie darin allerlei Schrecknisse 
sieht (Mecklenburg, Schlesien), deshalb pflegt man zu solcher Zeit 
den Spiegel zu verhüllen 2 . Hingegen pflegt man, um die Fixie- 
rung des Narzißmus an die eigene Person zu behindern und die 
Übertragung auf das Kind zu erleichtern, der Mutter schon am 
ersten Tage das neugeborne Kind zu zeigen, denn wenn man 
das unterläßt, wird sie ihr Kind niemals lieben 3 (Innsbruck). 
Andererseits bringt gerade die Krankheit eine Regression in den 
Narzißmus mit sich 4 , d. h. die Steigerung des Wunsches, an 
sich selbst Gefallen zu finden ; dadurch entsteht eine ambivalente 
Spannung, welche die Gefühlsbetontheit der Spiegelschau steigert 5 . 

der in das Ordinationszimmer des Arztes führt, gleichsam in einem Doppel- 
spiegel reflektiert in unzähligen Spiegelbildern. Erklärung: Die Vision ist ein 
Symbol der Psychoanalyse, die dem Kranken bei unzähligen Gelegenheiten 
immer und immer wieder das Spiegelbild des eigenen Ichs vorhält. Vgl. den 
Professor, „der sich selbst ganz behaglich in 12 bis 15 Exemplaren umher- 
wandeln sieht, welche aus verschiedenen Altern waren und die längst ver- 
gessenen Kleider des Gelehrten trugen, bei gesammelter Besonnenheit aber alle 
schwanden". Staudenmaier: Die Magie als experimentelle Naturwissen- 
schaft. 1912. 95. 

1 Zur Spectrophobie vgl. O. Rank: Der Doppelgänger, Imago 1914. 107 
110, 153. 

2 Wuttke: 1. c. 379. Haberlandt: i. h. Zt. für Völkerps. XIII. 342. 

3 Zingerle: Sitten, Bräuche und Meinungen des Tyroler Volkes. 1857. 3. 

4 Vgl. F e r e n c z i : Von Krankheits- oder Pathoneurosen. Int. Zeitschrift 
f. ärztl. Psychoanalyse 1917. 

5 Vgl. vom Standpunkt des Durchbrechens der positiven Seite der ambi- 
valenten Strömungen und der narzißtischen Libidoübertragung: bei den Kaffern 
schaut die Wöchnerin, bevor sie das neugeborne Kind abwäscht, in ein Gefäß. 
W a i t z : Anthropologie der Naturvölker II. 414. Zum Zusammenhang des Selbst- 
erkennens und des Narzißmus: Man fragt Tiresias nach der Lebensdauer des 
Narzißmus : de quo consultus an esset Tempora maturae Visums longa senectae, 
Fatidicus vates „si se non n o verit" inquit. O vidius: Metam III. 345. 
Hinsichtlich des Zusammenhanges des langen Lebens und der Spiegelschau vgl. 
weiter oben. 



Swi egelsch au v erbot e. 



175 



In Böhmen darf der Kranke nicht in den Spiegel schauen, weil 
sein Zustand sich sonst verschlimmern wird 1 . Hiezu kommt noch 
die fixierende Eigenschaft des Spiegels, die sich im Endergebnis 
eben aus der Fixierung durch den Narzißmus erklären läßt. Die 
Mohammedaner in Bombay bedecken alle Spiegel im Hause, wo 
ein Kranker sich befindet, denn einer der Spiegel könnte die 
umherirrende Seele festhalten, und so den Tod des Kranken ver- 
ursachen 2 . In Voigtland, in Reichenbach glaubt man, wer den 
Rotlauf hat, oder irgend eine Wunde im Gesicht, dürfe nicht in 
den Spiegel schauen, denn sein Übel wird ein beständiges 3 . In 
Schlesien soll derjenige, der irgendwo eine Geschwulst hat, 
besonders aber, wenn sein Gesicht geschwollen ist, nicht in den 
Spiegel schauen, denn das Übel wird sich verschlimmern 4 . In 
Sachsen pflegt man gelegentlich epileptischer Anfälle die Spiegel 
im Zimmer nach der Wand umzuwenden 5 . Am unteren Kongo 
darf derjenige, welcher an Anfällen (fits) leidet, nicht in den 
Spiegel schauen, oder im Wasser sein Spiegelbild sehen 6 . 

Da vom psychologischen Standpunkte die Dämonen nur p 
die Eiecte der intropsychischen Komplexe der an sie Glaubenden 
sind 7 , ist es nur natürlich, daß jene Gegenstände, vor denen die 
Dämonen sich fürchten, nur solche sein können, vor denen der 
Mensch, oder etwas im Menschen Grauen empfindet. Daher 
erklärt sich auch die Rolle des Spiegels als 
Amulett aus der Projektion der Spectrophobie 

1 I. V. Grohmann: Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und 
Mähren. 1864 No. 1097. Wuttke: 1. c. 343. 

2 W. C r o o k e : The Folk-Lore of Northern India. 1896. I. 233. 

3 J. A. E. K ö h 1 e r : Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte 
Überlieferungen im Voigtlande. 1867. 423. Seyferth: Aberglaube in der 
Volksmedizin Sachsens. 1913. 272. Wuttke: 1. c. 348. 

4 Drechsler: 1. c. II. 292. 

5 Seyfarth: 1. c. 272. Raszlau Vgl. Wuttke: 1. c. 355. 

6 Weeks: Customs of the Lower Congo People. Folk Lore 1909. 309. 
Diese Verbote haben wahrscheinlich noch den zwischen der Epilepsie und den 
Autoerotismus bestehenden Zusammenhang zum besonderen Determinanten. 
Vgl. Mae der: Sexualität und Epilepsie. Jahrbuch I. 1909. 119. 

7 Siehe besonders Freud: Totem und Tabu. 1913. pa. 



Spectrophobie 

auf die 

Dämonen. 



176 



Spiegeizauber. 



auf die Dämonen. Wir müssen also die im Volksglauben am 
häufigten vorgebrachte Ursache, daß „der Dämon, wenn er in 
den Spiegel schaut, darin das eigene Bild erblickt und vor dem 
eigenen Bilde so erschrickt, daß er davonläuft" für wörtlich wahr 
erachten 1 . Daneben kann auch die andere Erklärung bestehen, 
die von der Ethnologie bisher allein betont wurde 2 , nämlich, daß 
der Dämon davor erschrickt, seine Spiegelbild-Seele in fremder 
Hand zu sehen, da diese Erklärung der natürliche Ausdruck der 
narzißtischen Angstgefühle ist, welche in einer derartigen Über- 
wertigkeit des Ichkomplexes kulminieren. Den Übergang von den 
Menschen zu den Dämonen bilden die mit bösem Blick behafteten 
Leute 3 , auf die man gewisse als „dämonisch" empfundene Triebe 
projiziert. Zum Schutz gegen solche Mensch-Dämonen bietet sich 
der Spiegel, der ihnen ihr eigenes Ebenbild als Opfer entgegen- 
stellt, über den in Frankreich im Mittelalter herrschenden Volks- 
glauben sagt Martin von Ales: „Similiter superstitiose sunt 
quaedam mulieres affigentes humeris parvulorum quaedam 
fragmenta speculorum credentes per hoc tales parvulos non infici 
ab oculis infactis vetularum*. « - Von Leuten mit bösem Blick 

1 Vgl. Meszäros: 1. c. 1915. 245. 

VöiC'in. % a : Frazer: Taboa 1911 ' 94 Hab — *' = •• c a f. 

3 Der böse Blick entspricht wahrscheinlich zum Teile der Schaulust 
ebenso wie das Spiegelschauen. Neben der Schaulust können wir im Sinne des 
Gesetzes der Ambivalenz die Furcht vor dem Schauen voraussetzen, als leicht- 
verwundbare Achillesferse des Sehers. Das gestaltet sich besonders gefährlich 
dann, wenn die in dem bösen Blick sich offenbarende verdrängte Böswilligkeit 
sich aus dem Spiegel auf den Wünschenden selbst zurückprojiziert (Wendung 
gegen die eigene Person). S eligman n : Der böse Blick 1910 I 178-188 
Autofaszination. Dieser Auffassung widerspricht auch das nicht, was Plutarchos 
gegen den Zusammenhang des bösen Blickes mit der „invidia« vorbringt Non 
ignoras scilicet quod amicos et domesticos quidem vero etiam patres oculum 
habere fascmantem putant ideoque uxores ipsis prolem non ostendunt neque ab 
hisce dm conspici staunt«. Plutarchi: Moralia (ed Wyttenbach) III. 1828 P 
ars iL 153 Conv. Disp. Liber V. Quaestio VII. De his, qui fascinare dicuntur 
IV. p Es ist natürlich, daß die feindlichen Gefühle gerade im Kreise der 
Nächsten der stärksten Verdrängung unterworfen sind. 

i A. Franz: Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter 1909. I. 470. 






: 



Spiegelschauverbote. 



177 



heißt es: „Si on luy presente un miroir par endardement reci- 
proque ces rayons retournent sur l'autheur d'iceux 1 . In Messina 
erzählte man, daselbst sei im Jahre 1883 ein Mann gestorben, 
der, ohne es zu wollen, jeden tötete, auf den sein Blick fiel. 
Einmal sah er in das Spiegelglas eines Schaufensters, sein tot- 
bringender Blick sprang von dort auf ihn zurück und tötete ihn 
selbst 2 . In anderen Fällen, wenn der Spiegel auch den Zauber 
nicht zurückwirft, macht er doch zumindest den Zauberer 
erkennbar, das heißt, die endopsychische Wahrnehmung projiziert 
sich auf das Spiegelbild. In Dänemark erkennt man ein Weib, 
das den „Bösen Blick" hat, an den zwei dunklen Flecken, die 
ihr Blick im Spiegel hinterläßt. In Dalmatien aber zerbricht unter 
der Einwirkung des bösen Blickes der Spiegel in tausend Stücke 3 . 
Die Rolle des Spiegels als Amulett dürfte wohl der zum Symbol 
verkürzte Ausdruck dieser Komplexe sein. Unter den Gegen- 
ständen, mit denen die Juden in Palästina sich gegen den bösen 
Blick zu schützen suchten, kommen auch Spiegelscherben vor 4 . 
In Pampeluna (Spanien) befestigen die Frauen ihren Kindern 
zum Schutz gegen den bösen Blick Spiegel an den Schultern 6 . 
Die chinesischen Metallspiegel dienten dazu, böse, in der Luft 
schwirrende Geister abzuhalten und man trug sie deshalb auf 
dem Rücken (vgl. das Erscheinen des Teufels hinter dem Schauen- 
den). Von ihrem Glänze schreckten die Dämonen zurück, und aus 
gleichem Grunde hängen noch heute die Chinesen Glasspiegel 
an ihren Bettvorhängen oder über ihren Haustüren auf 6 . In Japan 
dienen kleine Spiegel mit dem Bilde Buddhas als Talismane 7 und 



1 W. Crooke: Populär Religions and Folklore of Northern India 1896. II. 35. 

2 P i t r e : Biblioteca delle Tradizioni Popolari Siciliane. XVII. 236. ex. 
S e 1 i g m a n n : 1. c. I. 179. 

3 S e 1 i g m a n n : Ebda. I. 230, 231. 
'Thomson: Semitic Magic. 1908. 72. 

5 S e 1 i g m a n n : 1. c. II. 276. 

6 Globus XCII. 1907. 132 nach H i r t h : Boas Memorial Volume 1906. 
208—256. Vgl. auch D o o 1 i 1 1 1 e : Social Life of the Chinese. 1867. II. 313, 316, 317. 

7 E. Balz: Die sogenannten magischen Spiegel und ihr Gebrauch. Archiv 
für Anthropologie. 1904. 46. 



Spiegelzauber. 



12 



178 

Spiegelzauber. 

die Jät-Frauen bedecken ihre Kleidung mit kleinen Glasstückchen 1 . 

Nach arabischem Volksglauben vermögen aus Achat angefertigte 

Spiegel den Menschen gegen den bösen Blick zu schützen 2 . Die 

Frauen in Tripolis und Tunis tragen zum Schutz gegen den 

bösen Blick goldene Chamza (Hände) und eine Menge winziger 

Spiegel 3 , namentlich die Braut 4 , desgleichen die rumänischen und 

die serbischen Frauen 6 . 

|Ä°Ä Die Projektionsmechanismen, deren Funktion auf die Ent- 

wSetf lastun S der Ps Y che abzielt, suchen vor allem in der Außenwelt 

ein geeignetes Objekt, einen fixen Punkt, wo sie die heimatslos 

gewordenen Komplexe unterbringen können, ungefähr so, wie 

man den Rock auf den Kleiderrechen hängt. Bei solchen 

Gelegenheiten kommt die Projektion der verdrängten Triebe a u f 

andere Menschen zustande, zum Beispiel bei der Vorstellung 

vom bösen Blick. Doch die Projizierung kann auch so erfolgen, 

daß sich die projizierten Komplexe nicht an etwas tatsächlich 

Bestehendes heften, sondern einfach einen Körper annehmen, sich 

materialisieren, das heißt als Ejecte weiterbestehen 6 . So erhalten 

wir dieGruppe der im eigentlichenSinnemythischenWesen, hinter 

denen ausschließlich die intrapsychische Realität steht. Natürlich 

gibt es zwischen den beiden Gruppen häufig Übergänge. So 

finden wir beispielsweise schon auf dem Wege der Entwicklung 

von dem durch bösen Blick wirkenden Zauberer zum Dämon, 

den „Bilm esschnitter" 7 . Am St. Johannistage hängt man sich 

1 W. C r o o k e : The Populär Religion and Folk-Lore of Northern India. 
1896. II. 36. 

2 Dozy et Engelmann: Glossaires des mots espagnols derives de 
l'arabe. 1869. 221. ex. S e 1 i g m a n n : ebda. II. 30. 

3 R. Andree: Ethnographische Parallelen und Vergleiche. 37. 

4 Seligmann: 1. c. II. 278. 

5 S e 1 i g m a n n : 1. c. II. 20. 

6 Diesen Vorgang möchte ich zum Unterschied von der Projektion als 
Ejection bezeichnen. (Vgl. den Ausdruck bei J. M. Baldwin: Mental Deve- 
lopment in the Child and the Race. 1911. 17, 119, wo aber „eject" und 
„project" anders unterschieden werden.) 

7 Vgl. R ö h e i m : A luczaszäk. (Der Hexenstuhl.) Nepraizi Ertesitö 
1916. 45, 46. 



Spiegelschauverbote. 



179 



einen Spiegel um die Brust und setzt sich, wenn die Sonne am 
höchsten steht, auf einen Hollunderbaum. Wenn sich dann der 
„Bilmesschnitter" in dem Spiegel erblickt, stirbt er 1 , und ebenso 
ergeht es auch dem Menschen, der in dem Spiegel den „Bilmes- 
schnitter" schaut 2 . Die rein mythische Kategorie repräsentiert der 
Basilisk 3 , und wahrscheinlich schon die Medusa, deren Mythos 
wohl im Sinne der Basilisken-Sagen zu ergänzen ist. Perseus 
tötet nämlich die Medusa, um ihrem versteinernden Blick zu 
entgehen, in der Weise, daß er die Schlafende nicht unmittelbar, 



1 Schindler: Aberglaube des Mittelalters. 1858.291. Schönwerth: 
Aus der Oberpfalz. 1857. I. 430. Grimm: loc cit. I. 394. 

2 Ne gel ein: Bild, Spiegel und Schatten im Volksglauben A. R. W. V. 26. 
8 Der Basilisk entsteht aus einem Hahnenei. Wuttke: 1. c. 52. Aus dem 

Ei eines zwanzigjährigen Hahns, im Dünger ausgebrütet, wen er ansieht, 
der wird durch seinen Blick vergiftet. Kühnau: Schlesische Sagen. II. 1911. 
382. Neun (sieben) oder vierzehn Jahre alt soll das Tier sein. Schulenburg: 
Wendische Volkssagen und Gebräuche. 1880. 100. S. Schultz: De ovo galli- 
naceo serpenti fero. Miscellanea curiosa medico physica. 1673. III. 359. Ein 
Hahn wird verurteilt, als ein Hexenmeister verbrannt zu werden, weil er ein Ei 
gelegt hat. Th. Vernaleken: Alpensagen, 1858. 267. Vgl. andererseits bär- 
tige Frauen als Hexen. F. S. K r a u s s : Volksglaube und religiöser Brauch der 
Südslaven. 1890. 111, 122. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus 
Mecklenburg. 1880. II. 160. In der Auvergne schützt ein Hahn vor dem Basi- 
lisken, da er die Eier des Hahnes verzehrt. S e b i 1 1 o t : Le Folk-Lore de 
France. 1906. III. 268. (Tötet also seine Kinder und zukünftigen Neben- 
buhler.) Die Eier entstehen „ex semine putrido aliove humore corrupto*. 
A. C 1 e y e r : De ovo gallinaceo, cum serpentis imagine in testa. Ebda. 1683. 
36. D. s. : De ovo gallinaceo praegnante. Ebda. 38. J. B. Grü n d el 1 : De 
gallo gallinaceo oviparo. Ebda. 1687. 435—438. S. L e d e 1 : De nausea carnis. 
Ebda. 1689. 88. D. G. Hanna e: Gallina superfoetans. Ebda. 1690. 261. (Ein 
Mann legt Eier.) G. C. G h a r 1 i e p : De ovo gallopavi. Ebda. 1697/98. 374. 
L. L e m n i u s : De miraculis occultis naturae. 1574. 402. (Es hunesmodi ovo 
Basiliscum emergere, ovum conterere, ac gallum strangulare Visum est.) Über- 
haupt ist das Männliche schon in der Entstehungsgeschichte stark betont, eine 
Frau soll den Basilisken auch ohne Besorgnis ergreifen können. S e 1 i g m a n n : 
Der böse Blick. 1910. I. 142. Die vom Hahne, d. h. vom Manne gelegten Eier 
sind wohl die Exkremente, während der tödliche Blick auf den Zusammen- 
hang zwischen Haß und Analerotik deutet. Vgl. Jones: Haß und Analerotik 
in der Zwangsneurose. Int. Zeitschr. f. ärztliche Psychoanalyse. 1913. 425. 

12* 



180 _ . . . 

Spiegelzauber. 

sondern in der spiegelglatten Oberfläche seines ehernen Schildes 
erblickt, und ihr so den Kopf abhaut 1 . Der Basilisk und die mit 
ihm verwandten Dämonen sind Personifikationen menschlicher 
Triebe und zwar in diesem Falle der bösen Wünsche und agres- 
siver Tendenzen, welche sich in verschränkter Form im bösen 
Blick offenbaren«. „Der Basiliscus - sagt Paracelsus - wächst 
und wird geboren aus und von der größten Unreinigkeit der 
Weiber, namentlich aus den Menstruis und aus dem Blut sper- 
matis in venire equino (metonymisch für fimus equinus) putre- 
fiziert. Wer ist nun so keck und freudig, denselbigen zu machen 
oder auszunehmen oder wiederum zu töten, der sich nicht zuvor 
mit Spiegeln bekleidet und bewahret«». Die Wenden glauben 
daß, wenn der Basilisk auf den Menschen schaut, muß dieser 
bersten, wenn aber der Basilisk sein eigenes Ebenbild schaut 
muß er selbst bersten. Dem Schlosse von Lübbenau wagte nie- 
mand in die Nähe zu kommen, weil in diesem ein solcher Basi- 
lisk seine Behausung aufgeschlagen hatte, schließlich behängte 
sich ein Mann völlig mit Spiegeln, als sich dann der Basilisk im 
Spiegel erblickte, barst er*. Dasselbe Verfahren gegen die Basi- 
isken kennt man in Warschau 5 und in Schleswig-Holstein« 
Ladislaus Nagy de Peretseny, der in seinen epischen Gedichten 
manches v olkstümliche Element bewahrt hat, sagt in der Be- 

1 Siehe E. S. Hartland: The Legend of Perseus. 1894. 12 3 Kuh 
nert: Perseus. Roschers Lexikon. III. 2. Abt. 2010-2012. Zum Spiegelschild 

aX pTmsT'Tn Teze f p ° ca - L Spence: The MythToTS; 

1867. 623 Geschichte der amerikanischen Urreligionen. 

r m, ' Vgl de ," - Neidteufel " der ^e ein .Basilisk» blickt und mit seiner 
Geißnase am liebsten Gestank und Dreck riecht. M. Osborn- Die Teufel 
hteratur des XVI. Jahrhunderts. (S. A. aus Acta Germanica. III. 3.) 1893 60 61 
H. S iberer: Probleme der Mystik und ihrer Symbolik 1914 90 
Schulenberg: Wendische Volkssagen und Gebräuche aus dVm 
Spreewald. 1880. 20, 100, 101. ^«oraucne aus dem 

»Seligmann: I.e. 146. Vgl. G.W.Wedel: De Basilisco. Mis- 
cellanea eunosa medico-physica. III. 1672. 202. 

H n iJt MÜ I 1 i enh °J : Sage "' Märchen undLieder der Herzogtümer Schleswig- 
Holstein und Lauenburg. 1899. 237. Seligmann:!, c. 143 



r 



Sipiegelschauverbote. 181 

Schreibung eines Ungetümes namens „Uka". Sie hoben einen 
aus Stahl polierten Spiegel, um so des Ukas Blick zu brechen 1 . 
In Island entspricht dem Basilisken der Skoffin. Ein solcher 
Skoffin hatte sich in einem Kirchturm eingenistet, so daß nie- 
mand wagte, in die Kirche zu gehen. Schließlich steckte jemand 
auf eine lange Stange einen Spiegel und hielt die Stange empor. 
Der Skoffin sah sein Ebenbild und verendete 2 . Eine alte Budis- 
siner Chronik meldet von einem Basilisken, der mit seinem An- 
blick viele Menschen vergiftet hat, bis endlich ein kluger Mann 
sich über und über mit Spiegeln behangen, worein das Unge- 
heuer geblickt, darauf geborsten und somit durch sein eigenes 
Gift getötet worden ist. In Schweidnitz hauste im Brunnen des 
Kellers ein Lindwurm. Einer läßt sich eine Rüstung aus lauter 
kleinen metallenen Spiegeln anfertigen, worin sich das Tier ver- 
tausendfältigt erblickt. Eine andere Variante berichtet von einem 
dreikantigen Spiegel, der des Drachen giftigen Hauch auf ihn 
selbst zurückwarf 3 . Wenn jemand in der Gascogne in den 
Brunnen spuckt oder etwas hereinwirft, so ruft ihn der „Basilic" 
in die Tiefe und er verschwindet für immer. In Mauvezin wendet 
einer einen kleinen Spiegel der Sonne zu, das widerstrahlende 
Licht lockt den Basilisken auf die Oberfläche, doch er sieht sein 
Gesicht im Spiegel und stirbt sofort 4 . Dasselbe Mittel wendet 
man auch in der Franche-Comte und in Auvergne an 5 . In Böhmen 
stellt man neben den von einem Basilisken bewohnten Brunnen 
einen Spiegel, wenn er dann am Morgen hineinschaut, bringt er 
sich durch sein eigenes Gift um 6 . Ähnliches erzählt man von 



1 Peretsenyi Nagy Läszlö: Szakdär Esthonnyi Magyar Fejedelem 
Bujdosäsa. (Die Irrfahrten des ungarischen Fürsten Szakadär in Esthland.) 1800. 
122. Dritter Teil. 

2 F e i 1 b e r g : Der böse Blick in nordischer Überlieferung. Zt. d. V. f. 
Vk. 1901. XI. 317. 

3 R. Ktthnau: Schlesische Sagen. II. 1911. 382—385. 

4 J. F. B 1 a d e : Contes populaires de la Gascogne. (Litt. Pop. XX.) 
1886. II. 332—335. 

5 P. S e b i 1 1 o t : Le Folk-Lore de France. 1965. II. 310. 

6 Grohmann: Sagen aus Böhmen. 1863. 243. 



182 

Spiegelzauber. 



dem Drachen des Münchener „ Spiegelbrunnens « und von einem 
Drachen, der sich in Stuttgart in einem Keller verbarg 1 . Diese 
Sagen kennt bereits das Gesta Romanorum, wo die Sage sich 
auf Alexander den Großen bezieht. Auf eine Frage Alexanders 
antworten die Weisen : „Man stelle einen hohen Spiegel zwischen 
dem Heere und der Mauer auf, wo sich der Basilisk befindet, 
denn wenn er in den Spiegel sieht, wird der Reflex desselben 
und sein Blick ihn selbst treffen 2 .« Hertz stellt die Quellen der Sage 
nach dem „Steinbuch" des Pseudo-Aristoteles zusammen. Alexan- 
der der Große tötet im Tal der Edelsteine jenseits Chorassan 
die „Tyri" genannten Schlangen, deren Blick den Tod bringt, 
indem er ihnen in einem Spiegel ihr eigenes Bild vorhält 3 . Das 
Werk der Projizierung schreitet von Stufe zu Stufe vor und der 
Mensch, nachdem er die eigenen Komplexe auf andere Menschen, 
auf mit bösem Blick Behaftete, von diesen aber auf bereits halb- 
menschliche Wesen, von letzteren auf die Basilisken und Lind- 
würmer, welche den bösen Blick personifizieren, projiziert, legt dann 
von den Lindwürmern den nächsten Schritt zu den Sturmwolken 
d. h. den himmlischen Drachen zurück. In Rom Nonnuilli ubi 
instare malum uiderint, oblato speculo imaginem nubis aceipiunt 
et hoc remedio nubem (seu ut sibi obiecta displiceat, seu ut 
tamquam g eminata alteri cedat) avertunt*. In der Montagne Noire 

1 Panzer: Beiträge zur deutschen Mythologie. 1848. 55 I 233 II 78 
ex. Haberland t: Zt. f. Vps. XIII. 333. 

2 J. G. Th. Grasse: Gesta Romanorum 1905. I. 266. CXXXIX Cap. Von 
den Wunden der Seele. Vgl. Anmerkungen ebda. II. 272. Ich gebe hier auch die 
.Deutung" nach der ungarischen Übersetzung wieder, die zwar in der morali- 
sierenden Art der Gesta, aber immerhin der Wahrheit einigermaßen nahe kommt- 
.Auf dieser Welt können die Meisten, nachdem sie durch den Hochmut umkom- 
men, verunglücken - denn dieser ist die Mutter der übrigen Sünden - durch 
nichts so leicht dieser Sünde widerstehen, als wenn sie sich selbst 
betrachten und das Vergängliche unseres eigenen unvollkommenen Ichs 
im Sinne behalten". Katona: Gesta Romanorum. 1900. (R. M. K- 18.) 376 

3 Hertz: Gesammelte Abhandlungen 1905. 187. 

* Palladius: De re rustica. Lib. I. T. XXXV. Vgl. Geoponicorum sive 
de Re Rustica Libri. XX. Londienensium 1704. p. 23. Libri I, Cap XIV Aiunt 
quidam, quod si quis speculum incumbenti nubi ostendat, grandinem praeterituram 



Spiegelschauverbote. 1°3 

heißt es, wer den Hagel von seinem Felde vertreiben will, hält der 
drohenden Wolke einen Spiegel vor, worauf diese vor Entsetzen 
über das eigene garstige Bild sich flüchtet 1 . Nach Philostratos 
hört das Gewitter oder der Hagelschlag auf, wenn man einem 
schlafenden Menschen einen Spiegel vorhält 2 . In Österreich 
pflegt man gegen den Hagel dreimal auf den Spiegel zu hauchen 
und zu sagen: „Azöd, Ariel Mirei", dann hält man den Spiegel 
der schwarzen Wolke vor. Die Wolke sieht ihr eigenes abscheu- 
liches Gesicht, vor welchem sie solches Entsetzen erfaßt, daß 
sie ohne Böses zu stiften, weiter zieht 3 . Brahmann sagt zu 
dem Dämon Dushahan: „Das Haus, in welchem sich ein Stier, 
eine Harfe, ein Spiegel, Honig, zerschmolzene Butter, Opferfett, 
Kupfergefäß usw. befinden, ist nicht dazu bestimmt, daß du 
daselbst weilest" 4 . In der Oberpfalz, wenn der Drud die in 
Wehen liegende Frau an der Geburt ihres Kindes behindert, 
legt man in den Schoß der Frau einen Spiegel und so kann der 
„Drud" nur bis zu ihrem Knie gelangen 5 . Ein „Wilder Mann" 
ruft beim Anblick seines Bildes in seinem Schrecken aus : „Bin ich 
doch derschrock'n, wie ist's Bild so trock'n! 6 " und flieht. Der Druden- 
fuß auf der Bettlade oder der Spiegel auf dem Bett schützt gegen 
den Druden. In China vermag ein Spiegel, dessen Rückseite mit 
den entsprechenden Inschriften versehen ist, das Bild all jener 
Dämonen widerzuspiegeln, die sich in das Haus geschlichen haben. 
Vor dem Anblick ihrer häßlichen Gestalt ergreifen sie entsetzt 
die Flucht 7 . In Loango wurden die aus Europa importierten 

1 N. Hocker: Aberglauben aus der Montagne Noire. Zt. f. D. Myth. u. Sitt. 
II. 418. P. Sebillot: Le Folk-Lore de France. 1904. I. 108. 

2 Crooke: 1. c. IL 35. 

3 Vernaleken: Alpensagen, 1858. 414. 

4 Zachariae: Witwenverbrennung. Ztschr. d. V. f. Vkps. 1905. 78. Markan- 
deya purana. 50. 82. 

5 Schön wert h: Aus der Oberpfalz. I. 1857. 211. 

6 Alpenburg: Deutsche Alpensagen. 1861. 172, 173. 

i Zachariae: 1. c. 1905. 79. Frazer: Taboo. 1911. 93. Gemeinsame 
Quellen : China Review. II. 164. 



Spie&elzauber. 



Spiegel und Glasscherben zu wesentlichen Bestandteilen der 
Fetische; wir sehen bei den Fetischen auf dem Bauche, als 
Mittelpunkt der magischen Kraft, oder auf der Brust, auf dem 
Kopfe (als Augen), auf dem Rücken Spiegel. Dämonen, Gespenster 
und Bösewichte, wenn sie im Spiegel ihr Ebenbild sehen, 
erschrecken und laufen davon. Ja, nach Behauptung der Zauberer 
prallt vom Spiegel sogar die böse Absicht auf ihren Urheber 
zurück \ 

dSÄäng? Der s P ie g el offenbart also dem Menschen oder dem Dämon 
P IÄ1Ä- Seine wirkliche Gestalt, d. h. sein eigenes unbewußtes Seelenleben 

su gehd? en auf " in seiner unangenehmen Realität. In dem 1557 in Venedig in itali- 
enischer Sprache erschienenen Werke des Armeniers Christoforo, 
das aus arabischen und persischen Sagen kompiliert und über- 
setzt ist, heißt es, der Kaiser habe einen solchen Spiegel, 
daß wenn zwei Parteien vor Gericht Prozeß führen und in diesen 
Spiegel schauen, verfärbt sich das Gesicht desjenigen, der nicht 
auf dem rechten Wege wandelt, schwarz und bleibt solange schwarz, 
bis er nicht durch 40 Tage bei Wasser und Brot auf dem Grunde 
eines Brunnens Buße getan. Wenn man ihn dann aus dem Brunnen 
herauszieht und er seine Sünde bekennt, bekommt er seine natür- 
liche Gesichtsfarbe wieder «. Der Spiegel, der die Schwärze der 
unbewußten Schichte offenbart, macht natürlich auch der von der 
endopsychischen Zensur ausgehenden Verstellung ein Ende und 
bringt die v erdrängten „tierischen" Komplexe an die Oberfläche 3 . 

1 Pechnel-Loesche: Die Loango Expedition III. 2. 1907. 366 Daher 
ist es bei den Bavili verboten ,to throw the light reflectet from a mirror on a 
person", denn diese Handlung gilt als Insulte. (Ausdruck des Mißtrauens). 
R. E. D e n n e 1 1 : At the Back of the Black Man's Mind 1906. 84. 

* Wetz el: Die Reise der Söhne Giaffers. Aus dem Italienischen des 
Chnstoforö Armeno. 1853. Ausgabe von Fischer und Bolte : Bibl Litt 
Verein in Stuttgart. CCVIII. 1896. 33. 

« Dasselbe bedeutet es, wenn nicht der Spiegelschauer sich schwarz ver- 
färbt, sondern der Spiegel durch den Blick des Verbrechers getrübt wird nur 
ist der Hergang vom Original auf das Spiegelbild projiziert Vgl die' An- 
merkungen Boltes Wetzel: 1. c. 1896. 203. Durch den Blick der men- 
struierenden, also unreinen Frau wird der Spiegel trüb, fleckig. H a b e r 1 a n d t- 
1. c. Zt. f. Vps. XIII. 342. Seligman: 1. c. I. 94, 99 230 



r 



Soiegelschauverbote. 



185 



Deshalb glauben die Japaner, daß wenn man der in eine schöne 
Frau verwandelten Werfüchsin einen Spiegel vorhält, man in 
diesem den Fuchskopf sieht 1 . Eine solche „Musume" ist ein 
gefährlich schönes Weib, das seine Anbeter in Schmach und Verderben 
stürzt ; wenn man wissen will, mit wem man es zu tun hat, muß man 
ihr einen alten Spiegel vorhalten und man sieht statt eines Weibes 
eine Füchsin im Spiegel 2 . In China erwähnt das Tung ming einen 
Zauberspiegel, der die die Gestalt wechselnden Dämonen in ihrer 
wirklichen Gestalt zeigt 3 . Nach Keh Hung vermögen die Tschin 
(Seele, Lebenskraft) jener Tiere, die ein hohes Alter erreichen, 
menschliche Gestalt anzunehmen und die Menschen irrezuleiten 
und in Versuchung zu führen ; deshalb pflegte der Tao-Zauberer, 
wenn er ins Gebirge ging, um den Rücken einen glänzenden Spiegel 
zu hängen. Das Gespenst, das den Menschen angreifen wollte, war 
gezwungen, in den Spiegel zu schauen, wo es sich dann in Menschen- 
gestalt erblickte, wenn es ein unsterblicher Genius oder gutwilliger 
Berggeist war, aber in seiner wahren Gestalt, wenn es der böse Geist 
eines Vogels oder Tieres war 4 . Ebenfalls Koh Hung verzeichnet eine 
Sage, dergemäß zwei Taoisten, die ihr Leben in einer Höhle der 
Meditation weilen wollen, von einem in gelber Seide gekleideten 
Menschen angeredet werden. Die Zauberer schauen in den Spiegel, 
aus welchem sie ersehen, daß sie es mit einem Hirschen zu tun haben. 



1 Balz: Die sogenannten magischen Spiegel und ihr Gebrauch. Archiv 
für Anthropologie. 1904. 96. Meszäros: 1. c. 1914. 245. 

2 W. G. Aston: Japanese Magic, Folk-Lore 1912. 185. Vom Fuchs. 
Vgl. Aston: Shinto. 1905. 63. 163. 344. 358. Die Enthüllung der in Frauen 
verwandelten Füchsinnen geschieht ebenso wie in Europa die der zu Katzen 
verwandelten Hexen. Über Werfüchsinnen vgl. noch D. Brauns: Japanische 
Märchen und Sagen 1885. 377. Zu den Hexenkatzen R ö h e i m : A lucaszek 
(Der Hexenstuhl) Neprajzi Ertesitö 1916, ferner sowohl in Japan wie in Europa 
das Hindurchschauen durch den linken Rockärmel, um die Hexen zu erkennen. 
R ö h e i m : 1. c. 1915. 18. A s t o n : 1. c. 193. 

3 J. J. M. de Groot: The Religions System of China Vol. VI. Book II. 
1910. 1000. 

4 Groot: Religions System of China. Vol. IV. Book. 1901. 162. Vgl. 
Haberlandt: 1. c XIII. 340. P f i z m a i e r s e n. : Zur Geschichte der Wunder 
in dem alten China. Sitzungsberichte der Wiener Akademie. Bd. LXIX. 841. 



*°® Spiegelzauber. 

„Du bist ein altes Bergreh," sagten sie ihm, „wie wagst du es, mensch- 
liche Gestalt anzunehmen?" Sie hatten ihre Rede noch nicht 
beendet, als sich der Fremde auch schon in einen Hirschen verwandelte 
und davonlief 1 . Es wäre überflüssig, hier alle Sagenepisoden ähn- 
licher Natur eingehend zu behandeln ; es genüge, daß der Spiegel das 
schöne Mädchen, welches in Wirklichkeit der tausendjährige Genius 
des Weidenbaums ist, zum Bekenntnis ihres wahren Wesens zwingt; 
daß der Spiegel den — unverdienterweise die Opfer der Umgebung 
einheimsenden — heiligen Baum enthüllt, weil er in Wirklichkeit 
ein schlangenförmiger Dämon ist, ebenso die beiden Wanderer, 
die über literarische Dinge debattieren wollen, während der eine 
eigentlich eine Schildkröte, der andere ein Affe ist 2 . Der Spiegel 
säubert auch die Gegend von den gefürchteten Wegelagerern, die 
eigentlich Ratten sind, welche Menschengestalt angenommen haben 3 . 
In psychischem Sinne müssen wir die Eigentümlichkeiten des 
chinesischen Zauberspiegels, nämlich, daß er das Innere des Men- 
schen zeige und die daselbst lauernden Krankheitsdämonen 4 , 
oder mit anderen Worten, die verdrängte tierische Schichte der 
Psyche erkennbar macht, als wahr annehmen. Eine für den Nar- 
zißmus besonders bezeichnende Konstellation ergibt sich, wenn die 
Abspaltung als personifiziertes Tier oder Dämon ejiziert wird und 
der Frau als ihr Mann, dem Mann als seine Frau gegenübertritt. 
So ist bei den Tschuktschen der Schutzgeist des Schamanen 
gleichzeitig seine übernatürliche Frau, beziehungsweise bei den 
homosexuellen Schamanen sein übernatürlicher Mann 5 . Der indi- 
viduelle Fetisch (ein Idol in Menschengestalt) ist die übernatür- 
liche Gattin (oder Gatte) des Eigentümers 6 und auch bei den 

1 G r o o t : 1. c. 197. 

2 Groot: Religious System. Vol. VI. Book II. 1910. 1001—1003. 

3 Groot: 1. c. Vol. V. Book II. 1907. 606, 607. Vgl. weiter unten den 
analerotischen Sinn der Rattenvorstellung. 

4 Groot: 1. c. Vol. VI. Book II. 1910. 1004. 

5 W. Bogoras: TheChukchce. II. Religion (Jesup. North Pacific Expe- 
dition (Vgl. VII. 1907. 452). Vgl. Incubus und Succuba. Jones: Der Alp- 
traum. 

6 W. Bogoras: Ebda. 343. 



Spiegelschauverbote, 187 

Amuletten unterscheidet man Amulett -Gattinnen und Amulett- 
Gatten 1 . Eine solche Abspaltung kann je nach der Einstellung, 
welche die bewußte Schichte ihm gegenüber einnimmt, ein helfen- 
der, schützender Geist sein, oder aber ein quälender, verfolgender 
Dämon 2 . In das wahre Wesen des Dämons leuchtet wieder nur 
der Spiegel hinein und dadurch, daß er es aufhellt, tötet er 
zugleich die in ihm begrabenen Komplexe. In einer chinesischen 
Sage leiden drei Mädchen an Obstipation und Selbstmordmanie. 
Als der Spiegel sie beleuchtet, rufen sie aus: „Man hat meinen 
Gatten ermordet". Man läßt den Spiegel bis zum anderen Mor- 
gen dort und in der Frühe findet man unter dem Spiegel ver- 
endet zwei alte Ratten, deren Kopf dem des Fuchses gleicht, 
aber kahl und zahnlos ist, während sie einen langen Schwanz 
haben ; das dritte aber war eine schmucke, zweihörnige Eidechse 3 . 
Im Jahre 614 hat Tschih auf ähnliche Weise mit seinem Zauber- 
spiegel ein Mädchen geheilt, das sich tagsüber ganz wohl fühlte 
und nur nachts in Qualen jammerte. Als Tschih das Schreien des 
Mädchens hört, beleuchtet er es plötzlich mit seinem Spiegel. 
„Du hast den mit dem Kamme getötet," ruft das Mädchen aus 
und unter seinem Bette fand man einen riesigen alten Hahn 4 . 

1 D. s.: Ebda. 339. 

2 Vgl. O. Rank; Der Doppelgänger. Imago 1914. 
a Die Ratten hängen mit der Obstipation zusammen und symbolisieren 

die analerotischen Komplexe. Vgl. Freud: Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. II. 1913. 159—174. Der Kahlkopf entspricht im Sinne der Ver- 
schiebung nach oben dem Anus. Die zweihörnige Eidechse ist wahrscheinlich 
ein phallisches Symbol. 

4 Groot: Religious System. Vgl. V. Book. II. 1907. 636. Über die symbolische 
Bedeutung vom Hahn und Huhn, siehe Näheres in R ö h e i m : A Iuczaszek 
(Der Hexenstuhl) Neprajzi Ertesitö. 1917. Zu Hahn und Eidechse als Abspal- 
tungen vgl. die Gestalt des Basilisken. Die verschiedenen Wunsch-Ejecte erscheinen 
unter der Maske der Libidosymbole, weil das Wünschen überhaupt im Ubw 
mit der Libido gleichgesetzt wird. Im Text habe ich die Sage über die japani- 
schen Fuchsweiber vom Standpunkt des Weibes gedeutet, jetzt sehen wir auch 
die andere von den Komplexen des Gatten des Fuchsweibes ausgehende 
Erklärung. Demgemäß ist die Füchsin die narzißtische Abspaltung der Psyche 
des Mannes, der Spiegel das Symbol und der Entdecker des Narzißmus. 

i 






VI. Der zerbrochene Spiegel. 

She left the web, she left the lootn, 
She made three paces thro' the room, 
She saw the water- lily bloom, 
She saw the helmet and the plume, 
She look'd down to Camelot, 
Out flew the web and floated wide, 
The mirror cracked from side to side, 
„The curse is come upon me" cried 
The Lady of Shalott. 
Tennyson: The Lady of Shalott. 
Nachdem wir durch die Forschungen Freuds auf den latenten 
Sinn und die Absichtlichkeit der nur scheinbar zufälligen Fehl- 
handlungen aufmerksam gemacht worden sind, liegt es außer- 
ordentlich nahe, den „Sinn", den der Volksglaube einzelnen der- 
artigen Handlungen unterschiebt, auf seinen etwaigen psycho- 
logischen Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. 

Natürlich geht diese Absichtlichkeit nicht von der Gesamt- 
persönlichkeit aus, sondern von irgend einem zum bewußten Ich 
im Gegensatz stehenden und deshalb zur Verdrängung verurteilten 
Komplex, der eben durch die Verdrängung von seinem ursprüng- 
lichen Ziele abgelenkt, sich in solchen Ersatzhandlungen offenbart. 
Freud betont eben im Zusammenhange mit dem Zerbrechen, es 
wäre sehr irrig, hier mit einem ständig schematisierenden Schlüssel 
arbeiten zu wollen, sondern man müsse die hinter jedem einzel- 
nen Fall sich bergenden Motive einzeln analysieren 1 . Auch die 

'S.Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens 1912. 118—120. 
Zur Ergänzung möge ein Hinweis auf die Sitte des Gläser- und Geschirrzer- 
brechens als Hochzeitsritus dienen. So wie in Japan (s. weiter unten) der Spiegel 
die Seele der Frau ist, vertreten hier Glas, Teller oder irgend ein anderer 
Gegenstand die weiblichen Genitalien und das Zerbrechen wirkt als Analogie- 



Der zerbrochene Spiegel. 189 

Völkerpsychologie verfügt über ähnliche Mittel, wie die Psycho- 
analyse in der freien Assoziation; sie kann jeden einzelnen Fall 
vom Standpunkte der großen Zusammenhänge, in welche er sich 
hineinfügt, betrachten. Bei der Behandlung von folkloristischem 



zauber, d. h. ist eine vorauseilende Symptomhandlung der Defloration. Ein 
Fall, der mir erzählt wurde (Budapest), bestätigt diese Deutung. Ich gebe Über- 
setzung der ipsissima verba der Erzählerin wieder: „Ich war schon öfters bei 
ihm, war aber noch Jungfrau. Einmal als ich eben wieder hingenen wollte, ent- 
fiel mir ein Glas Wasser aus den Händen und zerbrach. An dem Tage ist es 
ihm gelungen". Bei den Serben in dem ehemaligen ungarischen Militärgrenz- 
gebiet führt der Vojvoda die Braut ins Schlafzimmer, wo er ein Glas Wein auf 
ihr Wohl trinkt und das Glas gegen die Türe wirft. Das gilt als ein Symbol 
der demnächst zu verlierenden Jungfräulichkeit. P i p r e k : Slavische Braut- 
werbungs- und Hochzeitsgebräuche. 1914. 135. „Among the Ait Yusi an egg 
envelopped in a kerchief is tied round the bride's forehead; it is then broken 
by the women who painted her. This is done in order that the hymen shall 
be broken by her husband as easily as the egg". E. Westermarck: Marriage 
Ceremonies in Marocco. 1914, 151. Vgl. ebda. 164, 177, 179, 192, Bei den 
Kaschuben sollen die zerbrochenen Teller ineinanderpassende sein. 
Seefried Gulgowski: Von einem unbekannten Volke in Deutschland. 
1911. 111. Vgl. auch Samt er: Geburt, Hochzeit und Tod. 1911. 163. 
H. N. Hutchinson: Marriage Customs in Many Lands. 1897. 180. A. John: 
Sitte, Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen. 1905. 131, 150, 159, 162. 
E. H. Meyer: Badisches Volksleben. 1900. 316. E. J o h n : Aberglaube in dem 
sächsischen Erzgebirge. 1909. 91, 98. M. T o e p p e n : Aberglauben aus Masu- 
ren. 1867. 89, 90. Gräfin L. Matuska: Krassö - szörenyi romän lakodalmi 
szokäsok (Rumänische Hochzeitsbräuche in Krassö-Szöreny) Ethn. 1900. 75. 
G. Kupczanko: Hochzeitsgebräuche der Weißrussen. Urquell IL 163. In der 
Mehrzahl der Fälle heißt es, wenn das Glas zerbricht, so bringt das den Ehe- 
leuten Glück. Doch es gibt auch Ausnahmen, deren Deutung mehr dem Sinne 
des Spiegelzerbrechens entspricht. „An manchen Orten muß die Braut das Glas 
über das Haus werfen, wenn es zerbricht, kommt Glück ins Haus. Haselberg 
macht eine Ausnahme: bricht das Glas, so hat der Bräutigam kein Glück". 
E. John: Sitte, Brauch etc. in Westböhmen. 1905. 157, 148. Der Grund des 
Unterschiedes liegt wohl daran, daß in diesen Fällen das Glas — pars pro totö — 
die Braut selbst vertritt, das Zerbrechen also einem Töten gleichkommt. Vgl. 
J e k e 1 s : Eine Symptomhandlung. Int. Zeitschrift f. ärztl. Psychoanalyse 1913. 
260. Übrigens sind ja Töten und Entjungfern für das Ubw nicht allzu disparate 
Vorstellungen. Über das Glaszerbrechen im Hochzeitsritus handle ich ausführ- 
licher an anderer Stelle. 



Spiegekauber. 



zerbrechen 



Material wird dabei die Deutung, die von denen gegeben wird, welche 
den Ritus ausüben, immer eine besondere Rolle spielen Allerdings 
nicht in dem Sinne, als ob in diesen volkstümlichen Deutungen 
schon die endgültige Lösung der Frage enthalten wäre, das wäre 
zu weit gegangen. Aber diese Deutungen selbst bilden das beste 
Material für eine eigentlich psychologische Deutung ; oft hat man 
nichts anderes zu tun, als sie einfach in die Sprache der Psycho- 
» £? C o UmzU , setz K en - S° können wir z. B. die volkstümliche Deutung 
ii und r P -l; ,o ^ demRitus der Spiegelbeschwörung des 

°5 1? 3n , dle Sdte rÜCken ' DaS Mädchen > das ^nen Spiegel 
zerbncht wird in Siklös und in Olählapäd sieben, im Komitate 

kfll!iw " g kdnen Mann finden und nicht traten 

hSp h«? Jemand dnen Spiegel zerbricht > wird der (oder 
die) Be reffende binnen sieben Jahren nicht heiraten und wenn es 

dennoch geschieht, in der Ehe kein Glück haben». Auch nach 

dem Volksglauben in Eger (Nordungarn) wird binnen sieben 

Jahren nicht heiraten und sogar dann noch unglücklich sein, wer 

T^T 1 zerbricht3 " In Darä « v > in Somogyer Komitat, bleibt 
das Mädchen, das einen Spiegel zerbricht, sieben Jahre lang 
ledig . In Nagy-Szalonta, wenn ein Mädchen einen Spiegel zer- 
bricht, bekommt es sieben Jahre lang keinen Mann*. Nähere 
Aufklarung bieten die Sage und der Volksglaube in Japan. Man 
erzählt in Mugeayama habe einmal eine Frau unter anderen auch 
ihren Bronzespiegel dem Tempel gewidmet, damit das Erz zum 

Ethn ms L a 6 i: v B F an p yamegyei ^ 0näk - (Aber S laube lm Komitate Baranya.) 
Eto iS>7 2?7 I N "»: ° lahIapädi bab ° näk - ( Aber S laub e 1" Olählapad. 
Ebda. 189 e. ,£. • N 3 g y = Bacsrae gy ei »»bonäk. (Aberglaube im Komitat Bäcs.) 

in **L^ZbJ^^[^^ (bischer Abebbe 

VolksdiL^Eg^T^" T ^"^ (SammlUng ****** 
F. F 4 1914 V 74 CSey: N6praJZi gyüjtem6n y- (Ethnographische Sammlung.) Csurgö 

aus Nagysz^onta.; F. *f" ta,taI b ^^^ny. (Aberglaubensammiung 



D'er zerbrochene Spiegel. 



191 



Glockenguß verwendet werde. Aber es tat ihr sehr leid um den Spiegel 
und sie besann sich auf den Spruch, daß der Spiegel die 
Seele des Weibes sei. Als man sodann die Spiegel in den 
Guß warf, bemerkte man darunter einen, der durchaus nicht 
schmelzen wollte. Man ersah daraus, daß die Frau, die ihn 
gespendet hatte, dies nicht guten Herzens getan, sondern die 
Spende bereute und daß ihre selbstsüchtige Seele an dem Spiegel 
haftete und ihn im Schmelzofen härtete. Übrigens findet man 
den Satz, der Spiegel sei die Seele des Weibes, auf der Rück- 
seite vieler Bronzespiegel mit chinesischen Zeichen eingeschrieben 1 . 
Man sagt auch, der Spiegel ist die Seele der Frau, das Schwert 
die des Mannes. Wenn der Spiegel zerbricht, ist auch die Ehe 
in Stücke gegangen. Auf japanisch bedeutet „Hakyo no tan 
(nageki)" Das Leid des zerbrochenen Spiegels — Ehescheidung 2 . 
Aus alledem müssen wir folgern, daß, wer zufällig, d. h. 
mit von unbewußten Vorstellungen determinier- 
ter Absichtlichkeit einen Spiegel zerbricht, auf 
dem Wege des Analogiezaubers das Objekt seiner 
Liebe vernichtet 3 , beziehungsweise jenen narziß- 
tischen Weg, auf dem er sein Libido auf dieses 
Objekt überträgt 4 . In der Mehrzahl der Fälle bedeutet das 
Zerbrechen eines Spiegels einfach Unglück, ohne daß die Art 
und Weise, wie das Unglück sich offenbaren soll, bestimmt wäre. 
Doch können wir versuchen auf Grund der bisherigen Ergeb- 
nisse den Begriff „Unglück" eingehender zu erläutern. Wir haben 
gesehen, daß das Zerbrechen des Spiegels ein Symptom der in 



Spiegel- 
zerbrechen und 
Regression. 
Glück und 
Libido. 



1 L. Hearn: Kwaidan. (Tauchnitz Vol. 3987) 1907. 67—69. 
• W. Müller: Japanisches Mädchen- und Knabenfest. Zeitschrift für 
Ethnologie. 1911. 572. 

3 Der Spiegel ist natürlich infolge der magischen Substitution mit dem 
in der Spiegelscheibe erscheinenden Geliebten identisch. 

4 Das Rückgängigmachen der Libidoübertragung kann, wie wir noch 
sehen werden — den „Tod" des Betreffenden bedeuten, der solcher Art aus 
dem Kreise der interessebetonten Vorstellungen herausgedrängt wird. (Er ist 
für mich gestorben.) Anderseits entspringt auch aus dem Zurückziehen der 
Libidobesetzung eine direkte Haßeinstellung (Todeswünsche). 



L 



192 Spiegelzauber. 

der normalen Entwicklung der Libido eingetretenen Stauung ist 
und es steht außer Zweifel, daß diese, sowie die ihr folgende 
Regression mit einer Verminderung der Lebensfreude, mit einer 
Veränderung der Gefühlseinstellung gegenüber der Außen- 
welt verbunden ist. Das Unglück ist also einfach die Projizie- 
rung dieser Veränderung auf die Außenwelt \ In Pundjab bedeutet 
es Unheil, wenn man einen Spiegel zerbricht*. Ebenso bedeutet 
in Csäktornya 3 und in Särospatak der zerbrochene Spiegel sieben 
Jahre lang dauerndes Unglück 4 . Im Bakonyerwald wird der, 
der einen Spiegel zerbricht, sieben Jahre lang kein Glück haben 6 . 
Einen zerbrochenen Spiegel soll man nicht im Hause halten, 
sagen die Rumänen in Besztercze, denn er bringt Unglück 6 . 
In Nagytärkäny glaubt man, dort wo ein Spiegel bricht, werde 
sieben Jahre lang das Unglück herrschen 7 . In Abaujvär bedeutet 
das Zerbrechen des Spiegels für sieben Jahre Unglück 8 . Wer in 
England einen Spiegel bricht, wird sieben Jahre lang Unglück 
haben 9 . In Eger wird man in dem Hause, wo man einen Spiegel 
zerbricht, sieben Jahre lang kein Glück haben 10 . In Westböhmen 

1 Ebenso scheint das „Glück" die Projizierung und Hyposthasierung der 
Libido zu sein. Die „Glücksstoffe" des Aberglaubens wären dann die symbo- 
lischen Ersatzgegenstände des Semen und der Exkremente. Vgl. R ö h e i m : 
Adalekok a finugorsäg varäzserö fogalmähoz. (Beiträge zum finnisch-ugrischen 
Begriff der Zauberkraft.) Ethn. 1915. 270, 274. 

2 Mündliche Mitteilung des Herrn Umrau Sing Shergill. 

3 K. T o m a : Nepköltesi Gyüjtemeny. (Volksdichtung-Sammlung) 1914. 
F. F. Csäktornya. 15. 

4 J. Matö: Gyüjtese (Sammlung) Särospatak. F. F. 1914. 431. 

5 K ä 1 d y : Bakonyi babonäk es szöläsmödok. (Aberglauben und Redens- 
arten in der Bakony.) Ethn. 1908. 287. 

6 F i I i m o n : Beszterczevideki oläh babonäk. (Rumänischer Aberglaube 
aus der Gegend von Besztercze.) Ethn. 1912. 346. 

7 P. L ä z ä r : Nepköltesi Gyüjtemeny. (Volksdichtung-Sammlung.) 1914. 
Eger. F. F. 78. 

8 J. G a a 1 : Nepköltesi termekek. (Volksdichtungen.) Särospatak. F. F. 
1914. 17. 

9 S. O. A d d y : Household Tales with other Traditional Remains. 1895. 
94. E. M. Leather: The Folk-Lore of . Herefordshire. 1912, 87. 

10 I. L ä z ä r : Gyüjtese. (Gesammeltes.) Eger F. F. 1914. 29. 



Der zerbrochene Spiegel. 



193 



bedeutet es Glück, wenn es am Tage des Einzugs in ein neues 
Haus regnet, aber das Glück wird zu nichte, wenn der Spiegel 
bricht 1 . In Yorkshire bedeutet das Zerbrechen des Spiegels den 
Tod 2 . In der Bretagne bedeutet es Übel, wenn der Spiegel zer- 
bricht 8 und den Tod eines Verwandten oder Freundes, wenn 
ein Glas oder Teller zerbricht 4 . In Schottland kündet das Herab- 
fallen des Spiegels oder eines Bildes von der Wand den Tod 
an 5 . In Herefordshire wird derjenige, welcher einen Spiegel 
bricht, sieben Jahre lang Unglück haben. Wenn die Dienstleute 
Glas oder Porzellan brechen, tragen sie zwei Scherben hinaus 
und schlagen sie neuerdings um die Erde, denn sie glauben, 
wenn schon ein Stück gebrochen wurde, kann man dem Übel 
nur so vorbeugen, daß man noch zwei Stücke zerbricht 6 . Ebenso 
heißt es in Yorkshire, wenn man schon ein Stück Glas zerbrochen 
hat, soll man das Zerbrechen solange fortsetzen, bis drei Stück 
zerbrochen wurden, dann wird man Glück haben 7 . In Clun Forest 
und in Schottland bedeutet der zerbrochene Spiegel den Tod; in 
Cromwell sieben Jahre hindurch viel Ungemach — doch in nichts 
Mangel, wie man hinzufügt 8 . Wer die zerbrochenen Stücke aufhebt, 
steigert das Unglück noch. In Wellington wird derjenige, der einen 
Spiegel zerbricht, kein Glück haben, bis er nicht noch zwei andere 
zerbricht und diese Regel gilt für jedes andere Zerbrechen 9 . 

'John: Sitte, Brauch und Volksglaube Im deutschen Westböhmen. 
1905. 28. (Regen = semen = Libido = Glück. Vgl. weiter oben.) 

1 F. M. Brown: Seraps of English Folk-Lore 1910. 227. Pontrefact. 

3 P. S e b i 1 1 o t : Coutumes populaires de la Haute Bretagne 1886. 274. 
Vgl. P. S e b i 1 1 o t : Le Folk-Lore de France. IV. 396. 

4 A. 1 e B r a z : La legende de la mort. 1902. I. 4. 

6 W. Gregor: Notes on the Folk-Lore of the North-East of Scot- 
land. 203. 

6 Leather: The Folk-Lore of Herefordshire 1912. 87, 88. 

7 A d d y : Household Tales 1895, 94. 

8 In Böhmen heißt es im Gegenteil, wenn der Spiegel herunterfällt und 
zerbricht, wird sein Eigentümer sieben Jahre hindurch Mangel leiden 
W u 1 1 k e : 1. c. 212. 

9 Bergen: Current Superstitions. Journal of American Folk-Lore 1889, 15, 
nach C. S. B u r n e : Shropshire Folk-Lore 1883. 281. Wir erhalten den Sinn 

Spiegelzauber. 13 



194 



Spiegelzauber. 



säegÄnTen Das Zerbrechen des Spiegels kann nicht bloß das Nicht- 
den Tod an. geheiratetwerden, d. h. den Tod des Geliebten, sondern den Tod 
überhaupt bedeuten, denn die Vernichtung der im Spiegel ver- 
borgenen Spiegelbild-Seele tötet deren Eigentümer. In Ontario 
bedeutet das Zerbrechen eines Spiegels Tod in der Familie noch 
vor Jahresfrist und für sieben Jahre Unglück 1 . In Oldenburg 
heißt es, wenn der Spiegel sich ohne Ursache bewegt oder zerbricht, 
so bedeutet dies den Tod oder ein sonstiges Unglück und wenn 
ein Bild an der Wand ohne Ursache sich bewegt, wird denjenigen, 
den das Bild darstellt, Unglück treffen 2 . Den Tod bedeutet es, 
wenn ein Bild oder Spiegel von der Wand herabfällt — in der 
Schweiz den Tod desjenigen, welcher zuletzt in den Spiegel 
geschaut hat 3 . Wenn in Baden der Spiegel von der Wand fällt, 
bedeutet dies den Tod 4 . Jemand stirbt in der Familie oder Verwandt- 
schaft, — nach slowakischem Glauben — wenn sich der Spiegel 
an der Wand bewegt 5 . Im sächsischen Erzgebirge bedeutet es 
den Tod, wenn im Zimmer plötzlich etwas von der Wand fällt, 
besonders wenn das Bild des Kranken herabstürzt 6 . Nach 

des dreifachen Bruches, wenn wir die im ersten Zerbrechen sich zeigende 
Libidohemmung der Avenarius'schen Vitaldifferenz gleichsetzen und in der 
geforderten Dreiheit der Handlungen die auf die Wiederherstellung der Vital- 
differenz abziehende „Vitalreihe" erkennen. Vgl. R. Avenarius: Kritik der 
reinen Erfahrung 1907. I. 81. et. pa. Deshalb stellt das dritte Zerbrechen das 
„Glück" d. h. die günstige Einstellung zur Außenwelt wieder her. Vgl. übrigens 
Bibö: A szämok jelentese es a gondolkodäs alapformäinak törtenete. (Die 
Bedeutung der Zahlen und die Geschichte der Grundformen des Denkens.) 
1917. (Völkerps. Arb. 1.) 16, 21, 22, 27, 44. 

1 F. D. B e r g e n : Current Superstitions. Journal of American Folk-Lore 
1889. 15. Niagara Fall, Ontario. 

2 Strackerjan: Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Olden- 
burg. 1909. I. 38. 

3 W u 1 1 k e : 1. c. 213. 

* E. H.Meyer: Badisches Volksleben im 19. Jahrhundert. 1900.579. 

5 N a g y : Arvamegyei tot nepbabonäk (Slowakischer Volksaberglaube im 
Komitat Arva). Ethn. 1891. 133. Das Zerbrechen wird also hier bloß angedeutet: 
es handelt sich um einen Anfangszauber. Vgl. Vierkandt: Die Anfänge 
der Religion und der Zauberei. Globus XCII. 1907. 40. 

6 E. J o h n : Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge 1909. 118. 



Der zerbrochene Spiegel. 



195 



rumänischem Volksglauben bedeutet es den Tod, wenn der 
Spiegel springt 1 . Auch in Munkäcs hält man dafür, daß, wenn 
der Spiegel bricht, jemand stirbt 2 . In Besenyötelek stirbt jemand 
im Hause, wenn der Spiegel einen Sprung bekommt 3 . In Gömör 4 
und bei den Rumänen in Bräd bedeutet es den Tod, wenn der 
Spiegel bricht 5 . Bei den Rumänen herrscht der Glaube, wenn 
der Spiegel bricht oder die Möbel knarren, wird jemand im 
Hause sterben 6 . Besonders eng assoziativ verknüpft mit dem 
Menschen sind Speise und Trank 7 und demgemäß mittelbar 
Teller und Glas. In Szeged bedeutet es den Tod, wenn das Glas 
springt 8 . Im sächsischen Erzgebirge bedeutet es den Tod, wenn 
der Spiegel oder das Fensterglas einen Sprung bekommt und 
den Tod binnen Jahresfrist, wenn jemand zu Weihnachten ein 
Glas oder ein Geschirr zerschlägt, wenn der Teller bricht, aus 
dem der Kranke ißt, oder das Glas, woraus ertrinkt 9 . In Nieder- 
österreich glaubt man, daß wenn einem, während man bei einer 
Mahlzeit ist, das Glas plötzlich zerspringt, zuhause irgend ein 
Unglück geschehen ist 10 . Hieher gehören auch die Kelche, von 
deren unverletzter Erhaltung das Schicksal einer Familie abhängt. 
— „If this glass do break or fall, Farewell to the luck of Eden- 



1 Schullerus: Glaube und Brauch bei Tod und Begräbnis der Rumänen 
im Harbachtale. Z. d. V. f. Vk. 1912. 162. 

2 M. Nemeth: Gyüjtese (Sammlung). Eger. F. F. 131. 

3 Berze-Nagy: Babonäk etc. Besenyötelken (Aberglaube in Besenyö- 
telke). Ethn. 1910. 26. 

* S z e k e 1 y : Gömörmegyei babonäk (Aberglauben im Komitat Gömör). 
Ethn. 1896. 375. 

5 Meszäros: loc. cit. 1915. 239. Nach der handschriftlichen Samm- 
lung von Dr. T. Schmidt. 

6 Moldovän: Alsöfeher värmegye romän nepe (Das rumänische Volk im 
Komitate Alsöfeher in der Monogr. des Kom. Alsöfeher) 1897. 320. 

7 Vgl. die Verzauberung durch Speisereste. 

8 Koväcs: Szeged es Nepe (Szeged und sein Volk) 1901. 273. 

9 E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge 
1909. 113. 

10 W u r t h : Beiträge aus Niederösterreich Zt. f. D. Mythologie und Sitten- 
kunde IV. 30. 

13* 



196 



Spiegelzauber. 



hall«!. — Das Zerbrechen des Pokals gefährdet das Schicksal der 
Sippe, der Bruch des Spiegels bedeutet Tod in der Familie, in 
der Regel den Tod des Hausherrn 2 . Auch auf der Insel Man gab 
es solche mythische Pokale, die man nur zu Weihnachten in 
Gebrauch nahm; der Pokal wurde dann vom Haupt der Familie 
zu Ehren des Geistes geleert». Nach der Annahme Hartlands 
waren diese Pokale durchwegs Opferkelche, aus welchen man 
den Hausgeistern Trankopfer zu gießen pflegte, wenn wir aber 
in Betracht ziehen, daß der Hausgeist sich kaum anders erklären 
läßt, als aus der Ejizierung des Hausherrn, des Vaters, so ist das 
Zerbrechen des Opferglases oder des Spiegels und der Tod des 
Hausherrn gleichbedeutend mit der Entfernung des glückbringen- 
den Geistes. In Nagyszalonta heißt es, wenn der Spiegel bricht, 
wird im Hause jemand sterben 4 . In Sussex gilt das Zerbrechen 
des Spiegels für das größte Unglück, denn es bedeutet, daß in 
der Familie bald jemand sterben wird 5 . Bei Aristophanes sagt in 
den „Wolken" Strepsiades: „Wenn eine Hex' ich kaufte aus 
Thessalien, Und zöge nachts den Mond herunter, schlösse dann 
Sorgfältig ihn in eine runde Kapsel ein, Gleich einem Spiegel, 
hielt ich ihn so gefangen dann" 6 . Wozu es in den Scholien heißt' 
daß, wenn nämlich der Spiegel bricht, der Betreffende seinen 
besten Freund verliert 7 . 

1 E. S. H a rt I a n d : The Science of Fairy Tales 1891. 153. Vgl. Hazlitt- 
Brands Populär Antiquities of Great Britain 1905. II. 374. In einer Mecklen- 
burger Sage, die in denselben Sagenzyklus gehört, wird das Getränk in einem 
den Bewohnern der Unterwelt geraubten Kruge niemals alle, aber man darf 
nicht auf den Boden des Kruges schauen. Der Betreffende, der es dennoch tut 
sieht am Boden des Kruges eine Unke (Symbol des Uterus) und das Getränk 
verschwindet. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg. 1. 84. 

8 Hazlitt: Brands Antiquitis. I. 275. 

3 Hartland: The Science of Fairy Tales 1891. 157. 

4 OItyän: Babonagyüjtemenye (Aberglaubensammlung) IX. a Naev- 
szalonta F. F. 

5 Ch. L a t h a m : West Sussex Superstitions. Folk-Lore Record. 1878 I. 51 

6 Aristophanes, Werke. Übersetzt von S c h n i t z e r. Band I 1*842 
Seite 99. Zeile 744. 

7 Hazlitt: 1. c. I. 275. 



Der zerbrochene Spiegel 



197 



Aus dem bisher Vorgebrachten können wir ersehen, daß das 
Zerbrechen des Spiegels nur selten den Tod desjenigen bedeutet, 
der den Spiegel zerbricht, sondern meistens den Tod eines 
Familienmitgliedes, des Familienhauptes oder wie in dem letzten Bei- 
spiel, des besten Freundes, also derjenigen, denen gegenüber die Ver- 
drängungderfeindlichenTriebeals sicher angenommen 
werden kann. Wenn wir auch hier unbewußt determinierte Ab- 
sichtlichkeit voraussetzen, müssen wir folgern, daß das Zer- 
brechen des Spiegels deshalb den Tod eines 
Familienmitgliedes bedeutet, weil es eineErsatz- 
handlung für die Tötung des Betreffenden ist. 1 

Diese Annahme läßt sich auch durch eine andere Gruppe 
von Bräuchen stützen, in denen man irgend einen Gegenstand, 
welcher mit der Person des Verstorbenen im nahen Zusammen- 
hange gewesen ist, zerbricht, um so dasjenige zu vernichten, was z ^£^™ a X 
den Toten an das Haus binden könnte, der Sicherheit halber t ö t e t e ^JÄf- 
man also sozusagen zum zweitenMale denToten 2 . 
In Hessen wird das Geschirr, welches der Gestorbene gebraucht, 
zerschlagen und an einem Kreuzweg gesetzt, sonst kehrt der 
Tote wieder 8 . Wenn der Leichnam bereits im Freien ist, pflegen 
die Huzulen Türen und Fenster zu schließen und ein Weib 
schleudert im Hause einen Topf zu Boden zum Zeichen, daß 
das Ungemach zu Ende sei und das Unglück von dieser Stätte 
weichen möge 4 . Die Masuren werfen dem Sarge die Wasch- 



1 Symptomhandlungen wird im Allgemeinen auch eine nicht nur intra- 
psychische Effektivität zugeschrieben. „Wenn die Kinder jemand im Spiel be- 
graben, so stirbt bald jemand aus der Familie", E. Veckenstedt: Wendische 
Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche. 1880. 449. 

2 Dr. S. F e r e n c z i teilt mir mit, daß bei Zwangsneurotikern die Ver- 
nichtung, das Zerbrechen von Gegenständen im Zusammenhang mit Leichen- 
bestattungen häufig vorkommt, im Bewußtsein als Ausdruck schmerzlicher Er- 
regung auftretend, jedoch eigentlich als Äußerungsform der verdrängten 
agressiven Komplexe. 

3 Wuttke: 1. c. 461. 

* R. Fi. K a i n d 1 : Die Huzulen. 1894. 127. 



198 • C • , u 

Spiegelzauber. 



schussel nach, aus welcher der Tote gewaschen wurde, damit 
es später nicht spuke 1 . Wenn bei den Schokatzen (Serben in 
Sudungarn) jemand stirbt, füllt man einen Teller mit Wasser stellt 
daneben einen Stengel Rosmarin und legt das sodann unter den 
Leichenwagen, damit es so zerbrochen werde. Die Witwe tut dies 
zum Zeichen, daß sie nun für ewig geschieden sind und sie kann 
dann wieder heiraten. Man pflegt für diesen Zweck einen solchen 
Teller zu benützen, aus welchem Mann und Frau zusammen gegessen 
habend Im nördlichen Teile Thüringens gießt man hinter dem 
Sarge Wasser aus und zerbricht dann das Geschirr, aus welchem 
das Wasser gegossen wurde 3 . In Rußland bricht die Witwe 
ebenso wie bei den Schokatzen, hinter dem Sarge ein neues 
Geschirr in Scherben*. Bei den Armeniern pflegt man, wenn ein 
Feind sich aus dem Hause entfernt oder ein Leichnam fort- 
getragen wird, Geschirr zu Boden zu werfen und zu sagen • 
„Geh und kehre nicht wieder*!« Desgleichen in Mazedonien wo 
man dem Sarge ein Tongefäß nachwirft". In Schottland zerbricht 
man ober dem Haupte des Sterbenden einen Stein, um seinen 
Todeskampf zu verkürzen?. Bei den Walachen pflegt man an 
vielen Orten eine Schüssel und einen Topf auf der Stätte wo 
der Sarg gestanden oder aber in der Türe zu zerbrechen, damit 
das Schlechte mit dem Toten zugleich das Haus verlasse 
JTÄ n d . Wir wollen dieses Kapitel mit einem kurzen Exkurs zu den 
fä p U Ä e r Pnmitiven schließen. In Neu-Kaledonien pflegt man das Haus 
des Toten, sowie seine Netze zu verbrennen, seinen Garten zu ver- 
wüsten, seine Kokosbäume zu fällen«. In Birma verbrennen die 

1 M. Toeppen: Aberglauben aus Masuren. 1867. 108. 

im K ISA' l °u S1CS ; B l ran y ame gyei sokäcz babonäk (Aberglauben der Schokatzen 
im Komitate Baranya). Ethn. 1904. 217. 

I w V c C »"V V ° ie deutschen Feste in Sitte und Brauch. 1911. 153. 
5 m »k Ralston: The Son S s °f the Russian People. 1872. 318 
J M. Abeghian: Der armenische Volksglaube. 1899. 12 

G. F. Abbott: Macedonien Folk-Lore 1903. 198 
' W. Gregor: Notes on the Folk-Lore of the North-East of Scotland 206. 

Lambert: Moeurs et Superstitions des Neo-Caledoniens. 1900. 235-239 



Der zerbrochene Spiegel. 



199 



Katschin alles, was der im Kindbett verstorbenen Frau gehört 
hat, damit es ihrer Seele nicht beifallen möge, um diese Gegen- 
stände zurückzukommen und die Lebenden zu beißen 1 . In 
Bogadjim wird manchmal sofort nach dem Tode eines ange- 
sehenen Mannes eine Kokospalme umgehauen, seine Lieblings- 
schweine werden getötet und die Sachen des Verstorbenen wie 
Töpfe, Bogen, Tragbeutel etc. zerbrochen und zerrissen 2 . In 
Florida (Salomo-Insel) werden die Fruchtbäume „aus Ehrfurcht 
und Liebe zum Toten" umgehauen 3 . Im Nordosten der Gazellen- 
halbinsel werden die Pflanzungen des Verstorbenen zerstört, 
Taro- und Yampflanzen ausgerissen, Bananenstauden abgeschlagen 
und eine Anzahl junger Kokospalmen gefällt 4 . Brotfruchtbäume 
und Kokospalmen werden umgehauen in Saa „aus Liebe" 5 , bei 
den Küstenbewohnern der Gazellenhalbinsel „damit sie der Seele 
als Wegzehrung in das Schattenreich folgen" 6 . Denselben Ver- 
wüstungstrieb finden wir in Neubritannien (Bismarck Archipel) 
aber mit einer Wendung gegen die eigene Person. „When death 
took place the relatives destroyed much of their property in 
order to express their grief. Yams were pulled up, bananas cut 
down, pieces of tobacco, cloth, beads and diwara (Geldsorte) 
were destroyed. This was to express the feeling that they had 
no further use for them now that their relative wasdeadV 
Frazer erklärt alle diese Bräuche aus der Furcht, die man vor 
dem Toten hegt 8 . Die Erklärung trifft zweifellos das Richtige, 
ist aber nicht erschöpfend, denn auch die Furcht wird ja nur durch die 
Annahme verständlich, daß man jene feindlichen Regungen, die 



1 Ch. G i 1 h o d e s : Naissance et Enfance chez les Katchins. Anthropos. 
1911. 872. 

2 B. Hagen: Unter den Papuas. 1899. 258, 259. 

3 R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 255. 

4 R. Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee. 1907. 75. 

5 Codrington: 1. c. 263. 

6 F. Burger: Die Küsten- und Bergvölker der Gazellenhalbinsel. 1913. 33. 

7 G. Brown: Melanesians and Polynesians. 1910. 385. 

8 J. G. Frazer: The Belief in Immortality and the Worship of the 
Dead. 1913. 147. 



200 e • , u 

Spiegelzauber. 



man selbst gegen den Lebenden gehegt, nun auf den Toten 
projiziert^ Überdies würde es ja vom Standpunkt der Furcht 
vor dem Toten genügen, wenn man an die Gegenstände des 
loten nicht rühren, sein Haus verlassen wollte, aber man müßte 
nicht alles das verwüsten, Ein anderer Kunstgriff der intra-psv- 
chischen Zensur zur Verhüllung der Aggressivität gegen den 
Toten und zur Umkehrung dieser Regungen in ihr Gegenteü 
besteht darin, daß man das Objekt des Wutausbruches" "Im 
Toten auf den bösen Zauberer, der den Verstorbenen umgebracht 
hat, verschobt Der Tote hat kaum den letzten Atemzug getan 
entsteht ?' *** !?° n ^ fü **terlicher Tumult im Dorfe 

verzaubertp"^ TT * fl ^^ " Wamm hat man *" 
verzaubert? „Ich bringe (d. h. die Zauberer) um!« „Ich haue 

V- e a 7- üm! " Jchspeere aIle ^re Schweine!« Man 
lauft hin und her, stößt einen Speer in den Erdboden oder in 

2 B -.. " nd z ^ chlä gt die Töpfe des Verstorbenen. Ein 
anderer schlagt eine Holzmulde in Stücke oder haut eine Palme 
um. Am Haus des Toten fährt eine Axt in die geschnitzte Planke 
eine frühere Arbeit des Geschiedenen*. Das Wort gehorcht 
dem B ewuß t S ein, welches dem Zauberei zürnt 
die Tat wird durch das Unbewußte regiert, welches 
den Toten in den zu ihm gehörigen Gegenständen 
nochmals umbringen will. Ein scheinbarer Widerspruch 
hegt auch im Verfahren der Südaustralier, wo die feindlichen 
Rfigunge^die Hülle der Pietät schon ziemlich offen durchbrechen. 

1 Siehe Freud: Totem und Tabu. 1913. 58 

* K e y s s e r : Aus dem Leben der Kaileute. R. N e u h a u s • Deutsch 
Neu-Q ul „ea. 1911 80. „Ferner gibt man den Toten allerlei Dinge ins Jenset 

du th 7 S H 8eS f 6ht dUfCh VerDiChten ihrer Gestalt: einen Speer übergibt mn 
durch Zerbrechen einen Topf durch Zerschlagen, ein Netz durch Zerr ißen 

Fuchtbaume durch Umhauen derselben; die Früchte seines Feldes bring man 

da r<£St I'.T ^ Sle iH StÜCke SChIägt 0der ein Btadel d^on über 
stelunf vom'T 7 eyS r l : ** 1Ä Die Qe ^nde, an denen die Vor- 
stellung vom Toten „och haftet, werden ebenfalls getötet, d h die noch 
unerledigt gebliebenen Affekte werden abreagiert, und" ins Jenseiis der von 
Affekten „desinfizierten« Erinnerungsbilder hinüberbefördert. 



Der zerbrochene Spiegel 



201 



Sie beschimpfen nämlich den Toten und machen ihm Vorwürfe, 
er hätte nicht zu sterben gebraucht, es ist ja genug da zum 
Essen, er hätte schön bei ihnen bleiben können. „Then after 
looking at the body intently for some time he throws his spear 
and his wirriat it, exclaiming „Why did you die? Take that for 
dying 1 ." So wird die Verantwortung für die unbewußten Todes- 
wünsche gänzlich abgewälzt, und den aggressiven Regungen 
zugleich eine Pforte geöffnet, indem man über den Toten her- 
fällt, wie er es nur wagen konnte, mit vorbedachter böser Ab- 
sicht zu sterben. In Motlav verfolgt manchmal einer, mit dem 
der Tote im Leben schlecht umging, die Leiche und wirft einen 
Stein darauf: „Du hast mich mißhandelt und verfolgt, um mich 
zu töten — nun bist du früher gestorben". In Gana kommt es 
vor, daß jemand aus offener Feindschaft die Leiche bespuckt 
oder verflucht 2 . In Tubetube pflegt man das Haus des Toten 
in gewissen Fällen nicht nur zu verlassen, sondern auch zu 
vernichten 3 . Auf den Inseln der Torres Straße verwüsten 
die Trauernden die Gärten des Toten, schlagen seine Kokos- 
palmen um, reißen seine Erdäpfel aus der Erde und ver- 
nichten seine Bananen. Und all das geschieht „dem Toten 
zuliebe", als letztes Lebewohl 4 . In Vanua Levu ist die Salve, 
die beim Tode abgegeben wird, das Signal zum Plündern „the 
nearest relatives rushing to the house to appropriate all they 
can seize belonging to those who lived there with the deceased" 5 . 
„Ist der Verstorbene (auf den Marianen) ein Chamorri oder eine 
vornehme Frau, dann artet ihr Schmerz in wahre Berserkerwut 
aus ; sie zerschlagen, sie zerreißen, vernichten alles, ja sie zünden 



1 G. F. A n g a s : Savage Life and Scenes in Australia and New-Zealand. 
1847. I. 96. 

2 R. H. Codrington: The Melanesians. 1891. 269. 

3 C. G. Seligmann: The Melanesians of British New Guinea 
1910. 632. 

* A. C. Haddon: Reports of the Cambridge Anthropological Expe- 
dition to Torres Straits. 1904. V. 250. 

5 Williams: Fiji and the Fijians. 1858. I. 187. Vgl. Waitz: Anthro- 
pologie der Naturvölker. VI. 1872. 684, 685. 



Spiegelzauber. 

wohl gar ihr eigenes Haus an 1 . (Wendung gegen die eigene 
Person.) Die Samoaner reißen das Haus des Toten nieder^, die 
Klemantan machen alle Gegenstände, die an die Gräber gehängt 
werden, unbrauchbar 3 , in Sumatra werden die Fruchtbäume des 
Verstorbenen umgehauen und seine Gärten vernichtet 4 . Bei den 
Stämmen des oberen Rio Branco fliehen — nach den Angaben 
Coudreaus — die Kinder von dem Orte, wo der Vater gestorben 
ist und brennen seine Hütte nieder 5 . Bei den Bakairi zerbricht 
jeder Mann sein Wurfholz und die zugehörigen Pfeile und wirft 
sie ins Feuer 6 . Die Jaguas vernichten beim Tod eines Ange- 
hörigen sein ganzes Eigentum, ja, alles was er berührt hat. Man 
tötet seine Haustiere und zerstört seine Pflanzung 7 . Nach dem 
Tode zerstören die Juracare alles, was dem Toten gehörte 8 . 
Die Stämme des Orinoco vernichteten auf den Feldern des 
Dahingeschiedenen alle Pflanzen, die dieser gesät hatte, Jucca, 
Mais usw. „pour baunier entierement la memoire du defant de 
leur Souvenir" 9 . Die Lengua verbrennen des Toten Hab und 
Gut und schlachten seine Ziegen oder andere Haustiere 10 . Stirbt 

1 W a i t z : Anthropologie der Naturvölker. 1870. V. T. 2. S. 151, nach 
L e G o b i e n : Histoire des Isles Marianes. 1700. 67—69. 

2 J. B. S t a i r : Old Samoa. 1897. 182. 

3 Ch. Hose and W. McDougall: The Pagan Tribes of Borneo 
1912. II. 36. 

1 G. A. W i lk e n : De Verspreide Geschritten. III. 1912. 111. Siehe weiteres 
ebendort und A.C. Kraijt: Het Animisme in den Indischen Archipel. 
1906. 315. v 

6 K o c h : Zum Animismus der südamerikanischen Indianer. 1900. 85, 
nach Coudreau: La France Equinoxiale. II. 397. 

6 K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens 
1897. 294. 

7 Koch: Zum Animismus der südamerikanischen Indianer. 1900. 57, 
nach F. de Castelnau: Expedition dans les parties centrales de litmerique 
du Sud. V. 20, 25. 

8 G. E. Church: Aborigines of South Amerika. 1912. 21. 

9 Koch: Zum Animismus. 54, nach Gumilla: Histoire de l'Orenoque. 
1758. I. 326, 327. 

10 B. Grub b: An Unknown People in an Unknown Land. 1911. 165, 169. 



Der zerbrochene Spiegel. 



203 



ein Kobena, so werden auf dem geschlossenen Grabe sein Bogen 
und seine Pfeile, seine Fischreusen und andere Gerätschaften, auf 
dem Grabe der Frau ihre Körbe und Siebe verbrannt, ihre Töpfe 
zerschlagen und die Scherben in den Wald geworfen, damit 
nichts von der Habe des Toten zurückbleibt, und die Seele nicht 
gezwungen ist, zurückzukehren, ihr Eigentum zu beanspruchen 
und die Hinterbliebenen für ihre Nachlässigkeit oder Habgier zu 
bestrafen 1 . Die Pirna verbrennen beim Tode des Familienvaters 
sein Haus, schlachten und essen sein Vieh, doch die Verwandten 
beteiligen sich nicht an dem Mahle 2 . Nach dem Tode des 
Familienvaters wird bei den Nandi ebenfalls ein Ochs geschlachtet, 
aber hier gerade von den Verwandten verspeist. „One of the 
brothers or a paternal cousin, climbs on tho the roof of the 
huts and solemnly breaks off the stick called kimonjokut which 
is bound to the central pole 3 . After this he enters the huts 
and breaks the pegs from which the weapons were suspended, 
the beds, and the mud partition between the rooms; he also 
cutspieces out of the stools and baskets and Chips the drinking 
cups 4 ." In Queensland, Boulia- Distrikt, pflegt man die Werk- 
zeuge des Toten entweder mit ihm zu begraben, eventuell zu 
verbrennen, oder — was selten geschieht — unter den Stammes- 



1 Koch-Grünberg: Zwei Jahre unter den Indianern. 1910. II. 151. 

Vgl. noch R. A n d r e e : Ethnographische Parallelen und Vergleiche. 1878. 28. 

' 2 F. Russell: The Pirna Indians (XXVI. Report). 1908. 194, 195. 

H. H. Bau er oft: The Native Races of the Pacific States of North-Amerika. 

1875. I. 555. 

8 „If as is frequently the case the central pole is not tall enough, it is 
surmounted by a stick and the erection which is styled kimonjokut is almost 
phallic in appearance." A. C. Hollis: The Nandi. 1909.15. Dieses zweite 
Töten ist also auch eine Kastration, und zwar, wie folgende Angabe bezeugt, 
aus Eifersucht: „In the case of an a dult, some old medicine man would cut 
off the wholl genitalia if a male, the clitoris only if a female: this was segni- 
ficatory of the sexual instinet being finished with and to prevent the spirit of 
the dead entering into sexual relations with the living." W. E. Roth: Burial 
Ceremonies and Deposal of the Dead North. Queensland Ethnography. Bull 9. 
1907. 399. 

4 A. C. H o 1 1 i s : The Nandi. 1909. 72. 



Spiegerzauber. 

mitgliedern aufzuteilen; aber man gibt sie niemals seinen Kin- 
dern 1 . Ein interessantes Beispiel der Kompromißbildung zwischen 
Haß und Liebe zum Toten sind die zerbrochenen Totenbeigaben 
die man dem Toten einerseits hingab, anderseits aber dieses 
Hingeben durch das Zerbrechen wieder rückgängig machte Die 
jemgen, welche diesem Ritus huldigen, pflegen dafür zweierlei 
Erklärungen zu geben. Nach der ersten, in welcher die 
Komponente des Hasses die Oberhand behält, zerbricht man 
die Waffen deshalb, damit der Tote sie nicht gegen die Lebenden 
benützen könne, die andere Erklärung besagt, - die Liebe zu 
den Toten hervorkehrend - man müsse die Gegenstände zerbrechen 
namhch töten, damit sie ihren Eigentümer ins Jenseits begleiten 
können» Es ist klar, daß beide Erklärungen nur Rationalisierungs- 

n,,«lf W \, E ^ R .°! h: Ethnol °g {cal studie s among the North-West-Central 

ste. Z f r°? g " eS 189? - m NatÜfliCh deSha,b ' weil die ambi ^nte Ein- 
stellung dem Toten gegenüber bei diesen am intensivsten ist. 

R . r ♦'. \ g '*/ ' ° ' C „ n Z i Japanlsche Annalen - "OS. 260. (Spiegel und Schwert). 
Bartsch: Sagen, Märchen etc. aus Mecklenburg II. 91. (Kamm) S Patka 
nov: Die Irtisch-Ostjaken und ihre Volkspoesie. 1897.1. 144. (Kessel, Schlitten) 
tLL, ü A1° " diC Bestattui Wbräuche bei den Türkstämmen 

Zentral- und Ostasiens. Keleti Szemle 1900. I. 108. (Pferdegeschirr, Kleidung 
Kessel Spaten). E. M. Curr: The Australian Race 1886 I. 348. (Speer)' 
U ü.. Selig mann: The Melanesians of British New Guinea. 1910 160 
S ,?^^ R- Parkinson: Dreißig Jahre in der Sfldsee! 
1907. 185. (Waffen). [Vgl. auch über Speerbrechen und Rachezug R Thurn- 

7oi9 m o-r^ 11 ?? 3Uf den Salomolnse ^ und dem Bismarck-Archipel. 
1912. III. 20]. Er dl and: Die Marshall-Insulaner. 1914. 325. (Kanu) E H 
Com es : Seventeen Years among the Sea Dyaks of Borneo. 1911. 135 (Koch- 

qü« , ,i ln ! R ° th: The Natives of Sarawak and British North Borneo. 
!no L c, (Peer) - G - A ' Wi lken: De Verspreide Geschritten. 1912. III 

1 \, ™ an . dBhgden: Pagan Races of the Ma lay Peninsula! 
lJ?f , .fr ' H> A - Jun0d: The Life of a South African Tribe. 
1913.1. 138,139. (Matten zerschnitten: „getötet"). D. Kidd: The Essential 
Kair 1904. 82. 248. (Verschiedenes: besonders Speere). A. MansfeTd Ur- 
wald-Dokumente. 1908. (Kalabasse wird zerbrochen und dabei des Verstorbenen 
^Tii a ,r g fT mfe « n) - A ' Werner: The Natives of British Central Afrika. 

wü'l • (Öpfe ' Tnnkschale ". Perlen, Stangen). K. W e u l e : Wissen- 
schaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen Forschungsreise in den Süd- 



Der zerbrochene Spiegel. 



205 



versuche der ambivalenten Strebungen des Ubw, beziehungsweise 
der darauf beruhenden Symptonshandlung (= Ritus) sind. Nach 
der einen Erklärung zertrümmert man statt des gehaßten Toten 
seine persönlichste Habe, nach der anderen legt man dem 
geliebten Vater das Objekt ins Grab, das er zu Lebzeiten am 
meisten gebraucht hatte. 



osten Deutsch-Ostafrikas. 1908. (Mitth. aus den Deutschen Schutzgebieten). 62. 
(Tongefäß). Czekanowski: Forschungen im Nil-Kongozwischengebiet. 
(Wiss. Erg. der Deutschen Zentral-Afrika-Expedition 1907/1908). 1917. 231 
(„In ßugoye und Nduga soll über der Hütte der verwitweten Frau ein Stock 
gebrochen werden. Dieser wird wohl den in der Hütte fehlenden Phallos 
symbolisch andeuten". Vgl. Anmerkung oben). R. H. Nassau: Fetichishm in 
West-Africa. 1904. 232. (Verschiedenes : auch Spiegel). S. S p i e t h : Die 
E'we-Stämme. 1906. 256. (Töpfe mit Fett am Grab zerbrochen). D. Wester- 
mann: The Shilluk People. 1912. 113. (Zwei Töpfe, eine Kalebasse, ein Bier- 
krug, eine Decke und zwei Schüsseln). J. G. S w a n : The Indians of Cape 
Flattory. (Smithsonian Contributions to Knowledge 220). 1868. 86. (Decken, 
Kessel, Geschirr). P. E. G o d d a r d : Life and Culture of the Hupa. (Univ. Cal. 
Publ. I. 1.) 1903/1904. 71. (Kleider, Waffen etc.). W. J. Mc. Gee: The Seri 
Indians. (XVII. Rep. Bureau Ethn.) 1898. 291. (Muschel). M. C. Stevenson: 
The Zum Indians (XXIII. Report). 1904. 315. (Geschirr). J. Murdoch: Ethnolo- 
gical Results of the Point Barrow Expedition (IX. Report). 1892. 424. (Schlitten 
und verschiedene Werkzeuge). Nelson: The Eskimo about Bering Strait 
(XVIII. Report). 1899. 322. (Gewehr, Speere, verschiedene Werkzeuge). 



VII. Der verhängte Spiegel, 

Die scharfe Unterscheidung zwischen Tod und Krankheit ist 

eine Errungenschaft der fortschreitenden Erkenntnis; es darf 

also nicht Wunder nehmen, daß die Spiegelschau, die für den 

Kranken gefährlich erscheint, auch dem Verstorbenen verboten ist. 

In Frankreich pflegt man im Augenblick des Todes jede Uhr 

zum Stehen zu bringen, jedes Glas und jeden Spiegel mit 

dichtem Schleier zu verhüllen oder aber gegen die Wand zu 

kehren 1 . In Friesland kehrt man für die Zeit, da der Leichnam 

im Hause ist, den Spiegel gegen die Wand oder verhüllt ihn 

und bringt die Uhr zum Stillstand 2 . In Schottland kehrt man die 

Spiegel nach der Wand zu oder verhüllt sie 3 . Die Deutschen in 

Südungarn kleiden den Toten in sein schönstes Gewand, stülpen 

die Sessel um und verhängen den Spiegel mit einem Tuch 4 . In 

Eger verhängt man die Spiegel, wenn ein Toter im Hause ist 5 , 

in Besenyötelke verhüllt man den Spiegel mit schwarzem Tuch 

und läßt die Uhr stehen, damit die Seele nicht zurückkehre 6 . Bei den 

Esthen wird der Spiegel verhängt, damit nicht der Tod 

daraus hervorschaue 7 . In Midland bedeckt man im Sterbezimmer 

1 F. L i e b r e c h t : Zur Volkskunde 1879. 350. 

2 H. K. Folk-Lore Journal VI. 77. 

3 J. G. Fraz er: Death and Burial Customs, Scotland. Folk-Lore Journal 

4 G. C z i r b u s z : A dämagyarorszägi nemetek (Die Deutschen in Süd- 
ungarn) 1913. 152. 

6 BenköczyEmil: Egervideki babonäk (Aberglaube aus der Gegend 
von Eger) Ethn. 1907. 102. 

6 Berze-Nagy: Babonäk etc. Besenyötelken. Ethn. 1910. 26. 
'Wledemann: Aus dem inneren und äußeren Leben der Esthen. 



Der verhängte Spieigel. 



207 



den Spiegel mit einem Handtuch, denn man hält es für ein Un- 
glück, wenn der agonisierende Kranke darin sein Gesicht sieht 1 . 
In Marklissa und in Ober-Wiesau verhüllt man den Spiegel, denn 
es bedeutet einen neuerlichen Todesfall, wenn sich der Leichnam 
in dem Glase spiegelt 2 . Die Posener Polen sind für das Ver- 
hängen des Spiegels im Totenzimmei, denn sie glauben, wer in 
einen solchen Spiegel schaut, in welchem sich ein Leichnam 
gespiegelt hat, der muß bald sterben 8 . Wenn man in der 
Slowakei im Hause, wo ein Toter liegt, den Spiegel nicht ver- 
hängt, so erscheint während des Begräbnisses eine Hexe im 
Spiegel 4 . In Nemet-Pröna muß der Spiegel bei einem Todesfall 
verhängt werden, denn sonst „verliert er seinen reinen 
Glanz" 5 . In Deutschland bedeckt man jeden glänzenden 
Gegenstand, Spiegel, Fenster, Uhr, Bilder für so lange mit 
weißen Tüchern, bis nicht das Leichenbegängnis zu Ende ist 
(Erzgebirge), oder man verhüllt zumindest jeden Spiegel (Ost- 
preußen, Mecklenburg, Oldenburg, Baden), denn wer zu solcher 
Zeit in den Spiegel schaut, muß sterben (Oldenburg). Den Wasser- 
zuber stößt man um, denn in diesem badet die Seele und wer 
von diesem Wasser trinkt, muß sterben (Böhmen) 6 . Desgleichen 
auf den westindischen Inseln, wo man glaubt, daß das Wasser 
vergiftet ist, wenn ein Toter im Hause weilt. Deshalb entfernt 
man nach Möglichkeit alles Wasser aus dem Hause, sobald der 
Kranke in den letzten Zügen liegt 7 . Die ostgalizischen Juden 
gießen alles Wasser aus und kehren die Spiegel nach der Wand 



1 H. G. M. Murray-Aynsley: Turning of the Looking Glass. Folk- 
Lore Journal VI. 145. 

2 p. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 1903. 1. 291. 

3 P. W. Schiffer: Totenfetische bei den Polen. Urquell III. 50. 

* Istvänffy: Liptömegyei tot babonäk. (Slowakischer Aberglaube aus 
dem Komitat Liptö). Ethn. 1902. 269. 

5 M. J. Richter: Halotti szokäsok Nemet-Prönän es videken (Toten- 
gebräuche in der Gegend von Nemet-Pröna, Komitat Nyitra) Ethn. 1896. 401. 

6 Wuttke: 1. c. 459. Vgl. R. Reichhardt: Geburt, Hochzeit und 
Tod im deutschen Volksbrauch und Volksglauben. 1913. 129. 

i K. Knortz: Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart. 1913. 43. 



Spiegelzauber. 

um 1 . In Südrußland schließen die Juden dem Verstorbenen sofort 
die Augen, zünden Kerzen an und verhängen sämtliche Spiegel. 
In der Nachbarschaft des Totenhauses, nach jeder Richtung drei 
Häuser weit, gießt man alles Wasser aus, damit der Todesengel 
nicht darin sein Schwert waschen könne 2 . Die Karäer auf der 
Halbinsel Krim verhüllen bei einem Todesfall sofort alle Bilder 
und Spiegel 3 . Die Litauer sagen, es ist nicht gut, wenn eine 
Leiche so steht, daß sie im Spiegel zu sehen ist, denn der Tote 
steht auf und beschaut sich im Spiegel, darum wird dieser lieber 
verhängt 4 , und zwar mit einem Tisch-, Bett- oder Taschentuch 5 , 
denn „täte man es nicht, so würde man den Geist des Verstor- 
benen darin zu erblicken bekommen" 6 . Die Südslawen in Unter- 
steiermark und in Krain gießen sofort alles Wasser aus den 
Gefäßen, weil sonst der „Smrt", der personifizierte Tod, daraus 
trinkt. Solange der Leichnam im Zimmer aufgebahrt ist, verhängt 
man die Fenster und bedeckt die Spiegel mit dünnem Tüll, denn 
wenn man das nicht tut, schaut nach Ansicht der Kroaten der 
Tod in den Spiegel und steigert derart noch die Sterblichkeit 7 . 
In Göcsej bringt man die Wanduhr zum Stehen, verhängt die 
Wandspiegel oder kehrt sie auf die andere Seite, damit man 
nicht hineinschauen könne 8 . In Tresdorf verdeckt man den 
Spiegel deshalb, weil sonst der Sarg doppelt sichtbar wäre und 
dann dem einen Todesfall noch im selben Jahre ein anderer 

1 M. N a d e 1 : Der Tote im Glauben und Brauch der Völker Urquell 
1898. 108. " ' 

»Weißenberg: Krankheit und Tod bei den südrussischen Juden 
Globus. XCL. 360. 

3 Weißenberg: Die Karäer der Krim. Globus LXXXIV. 1903. 143. 

4 J. Grimm: Deutsche Mythologie. III. Nachträge von E H Mever 
1878. 492. . J 

5 W. C a 1 a n d : Die vorchristlichen baltischen Totengebräuche. Archiv 
für Rel. Wiss. 1914. XVII. 480. 

6 W. C a 1 a n d : ebda. 502. 

7 F. S. Krauß: Der Tod in Sitte, Glaube und Brauch der Südslawen. 
Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. 1891. I. 157. 

8 Gönczi: Göcsej. 1914. 358. 



Der verhängte Spiegel. 



209 



folgen würde 1 . Wenn bei dem Wenden eine Leiche im Zimmer 
ist, muß man den Spiegel verhüllen, oder zumindest die Leiche 
so stellen, daß sie sich nicht spiegeln kann, denn sonst muß bald 
jemand aus der Familie sterben 2 . Ebenso in Königsberg, wo 
man in dem Zimmer, in dem eine Leiche sich befindet, die 
Spiegel verhängen muß, weil sich sonst der Leichnam im Spiegel 
besieht, und die Angehörigen auch später deren Abbild im 
Spiegel erblicken 3 . 

In gewisser Beziehung entsprechen diese Spiegelschau-Riten 
denen der Katze; dort läßt man die Katze in den Spiegel 
schauen, damit sie im Hause bleibe, hier verhindert man die 
Spiegelschau des Verstorbenen, weil man ein solches Ergebnis 
für am allerwenigsten wünschenswert erachtet. Mit anderen 
Worten, man will nicht, daß die narzißtische Fixie- 
rung des Toten an das eigene Ich sich in eine 
Fixierung an das Haus kehre 4 . Ähnlich wie die eine 
Erklärung für die Vernichtung der Objekte darin besteht, daß 
der Tote zuhause nichts von dem finden möge, was er im Leben 
liebgewonnen, so muß man den Spiegel deshalb verhüllen, damit 
der Tote dort nicht das finde, was er noch mehr liebgewonnen, 
als alles andere, nämlich sich selbst, oder — um dasselbe ani- 
mistisch auszudrücken — man will die Spiegelbild-Seele nicht 
behalten 5 . Ein chinesisches Märchen erzählt von einem Spiegel, 



1 H. Prahn: Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. Zt. d. V. 
f. Vk. I. 185. 

s Edm. Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen und abergläu- 
bische Gebräuche. 1880. 450. 

3 H. Frischbier Totengebräuche. Urquell. 1892. III. 299. 

4 Das Verhängen des Spiegels ist also ein Versuch der Lebenden, vom 
Imago der Toten loszukommen ; der Lebende ist an den Toten (als sein zweites 
Ich) fixiert, das wird aber in der Projektions- oder Umkehrungsform ausge- 
drückt. (R e b e k k a : Auf Rosmersholm hier hängen sie lange an ihren Toten ! 
Madam Helseth: Ich meine nun, Fräulein, es sind die Toten, die so 
lange an Rosmersholm hängen. Rosmersholm. Erster Akt.) 

5 Vgl. über Spiegelbild als Seele vorläufig Rank: Der Doppelgänger. 
Imago. 1914. 147. Meszäros: 1. c. 19 14. 241. R ö h e i m : A varäzserö fogalmä- 

Spiegelzauber. 14 



210 



Spiegel'zauber. 



welcher die Eigenschaft besaß, jedes Frauengesicht, welches 
einmal hineingeblickt, zu fixieren, und nur, wenn eine andere, 
oder dieselbe Frau anders gekleidet, hineinschaute, verschwand 
das Bild von der Spiegelfläche 1 . In China gibt man zwei Er- 
klärungen für die Sitte des Spiegelverhüllens. Die eine lautet: 
wenn der Tote sich im Spiegel erblickt, wird er sich entsetzen, 
daß er jetzt ein Geist ist und sein Äußeres als Geist wird ihm 
kaum gefallen. „Another explanation is that every mirror has a 
mysterious faculty of invisibly retaining an storing up 
everything that is reflected on its surface and that if 
anything so ill-omened as corpse or a ghost where to pass 
before it, the mirror would thenceforth become a permanent 
radiator of bad Iuck." Aus demselben Grunde kehrt man auch 
jeden Abend die Spiegel nach der Wand, denn nach Sonnen- 
untergang gehen böse Geister und „unlucky influences" um, die 
sich dauernd im Spiegel verfangen könnten, wenn er nicht verhängt 
wird 2 . In Baden darf man den Leichnam nicht vor dem Spiegel auf- 
bahren, oder man muß zumindest den Spiegel verhüllen, denn sonst 
sind zwei Leichname sichtbar, d. h. es wird noch jemand sterben 3 . 
Bei den Walachen pflegt man im Sterbehause den Spiegel mit 
schwarzem Tuch zu verhängen 4 . In Retközberencs muß man in 
dem Hause, wo ein Toter aufgebahrt liegt, den Spiegel verhängen, 
damit der Tote sich darin nicht sehen könne 5 . Nach jüdischem 
Gebrauch muß man, solange im Hause eine Leiche liegt, den 

nak eredete. (Ursprung des Begriffes der Zauberkraft.) 1914. 129, 130. Frazer: 
Taboo. 1911. 92, 93. A. E. Crawl ey: The Idea of the Soul. 1909, 90, 96, 
99, 119, 135, 142, 155, 197. P. Cunningham: Zwei Jahre in Neusüdwales.' 
1829. 182, 183. 

1 G i 1 e s. Strange Stories from a Chinese Studio. 1880. II. 32. ex Hart- 
land: The legend of Perseus. II. 1895. 16. 

2 R. F. Johnston: Lion an Dragon in Northern China. 1910. 294. 

3 Wuttke: 1. c. 461. 

4 Györffy: Babonäs hiedelmek es szokäsok a feketekörösvölgyi magy- 
aroknäl. (Abergläubische Ansichten und Gebräuche bei den Ungarn im Tal der 
schwarzen Koros.) Ethn. 1916. 87. 

5 A. Kristons: Gyüjtese. (Sammlung) Särospatak F. F. 1914. 8. 



Der verhängte Sniögel. 



211 



Spiegel verhängen oder gegen die Wand zu kehren, denn der 
Tote könnte aufstehen und sich in dem Spiegel erblicken 1 . Laut 
rumänischem Volksglauben im Süden von Siebenbürgen muß man 
den Spiegel darum bedecken, denn wenn der Lebende darin den 
Toten erblickt, muß er ihm bald folgen 2 . Im sächsischen Erz- 
gebirge pflegt man, damit die Seele nirgends hängen bleibe oder 
aus Liebe zu werten Dingen nochmals raste, den Spiegel, die 
Bilder, die funkelnden Gegenstände mit weißem oder schwarzem 
Tuch zu bedecken und das Geschirr, die Krüge, besonders aber 
die Waschschüssel umzukehren. Wenn der Tote sich im Spiegel 
sieht, „das verdoppelt den Sarg" oder ruft den Tod in die Ver- 
wandtschaft 3 . In Mecklenburg muß man in dem Zimmer, worin 
eine Leiche liegt, den Spiegel sofort nach dem Tode verhängen, 
damit die Leiche durch Abspiegelung nicht doppelt sei, denn 
wenn das geschieht, holt der Tote jemand im Hause nach 4 . In 
Gilgenburg bahrt man den Leichnam niemals dem Spiegel gegen- 
über auf ; wo sich das trotzdem nicht umgehen läßt, verhüllt man 
den Spiegel. In Lubainen verhängt man sorgfältig den Spiegel 
in jenem Zimmer, wo sich die Leiche befindet, damit nicht das 
Bild der Leiche, also sozusagen eine zweite Leiche im Spiegel 
sichtbar sei, denn wenn dies der Fall ist, wird dem Toten bald einer 
seiner Verwandten nachfolgen 8 . In Nagyszalonta dreht man im 
Sterbehause den Spiegel um, denn an diesem vorbei geht die 
Seele hinaus. Nach Anderen muß man den Spiegel umdrehen, 
damit der Tote sich darin nicht sehe, weil er sonst erschrickt 6 . 



1 Rubin: Geschichte des Aberglaubens. 152, 153. 

2 Meszäros; loc. cit. 1915. 243 nach Handschrift (Dr. T. Schmidt). 
Vgl. A. Flachs: Rumänische Hochzeits- und Totengebräuche. 1899. 47. 

3 E. J o h n : Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge. 1909. 121. 

4 Bartsch: Sagen, Märchen etc. 1880. II. 89. 

5 M. Toeppen: Aberglauben aus Masuren. 1867. 106. Vgl. Schulen- 
burg: Wendisches Volkstum in Sage, Brauch und Sitte. 1882. 112. 

6 OItyan: Babonagyüjtemenye. (Aberglaubensammlung.) IX. b. Nagy- 
szalonta F. F. Die autosymbolisch (Abwehr des Selbsterkennens) oder narzißtisch 
(mit negativem Vorzeichen) zu deutende Erklärung des Tabus wird hier nicht 
wie oben) auf abgespaltene Komplexe (Geister), sondern auf den Toten projiziert. 






212 

Spiegeteauber, 

In Oldenburg verhängt man im Sterbehaus sofort den Spiegel, 
denn wer hineinschaut, muß sterben 1 . In Madagaskar scheint sich 
das Verbot gegen den Narzißmus der Lebenden zu richten, denn 
man geht dort während der Trauer in schmutzigen Kleidern 
herum, wäscht und kämmt sich nicht und schaut nicht in den 
Spiegel 2 . In Dithmarschen verhüllt man den Spiegel s . Auch in 
Nagylengyel darf man im Sterbehause nicht in den Spiegel 
schauen, denn wer dies tut, bekommt die Gelbsucht 4 oder die 
Farbe des Toten 5 , deshalb verhüllt man gelegentlich des Todes- 
falls den Spiegel. In Hollömajor verhüllt man den Spiegel und 
deckt den Brunnen zu, wenn ein Toter im Hause ist 6 , denn im 
Spiegel befindet sich das Gesicht des Verstorbenen 7 . Man muß 

1 Stracker jan: Aberglauben und Sagen aus dem Herzogtum Olden- 
burg. 1909. I. 68. 

a A. Grandidier: Des Rites Funeraires chez les Malgaches. Revue 
d'Ethnographie. 1886. V. 215. 

3 Carstens: Totengebräüche in Ditmarschen. Urquell. I. 10. 

4 F. G a ä 1 : Babonäk (Aberglauben) Nyelvör. VIII. 89. 

5 Den anderen, analerotischen Sinn des Zusammenhangs zwischen Spiegel- 
schau und Gelbsucht haben wir bereits gesehen ; eine solche Überdeterminierung 
steht ja zu erwarten. 

a Es kommt auch vor, daß man zur Zeit eines Gewitters den Spiegel ver- 
hüllen und vom Fenster wegnehmen muß. (E. John: Aberglaube, Sitte und 
Brauch im sächsischen Erzgebirge. 1909. 26.) Im Gegensatz zu dem Vorgehen, 
demgemäß man die Gewitterwolken dadurch verjagt, daß man ihnen einen 
Spiegel vorhält. Ersteres geschieht offenbar, weil man fürchtet, das Ebenbild der 
Wolke könne im Spiegel zurückbleiben. Hinter den Spiegel steckt man die 
Ähren von der zuerst gebundenen Garbe als Schutzmittel gegen Blitzschlag: 
Hier scheint es sich mehr um die Ähren wie um den Spiegel zu handeln 
(Ebda.) 

7 Ein Vatersymbol wie der Tote ist auch der Gottvater, deshalb sagt man, 
Kinder dürfen nicht ins Wasser schauen oder Steine in den Brunnen werfen,' 
denn es ist Gottes Auge darin. Wuttke: 1. c. 14, 15. Süddeutschland. Vgl.' 
Gylfagiming. 15. S i m r o c k : Die Edda. 1896. 258. Nach den Bekü-Pygmäen 
ist Nzame der Uhrahne der Menschheit, Schöpfer des Himmels, der Sterne, des 
Lichtes und des Auges. In der Pupille spiegelt sich sein Bild und dieses ist der 
Sitz des Lebens. V. Ca th rein; Die Einheit des sittlichen Bewußtseins der 
Menschheit. 1914. 11.427. ex. Le Roy : Les Pygmees. 1887. 184. W. Schmidt: 
Stellung der Pygmäenvölker. 1910. 233. 



Der verhängte Spiegel. 



213 



ihm die Augen schließen, denn wenn sie offen bleiben, erwartet 
er jemand 1 . Der Sammler gibt hier unmittelbar nebeneinander 
zwei Verbote, zwischen denen sich tatsächlich der engste Zusammen- 
hang nachweisen läßt 2 . Schon der böse Blick als eine 
Erscheinungsform der verdrängten Wünsche des 
Lebenden ist etwas Furchtbares, um wie viel mehr der 
Blick des naturgemäß neiderfüllten und rachsüchtigen 
Toten. Man verhüllt eigentlich den Spiegel des- 
halb, damit das Auge des Toten nicht von dort auf 
die Lebenden herabblicken könne und die Furcht 
vor diesem Auge ist das „survival" der infantilen 
Furcht vor den allsehenden Augen der Erwachsenen, 
insbesondere des Vaters 3 . 

Nach walachischem Volksglauben bedeutet es den Tod Das T ^.' 
eines Verwandten, wenn einem das linke Auge juckt 4 . In 
Fiume ruft der Tote, dessen Augen offen stehen, noch einen 
Anderen zu sich 5 . Wenn in der Oberpfalz das Auge des Ver- 
storbenen offen bleibt, schaut er sich nach jemand in der Ver- 
wandschaft um, damit er ihn mitnehme 6 . Bei den Wenden 
glaubt man, daß wenn die Augen des Toten offen bleiben, bald 
in der Familie jemand sterben wird 7 . Wenn bei den Walachen die 
Augen des Toten offen bleiben, sucht er im Zimmer jemand, den 



1 J. D o b a y : Babonäk. (Aberglauben) Györ. F. F. 1914. 15. 

2 Dieselben stehen dem Sinn des Spiegelverhüllens näher als die von 
Frazer (Taboo 95.) angeführten Parallelen. 

3 Vgl. Ferenczi: Zur Augensymbolik. Internationale Zeitschrift für 
ärztliche Psychoanalyse 1913. 163. Fall 7. Abraham: Einschränkungen und 
Umwandlungen der Schaulust. Jahrbuch der Psychoanalyse 1914. 41, 42, 
45 etc. 

4 Schullerus: Glaube und Brauch bei Tod und Begräbnis der Rumänen 
im Harbachtale. Zeitschrift d. V. f. Vk. 1912. 163. 

5 Czink: Fiume neprajza (Die Ethnographie Fiumes). Ethnographia 
1892. 180. 

6 Schönwerth: Aus der Oberpfalz. 1857. I. 261. 

7 Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen, Aberglauben und Ge- 
bräuche. 1880. 449. 



214 

Spiegelzauber. 

er mitnehmen könnte 1 und auch in Tirol muß in solchem Falle 
dem Toten bald jemand folgen«. Nach dem Volksglauben der 
Serben in Südungarn hat das Offenbleiben der Augen des Toten 
die Bedeutung, daß von den Hausgenossen bald einer sterben 
wird'. In Mazedonien ist es Pflicht des nächsten Anverwandten, 
dem Toten die Augen zuzudrücken und ihm den Mund zu 
schließen 4 . Die Augen muß man zudrücken, denn wenn sie offen 
bleiben, wird dem Toten bald jemand aus der Familie folgen : 
„Der Tote sieht noch jemand" 5 . Im sächsischen Erzgebirge drückt 
man dem Toten die Augen zu, damit er keinen Begleiter er- 
warte und man schließt ihm den Mund, denn wenn ihm in 
diesen etwas hineinfällt, so holt er die ganze Familie nach 6 . 
In der Bretagne bedeutet das offen gebliebene Auge des Toten^ 
der „Ankou" (Tod) sei mit seiner Arbeit im Hause noch nicht 
fertig und werde bald wiederkommen, jemanden aus der Familie 
zu holen. Wenn in Plouedern das linke Auge des Toten sich nicht 
schließen will, wird bald einer der nächsten Anverwandten sterben 7 . 
In der Sagazeit wich man sorgfältig einem Blicke von dem noch 
geöffneten Auge eines Toten aus. In der Eyerbyggja Kap. 33 
heißt es : Thorolf war gestorben. Da ging Arnkell in das Haus, 
nahete sich Torolf von hinten und bat jedermann sich zu hüten, 
ihm von vorn nahe zu treten, so lange dem Toten nicht 
„näbjargir" geleistet war. Darnach hüllte er ein Tuch um den 
Kopf Thorolfs und verfuhr mit ihm nach Gewohnheit. Zu 
„näbjargir", Leichenhilfe, gehörte, daß man Augen und Lippen 

•Schullerus: Glaube und Brauch im Harbachtale. Zt. d V f Vk 
1912. 163. 

2 I. V. Zingerle: Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes 
1857. 25. 

3 Juga: A Magyar Szent Korona orszägaiban elö szerbek (Die Serben in 
den Ländern der Heiligen ungarischen Krone). 1913. 148. 

1 G. F. Abbot: Macedonian Folk-Lore. 1903. 193. 

5 Reichard t: Geburt, Hochzeit und Tod. 1913. 193. 

6 E. John: Aberglaube etc. im sächsischen Erzgebirge. 1909. 121. 

' A. Le Braz: La Legende de la Mort chez les Bretons Armoricains. 
1902. I. 182. 



Der verhängt« Spiegel. 



215 



des Toten schloß 1 . Ebenso verbindet man die Augen des Toten 
in Altmark 2 und in Esthland 3 . Wenn in Schlesien die Augen des 
Verstorbenen im Sarge offen bleiben, wird ihm bald jemand in 
den Tod folgen. Deshalb schließt man die Augen des Toten, 
damit er nicht noch Einen aus der Familie mitnehme 4 . Die 
Mongolen binden den Toten die Augen mit einem schwarzen 
Seidentuch zu 5 . In Thüringen, in Sachsen, in Tirol, in Böhmen 
und in Oldenburg muß, wenn das Auge des Toten offen bleibt, 
bald einer seiner nahen Verwandten sterben 6 . In Niederösterreich 
wird, wenn das eine Auge oder gar beide Augen des auf- 
gebahrten Leichnams offen stehen, bald jemand nachsterben 7 . 
In Oberpfalz muß man das Auge des Toten schließen 8 , ebenso 
in Baden 9 , in Schlesien 10 und bei den Rumänen, damit er nicht 
den Schmerz der Hinterbliebenen sehe 11 . Dem Glauben der 
Walachen gemäß wird, falls sich die Augen des Toten öffnen, 
sich ein neuer Todesfall ereignen. Wenn sich nur das eine Auge 



I F e i 1 b e r g : Der böse Blick in nordischer Überlieferung. Zt. d. V. f. 
Vk. 1901. 313. Wenn man in Irland nachts hinter dem Rücken Schritte ver- 
nimmt, soll man sich nicht umwenden, denn es folgen einem die Verstorbenen, 
deren Blick totbringend ist. Wilde: Ancient Legends, Mystic Charms and 
Superstitions of Ireland. 1887. 154. 269. ex. S e 1 i g m a n n : Der böse Blick. 
1910. 158. I. Zu dem Augenverbinden von hinten vgl. E. S. Hartland: The 
Legend of Perseus. 1896. III. 139. 

8 T e m m e : Die Volkssagen der Altmark. 1839. 339. 
3 F. I. Wiedemann: Aus dem innern und äußern Leben der Ehsten. 
1876. 476. 

* P. D r e c h s 1 e r : Sitte, Brauch etc. in Schlesien. 1903. I. 289, 290. 

5 Selig mann: loc. cit. I. 160. Globus. LVII. 212. (?) 

6 W u 1 1 k e : 1. c. 213. 458. * 

7 I. Wurth: Beiträge aus Niederösterreich. Zeitschrift für deutsche 
Mythologie. IV. 148. 

8 S c h ö n w e r t h : Aus der Oberpfalz. 1857. I. 244. 

9 E. H. Meyer: Badisches Volksleben. 1900. 583. 

"P. Drechsler: Sitte, Brauch etc. in Schlesien. 1903. I. 290. 

II Flachs: Rumänische Hochzeits- und Totengebiäuche. 1899. 44. Der 
Mann will dem Toten nicht „Aug' in Auge" schaun um die ubw. Einstellung 
nicht zu verraten, sonst könnte er dort nicht nur „den Schmerz" der Hinter- 
bliebenen erblicken. 



Spiegelzauber. 



öffnet, sieht der Tote mit dem geschlossenen Auge den eigenen 
Weg, doch mit den offenen hält er Umschau im Hause, wen er 
mitnehmen soll*; Auch in Rom galt das „supremum opprimen- 
dorum oculorum officium-. Wenn in China die Augen und der 
Mund des Toten sich nicht von selber schließen, ist dies ein 

2?T S??S d f dle Sede 3US irgend dner Ursache beunruhigt 
4^ d f " ng Wird dem Toten das Gesicht ™t einem 

Stuck Papier verhüllt*. Die Katchin in Birma haben große Angst 
vor der Seele der im Kindbett verstorbenen Frau, deshalb ver- 
binden sie ihr mit ihrem eigenen Haar und mit Blättern die 
Augen, damit sie nichts sehen könne*. In Tahiti bitten die 
Fnester den Toten, er möge seinen Blick nicht auf die Lebenden 
werfen Die Pottanotomi von Canada baten den Verstorbenen 
sich wahrend seiner Reise ins Totenland nicht umzudrehen, weil er 
beim Rückwärtsblicken seinen Eltern Unglück bringen würde. Wenn 
die Caraiben den Toten beerdigen, so setzen sie ihm zwei kleine 
Vasen auf die Augen, um ihn zu verhindern, seine Eltern anzu- 
dicken, denn sonst würden diese erkranken 7 . Der Gebrauch 
dem Verstorbenen Geld auf die Augen zu legen, der anscheinend 
eine Varian te des klassischen Obolos ist 8 , gehört eigentlich gleich- 

1913. 'l87 ° ld ° VAn: A "Worszägi romänok (Die ungarländischen Rumänen). 
H.cap V ^! eriUS MaXimUS: "• Cap " 6 - P'inius: Historlae Naturalis. 

• J. X M. de Groot: Religions System of China Book. Vol. I. 1892 11 
itHwr* °' g :T Sfenz: Beitra S e z « r Volkskunde Süd-Schantungs. Ver- 
offenthchungen des Städtischen Museums für Völkerkunde in Leipzig. 1907 I 96 
1911. 872 ° llh0deS: Naissa «<* et Enfance chez les Katchind. Anthropos 

6 E 1 1 i s : Polynesian Researches. 1830 I 402 

Daß rffr 6 ™ ^h " n l -' C : L 160 ' nachKeatin S- 1- «6.und de la B o r d e : 37. 
ErL^L J f Kln l eS beS ° nderS fÜf die Ellern g efährlich ist > bildet eine 
Seh dT g u hwf -"IT? ff gere " Um ^ ekehrten Einste ««ng. Im Blick äußert 
die Verdräng * *"**"* im WegWeHden ° der Bedecken der Ang« 

II 910 V nL P w Sar ^ i: u D o e Totenmünze - Arch{ v »r Religionswissenschaft 
II. 219. „Der Wunsch durch Schließung der Kopföffnungen der abgeschiedenen 



Der verhängte Spiegel. 



217 



falls hieher. In Szeged legt man auf die Augen des Toten je einen 
Kreuzer, damit sie sich nicht öffnen mögen, denn dann erwartet 
er jemand, der ihm folge 1 . In Göcsej drückt man die Augen des 
Toten mit Geldstücken zu. Man achtet sorgfältig darauf, daß weder die 
Augen noch der Mund offen bleibe, denn in diesem Falle wartet er 
auf jemand, der ihm dann bald in den Tod folgt 2 . Im Komitate 
Bäcs schließt man die Augen des Toten mit Geldstücken; in 
katholischen Gegenden drückt man ihm auch eine brennende 
Kerze in die Hand 3 . In der Gegend des Retyezät drückt man 
die Augen des Verstorbenen mit je einem Kupferkreuzer zu 4 . 
Die Slowaken legen Geld auf die Augen des Toten, um sie zu 
schließen, damit nicht noch ein anderer nach ihm sterbe 5 . In 
Nagyszalonta muß man auf die Augen des Toten Geld legen, 
damit sie sich schließen 6 und mit Geld drücken auch die Schotten 
dem Verstorbenen die Augen zu, falls sie offen bleiben 7 . Die 
Polen glauben, daß wenn die Augen des Toten offen bleiben, 
werde dieser irgend einen seiner Verwandten ins Grab nach- 
locken; sie verschließen ihm deshalb die Augen mit einem Drei- 
groschenstück. In jenem Teile des Sargs, der über das Gesicht 
kommt, darf sich kein Astknoten befinden, denn er könnte her- 

Seele den Rückweg zu versperren" ist laut Sartori der Ursprung der Sitte. 
Beim Obolos handelt es sich um die Schließung des Mundes (vgl. W. G r a b e : 
Religion und Kultus der Chinesen. 1910. 186, 187.), in der oben behandelten 
Abart der Sitte um die Schließung der Augen. 

1 I p o 1 y i : Magyar Mythologia (Ungarische Mythologie). 1854. 372. 
Koväcs: Szeged es Nepe (Szeged und sein Volk). 1901. 293. Varga: 
A babonäk könyve (Das Buch des Aberglaubens) 1877. 158. 

2 F. Q ö n c z i : Göcsej. 1914. 358. 

8 B e 1 1 o s i c s : Bäcsmegye Monographiäja. (Monographie des Komitates 
Bäcs.) 237. 

4 F. T e g 1 ä s : A Retyezät videke. (Die Gegend des Retyezät.) Földrajzi 
Közlemenyek. (Geographische Mitteilungen.) XVI. 466. 

5 Pechäny: A felvideki tot nepröl. (Das slowakische Volk in Ober- 
ungarn.) Eb. da. XXVIII. 163. 

6 S. O 1 1 y ä n; Babonakgyüjtemenye. (Aberglaubensammlung.) F. F. 
Nagyszalonta: Abschnitt IX. B. 

7 W. Gregor: Notes on the Folk-Lore of the North-East of Scotland. 207. 



Ol Q 

10 Spiegekauber. 

ausfallen und so das Auge unbedeckt lassen. In Jagodne bei 
Lukov legt man dem Verstorbenen Kupfergeld auf die Augen 1 . 
In Oberbayern legt man vor der Einsegnung des Sargs ein 
Brettchen auf das Gesicht des Toten 2 . In Kroatien legt man auf 
die Augen des Toten, wenn diese offen bleiben, einen Kreuzer, 
wenn sich das Auge trotzdem nicht schließt, so ist dies ein 
Zeichen, daß jemand bald nachsterben werde 3 . Die Wenden legen 
dem Toten Kieselsteine, Kastanien oder Bohnen auf die Augen- 
lider 4 . In der Gegend von Lüben und Lückau drückt man auf 
die Augen des Toten Kupfergeld oder Knöpfe 5 . Die Juden legen 
Tonscherben auf die Augen des Verstorbenen und die Toten- 
wäscher müssen darauf achten, daß sie der Leiche nicht in die 
Augen schauen, denn dies schwächt das Gedächtnis 6 . In Indien 
deckt man das Gesicht der zu verbrennenden Leiche mit einem 
gelben Tuch zu und legt Stückchen Gold auf die Gesichts- 
öffnungen 7 . Bei den Batak muß die im Wochenbett verstorbene 
Frau sogleich begraben werden, man schnürt ihr Finger, Hände 
und Füße zusammen, stopft ihr Asche in Mund, Augen und 
Ohren, damit sie nicht wieder ins Dorf kommen kann 8 . Im süd- 
östlichen Borneo pflegt man beim Stamm der Orangbukit je ein 

1 B.W. Schiffer: Totenfetische bei den Polen. Urquell. III. 50. 

2 M. H ö f I e r : Das Sterben in Oberbayern. Urquell. II. 102. 

3 F. S. Krau ß: Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven 
Z. d. V. f. Vk. II. 188. 

4 W. von Schulenburg: Wendisches Volkstum. 1882. 110. 

5 Seligmann: 1. c. I. 160, zitiert Niederlausitzer Mitteilungen. II. 145. 

6 Schröder: Satzungen und Gebräuche des talmudisch-rabbinischen 
Judentums. 1851. 555. Andre e: Zur Volkskunde der Juden. 1881. 165. ex. 
Seligmann: I. 160. 

7 W. Caland: Die altindischen Toten- und Bestattungsgebräuche. 1896. 
(Verh. d. Kon. Ak. van Wet. te Amsterdam. Letterkunde Deel. I. Nr. 6. 20. 
Nach Dubois and Beauchamp: Hindu Manners, Customs and Ceremo- 
nies. 1899. 289, .läßt man bloß das Gesicht jener unverhüllt, die im ehelichen 
Zustand starben," offenbar deshalb, weil man ihnen die Witwe ohnedies nach- 
sandte. (Angeführt bei Caland: loc. cit. S. 22.) 

8 Warneck: Die Religion der Batak. 1909. 73. 



Der verhängte Spiegel. 



219 



Silberstück auf Auge und Ohr des Verstorbenen zu legen 1 . 
Dasselbe tun die Dajaken 2 . 

Den Sinn all dieser Riten gibt beiläufig der Spruch wieder : Au ge und seeie. 
„Das Auge ist der Spiegel der Seele". Schon die Edda nennt 
die Augen Idunas „Spiegel des Hauptes" 3 und es ist kein Zu- 
fall, daß man gerade die Augen der westafrikanischen Götzen 
aus Spiegeln formt. 4 In Indien haben diejenigen, welche die 
Weihen empfangen sollen, in einen Spiegel, in ein mit Wasser 
gefülltes Gefäß, in den Nordstern und in das Auge eines Men- 
schen zu schauen 5 . Das Schauen in das Menschenauge und die 
Spiegelschau symbolisieren offenbar die zum Empfang der Weihen 



1 F. Grabowsky: Die Orang Bukit vom Mindanai in Südost-Borneo. 
Ausland. 1885. LV1II. 784. 

2 F. Grabowsky: Dajakische Sitten und religiöse Gebräuche. Globus. 
XLII. 1882. 44. Seltener sind jene Gebräuche, welche anscheinend mit ent- 
gegengesetzter Bedeutung das Augenlicht des Verstorbenen beschützen, den 
Toten sehend machen wollen. Bei den Wenden muß man im Sterbezimmer 
eine Kerze brennen lassen, damit nicht die Mäuse dem Toten die Augen aus- 
beißen. Schulenburg: Wendische Volkssagen und Gebräuche. 1880. 234. 
Im Erzgebirge muß man ein oder drei Kerzen brennen lassen, „damit der Tote 
sehen kann, wenn er erwacht" und man gibt ihm einen kleinen Spiegel ins 
Grab mit. E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge. 
1909. 125. Die Spiegelschau im Hause würde den Toten an das Haus fixieren, 
der ins Grab mitgegebene Spiegel fixiert ihn an das Grab, an die andere 
Welt. Deshalb verhindert man die erstere durch das Verhüllen des Spiegels, 
während man das Letztere dadurch erreicht, daß man einen Spiegel ins Grab 
legt. Vgl. zu Spiegel als Grabbeigabe Meszäros: 1. c. 1914. 16. W. Rad- 
ioff: Die alttürkischen Inschriften der Mongolei. 1894. 346. M. Moore: Car- 
thage of the Phoenicians. 1905. 91. E. B. Tylor: Early History of Mankind. 
1870. 255. K. Florenz: Japanische Annalen. 1903. 260. Radde: Die Chew- 
suren und ihr Land. Globus: XXXV. 122. Hab erfand: Spiegel. Zt. f. 
Vkps. XIII. 330. Nassau: Fetichism in West-Africa. 1904. 232. 

3 Hrafnagaldr Odhins 12. S i m r o c k: Die Edda. 1896. 31. 

4 Vgl. z. B. A. E. Scrlvener: Fetish Figure from Bolobo, Upper 
Congo. Folk-Lore. 1909. 313. Pechuel-Loesche: Die Loango-Expedition. 
1907. II. 365. 

5 Zachariae: Zur indischen Witwenverbrennung. Zt. f. V. Vk. 
1905. 81. 



220 Spiegekauber. 

gehörige Selbsterkenntnis. In China gibt diesem Gedanken König 
Wu aus der Tschudynastie eine aphoristische Wendung: „Wenn 
man sich im Spiegel beschaut, sieht man seine Gestalt und 
Äußeres, wenn man sich im Menschen beschaut, sieht man sein 
Glück und Unglück" 1 . Nach Annahme der Makusi verschwindet 
die in der Pupille sichtbare kleine Menschengestalt im Augen- 
blick des Todes, weil dann die Seele den Leib verläßt 2 . In Neu- 
Guinea suchen die Kaileute die Seele im Spiegelbild, im Schatten 
und im Auge. Das Auge glänzt deshalb, weil die Seele darin 
wohnt, und bricht, weil die Seele es verläßt 3 . An den Augen 
oder Pupillen sind auch die Hexen zu erkennen. Der Teufel 
zeichnet ihnen mit einem Goldstück in den Stern des linken 
Auges die Figur einer Kröte zum Erkennungszeichen für andere 
Zauberer 4 , oder, da sie ja typische Repräsentanten der psychischen 
Umkehrung sind 5 , so sieht man in Wales, wenn man ihnen fest 
in die Augen schaut, das eigene Bild darin in umgekehrter Lage, 
wie auch die Hexe lernen muß, „to look upside down" und selbst 
überhaupt keine Pupillen hat 6 . Auch der Druckgeist läßt sich 
nicht ins Auge sehn, gelingt dies jemand, so sieht er im Auge 
des Albes sein Bild verkehrt wie im Auge der Hexe 7 . Der 

1 R. Wilhelm: Chinesische Spiegel. Ostasiatische Zeitschrift. II 
1913. 65. 

2 E. F. in Thurn: On the Animism of the Indians of British Guiana 
Journ. Anthr. Inst. XL 363. 

3 Keyßer: Aus dem Leben der Kaileute. Neuhau ß: Deutsch-Neu- 
Guinea. 1911. 111. 

4 Soldan-Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 1911. I. 275. Daß 
die Kröte als Seelentier der Hexe erscheint, ist vielfach belegt. (Material 
bringe ich in: Adalekok a magyar neplutthez. 1919) Anderseits gehört sie 
auch zu den deutlichsten Uterussymbolen (siehe R. Andre e: Votive und 
Weihegaben des katholischen Volkes in Süddeutschland. 1904. 129) und somit 
scheint es sich um eine völkerpsychologische Parallele zu den Beobachtungen 
über Auge = weibliches Genitate (Eder: Augenträume. Int. Z. f. ärztl Psycho- 
analyse. 1913. 157.) zu handeln. 

5 Vgl. meine oben angeführte Abh. (ungarisch). 

6 Treveljan: Folk-Lore and Folk-Stories of Wales. 1909. 207. 

7 D r e c h s 1 e r : Sitte etc. in Schlesien. 1906. IL 175. 



Der verhängte Spiegel. 



221 



Maori verzehrt also die Augen des erschlagenen Feindes, um 
die darin verborgene Atua, die Seele, in steh zu verschmelzen 1 . 
Das Augenornament hat sich nach Schurtz aus dem Gesichts- 
ornament entwickelt, das Gesicht aber charakterisiert natürlich den 
ganzen Menschen. „Das Auge kann völlig an die Stelle des 
Gesichtes treten, so bei gewissen Masken." Auf diesen Masken, 
die wahrscheinlich die Sonne darstellen, sehen wir in strahlen- 
förmiger Anordnung abwechselnd Gesichter und Augen 2 . Am 
interessantesten ist wohl die Erklärung, welche ein Bellacoola- 
indianer gab, der unter Hinweis auf die feinen Linien der Finger- 
spitzen sagte, ursprünglich hatte jedes Glied in einem Auge 
geendet und diese verschlungenen Linien seien die letzten Reste 
dieser Augen 3 . Das erklärt auch die charakteristische, west- 
amerikanische Art der Augenhäufung, bei der auf jeden Körper- 
teil ein Auge — also eine Seele — entfällt 4 . Die beleidigte Seele 
rächt sich nach dem Grundsatze: „Aug um Aug" ; wer in Manipur 
auf das Grab eines Kindes trifft, dessen Auge wird an einem 
schmerzhaften Übel erkranken 5 . Wie das Schauen des Spiegel- 
bildes das Leben verlängert 6 , so wirkt das Schauen des eigenen 
Auges kräftigend auf die Sehkraft. Eine Handschrift aus dem 
Jahre 1574 gibt in Folgendem die Formel der Spiegelweihe am 
Aschermittwoch: „Omnipotens sempiterne deus, benedicere digneris 
hoc speculum, ut qui cumque fidelium hoc speculum inspexerit et 
tuum nomen sanctum invocaverit in his verbis sanctis spem habuerit 
et in te firmiter crediderit, ab omnio malo et dolore oculorum et 
caecitate eorum penitus liberetur et a tentatione diaboli absol- 



1 R. Taylor: Te ika a Maui. 1885. 352. 

3 H. Schurtz: Das Augenornament. 1895. 19. 

3 Virchov: Zeitschrift für Ethnologie 1886. (209). 

* Vgl. W u n d t : Völkerpsychologie II. 2. 1906. 10. Organseele. Ferner 
hinsichtlich der symbolischen Bedeutung des Augenornamentes : C. Lumholz: 
Symbolism of the Hiuchol Indians. Am. Mus. Nat. Hist. III. 1900. 154—160. 

8 I. Shakespear: Customs at Death among the Manipuris. Folk- 
Lore. 1912. 463. Auch den Fuß kann Übel treffen; hier ist das Talioprinzip 
entscheidend. 

6 Crawl y: The Idea of the Soul. 1909. 198 



222 

Spiegelizauber. 

vatur Etc.« K Ähnlich heißt es in der Mediana Salernitana „Föns 
speculum gramen, haec dant oculis releuamen«. Der Kommentar 
erwähnt, daß Alexander der Große, den Rat Aristotelis befolgend 
viel in den Spiegel schaute, um seine Sehnerven zu starken». Ist 
die Seele dem Ebenbilde gleichwertig, so ist es natürlich, daß sie 
versc h ™lt em dasEb -bildper Z ipierenden Organ, mit dem Auge! 



Die Handschrift li'i? p klChUch * a B enedik«onen in, Mittelalter 1909. I. 469. 

lieh "rauf dl Geh ? T Z ^ g6nde W " bdgefügt und enthäIt wahrschein- 
d e auf dem Gebiete des Krakauer Bistums benützte Formel 
Franz: Eb. da. II. 492. 



VIII. Die Himmelskörper und der Spiegel. 

Die Gleichung Rundspiegel = Sonne, eines der wichtigsten Kodexe n^m 
Ergebnisse der Darlegungen von Dr. Meszäros *, ist gleich den So ™ e i ^ mid " 
meisten Vorstellungen der Völkerpsychologie der verdichtete Aus- Di dJ e sön!e lgt 
druck von miteinander parallel laufenden oder einander kreuzen- 
den Assoziationsreihen. Unter diesen Zusammenhängen ist der 
wichtigste die Affinität zwischen der Seele und der Sonne, deren 
Bedeutung wir mit einigen Worten beleuchten müssen. Die ost- 
westliche Richtung des Grabes ist in diesem Sinne schon heran- 
gezogen worden, so daß eine neuerliche eingehende Behandlung 
überflüßig erscheint. Was die Orientierung bloß andeutet 2 , kommt 
anderswo wörtlich zum Ausdruck, nämlich, daß die Seele dem 
Lauf der Sonne folgt. Die Dajaken zeigen in ihren Bestat- 
tungszeremonien der Seele den Weg, der zur Sonne führt 3 . In 
Mangaia begräbt man die Toten mit den nach Sonnenuntergang 
gestreckten Füßen, denn es bildet die größte Wonne der Seele, 
dem Lauf der Sonne zu folgen 4 . Die Seelen sammeln sich um 
die Zeit der sommerlichen und winterlichen Sonnenwenden, der 



1 Vgl. Meszäros: Der ungarische Rundspiegel. Neprajzi Ertesitö. 1914. 

2 Vgl. hierüber E. B. Tylor: Primitive Cultur. 1903. II. 422. Kraijt: 
Het Animisme in den Indischen Archipel. 1906. 370. Monsig. D. R. Salvador 
Memorie storiche dell'Australia. 1851. 360. Weule; Wissenschaftliche Ergeb- 
nisse ethn. Forschungsreisen in den Südosten Deutsch-Ostafrikas (Erg.-Heft 1. 
Mitt. aus den Deutschen Schutzgebieten) 1908. 100. Schneider: Die Religion 
der afrikanischen Naturvölker. 1891. 258. Jankö: Kalotaszeg magyar nepe (Das 
ungarische Volk von Kalotaszeg) 1892. 164. W. Westgarth: Australia Felix. 
1848. 139. Le Souef: Wild Life in Australia 1. 398. ■ 

3 F. Grabowsky: Dajakische Sitten und religiöse Gebräuche. Globus. 
XLII. 44. 

4 W. W. Olli: Myths and Songs from the South Pacific. 1876. 156. 



224 



Spiegelzauber. 



Sonne ihren Gruß zu bieten 1 . In Anaitum springen die Seelen 
am Westende der Insel ins Meer 2 und auch in Upolu befand sich 
ein solcher „Sprungstein" für die Seelen, von wo aus sie nach der 
im Westen befindlichen anderen Welt gelangten 3 , während man in 
Erromanga, offenbar in Verfolgung des nächtlichen Weges der Sonne, 
sich die andere Welt als im Osten liegend vorstellte 4 . Ebenso 
folgt dem Lauf der Sonne die Seele auf den Salomoinseln 5 
und nach mexikanischem Mythos wird die Sonne bis zur Mittags- 
stunde von den Seelen der in der Schlacht gefallenen Helden 
begleitet, nachmittags aber von denen der Frauen, welche im Kindbett 
verstorben sind 6 . In Australien folgt, dem bei den Jajaurung 
und den Coorong herrschenden Glauben gemäß, die Seele auf 
ihrem Weg der Bahn der untergehenden Sonne 7 und die Kulin 
betrachten die Strahlen der untergehenden Sonne als die Straße, 
auf der die Seele in die andere Welt gelangt. Nach dem Glauben 
anderer wieder wird diese Straße von den Seelen der vor längerer 
Zeit Verstorbenen gebildet 8 . Die Narrinyeri glauben, Nurundure 
führe die Seelen in ihr Paradies jenseits des Meeres am Westende 
der Welt 9 , oder auch, daß die Seelen zu dem am westlichen 
Horizont wohnenden Nurundure in der Weise gelangen, daß sie 
in das Wasser untertauchend einem großen Feuer ausweichen 10 ; 



1 Gill: Ebda. 157—160. 

2 A. Bastian: Der Papua des dunkeln Inselreichs. 1885. 259. 

3 G. Turner: Samoa a hundred years ago. 1884. 257. 

4 D. S.: Ebda. 330. Vgl. Schirren: Die Wandersagen der Neuseeländer 
und der Manimythos. 1856. 149. 

5 M. E c k a r d t : Die Salomo-Insel. Globus 1881. XXXIX. 376. 

6 E. S e 1 e r : Gesammelte Abhandlungen zur Amerikanischen Sprach- und 
Altertumskunde. 1908. III. 136. V. 1915. 190. 

7 A. W. Ho Witt: The Native Tribes of South East Australia. 1904. 440. 
W. Stanbridge: Some Particulars of the General Characteristics, Astronomy 
and Mythology of the Tribes in the Central Part of Victoria. Transactions of 
the Ethnological Societi I. 1861. 299. 

8 Ho Witt: Native Tribes. 1904. 438. 

9 E. Eylmann: Die Eingeborenen der Kolonie Südaustralien. 1908.189- 
10 G. Taplin: The Narrinyeri 1878. 58. 



Die Himroelslkiörp'en unidl der Spiegel. 



225 



sie müssen also der ins Wasser tauchenden Sonne folgen und 
das Feuer der Sonnenstrahlen passieren 1 . Die diesen Stämmen 
nah verwandten Eingeborenen von Port Lincoln aber glauben, 
die Seele werde durch einen rotschnabeligen Vogel nach der im 
Osten oder Westen liegenden Insel der anderen Welt geführt 2 . 
Auf den Inseln der Torres-Straße nennt man das Land der Seelen 
Kibu d. h. Sonnenuntergang 3 . Bei den westlichen Insulanern 
taucht die Seele vom westlichen Punkte der Insel ins Meer, um 
Beig, das Jenseits unterhalb der Meeresfläche, zu erreichen und 
von der untergehenden Sonne sagt man, „sie tauche unter, um 
nach Beig zu gehen" 4 . In Maram in Hinterindien darf man die 
Häuser nicht in westlicher Richtung bauen, denn das ist die 
Bahn der Seelen 5 . Die an den Ufern des Thompson wohnenden 
Indianer 6 , die Shuswap 7 und die Lillooet verlegen ihr Jenseits 
in die Gegend des Sonnenunterganges 8 und bei dem Stamm der 
Quinault führt die Bahn der Seelen durch eine brennende 
Prairie 9 . In Egypten jubeln die Toten, wenn Ra (der Sonnengott) 
in seiner Barke an ihren Höhlen vorbeifährt: „sie heben ihre 
Arme und preisen ihn und sagen ihm alle ihre Wünsche . . . Ihre 
Augen öffnen sich wieder bei seinem Anblick und ihr Herz 



1 Zum Feuer vgl. die Eschatologie des am Loddon hausenden Stammes. 
Günther: Report on the Australian Languages and Traditions. Journ. Anthr. 
II. 1872. 278. Die Jajaurung (vgl. weiter oben) wohnen am oberen Lauf des 
Loddon. 

2 Ch. Wilhelmi: Manners and Customs of the Australian Natives. 
Melbourne 1862. (Royal Societies Transactions) 28,29. Eylmann : Die Ein- 
geborenen der Kolonie Südaustralien. 1908. 189. 

3 A. C. H a d d o n : Reports of the Cambridge Anthropological Expedition 
to Torres Straits. 1904. V. 355, 356. 

4 H a d d o n : Repports. VI. 252. 

5 F. C. Hodson; The Naga Tribes of Manipur. 1911. 43. 

6 T e i t : The Thompson Indians of British Columbia. Jesup North Pacific 
Expedition. I. 312. 

7 D. s. : The Shuswap. Jesup N. P. E. Vol. II. 600. 

8 D. s. : The Lillooet Indians. Ebda. Vol. II. 1900. 276. 

9 Farrand and Kahnweiler: Traditions of the Quinault. Jesup 
N. P. E. Vol. II. Part. 3. 100. 



Spiegelzauber. 



15 



226 



Spiegelzauber. 



jauchzt, wenn sie ihn sehen". Die Toten fassen den Strick am 
Vorderteil des Schiffes und ziehen es fort, wie man auf Erden 
die Nilschiffe bei schlechtem Wetter zieht \ Auch die Rumänen 
scheinen die Sonne für den Psychopompos zu halten, der die 
Jenseitsfahrt der Seele leitet; ihrem Glauben gemäß muß man 
nämlich das Leichenbegängnis vornehmen, wenn die Sonne im 
Sinken ist, denn wenn die Sonne im Aufgehen ist, kann die 
Seele sich leicht verirren und in die Macht der Hexen und bösen 
Geister geraten 2 . 

aJ D s e ereto der Wenn wir nach alledem die Fra ge aufwerfen, weshalb die Seelen 

St ionnen! n ' dem Lauf der S° nne folgen, stoßen wir außer auf den durch 
Untergang, die sichtbare Sonnenbahn bewirkten Eindruck 3 oder richtiger 
gesagt hinter demselben, noch auf andere Komplexe. Es ist wohl 
wahr, daß der primitive Mensch das abendliche Verschwinden 
der Sonne als Tod apperzipiert, aber daraus folgt an sich noch 
nicht, daß auch die menschliche Seele die von der Sonne be- 
schriebene Richtung einschlagen müsse. Wir nähern uns dem 
richtigen Verständnis, wenn wir uns darauf berufen, daß die 
Seele dem Weg des ersten Toten, des Urvaters der 
Menschheit, folgt, dessen Tod jedem folgenden Tod als 
Vorbild und Begründung gedient hat. Nach dem Glauben der 
Westaustralier gab es im Anfang „Wallynyup" den Vater und 
„Dovanyup" die Mutter und deren Sohn Bindiwor. Bindiwor 
erhielt eine Wunde am Fuße und so sehr man auch trachtete, 
man konnte ihn nicht heilen. Er starb, blieb aber nicht in seinem 
Grabe, sondern ging nach Westen in das Reich der Geister. 
Nach ihm starben auch seine Eltern und. wenn Bindiwor nicht 



1 A. Erman: Die Ägyptische Religion. 1909. 11, 12. E. A. Wallis 
B u d g e : Egyptian Ideas of the Future Life. 1900. 114. Vgl. noch E. M a h 1 e r : 
A halhatatlansägban valö hitaz ökori keleti nepeknel (Der Unsterblichkeits- 
glaube im alten Orient). Ethn. 1908. I. 

J G. Moldovän: A magyarorszägi romänok (Die ungarländischen 
Rumänen). 1913. 198. Vgl. zum ganzen Abschnitt L. F r o b e n i u s : Die Welt- 
anschauung der Naturvölker. 1898. 134. 

3 Tylor: Primitive Culture. JI. 48. 



Die Himmdsik&rp-eri und] der Spiegel. 



227 



gestorben wäre, so wäre die Menschheit nicht sterblich 1 . Ein 
solcher erster Toter ist auch Nurundure bei den Narrinyern, der 
im Wasser untertauchend dem großen Feuer ausweicht und so 
in die andere Welt gelangt, wohin ihm die Seelen auf demselben 
Wege folgen 2 . Den „solarsten" aller Heroengestalten Ozeaniens 
Maui, erdrückt seine Urmutter Hine-nui-tepo (Große-Urmutter- 
Nacht) zwischen den Schenkeln, deshalb ist auch der Mensch 
sterblich 3 . Und der erste Sterbliche der Veda ist Yama, Sohn 
des Vivasvant, den die spätere Zeit, einschließlich der Brahmanas, 
mit großer Übereinstimmung als Sonnengott erklärt 4 und der 
in einigen Versionen gleichfalls die Rolle des ersten Menschen 
innehat 5 . 

Nach diesen Ausführungen dürfte der Leser wohl annehmen, Die Somie a| » 
daß es sich hier um eine Wiederbelebung der solaren Abart der Austral- 
mythologie handle. Nichts liegt uns ferner. Unsere Auffassung ist der 
astralmythologischen gerade entgegengesetzt, denn selbst wenn wir 
einen Heros „solar" nennen, denken wir nicht an eine 
Anthropomorphisierung der Sonne, sondern an 
die .Solarisierung des Menschen. Es liegt in der Natur 
der Sache, daß dem Menschen als Ausgangspunkt jeder geistigen 
Tätigkeit nur sein eigenes Ich dienen kann: Grundthema alles 
Mythischen ist ein inneres, psychisches Ereignis. Darauf folgt 
allerdings oft eine Periode der sekundären Bearbeitung, die etwa 



1 Günther: Report on Australian Languages. Journal of the Anthro- 
pological Institute. II. 276. E. W. L a n d o r : The Bushman. 1847. 209. 

2 I. D. W o o d s : The Native Tribes of South Australia. 1879. H. E. A. 
Meyer: Manners and Custoras of the Aborigines of the Encounter Bay Tribe. 
202. Taplin: The Narrinyeri. 1878. 58. 

3 Grey: Polynesian Mythology. 1855. 56, 57. Schirren: Die Wander- 
sagen der Neuseeländer und der Mauimythos. 1856. 34 W. D. Westervelt: 
Legends of Maui. 1910. 134, 135. 

4 A. Hillebrandt: Vedische Mythologie I. 1891. 479. 

5 A. Hillebrandt: Eb. da. 474-513. Oldenberg: Die Religion 
des Veda. 1894. 532. E. H. Meyer: Indogermanische Mythen. 1883. I. 212. 
L. Scherman: Materialien zur Geschichte der Indischen Visionsliteratur. 
1892. pa. A. Lang: Modern Mythology. 1897. 191. 

15* 



^28 Spiegelzauber, 

vom Vorbewußten ausgehend, das komplexbetonteMaterial durch eine 
Angleichung an Naturerscheinungen zu verdunkeln und durch 
die Introjektion der Naturphänomene in seinem affektiven Inhalt 
zu verdünnen trachtet 1 . Diese Bearbeitung läßt natürlich am 
Mythos erkennbare Spuren zurück, die häufig auch für die 
Struktur der ersten Schichte als Fingerzeig dienen. Man muß 
aber noch eine andere Schichte abschälen, bevor man den Kern 
des Mythos erreicht, nämlich die Übertragung vom Individuellen 
in das Kollektive. Wenn also der Mythos vom ersten Menschen, 
vom ersten Toten spricht, so kann dies vom Standpunkt des 
Individuums kein anderer als der Vater sein, und wenn wir auch 
die Motive des westlich gerichteten Lebenslaufes, des Feuers, 
der Abstammung von der Nacht oder gar von der Sonne selbst 
anführen, so halten wir dennoch daran fest, daß der Mythos 
allerdings von jenem spricht, der für das Kind der erste der 
Menschen, für den Sohn der erste der Toten ist, — vom Vater, 
nur daß seine Gestalt in einem solaren Mantel verhüllt wird 3 . 
Die Solarisation geht noch weiter, wenn der Mythos geradezu 
heraussagt, die Sonne sei der erste Mensch gewesen. 
Die Bewohner der Rarau-Inseln sagen, sie stammen von der 



1 Vgl. Rank: Das Inzest-Motiv. 1912. 446. D. s. : Der Mythus von der 
Geburt des Helden. 1909. 9. Rank stellt das Verhältnis zwischen „menschlich" 
und .astral" ins richtige Licht, hingegen kann ich den Versuch Silberers, die 
unabhängige Bedeutung der Naturmythologie zu retten, nicht billigen. Siehe 
S i 1 b e r e r : Probleme der Mystik und ihrer Symbolik. 1914. 207. 

2 Nicht nur im Ritus (Vgl. etwa J. W. Fewkes: Hopi Kateinas. 
XXI. Report of the Bureau of Am. Ethn. 1903. 24, 26, 68 etc.), auch im Mythos 
maskiert sich der Mensch als Sonne, und wenn der Träger der Sonne 
nach Hause kehrt, so läßt er die Sonne draußen, an einem Stock befestigt. 
F. Boas: Indianische Sagen von der nord-paeifischen Küste Amerikes. 
1895. 15. Söderblom betont mit Recht, daß die „Urheber" (die „All-father" 
Gestalten bei Howitt. Siehe Ho Witt: The Nature Triebes of South East 
Australia. 1904) nur sekundär solarisiert werden. (N. Söderblom: Das 
Werden des Gottesglaubens. 1916. pa.) Man muß diesen Gedanken bloß 
individualpsychologisch fassen, dann haben wir des Rätsels Lösung in den 
Händen. 



Die Himmieilslkärper unldi der Spiegel. 



229 



Sonne ab 1 . Nach dem Glauben der Alfuren von Celebes war 
Rarang (Sonnenhitze) der erste Mensch, dem man deshalb diesen 
Namen gegeben, weil ihm die glühende Sonne das Leben geschenkt 
hat 2 . Die Ahnen der Bakairi sind Keri und Käme, d. h. Sonne undMond 3 . 
Tiri, der Ahnherr der Yurukare, verschwindet, feurige Pfeile ab- 
schießend, im westlichen Horizont 4 . Der erste Yuchi war Sohn 
der Sonne und die Yuchi halten sich für das Volk der Sonne. 
Die Yuchi von dunklerer Hautfarbe sind unmittelbare Söhne der 
Sonne und wenn so ein dunkelhäutiger Yuchi stirbt, wendet die 
Sonne ihr Gesicht ab, es gibt dann eine Sonnenfinsternis 5 . Ein 
Geschlecht der Nimkish stammt von Tla-'lamin ab, der früher 
neben der Sonne und dem Himmel gelebt hat. Dieser stieg mit 
seinem Hause auf die Erde herab. Wolken bildeten das Dach 
seines Hauses und über ihnen strahlte die Sonne. Tla-'lamin trug 
einen großen Hut 6 und einen Mantel aus Sonnenstrahlen 7 . Walasne 
mokois (der große Einzige) steigt in der Kwakiutl-Sage von der 
Sonne auf die Erde herab 8 . Die Huichol nennen die Sonne Tayan, 
d. h. „Unser Vater" 9 . Bei den Bellacoola heißt die Sonne Ta'atä 
(„Unser Vater") und nur an ihm, von allen ihren Mythengestalten, 



1 Schirren: Die Wandersagen der Neuseeländer. 1856. 151. 

2 P. W. Schmidt: Grundlinien einer Vergleichung der Religionen und 
Mythologien der austronesischen Völker. 1910. (Denkschriften Akademie der 
Wiss. in Wien) 62. 

3 K. von den Steinen: Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens. 
1897. 321, 322. 

4 P. Ehrenreich: Die Mythen und Legenden der südamerikanischen 
Urvölker. 1905. 42. 

5 F. G. Speck: Ethnology of the Yuchi Indians. (Univ. Penns. Anthro. 
Publ. I. 1.) 1909. 107. 

6 Vielleicht als Penissymbol zu deuten. 

7 F. B o a s : Indianische Sagen von der nordpazifischen Küste Amerikas. 
1895. 145. 

8 D. s. Ebda. 166. 

9 C. Lumholz: Symbolism of the Huichol Indians. (Mem. Am. Mus. 
Nat. Hist. III.) 1900. 11. P r e u ß : Die Nayaritexpedition I. 1912. S. LVI. 



230 « ■ , *. 

Spiegelzauber. 

werden Gebete gerichtet». In Neuseeland gelten die leuchtenden 
bpiralstrahlen (heliocometes) der Sonne als die letzten Blicke 
dahingegangener Häuptlinge, welche sie auf die Stätte ihrer 
Geburt werfen 2 . 

tade!Ä d Wenn wir nun die Sonne als Symbol des verstorbenen Vaters 

betrachten, bereitet uns die Deutung der folgenden bulgarischen 
Gebrauche keine Schwierigkeiten: Wer am St. Johannestage in 
der Sonne seinen Schatten ohne Kopf sieht, wird noch im 

frütlJ V ben3 '. A ? 6 - JäMer (Ivansta ^ steht i ede ™ann 
frühzeitig auf, um sein Gesicht in der Sonne zu sehen. Wer in 

der Sonne seinen ganzen Körper sieht, dem wird in diesem Jahre 

kein Unheil zustoßen, wer sich in der Sonne ohne Kopf sieht 

wird noch im selben Jahre sterben*. Im westlichen Teile von 

Viktoria glauben die Eingeborenen, daß der Mensch vor seinem 

Tode, aber auch nur dann, sein Ebenbild sieht. Wenn er am Biß 

einer Schlange sterben muß, so sieht er sein Ebenbild in der 

Form eines Emu in der Sonne«. Wer also sein Ebenbild in der 

Nat mft' n°i a S Q«?o ^ yth0l °, gy ° f the Bella Coola Indlans - Mem - Am - ****■ 

face FatJ !w« Bf fP leIsweise .Take kare of us Father", „Wipe your 

'Sl k bte J?f ^^ b M fak Weather> Ja ' lEp - E ' Iem der Ahnhe " des Lk. 
FeuJru„d, P h tP l ef ^ Utter - Die Me ^hen hatten damals „och kein 

Feuer und lebten wie im Traum e. (Intrauterin leben!) Als die Sonne das 
sah, hatte sie Mitleid mit ihm und stieg vom Himmel herab in der Gestalt ein 
f«Z\?ZY ab , H m d3S Fem (d - h - die Ze «*raft). D- erwaS e aS 

Feue" SSSÜfl ZUm Wirkll " Chen Lebe "- ( °- h - WUrde S eboren -) D» Motiv 
„reuer geben eigentlich zeugen, etwas verschoben, da eine Präexistenz vor der 

sZZisllTZrr*" ° ie S ° nne UnteiWieS ih " Und -invS inäflen Kü: 
sten. (Das Kind lernt alles von seinem Vater.) Boas: Indianische Sagen. 1895. 25. 

V„I mir q 0la , ck r : Manners and Customs oftheNewZealanders. 1840. 245 
22" I SoieTh n- IT S D - Brinton: The Mythsof the New World. 1905 

3 a c? e Rdlgl0n der Eweer in Süd Togv. 1911. 244, 245 

3 A. Strauß: Die Bulgaren. 1898. 425 

ISgT.m" 11 ^ Ebda " 322 " D " ^ B ° lgär n€m ( bul g^<=her Volksglauben) 



Die Himmelskörper unld! 4er Spiegel. 



231 



Sonne sieht, ist bereits auf dem Wege in das Reich der Väter, 
der Verstorbenen, der Seelen. In den entsprechenden europäischen 
Varianten des bulgarischen Brauches finden wir an Stelle der 
Sonne den Spiegel \ und so wie die Sonne zur Seele verhält 
sich der Spiegel zum Spiegelbild. Das Spiegelbild ist die Seele 
des Individuums, die Sonne die Spiegelung des 
Vaters am Himmelsgewölbe 2 . In die Assoziations- 
reihe Sonne = Spiegel können wir als Mittel- 
glied die Seele einfügen. Dem Ahnherrn des Mikados 
übergibt Amasterasu-oho mi kami, die Sonnengöttin, Spiegel, 
Kristallkugel und Wolkenschwert als Symbole der Herrschaft 3 
und spricht: „Mein Kind, wenn du diesen Schatz-Spiegel ansiehst, 
so soll es so sein, als ob du mich ansähest. Laß ihn mit dir 
auf derselben Lage und in derselben Halle sein und betrachte 
ihn als einen heiligen Spiegel" 4 . Nach einer anderen Variante über- 
gibt sie den Edelstein als Symbol der weiblichen Seele, das Schwert 
als Symbol der Mannesseele und den Spiegel als Symbol der eigenen 
Seele, indem sie sagt: „Betrachte den Spiegel als meine Seele und 
behüte ihn in deinem Hause und in deinem Zimmer, wo du dich 
aufhältst und ehre ihn so, als ob ich es selbst wäre. Meine Seele 
ist die Wahrheit und wenn du in diesem Spiegel schaust, wirst 
du die Wahrheit sehen" B . 



1 (Oder Wasserspiegel.) Vgl. die angeführten Beispiele unter Liebes- 
orakel. 

8 Wo die Sonne in der Sprache oder im Volksglauben weiblichen 
Geschlechtes ist, symbolisiert sie im Mythos vielleicht die Mutter; vgl. über 
Amaterasu als Urmutter des Mikado im Text. 

5 D. Brauns: Japanische Märchen und Sagen. 1885. 134. 

4 K. Florenz: Japanische Mythologie. (Suppl. 1. Mitteilungen der 
Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens) 1901. 199, 200. 
Vgl. „In one myth the Sun-Goddess in handing over the divine mirror to Ni- 
nigi enjoins on him to regard it as her mitama (spirit) and in another 
Version of the story to look upon it as herseif". W. G. A s t o n : Shinto. 1905. 31. 

5 H. v. Wislocki: Vom wandernden Zigeunervolke. 1890. 219, zitiert 
nach Bosquet. Vgl. über die Hinüberleitung der Seele des Verstorbenen 
iji die Ahnentafel oder das Tamashiro, in der Regel ein Metallspiegel oder Edel- 
stein. H. Haas: Religion der Japaner. A. R. W. 1914. 267. (Bericht). 



Spiegelzauber. 

Ääefam Ein Glied der komplexen psychischen Kette, das von der Spiegel- 

gÄt bildseele zur Apperzeption der Himmelskörper als Spiegel führt, 
bildet die Anschauung der Himmelskörper als Augen (also Seelen' 
Spiegel) der Götter oder der Toten. Nach dem Tode Mauis ver- 
wandelt sich dessen rechtes Auge in die Sonne, das Auge seines 
Bruders Toaki in den Mond \ Derselbe Heros tötet seine Kinder 
und verwandelt deren Augen in den Morgen- und in den Abend- 
stern 2 . Desgleichen verwandeln sich in Neuseeland die Augen 
der großen Häuptlinge in Sterne *. In Mangaia ist die Sonne das 
rechte Auge Avateas (Noon-Day), sein linkes Auge ist der Mond* 
Der Morgenstern ist das Auge Tanes, die Plejaden nennen sie 
Mata-riki, d. h. Augen der kleinen Kinder. In einer Bilgulasage 
klettert der Sonnensohn an den Augenwimpern seines Vaters, den 
Sonnenstrahlen, in den Himmel 5 . Nach Anschauung der Tlinkit sind 
Sonne und Mond die Augen des Himmels 6 . Die Pangwe halten 
die Mondflecken für die Augen des Mondes 7 . In Ägypten ent- 
wickelte sich aus dem mythischen Urbild von den Augen des Ra 
(= Sonne) und des Horus (= Mond) ein ganzer komplizierter Sagen- 
kreis \ In der Rigveda ist die Sonne das Auge des Mitra und der 
Varuna und eine der Hymnen handelt von dem allsehenden Auge 
der Sonne 9 . Laut armenischer Sage hat die Sonnenmutter ein 
goldenes G ewand und ihre Augen glänzen wie Sonnenstrahlen. 

1 I. P o 1 a c k : Manners and Customs of the New Zealanders 1840. 16. 

2 E. Schirren: Die Wandersagen der Neuseeländer und der Maui- 
mythos. 1856. 88. 

3 I. Th. Townsend: Rambles and Observations in New South Wales. 
1849. 115. 

4 W. W. Gill: Myths and Songs from the Sout Pacific. 1876. 43. 44. 

5 Boas: Indianische Sagen. 1895. 246. 

6 F. B o a s: Indianische Sagen von der Nordpazifischen Küste Amerikas, 
xöyo. öA\) w 

7 G. T e ß m a n n : Die Pangwe. 1913. 43. 

8 K. Sethe: Zur altägyptischen Sage vom Sonnenauge, das in der 
Fremde war. 1912. (Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde 
Ägyptens V. 3.) 

9 C r o o k e : The Populär Religion and Folk-Lore of Northern India 1896 
I. 12. Oldenburg: Die Religion des Veda. 1894. 48. 189. 241. 



r 



Die Himmelskörper uxud der Spiegel. 233 

Ein Jäger Namens „Sonnenknabe" wollte mit seinem Pfeil die 
„Sonnenstirn" treffen, er erhält aber von der Sonne einen flam- 
menden Streich auf Gesicht und Auge 1 . In einem ruthenischen 
Märchen begegnet der Wanderer, der das Ende der Welt sucht, 
um zu sehen wie schön die Sonne untergeht, einem blinden 
Mädchen, welches erblindete, weil es sich Samstag bei Sonnen- 
untergang wusch und mit dem Spülwasser die Augen der Sonne be- 
schüttete 2 . In der Avesta ist die Sonne das Auge des Ahura Mazdas 3 . 
Den Hellenen gilt die Sonne, wie den arischen Völkern Asiens, 
als das allsehende Auge der Welt. Vor den Mauern Ilions 
ruft Atreus Sohn Agamemnon die Götter zu Zeugen des Eides 
„Herrscher von Ida's Höh'n, ruhmwürdiger, großer Kronion, 
Helios du, der alles vernimmt und alles umher schaut" 4 . Wenn 
in Agu jemand einen Schwur leistet, sagt er, die Hand gegen 
die Sonne streckend: „Die Sonne sieht meine Gedanken, sie 
sieht, was unter meinem Fuße und das, was in meinem Herzen 
ist. Sie ist mein Vater und wenn ich das getan habe, wessen ich bezich- 
tigt bin, so möge sie kommen und mich töten" 8 . In der Oberpfalz 
glaubt man, daß sich in der Sonne ein Auge befindet, welches auf die 



1 M. Abeghian; Der armenische Volksglaube. 1899. 44. 45. Der Jäger 
ist der Sohn der Sonne. Die Deutung der Sage vom Schuß auf die Sonne liegt 
nach alledem auf der Hand. Zu dem armenischen Märchen vgl. noch J o a n i s- 
siary-Chalatianz: Märchen und Sagen. XXXV. 1. (Armenische Biblio- 
thek. IV.) 

2 Polivka: (ex Etnografifcnyi Zbirnik I. 1895.) Zeitschrift für öster- 
reichische Volkskunde. 11.221. Zu dem Märchentypus vgl. Bolte-Polävka: 
Anmerkungen zu den K. u. H. M. I. 1913. 276—293. A. Aarne: Der reiche 
Mann und sein Schwiegersohn. F. F. Communications. No. 23. 1916. Die Wot- 
jaken pflegen, zur Beseitigung des Augenleidens der Mutter, der Sonne eine 
weiße Ente zu opfern. W a s i 1 j e w : Übersicht über die heidnischen Gebräuche, 
Aberglauben und Religion der Wotjaken. Mem. S. F. ou. XVIII. 1902. 72. 

3 F. Wolf f: Avesta 1910. 7. 15. Yasna. 1. 11. 3. 13. 

4 Ilias III. 277. (Übersetzung von Donner: Langenscheidtsche Biblio- 
thek, Bd. 14. S. 57.) Vgl. Rapp: Helios. Roschers Lexikon. I. 2021. Wein- 
reich: Helios, Augen heilend. Hessische Blätter für Volkskunde. VIII. 168 bis 
173. O. G r u p p e: Griechische Mythologie und Religionsgeschichte. 1. 1906. 380. 

6 J. Spieth: Die Religion der Eweer in Süd-Toyo. 1911. 51. 



n 



234 

Spiegelzauber. 



Erde schaut und alle irdischen Dinge sieht. Von diesem Auge nehmen 
*P-q» I äeht seinen Vater, de» «Joch. ^besuchen A™ 



Sonnen- und 



1 Schönwerth 



Deutsche ÄJ^ 585 6 f ? ^ £ ^ Vgl "* Gri — 

1997. Weinhold Helios i L£ 7 P ~ "^ R ° SCherS Lexikon - *• 

Seligmann: Der böse BH<* Sio I S 2"^ e „ *■«»■ V* 188. 

pologie der Naturvölker V 242 E B Tvl" o *" Gerland = Anthro- 

350,351. I. Goldziher DerMvthr!; / ,/' fT*^ CuIture - 1903 - *■ 
F S w <?.», ? „ Mythos bei den Hebräern 187ß 194. 10c 




Die Himmelskörper unld 1 der Spiegel. 235 

Wege bemerkt er, wie ein Stück Kristall in eine Quelle fällt. 
In dem Kristall sieht er einen Mann, der wie ein Inca angezogen 
ist. Schlangen winden sich um seine Arme, Sonnenstrahlen um- 
geben sein Haupt. Jupanqui will die Flucht ergreifen, doch aus 
der Quelle ertönt eine Stimme, welche ihm Mut zuspricht, „komm 
mein Sohn, fürchte dich nicht, denn ich bin die Sonne, dein 
Vater." Die Erscheinung verschwindet, aber den Kristall behält 
der Inca als Unterpfand des schützenden Sonnengottes 1 . Kom- 
plizierter, aber nicht minder lehrreich ist die Gestalt des Tezcat- 
lipoca. Der Name bedeutet einen rauchenden Spiegel. Die Az- 
teken pflegten einen runden, geschliffenen Obsidianspiegel zu 
benützen und einen gewissen schwarzen Obsidianstein, aus 
welchem man häufig die Bilder des Gottes anfertigte, nannte 
man tezcapoctli, d. h. „rauchender Spiegelstein" 2 . Brinton, der 
dieses erwähnt, weist in seiner veralteten, naturmythologischen 
Theorie befangen, die daraus von selbst sich ergebende Erklä- 
rung zurück. Nach Payne mochten solche Gottheiten ursprüng- 
lich in jenen Obsidian -Talismanen gewohnt haben, wie sie die 
mittelamerikanischen Indianer noch heute bei sich tragen, um 
aus ihrer glänzenden Oberfläche die Zukunft zu erspähen 3 . In 
Guatemala ersieht der Schaman aus einem Spiegel krankheits- 
verursachende Zauberer 4 , in Yucatan heißt der Schaman „h'men", 



1 E. S. H a r 1 1 a n d : The Legend of Perseus. 1895. II. 14. C. R. M a r k- 
ham: Rites and Laws. 1873. 12. Im Lichte des oben Gesagten über die Vater- 
natur der solaren Gestalten dürfte es leicht verständlich sein, warum die Vision 
des göttlichen Sonnenahnen dem Inca gerade aui dem Weg zu seinem wirk- 
lichen Vater vor die Augen tritt. 

2 D. G. Brinton: American Hero Myths. 1882. 71. ex Sahagun: 
Historia. Lib. II. cap. 37. Spencer: Descriptive Sociology. Nr. 2. (R. S c h 1 e p- 
pig: Ancient Mexicans.) 1874. 38. In der aztekischen Bilderschrift ist der 
Hauch das Zeichen für Rede : also erklärt Haebler das Attribut Tezcatlipocas 
als einen „redenden Spiegel". K. Haebler: Die Religion des mittleren 
Amerika. 1899. 41. 

8 S. A. Bard: Adventures on the Mosquito Shore. 16. ex. E. I. Payne: 
History of the New World called America. 1892. I. 481. 
* S t o 1 1 : Guatemala. 1878. 83. 135. C. II. 536. 



Tezcatlipoca. 



236 

Spiegelzauber. 



nach dem Zeitworte men = wissen Fr m a ■ ■ 
weiß und der sein Wissen auch n 1 t 7 der J eni ^ der da 
Sein Hauptwerkzeug "5 der Z Im" T*** Verma ^ 
Kristall oder sonst ^in durchsicntLT sS ^ ^ Quarz " 
gangenheit und die Zukunft Der ^h SP16geIt die Ver ' 

die durchsichtigen T ie?e n 1; 2 • ^f ' Se " kt den Bli <* in 
Gegenstände, erfärt daraus wa ^r'* ^ dl ' C VerIorenen 
und wer den Fragesteller 'vZ- Jt" Abwesend en geschieht 
kaum ein Dorf f t SSeTSS * ^ In YUCatan ^ ibt es 
würde'. Wem bdm HmeinscL^n f " ma ^ ischer S ^" fehlen 
ein Menschenkop* eTSaW IT" f 01 *" 1 Zauber ^egel 
Augen und starren Zügen r wird !1 ' ^ geschlosse "en 
Mexikaner in einer Visifn oder im r St6rben ' Wenn die 

einen Totenkopf sahen nannten T < L emen Leichnam od er 
geht zur Genüge her ; o r da« If Tezcath > ca3 - Daraus 
Namen des ^chendT' S egel s S^TT* te 
Mensch im Spiegel als Vorziehen des rZ' *• aber der 
erstarrtes Ebenbild sieht faT««? h t Sm ZU Tod 

man also mit dem DoSta« r JIm ? T ^catIipoca, den 
Er erscheint den mSSSTJ ? ?T f hen iden ™eren muß. 
der Sender von Träumen und Ph f" ^ Schattens > als 
N«chttte«lDieM^«i Ph f!r ö1 ' als Geb ^er der 
Anblick eines solch Ä!?h f ^ ^ MenSCh beira 
läuft, müsse er «SrÄ , ^ ^ ri * md d « ro »- 
Erscheinung bis zum Snnl. ^ ° h WeM es ihm «klingt, die 

er alles vo'n ihr eTlange waf! "" ^"^ ZU haIt -Aonne 
_ rangen, was er sich nur wünscht«. Die Er- 

5 D. s. Ebda. 71. 
von nächtlich™ Dnnkel bedeckt ™ „S ^, """""'H"' Wwcl diese „ Mh 



Die Himmelskörper unld 1 der Spiegel. 237 



scheinung heißt nach Torquemada „Tezcatlipoca" 1 , nach Mendiata 
„Tlacatecolotl (= Eulenmensch) *. Seine Rolle als Schöpfer (er 
heißt nebenbei auch Teyocoyani = Schöpfer der Menschen) 
kann auch irgendwie mit den primitivsten Stufen seiner Evolution 
zusammenhängen ; dafür spricht zumindest, daß der heilige 
Obsidianstein der Cakchiquel, ihr nationales Orakel, in mystischem 
Zusammenhang zum Ursprung der Menschheit stand 3 . Analog 
dem irdischen Zauberer, der aus dem Spiegel weissagt, ist auch 
der Herr des Spiegels am Himmel ein Zauberer, noch dazu 
infolge der tötlichen Bedeutung des im Spiegel geschauten 
Ebenbildes, ein feindlicher, ein totbringender 4 , verderbender 
Zauberer 5 . Seinem Namen entsprechend trägt er einen spiegel- 
artigen Schild 6 , in welchem sich die Handlungen der Menschen 



sie Übles antun wollen, mit dem Schenkelknochen einer im Kindbett ver- 
storbenen Frau einschläfern und dann spurlos verschwinden". Haebler: Die 
Religion des mittleren Amerika. 1899. 40. 

1 Brinton: 1. c. 72. 

2 Spencer-Scheppig: Descriptive Sociology No. 2. Ancient Mexicans. 
1874. 38. Zur Eule vgl. R o h e i m : A halälmadär (Der Totenvogel). Ethno- 
graphia. 1913. 

3 E. S. Hartland: The Legend of Perseus. II. 17. 

1 Um sich vor Zauberern zu schützen, ließen die Azteken eine Wasser- 
schüssel mit einem Messer darin vor ihrer Türe. Kam dann der Zauberer, so 
sah er sein Ebenbild im Wasser mit einem Messer durchbohrt und dies genügte, 
um ihn in die Flucht zu jagen. B. de Sahagun: Histoire generale des choses 
de la Nouvelle Espagne. 1880. 314. ex. Frazer: Taboo. 93. Wenn die Leid- 
tragenden in China von einem Begräbnis nach Hause kommen, bringt der 
Pförtner eine mit Wasser gefüllte Schale, in dem ein Messer liegt, herbei. 
Jeder der Leidtragenden wirft nun, bevor er den Hof betritt, einen Blick in die 
Schale und wenn sich im Wasser außer seinem eigenen Antlitz noch ein 
zweites wiederspiegelt, so ist das ein Zeichen, daß ihm ein Dämon gefolgt ist. 
Dann wird das Messer am Rande des Beckens gewetzt, da die Dämonen vor 
dem Anblicke des Messers und dem Klange des Messers die Flucht ergreifen. 
W. Grube: Religion und Kultus der Chinesen. 1910. 194. 

5 K. Haebler: Die Religion des mittleren Amerikas. 1899. 40. 
L. S p e n c e : The Myths of Mexico and Peru. 1913. 66. 

6 Vgl. hinsichtlich des magischen Schildes W. Wundt: Die Kunst. 
1908. 223. 231. 



238 



Spiegelzauber. 



spiegelnd Den Spiegel trägt der Gott nicht nur in der Hand 
als Schild, sondern auch als Kopfschmuck 2 , oder an Stelle des 
hnken Fußes». Nach Herrera hielt das Götzenbild in der linken 
Hand einen aus kostbaren Federn angefertigten Fächer, dessen 
Federn hinter einer glänzenden Goldscheibe hervorschauten. Die 
Goldscheibe war derart stark poliert, daß sie als Spiegel diente 
aus welchem der Gott jede Sünde ersah*, die auf der WeU 
begangen wurde Deshalb nannte man die Welt den „Schauplatz 
GottesMn der Rechten hielt er vier Pfeile als Symbol der über 
w!u , c u aus f s P rochene n Strafe» Die Vorstellung von der 
Welt als Schauplatz Gottes verkörpert sich im Tempel Tezcatli- 
Pocas^den man, da die Wände aus lauter Spiegeln bestanden, 

r elteione S n Pe i8ß7 J fi i C ni 9, MÜUer: Geschichte de ' amerikanischen Ur- 

C41 i« !f w , . Wäre d6r Spiegel ein .»Bender". Haebler- 

l. c 41 In der chinesischen Sage hat der Höllenfürst im Westen seiner hÜ 

Tze ria -e Darin V HU ^ Skh beSpiege,n " V ° n ^sLf j" u ; "d an 

Mückchen tZt T 7 T' ^ ™ W gdan hatte ' ob er a « ch "ur ein 

voflbracM SS t ^^ Zertreten ° der aber die ^^ gute Tat 

vollbracht hatte, auch was er im dunklen Kämmerlein einsam mit sich selbs 

s g pra P ch ns 6 h "?* "" «** im Spiegd zu sehe " ™ Ä 
sprach „Das is der Sündenspiegel. Die Menschen können mich über Gut unf 

im 122 S D e ie g s e en an s niCh ?. etrÜgen -" * W J ! ^ 1 m : Chinesische Volksmälen 
1914. 122. Diesen Sp.egel kennen wir gut : wir nennen es • das Ubw 

in „J D c Lengua - Zauberer '«gen in den Ohren eine glänzende Erzscheibe 
in deren Sp.egel sie die vorbeihuschenden Schatten sehen W. Barbrooke' 
G ubb: An Unknown People in an Unknown Land. 1911 149 Vgl weite 
untenan Kopfschmuck der chinesischen Schamanen. g 

HiniJ H aeb J- er : I,C " 41 - Seler: Gesammelte Abhandlungen II. 718 III 280 

and I K r^r d6S SpiCgelS a " Stdle des linken F «ßes stecken noc h 
andere Komplexe die die Frage in der Richtung der Götter, denen em Fuß 
fehlt, sowie des Ausreißens von Fuß oder Arm weiter leiten würden Vgl 
Huragan den Einfüssigen, „Das Herz des Himmels« usw. W. Schultz* It 

iÄTÄÄJir E — as4o z ,w E ; n , 

* Vgl. weiter oben die Flecken des Spiegels als Zeichen der Sünde 

America" llL^J^Z^ "^ ° f the Vast C ° nftaent and Island « °* 
R Schein f- In 206 ' CX - S P encer: Descriptive Sociology. Nr. 2. 
K. Schlepp ig: Ancient Mexicans. 1874. 39. 



Die Himmelskörper und! der Spiegel. 



239 



das „Haus der Spiegel* nannte 1 . Was nun den Zusammenhang 
mit den Himmelserscheinungen anbelangt, so stimmt Haebler für 
die Sonne 2 , während Chavero und Seier sich an die lunare Er- 
klärung halten 3 . Tezcatlipoca zeigt seinen Gegner Quetzalcouatl 
im Spiegel sein eigenes Bild in betrunkenem Zustande 4 , was 
sicherlich die dem Spiegelzauberer zukommende Rolle ist und in 
keinerlei Weise Brinton dazu berechtigt, daß er in Quetzalcouatl 
die Sonne und in Tezcatlipoca den Spiegel der Wasserfläche 
sehe 5 . Immerhin sind astrale Zusammenhänge, wenn auch nur 
verschwommen, doch nachweisbar. Im Laufe der mythischen 
Erzählung nimmt Tezcatlipoca einmal die Gestalt der Sonne an 6 und 
er ist auf dem nächtlichen Himmel auch heute noch im Sternbild 
des Großen Bären sichtbar 7 . Er heißt auch „Yoacamaxtli" = 
Mantel der Nacht 8 . Im Kalender ist das Zeichen des Mond- 
gottes „ein Tod", gleichzeitig auch das Symbol Tezcatlipocas, 
der übrigens auch Gebieter des Kalenders ist 9 . Zu der Erklärung, 
die Seier über das Ballspiel gibt 10 , können wir noch hinzufügen, 
daß in dem Korb-Würfelspiel der Pawnee der Korb den Mond, 
die Würfel die Sterne versinnbildlichen 11 . Für die lunare Deutung 



1 Sei er: Gesammelte Schriften. II. 319. Waitz: Anthropologie der 
Naturvölker. IV. 150. 

2 Haebler: 1. c. 37. 

3 E. S e 1 e r : Einiges über die natürlichen Grundlagen mexikanischer 
Mythen. Zeitschrift für Ethnologie. 1907. 1—41. zitiert Chaverot: Historia 
de los Mexicanos por sus pinturas. Anales de Museo Nacional IL 257. 

4 Brinton: Hero Myths. 99. 

5 1. c. 105. Quetzalcouatl schaut auf seinem Wege ins Jenseits in den 
Spiegel und sagt: „Ich bin schon alt". Ebda. 114. 

6 S e 1 e r : Einiges über die natürlichen Grundlagen mexikanischer Mythen. 
Zt. f. Ethn. 1907. 40. Bri n to n : 1. c. 74. 

7 Brinton: 1. c. 75. 

8 Brinton: 1. c. 90. Anales del Museo Nacional. IL 363. 

9 S e 1 e r : Grundlagen. Zt. f. Ethn. 1907. 32. 
i° D. s. : Ebda. 1907. 7. 

11 G. A. D o r s e y : The Pawnee. Mythology Part I, (Carnegie Institution 
Nr. 59.) 1906. 44. 45. Die Würfel werden aus dem Korbe emporgeworfen. 
St. Culin : Games of the North American Indians. XXIV. Report. 1907. 99—102. 



240 c . , , 

bpiegelzauber. 



Tezcathpocas spricht aber hauptsächlich ein aus dem heutigen 
Mexiko stammender Beitrag. In der Weltanschauung der Huichol 
hat das „Sikuli« (das Symbol des mythischen Auges) eine sehr 
große Bedeutung. Nun heißt es, daß man bei der Entstehung 
der Welt den Mond Sikuli nannte, was nach dem Gewährsmann 
von Lumholtz in diesem Falle Spiegel bedeutet*. Von unserem 
Standpunkte müssen wir also nur hervorheben, daß auch bei 
Tezcathpoca das Ebenbild, die narzißtische Abspaltung, das ver- 
Korda» - t ;" me ! nde Glied zwischen dem Spiegel-Attribut und den solaren 
ÄÄ. beziehungsweise lunaren Zügen abgibt. In den esoterischen Riten 
der nordamerikanischen Prärie-Stämme spielt neben dem magi- 
schen Kristall auch die heilige Muschel die Rolle des obersten 
Mysteriums». Der Mythos der Menomini erklärte die Bedeutung 
der Muschel aus der Eigentümlichkeit, daß sie die Strahlen der 
Sonne spiegelt. In der Urzeit des Stammes hatte sich die 
Muschel aus dem großen Wasser gehoben und dem in der Fin- 
sternis dahindämmernden Ojibwa Leben und den von der Sonne 
reflektierten Glanz mitgespendet*. Auch heute noch reflektiert sie bei 
der Insel La Pointe das Sonnenlicht und gibt dem Stamme 
Leben Weisheit und Licht. Die gegenwärtig in Gebrauch stehen- 
den Muscheln sind bloß Symbole jener mythischen großen 
Muschel*. Bei den Omahe blieb von diesem Zusammenhang nur 
mehr soviel übrig, daß die Muschel die Hitze verursacht« Sie 
glaubten, daß wenn die Muschel die Erde berührt, die Welt zu- 
grunde geh en müsse, weil dann die Hitze alle Flüsse und Bäche 

Nat His C t" mMMo 1 !*; vT b ° IiS ? f the Hukho1 Indians (Mem - Am - Mus - 
i? »f., ' 1M - Vgl " noch Kunike: Sonne, Mond und Sterne im 

alten Mexiko. Zeitschrift für Ethnologie. 1911. 928. 929. 

ri„ B n VgL P x Rad , in: The RituaI and Significance of the Winnebago Medi- 
ane Dance. Journ. Am. Folk-Lore. 1911. 149-209. 

3 Vgl. oben (Boas: Sagen, 25) über das Traumleben der Urzeit und 
dessen Beendigung durch den Sonnenhelden 

Report.H9n F i e 7. tCher 3nd F " ^ Fl6SChe: The ° maha Tribe - (XXVII. 



Die Himmelskörper, und! der Spiegel. 



241 



austrocknet 1 . In alten Zeiten pflegte man die Glut in Muscheln 
aufzubewahren 2 . Im esoterischen Mythos spielt die Muschel als 
Symbol des Todes, aber auch des Lebens im Jenseits, des 
Wassers und der Geburt eine Rolle 3 . Die Mythen der Osage 
bringen sie in Zusammenhang mit dem Ursprung des Lebens 4 . 
Auf dem asiatischen Kontinent bietet Japan das bekannteste 
Beispiel der Gleichung Spiegel = Sonne, was wir im Verlauf 
unserer Ausführungen bereits angedeutet haben. Der Spiegel als 
B Shintai"(=simulacrum) der Sonnengöttin, ist auch Gegenstand 
eines selbständigen Kultus und heißt als solcher Arne kakasu no 
kami 5 . Die im Shintokult verwendeten Metallspiegel sind teils 
rund, teils achteckig 6 . Das Symbol (shintai) der Sonnengöttin 
ist ein yatakagami „oreight hand mirror probably because of 
the number of leaves or projections around it." Es wird auch 
hi-kagami (Sonnenspiegel) oder hi-gata no-kagami (Sonnen-Form- 
Spiegel) genannt 7 . In denselben Zusammenhang fügen sich die 
chinesischen Belege ein. Der Gründer der Dynastie Dschu ließ 
dreizehn Spiegel gießen ; einen ließ er in der Hauptstadt, zwölf 



' D. S. : Ebda. 455. Ähnlicherweise wird in eschatologischen Anschau- 
ungen das Ende der Welt mit dem Sturz der Sonne, mit einem Weltbrand in 
Verbindung gebracht. Vgl. R. M. Meyer: Altgermanische Reiigionsgeschichte 
1910. 444. s 

2 D. s. : Ebda. 457. 

3 D. s. : 1. c. 509. 

4 D. s. : I. c. 187. Fletcher scheint der Ansicht zu sein (ohne es deutlich 
auszusprechen), daß man die Muschel als Symbol der Vagina auffassen muß. 
Vgl. K. H a e b 1 e r : Die Religion des mittleren Amerika. 1899. 75. E. S e 1 e r : 
Die Tierbilder der mexikanischen und der Maya-Handschriften. Zeitschrift für 
Ethnologie. 1910. 281. Gruppe: Griechische Mythologie und Religions- 
geschichte. 1906. II. 1348. 1350. Nork: Ethnologisch symbolisch mytholo- 
gisches Real-Wörterbuch. 1845. III. 205. 

6 W. G. A s t o n : Shinto. 1905. 72. 

6 K. Florenz: Die japanische Mythologie. 1901. 98. 

'Aston: loc. cit. 134. Vgl. Meszäros: Der ungarische Rundspiegel 
Neprajzi Ertesitö. 1914. 9. 



Asien. 



Spiegelzauber. 



16 



242 

Spiegelzauber. . 

in den Provinzen aufstellen*. Diese Spiegel verband eine 
mystische Affinität mit dem Monde und sie fingen die vom 
Monde herabträufelnden Wassertropfen auf 2 . Einen aus dem 
ersten Jahrhundert v. Chr. stammenden Spiegel pflegte man in 
einem sternwarteartigen Gebäude zum Betrachten der Kröte im 
Monde zu benützen 3 . Die Spiegelinschriften aus der Tang-Epoche 
enthalten häufig Anspielungen auf die Sonne, den Mond und 
vergleichen den Spiegel mit diesen Himmelskörpern, besonders 
mit dem Monde 4 . Am meisten dürfte uns die folgende Beschrei- 
bung jnterressieren, die den Sonnenspiegel als einen Bestand- 
teil des Schamanenkleides in China erscheinen läßt und dadurch 
die Auffassung von Meszäros über den chinesischen Ursprung 
der Sonnenspiegel am Kleide der sibirischen Schamanen sehr" 
wahrscheinlich macht. Der Sai-Kong ist eine Abart der urchinesi- 
schen Zauberer, dem der Titel des „Meisters der Zauberei" gebürt 5 . 
Sein Sakralgewand symbolisiert das Universum, die Weltordnungi 
und bekleidet solcher Art seinen Träger mit der zur Wiederher- 
stellung der von den Dämonen angegriffenen Weltordnung not- 
wendigen Macht 6 . Die Krönung dieses Universumgewandes bildet 
das am Zopf getragene„Kim-Koan-Giong«=„Goldzipfel der Kappe« 
oder „ Kopfzipfel " genannte, trommeiförmige, etwa 5 cm hohe ver- 
goldete Holzstück, dessen eine flache Seite nach aufwärts steht. 
Die Vergoldung stellt den strahlenden Glanz des Universums, 
die mit Glasperlen ausgelegte konvexe Seite aber das sternbesäte 
Himmelsgewölbe dar. Am Ende des von der flachen Seite sich 
aufwärts erhebenden Metalldrahts ist der beiläufig guldengroße 

1 Vgl. E. Böcklen: Die „ Unglückszahl " Dreizehn. 1913. (Mytholo- 
gische Bibliothek. V. 2) und O. Weinreich: Triskaidekadenstudien (Rel 
Vorarb. u. Vers.) 1916. * 

2 R. Wilhelm; Chinesische Spiegel. Ostasiatische Zeitschrift. 1913.65. 

3 I. I. M. de Groot: The Religion System of China. Vgl. VI. Book II 
1910. 1000. 

4 W i 1 h e 1 m : Chinesische Spiegel. 1. c. 82. 83. 

5 Groot: Religionssystem VI. II. 1910. 1244. 1263. 



6 G r o o t : Ebda. 1266. 



, 



Die Himmelskörper und der Spiegel. 



243 



Rundspiegel, in vergoldetem Erzrahmen, dessen gezahnter Rand 
einem aus langen Feuerzungen bestehenden Strahlenkranz gleicht. 
Dieser Spiegel versinnbildlicht die Sonne. Er ruht 
oft auf aus Metall angefertigten Wolken 1 . In einem Märchen 
schneidet der Zauberer mit der Schere eine runde Scheibe wie einen 
Spiegel. Plötzlich leuchtet der Mond an der Wand mit einem so 
hellen Schein, daß man das kleinste Härchen sehen konnte. Ja die 
Zauberer machen auch einen Ausflug nach dem Mond, wo sie 
von den Schülern „wie ein Spiegelbild" gesehen werden 2 . Tibet 
richtet sich natürlich auch in diesem Stück nach China und Indien. 
Ein wichtiges Werkzeug für den Tibeter Kult und Magie bildet der 
„Me-long" d. h. Spiegel. Er spielt eine Rolle besonders in den Zere- 
monien der Lustration (Tui-sol) und den Gebeten um die Verlänge- 
rung des Lebens (Ts'e-grub). Jenes bezieht sich auf alle Buddhas, 
bei diesem wendet man sich an Ts'epagmed, den Buddha 
der Unsterblichkeit oder des ewigen Lebens. Im indischen Kult 
werden die Ebenbilder der Götter in duftigem Weihwasser, in 
Milch, Butter usw. gebadet ; die Buddhisten hingegen gießen das 
Weihwasser auf den Spiegel, aber sie stellen den Spiegel so auf, 
daß das auf den Altar gestellte Ebenbild Buddhas oder der Gott- 
heit sich, darin spiegeln möge. Bei der Zauberei erscheinen die 
heraufbeschworenen Dämonen oder Götter auf dem Spiegel. Wenn 
der Spiegel auf den Altar gestellt wird, versinnbildlicht er als 
Symbol der Sonne oder des Mondes die Reinheit 3 . An das 



1 D. s. Ebda. 1267. 1268. Das vom Spiegel reflektierte glitzernde Licht 
ist wohl der Ausgangspunkt der Abbildungen, in denen die Blitzgöttin mit einem 
runden Spiegel am Kopf erscheint (J. D o o 1 i 1 1 1 e : Social life of the Chinese. 
1866. II. 301), während anderseits die flache Oberfläche es nach den Prinzipien 
des Analogiezaubers als zur Besänftigung der tosenden Meereswellen geeignet 
erscheinen läßt. Aston: Shinto 1905. 218. (Der Spiegel wird in die Wellen 
geworfen, das Meer wird glatt wie ein Spiegel.) 

2 R. Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. 1914. 80, 81. 

3 L. de Milloue: Bod-Youl ou Tibet. Annales de Musee Guimet. Biblio- 
theque d'etudes XII. 1906. 257. In Indien hält man vor das Bild Visvarupas 
einen Spiegel und widmet ihm so das Eidolon der Opferspeisen. W. Cröoke: 
The Binding of a God. Folk-Lore VIII. 329. 330. 

16* 



244 Q • , U 

Spiegelzauber. 



chinesische Gebiet schließt sich anderseits Sibirien an. Bei den 
Jakuten gehören die „Sonne« und „Mond" genannten Metall- 
platten zu den wichtigsten Bestandteilen des Schamanen- 
gewandes. Man hält aber diese Metallplatten nicht für die Abbilder 
der himmlischen Sonne und des himmlischen Mondes, die man 

d!, p"- g h Ut , en l ChUtZgeiStern (aji) rechnet > sondern ^ gehören in 
das Reich der bösen Geister (abasilar), die ihre Zauberkraft den 
Schamanen verleihen. Sie sind nämlich durchlöchert und dies wird 
auf das ständige Halbdunkel im Geisterreich i (das die Schamanen 
in ihrer Ekstase aufsuchen) gedeutet». Solche Metalltonnen finden 
sich auch an den Kleidern der Schamanen bei den Jenissei-Ostjakens 
wahrend die „weisen Männer« der Ostjaken des Kondaflusses um 

sTa^rdVlodr^f 01 ^ » aMst ^ - stetes hL" 

™ die lodernde Flamme ^ Kerzen- oder Sonnenlicht kennen • 

ein Verfahren dessen Verwandtschaft mit dem Spiegelschauen nicht 

zu verkennen ist und in dem hier die Sonne an Stelle des Spiegels t ritt 

^eewiueHen Zwischen den Gebieten der asiatischen und der europäischen 

C det TV" 6 ' bdde " Territ ° rien g- e -ame Märchen- 
typen, deren Wanderung nachweisbar, deren Ursprungsort aber 

immer n,ehr oder weniger eine Streitfrage der Folkloristen bleibt. 

D e Ver tauschbarkeit von Spiegel und Sonne (Mond) im Schnee 

wittchentypus ■ ist schon mehrfach bemerkt worden •. In einer 

D Mlc%^f^h1 i f. t T^? ei f rreiCh l a " Ch " SCh0fÜSChen ^„Prozeßakten 
u jviac Kitchle: The Teshmony of Tradition 1890. III.) dürften die vhw 

KSST ^ GeiSter) ^ Üb ^^s 8 e b Me zwischen Bw ("XtdUbw 
siehe Zt7 M° a V, A ^lu kCrek fÜkÖr - N ^ praj2i Ertesftö 1914 - 12. (Quellen 

»Mis;fr OS: io C g cit h r n,smen in Norra Asien - 1912 - 80 - 81 

OugriLt a xviI la 40-4 3 n: ° StJakkeJ ' a ° PPimaSSa - J ° Urnal de la Sodet * Fi "- 

w * Zur P s y choanal y«schen Deutung des Märchens vgl. O Rank- Ein Bei 
trag zum Narzissismus. Jahrbuch. III. 1911. 406. ' 

«Berze-Nagy: Nap es tükör. (Sonne und Spiegel) Ethn i«*u «U9 



Die Himmelskörper unid! der Spiegel. 



245 



albanesischen Variante geht die Stiefmutter vor das Haus, sieht 
in die Sonne und spricht: „Sonne, ich bin schön und du bist 
schön und was um dich ist, ist schön. Gibt es jemand in der 
Welt der noch schöner wäre?" x Dieselbe Frage wird an die 
Sonne gerichtet in einer ebenfalls albanesischen 2 , zwei griechi- 
schen 3 , einer moldauischen 4 , einer aromunischen 5 , einer magy- 
arisch-siebenbürgischen 6 , einer chiotischen 7 , einer beneventi- 
schen 8 , einer bulgarischen 9 und an den Mond in einer kabylischen 
Variante 10 . Wie nun diese Substitution der Himmelskörper an 
Stelle des Spiegels stattgefunden haben mag, ist keineswegs so 
einfach zu enscheiden u . Wir dürfen nicht vergessen, daß Sonne 



1 I. G. v. H a h n : Griechische und albanesische Märchen. 1864. IL 138. 

2 A. D o z o n : Contes albanais. 1881. 2. 

3 B ö k 1 e n : Sneewittchenstudien. 1910. 42, 43. (E s t o u r n e 1 1 e s de 
C o n s t a n t : La vie de province en Grece. 1878. 260—273. E. Legrand: 
Recueil des contes populaires grecs. 1881. 129—133. 

4 L. Sainenu: Basmele Romane. 1895. 755. 

5 G. Weigand: Die Aromunen 1894. IL Nr. 126. 

6 L ä z ä r : Alsöfeher värmegye monographiäja. (Monogr. Korn. Alsöfeher) 
1899. I. Teil 2. S. 597—600. 

7 Carnoy et Nicolaides: Traditions populaires de l'Asie mineure. 
1889. Nr. 5. (ex Böklen: loc. cit. 48.) 

8 F. Corazzini: I componimenü minori della letteratura popolare 
italiana. 1877. 435. (ex Böklen: loc. cit. 35.) 

9 K. A. Sapkarev: Sbornik ot balgarski narodni umotvorenija. IL 
Abt. 1. Teil 2. 1892. 159. (ex B o 1 1 e - P o 1 i v k a: I. 457.) 

10 J. R i v i e r e: Recueil des contes populaires de la Kabylie.1882. 215—221. 

11 Die Verbreitung des Märchenzuges ist entschieden eine südosteuropäische. 
Es ist also gänzlich unbegründet, wenn Berze (loc. c. Ethn. 1914. 343) den Spuren 
Meszäros' folgend, auch hier einen Zusammenhang mit der Völkerwanderung 
vermutet. Daß der Spiegel, an dessen Stelle die Sonne tritt, gerade ein runder 
sein muß (wie man allerdings aus der Frage „Specchiu me ritunnu", worauf der 
Spiegel antwortet: „Cc'e lu Suli cc'e la Luna, Cc'e la Nfanti Margarita" und „meine 
runde Sonne", Böklen: loc. cit. 77, 72 vermuten könnte) ist nicht bewiesen; 
wollen wir aber das auch einmal annehmen, so sehe ich nicht ein, warum man 
nicht ebenso gut den runden Typus mit Stiel (etruskisch, griechisch, ägyptisch) 
annehmen soll (geogr. würde das stimmen) wie den grifflosen. (Ganz abgesehen 
davon, daß dieser auch nicht an die Völkerwanderung als Verbreitungsgebiet 
gebunden ist.) 



246 

Spiegelzanber. 



der der Sonne verglichen ? Atrf di t *)?* Schneewit tchens 
sekundären Verschme n g de He d n m t T »" ^ Art 
kommen, wozu auch rli. L ,, mit dem Hirnmeiskörper 

beiträgt/ In eTnersL-H fln ft ZW1SChen Ich und Spiegelbild 
Heldin" Sonn und S nd SC und ^^ hdßen die ^ ^ 
Hanischen werden Sonne und Mond^^ ??" ebenfal,S sizi ' 
als an Schönheit die Fügende 2w f f ?* Infantin Mar ^ ita 
möchte vermuten dafl 3 " bertreffend erwähnt*. Doch ich 
das oben ÄJÄ^ d " Ba]I -völker, wie 
grund des Motive anzufehl T? ? dle S ° nne ' als Hier- 
um den in Südosteu roDa JT "f Insbesondere wird es sich 
Brauch b^t^ZJ^^T * Eur ° Pa beze ^en 
einen Spiegel entgegen J^u£j^£™*^ 
bilden. In einem Märchen p„ c 7,1 *u , emeArtDo PP e lspiegelz U 
einen Spiegel vorweg "n ^ h | die Butter des Erotas 

Schein, Sag m ir bei deiner Auln Lieh '- wTu ^^ ait deinem 
Weib auf Erden ?« g ' WeIches lst das schönste 

VolkstauSs 2Si wifatht n ^ *" eUr0 P äisc <- 
weisen, die wir auf Z 1 J , psychischen Aktoren nach- 
bekannten 0^:l^ n ^ z ^^ aber weniger 

ptatadSS S^S 1 SÄ i Tf hd,e Gebiet > insof -- 

fischen Kosmogon e ist dies" *?**** »P^t« In den 
mogonien Ist die Sonne die Spiegelung des Urlichts, 

» d/v^vl 3 * -' SOnne ' MOndundS ^a,sSch ö nheitssy m bo,e im Märchen. 

2 B ö k 1 e n : loc. cit. 40, 41. 

3 Vgl. weiter unten. 



Die Himmelskörper und der. Spiegel. 247 

der Mond hingegen die Spiegelung der Sonne \ Lukianos, indem 
er in der „Vera historia" den Riesenspiegel im Monde beschreibt, 
parodisiert wahrscheinlich den Volksglauben. Der Spiegel verdeckt 
einen Brunnen und wer in den Brunnen hinabsteigt, hört alles, 
was auf Erden geschieht, wer aber in den Spiegel schaut, sieht 
darin die ganze Welt 2 . Der Doppelspiegel 3 ist die natürliche 
Ergänzung dieser Vorstellungen im Ritus. Pythagoras hat angeb- 
lich die Kataptromanteia in der Weise geübt, daß er auf die mit 
Blut auf die Oberfläche des Spiegels geschriebenen Buchstaben 
oder Zeichen den Mond scheinen ließ und aus den Spiegelbildern 
der Zeichen die Zukunft weissagte 4 . Die rumänischen Mädchen 
legen am Sonnabend vor Palmsonntag ihren Spiegel sowie das 
Hemd, das sie am anderen Morgen anziehen wollen, unter einen 
Birnbaum, damit in der Frühe die Sonne darauf scheinen möge. 
Spiegel und Hemd werden dann zu den Zwecken des Liebes- 
zaubers benützt 5 . Wenn sich das englische Mädchen in Yorkshire 
auf einen Stein, den sie vorher nie betreten hat, stellt, dem Voll- 
mond den Rücken dreht und in den Händen einen Spiegel hält, so 
sieht sie darin den Vollmond und außerdem „a number of smaller 
moons", deren Zahl mit der der Jahre, die das Mädchen noch ledig 
verbringt, übereinstimmt 6 . Besonders in kritischen Augenblicken 
tritt diese Doppelung des himmlischen und irdischen Spiegels 
hervor. In der Rheingegend stellen die Mädchen gelegentlich der 
Mondfinsternis einen Zuber Wasser ins Freie und schauen hinein. 
Die im Wasser nichts sieht, wird eine alte Jungfer, die aber eine 
Mannesgestalt sieht, schaut damit den zukünftigen Gatten, der sie 

1 R. Eisler: Weltenmantel und Himmelszelt. 1914 II. 656, 657, 687,692. 
Gruppe: Roschers Lexikon III. 1144. 

2 H a r 1 1 a n d : The Legend of Perseus. II. 13. 14. 

3 Vgl. weiter oben über Liebesorakel. 

4 Rubin: Geschichte des Aberglaubens. 31. M. R. Cox: An Indroduetion 
to Folk-Lore. 1897. 26. Hierüber und ähnliches Vorgehen zur Zeit Francois I. in 
Paris vgl. J. A. S. Collin de P 1 a n c y : Dictionnaire Infernal. 1818.11.72. 73. 

5 Moldovän: A magyarorszägi romänok (Die ungarländischen Rumänen) 
1913, 259. 

6 S. O. A d d y : Household Tales with other Traditional Remains. 1895. 82. 



248 

Spiegekauber. 



nach so vielen Jahren heiraten wird als Furrh™ » • 
Stirne sind 1 . rurchen auf seiner 

Als Ergänzung der positiven Riten dn nnn no i • , 
lassen wir den negativen Ritus das T«hf, A Doppelspiegels 
shire bedeutet es UnifS* - « f ° lgen - In Hereford- 

legt" oder den Neumond H "^ ^ Spiegel ins Wa ^r 
bringt es Unglück wenn m l /'"- "*"**'• In Wales 

tischen den g B ä u ffl erhTndr c h s e'ht^TnT ^ ^ «" 
demjenigen werde ein Unglück zust! '"j^T* 3 gIaubt man > 
Spiegel erblickt » Wahrsten 7^1 ' f ** NeUm ° nd im 
gezeigten Spiegel nach dem Betlt h * *S man den de *Mond 
als Drohung' a «? ^^*^? , 2^ ^ 
einen zweitenMond entgege taSts, ♦ " M ° nd m Spiegel 
der durch ein Sieb in den M ! entgyörg y wird derjenige, 

««veri^Ä^toFSSÄ erb ' nden - InJ -usale g m 
und nach de Mischna ist die T r™ Neumond z « ^hauen, 
^gültig, wenn man den Mon dufcf T g d6S Neumonds 

deutsc h r Mythi^e ^ S Überiieferu ^„ aus der Rheinprovinz. Zeitschrift für 

ros.-^Si 6 ^ 6 " ^ F ° lk - LOre0 f «-fordshire. 1912. 87. Meszä- 
| E M. Leather: Ebda. 16 

«eh des durc"^ «* Wale, 1909. 39. Hinsicht- 

Some Superstitions in the (JSST, Neumondes vgl. H. G. Shearin: 
320. T. Harley: Moon S^SStSTÜ • 1 ^ F ° lk - L0re 1M1 - 

»>°nd sieht, so,, sich nicht zwis 2 'ßäurn e stet^df ""V" den Neu " 
be atwixt your coffin boards". M. PeacTk The F S ? S0 " St ° y ° U ' J1 S00n 
Folk-Lore XII. 166. C0)t ' The Folk-Lore of Lincolnshire. 

« A Ah\° r n Z: f m f rikanisc her Aberglaube der Gegenwart iqip ao 

• s^'ä" <s ™ m "" ,g) e «" f - -• ** 



Die Himmelskörper urtd der Spiegel. 249 

und noch im selben Monat Glas brechen wird 1 , denn das Zer- 
brechen von Glas oder Spiegel ist ja nur das Symptom der Regres- 
sion a . In anderen Fällen löst der Himmelskörper den Spiegel ab, 
wie z. B. im Szegeder Hexenprozeß vom Jahre 1730. Hier gesteht 
nämlich Marianne Lörik verlorenes Vieh auffinden zu können, 
indem sie ihre Augen mit dem „Öl von weißen Eicheln" salbt 
und so „in das schwache Sonnenlicht" hineinstarrt. „Die Sonne zeigt 
es ganz genau, wo das Verlorene zu finden ist" 3 . So findet sie auch, 

1 T. Harley: Moön Lore. 1885. 217 ex R. Hunt: Populär Romances 
of the West of England. 1881. 429 ferner Bills on: County Folk-Lore. 
Leicestershire and Rutland. 1895. XII. 188. Vgl. noch Folk-Lore IV. 10. Gutch- 
County Folk-Lore II. North Riding of Yorkshire. 1901. 41. Gurdon; County' 
Folk-Lore. Suff olk: 1893. 162. Ch. Latham: West Sussex Superstitions. 
Folk-Lore Record 1878. 10. W. H e n d e r s o n : Folk-Lore of the Northern 
Counties. 1879. 114. E. R i e s s : Superstitions collected at Rifton and Woodstock, 
Ulster County, New-York, Archiv für R. W. XII. 576. 

2 Vgl. weiter oben das Zerbrechen des Spiegels. 

3 R e i z n e r: Szeged törtenete. (Geschichte von Szeged.) IV. 1900. 463,464. 
Wenn Dr. Meszäros in seiner mehrfach angeführten Arbeit einen historischen 
Zusammenhang zwischen den Formen des Spiegelglaubens in Ungarn und in 
China anzunehmen geneigt ist, so scheint er außer der runden Form auch die 
solaren Beziehungen des Komplexes zu meinen. Nun sind aber diese solaren 
Beziehungen in Europa ebenso deutlich nachweisbar wie in China. Allerdings 
ist es aber auffallend, daß das Sonnenschauen der M. Lörik ihre nächste Paral- 
lele beim ostjakischen Brudervolk der Magyaren hat (vgl. oben nach K a r j a- 
1 a i n e n), wozu man noch hinzufügen kann, daß ebenfalls bei den Ostjaken 
Zeremonien der Wasserweihe mit Spiegeln bezeugt sind. (A. E r m a n : Reise 
um die Welt. 1833. I. 680.) Wenn wir ferner in Betracht ziehen, daß die Fragen 
der Hexenrichter „Wie hast du aus Kristall, aus Glas, Spiegeln den Menschen 
(ohne Schaden) gewahrsagt?" (Reizner: Geschichte von Szeged. 1900. IV. 
390, 394, 397, 401, 403, 406, 409, 412, 415), die augenfälligerweise fremden 
Mustern nachgebildet sind (I p o 1 y i : Magyar Mythologia. 1854. 442.), stets mit 
„Nihil" beantwortet werden und nur gerade dies eine Mal die Sonnenschau der 
Lörik (und ein Zugestehen auch der Spiegelschau von derselben. R e i z n e r : 
loc. cit. IV. 464) zutage fördern, so können wir die Möglichkeit, daß wir 
hier bodenständiges Material unter den Füßen haben, dessen historische Ver- 
gangenheit vielleicht bis in die magyarlsch-ostjakische Vergangenheit reicht, 
nicht absolut leugnen. Den weiteren Schritt hingegen bis zur chinesischen Grenze, 
brauchen wir mit Meszäros nicht zu tun, denn es ist doch ganz etwas 



250 



Spiegelzauber. 



das Ebenbild in der ^ " g ! S BuI S ari en, wo statt im Soieml 
Kopfes Tod, oder durch e ^e C n lnt ^ dUrCh das ^len d" 
Unmittelbar hieher läßt sich d Un ! e / Se J rtheit Leben andeutet' 
Renten Tag nach pL ,n ml ^t ^ einreihe «-" am 
Ff eie hinaus, und we f * £ f • W0Chen) geht ffla * ins 
sieht, muß sterben. E ensö deSS ^ Sdnen Schatten «*h 
Kopf zeigt*. Nach -S^^Ä«"*» *» otae 
welcher in der Sylvestern« rht ^»Iksglauben muß derjenige 
njcht sieht, bald sLbt? te 1^* hdn se ^ Schatten 
Mondschein seinen Schatten scharf an « ' WeM jemand be- 
sieh vor nichts mehr fürchten ' In"? ' S ° Wifd er in Zuk ™<t 
dem Tode, ins Auge geschaut 'Z il J * Seinem Do PPeIgänger, 
verhüllten Spiegel US^T^^Si *? " Sferbezi i 
storbenen als parallelen riörhSi * ^ der Augen des Ver- 
J "n den Riten, die sich auf dt h i "^ Wtus - Wenn wir nun 

M»te Mgl. Zwlscto „ si°ti ,«; ,? k • r e " genann ' «* .»i S, 

"irrv^ u ™rs: Ar. °r w "- <— » 

»od Schallen » J „ ,f ': Inu So 1914. 135. Nene/efn »?; . 
•■"-?£.*'"* D " T """ -* — — de, S MsI ,ve, z,. „ v 



Die Himmelskörper unid! der Spiegel. 251 



stehen, wie hinsichtlich der Toten. Es ist gefährlich, dem Toten, 
dem Monde und der Sonne ins Auge oder Angesicht zu schauen,' 
gefährlich, ihre Spiegelbilder aufzufangen. Wenn in Särospatak 
jemand lange Zeit in den Mond schaut, wird er mondsüchtig 1 . 
In Wales erblindet der Schläfer, wenn der Mondschein sein Auge 
trifft 2 . Zur Zeit der Sonnenfinsternisse, welche bei den meisten 
Völkern für einen Todeskampf oder für den Tod des Himmelskörpers 
gehalten wird 3 , haben diese Verbote besondere Gültigkeit 4 . In 
Tiefenbach darf man während der Sonnenfinsternis nicht essen 

<«,, V^J 510 & Tärczv: Neprajzi Gyüjtemeny (Ethnographische Sammlung) 
1914. F. F. Särospatak. 168. Den Menschen, der in den Mond schaut, zieht der 
Mond ebenso zu sich, wie der Tode denjenigen, welcher in seine offen geblie- 
benen Augen schaut. 

2 Trevelyan: Folk-Lore and Folk Stories of Wales. 1909. 40. 

3 Vgl. im Allg. Lasch: Die Finsternisse in der Mythologie und im reli- 
giösen Brauch der Völker. Archiv für Religionswissenschaft III. 97. Charakteristisch 
von unserem Standpunkt ist auch, daß die Finsternisse auch den Tod der Könige 

?«ä I UP w ng f t a ^ ei , gen ; VgL A - BaStian: Insel S r "PPen in Oceanien. 
1883. 46. Waitz-Gerland: Anthropologie der Naturvölker. VI. 265 266 
Mof fat: Missionary labours and szenes in Southern Africa. 1846. 88. Bastian-' 
Indonesien III. 1885. 45. Ch. Wilkes: Narrative of the United States Exploring 
Expedition III. 1840. 362. Bastian: Die deutsche Expedition an der Loango- 
kustel875 II. 230.A. v. Je Coq: Volkskundliches aus Ost-Turkestan. (Kgl. 
Preuß. Turfanexpedition) 1916. 4. 

* Eine andere Erklärung der Finsternisse deutet sie auf einen Coitus 
z w i sc h e n S o n n e u n d M o n d, beziehungsweise auf einen Zwist zwischen 
den als Eheleuten aufgefaßten Himmelskörpern. Das Verbot bezieht sich in 
solchem Falle ursprünglich auf die Beobachtung des Sexualverkehrs der Eltern 
und ist erst sekundär auf das Himmelsgewölbe projiziert. Vgl. I G Müller- 
Geschichte der amerikanischen Urreligionen. 1855. 420. Bastian: Inselgruppen 
von Oceanien 1883. 9. Domeny de Rienzi: Oceanien. 1839. II 468 
Riedel: Bijdragen tot de Taal, Land en Volkenkunde V 1886 95 Stenin ; 
Die Kurden des Gouvernements Eriwan. Globus LXX. 1896. 226. S c h ö n w e r t h • 

1 US dH ffi ? e S b ; 1 * 7 - IL 57 ' 5a G - p i^e. Usi e costumi, credenze e pregi-' 
udizi (BibI deile Trad. Pop. Sic. XVI.) 1889. III. 35. E 1 1 i s : The Ewe speaking 

83 Sd, m fr c r\ 1890 - 66 - D - s - The joruba ^^ ™£ ** 

83. (Die drei letzteren Angaben ex. Lasch: Finsternisse. Archiv für Relisions- 

aTri f I T 1 , 14 - 18 t ) J Ü : diePrOJiZierUng der Verdrä "g ten komplexe sforicht 
auch die Vorstellung, daß die Finsternisse Folgen der Sünden der Menschen 






Finsternisse. 



252 « , , u 

bpiegelzauber. 



und wer in die sich verfinsternde Sonne schaut, muß erblinden * 
Desgleichen ist das Essen in Indien verboten und 3 ebenso pflegt 
man in Indien bei Sonnen- oder Mondfinsternis, ferner wenn ein 
Toter im Hause ist, sämtliches Geschirr zu zerbrechen 3 . Wer in 
Böhmen mit den Fingern nach den Sternen zeigt, dem wird ein 
Stern ins Auge fallen und. der Betreffende wird sterben * In d r 

«d I wi H q 1113 " niCM mit demFin ^ f nach der Sonne zeigen 
und wer der Sonne ins Auge schaut, wird erblinden*. In Pofen 
gelten diejenigen, welche in die Sonne zu schauen vermögen 
für Hexen« und in Neuenkammer glaubt man, daß dem SS' 

SS? In d £ A° nne T S c ChaUen VGrmag ' Sich der E 
öffnet In das Auge der Sonne oder des Toten zu schauen 

bedeutet soviel als sich der Sonne, dem Toten, d. h. dem Vater 
entgegen zu stellen. Wer dies, den seelischen Prototyp 
ih „ Ufe J nunft «"gestraft ausführt, beweist 
w , "^ dleseTat seinemagischenQualitäten 
Wie dasEbenbilddesTotenimZimmer im Spiegel' 
bliebe, wenn man diesen nicht verhüllen würde 
so vermag das Ebenbild des während der Verfin- 
sterung im Sterben liegenden, kämpfenden oder 
coitieren den Himmelskörpers, im natürlichen Was- 

sind. Vgl. Zt. für Ethnologie XXIV. (537) E. Bard: Les Chinois chez eux 1900 8fi 
S 3 „ S h\ 3 " l / n / 3 ° neSien Ul lm - ^ Be -ich„end ist der japani che SsTube 
.So betrachtet man die Sonne und den Mond noch heutzutage TSS 
de menschlichen Geschlechts, als die Eltern der Kami (Götter)- def Ten i Sädo 
fastet bei deren Verfinsterung, indem er sich seine hiLlischn Eltern in Se 
versunken denkt/ Ph. v. Sie bol d : Nippon. 1897. I 287 

^ Schön wert h: Aus der Oberpfalz. 1857. II. 55 
tw p Cro ° ke = P °P ular R e "gion and Folk-Lore of Northern India I 21 22 
? n vTn WahrSCheinllch darum verboten, weil die Himmelskorpe gegessen 
d h von Dämon«, verzehrt werden. Vgl. weiter unten, wo die ungefauft ver- 
storbenen Kinder den Mond verzehren. ™g«aun ver- 

3 C r o o k e : 1. c. I. 21. II 74. 

4 Wuttke;l. c. 13. 

5 S c h ö n w e r t h : I. c. II. 52. 

^ScL^lUljTX ff" 11 " 18611 3US d6r Pr ° VinZ P ° Sen - 1893 ' 78 " 



Die Himmelskörper, tmdi der Spiegel. ^6 

serspiegel gefährlich zu werden. In Indien pflegt man 
daher während der Sonnen- oder Mondfinsternis von dem im Hause 
befindlichen Trinkwasser die Unreinheit mit den Blättern der Pflanze 
„Tulasi" fernzuhalten i. Wenn Sonnenfinsternis ist, deckt man in 
Wales die Brunnen zu, weil man fürchtet, daß das Wasser 
schmutzig wird 2 , ebenso wie man beispielsweise in Rumänien 
bei einem Todesfall alle Wassergefäße zudeckt, weil die Seele, 
auf welche das Wasser starke Anziehungskraft ausübt, hineinfallen 
und darin ertrinken könnte 3 . In der Oberpfalz deckt man während 
der Sonnenfinsternis die Brunnen zu, denn in dieser Zeit fällt 
Gift aus der Luft 4 . In Pforzheim bedeckt man bei Sonnenfinsternis 
die Brunnen, weil das Wasser vergiftet werden würde 5 . Desgleichen 
in Mecklenburg 6 . In Schlesien fällt bei Sonnen- oder Mondfinster- 
nis Gift aus der Luft, deshalb muß man das Vieh von der Weide 
heimtreiben und die Brunnen zudecken 7 . Die ursprüngliche Vor- 
stellung ist wahrscheinlich diejenige, welche der reichhaltige Pfälzer 
Volksglaube bewahrt hat. Dort muß man aus dem mondbeschie- 
nenen Brunnen das Wasser zurückschütten, weil man damit den 
Mond schöpft. Man darf nicht aus einem solchen Brunnen trinken, 
in welchem sich der Mond spiegelt, weil man den Mond trinken 
könnte. , In Fronau würde ein Mädchen durch den solcher Art 
getrunkenen Mond schwanger 8 . Wenn die Auffassung, welche in 

1 Crooke: Populär Religion I. 21, 22. 

2 T r e v e 1 y a n : 1. c. 38. 

»Flachs: Rumänische Hochzeits- und Totengebräuche. 1899. 44. Das 
.könnte" ertrinken bringt die Sorge um den Toten, die liebevolle Komponente 
der ambivalenten Gefühle zum Ausdruck, hinter denen die feindlichen Regungen 
beziehungsweise die Furcht, die im Wasser gespiegelte Seele könnte dort bleiben 
und dem Hause gefährlich werden, verborgen bleibt. 

4 S c h ö n w e r t h : 1. c. II. 57. Man schöpft sodann das Wasser aus. 

5 Grimm: Deutsche Mythologie 1878. III. 454. Vgl. auch Lasch : Finster- 
nisse. Archiv für Relwiss. III. 139. 

6 W o s s i d 1 o : Das Naturleben im Munde des Mecklenburger Volkes. 
Zeitschrift des Vereines für Volkskunde 1895. 428. 

7 P. Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. II. 
1906. 130. 

8 Schön werth: 1. c. II. 63. Vgl. noch: Ebda 171, 172. 



254 



Spiegelzauber. 



der Apperzeption der Finsternis^ n; a d •■ • 
Eltern bezüglichen tmtort^^J"»""" 1 * der auf die 
Bestätigung bedarf, soTe^tZlTtT 5^ n ° Ch dner 
tischen Kontinents China d« i, 6 Rand des asia- 

psychischen Proz ; e De ' Kater IT? MenSChHche dieser 
Reiches und der <?nh„ * £• " Chlna ist der Vater des 

finsterte Sonne %£££ ST? hT ^ WoIten & ™ 
gratulieren ihm, daß der Hi mrn ? *'. ? Öfllnge zum Kaiser und 
Tugenden, ihn durch den S ^ dUrCh Seine Gerüchen 
des schmerzlichen ^spÄ™^^ 011 *' Augenzeuge 
zu müssen. Das Manifest de ^ 11 ^^ der Sonne " «ein 
Wei (227-237) Snf htic^h de'/Y' ^ te Dy " aStie 
ftnsternis, daß diese die Stra e d^H , T^ Und Mond- 
Regierung des Kaisers sei den das 71 V^ die Mä " geI der 
f dasselbe, wie das des Vaters u l Z ?T % ™ Menschen 
Breslau und Leobschitz eine g oße Sind ' ^f ^ begeht in 
Sonnenfinsternis in einen mit W ' «T geIe £ e ntIich einer 

Aber eben weil es eClßTs^df "^ "^ Zuber schaut2 - 
den individualistischen revolutionären T ' F* *' ents P r <*«end 
"och begangen. Die Cd* T[ \l s l? denzen der Magie den- 
Genüge aus dem was de t h l chanens erklärt sich zur 
eigenen unbewußt n TnfantL v ^^ SchaUende ™ den 
gewölbe projiziert Lffi^Ä ^ daS Himmels " 
wenn man bei Mondesfinsr P J ; ! g aubt man namIi ch, daß 

in den Hof stellt TätnTn2 a T n mit Wasser gellten kme 
den Mond verzehrt*. N S S'^ " a ° *" ^ Sieht ' wie « 
es die Seelen der vor der Taufe ° er " ye K Szeger Volksglauben sind 

Mondfinsternis den Mond ve rz hr" f^T ^ «* ^ ^ 
verzenren, also diejenigen, welche eine 

•D^ciiu'' "?* ^ 1885 - m - 1«. 
Urquell. 1892. 108. ' * °' V § ! - ^ u s t e r : Alltagsglauben aus Schlesien. 

auch G. Pih6 . Usj § > * gj f. FF 1914. 8 . Pester R « 

Astrononiia. 35. tUmu Ul lm - (Bibl. Trad. Pop. Sic. X VL) 



Die Himmelskörper und der Spiegel. 255 

besondere Ursache haben, ihren Eltern gram zu sein \ Diese 
ungetauft verstorbenen Kinder sind die „varcolaci" des rumänischen 
Volksglaubens, die häufig auch die Gestalt von Wölfen annehmen 2 . 
In der Tat, wenn man in Göcsej in einen weißen Teller Wasser 
schüttet und ihn ins Freie stellt, sieht man darin, wie die Wölfe 
nach dem Monde schnappen. Ebenso beobachtet man die nach 
der Sonne schnappenden Wölfe bei starkem Sonnenschein in einer 
mit Wasser gefüllten Schüssel 3 . In Herefordshire darf man während 
einer Finsternis nicht unmittelbar in die Sonne schauen, doch 
pflegt man in einem Wasserzuber das Spiegelbild der Sonne zu 
beobachten 4 . Dem europäischen Brauch, die sich verfinsternde 
Sonne in einem Wasserspiegel aufzufangen, entspricht der japanische 
Mythos vom Verbergen der Sonnengöttin. Die Sonnengöttin wird 
von ihrem Bruder Susanowo erschreckt und verletzt sich mit 
einem Webschiff. „Darüber erzürnt, begab sie sich hierauf in die 
Felsenhöhle des Himmels hinein, schloß die Felsentür zu und 
hielt sich darin eingeschlossen. Infolgedessen war das ganze 
Universum beständig dunkel und der Wechsel von Tag und 
Nacht war nicht mehr zu erkennen." Hierauf graben die Götter 
„einen fünfhundertzweigigen trefflichen Sakakibaum des himm- 
lischen Kakuberges aus" und an den oberen Zweigen des Baumes 
hängen sie einen Faden mit Juwelen und an die mittleren Zweige 
einen Spiegel. Nun führt Ama no Uzume eine Pantomime auf 



1 F. Wlislocki: A gyermek a magyär nephitben. (Das Kind im unga- 
rischen Volksglauben) Ethn. 1894. 118. S. Elekes: Gernyeszegi babonäk es 
nepszokäsok. (Aberglauben und Volksglauben in Qernyeszeg) Ethn. Eb. da. VI. 
1895. 49. Vgl. P ä v a y : Olählapädi babonäk es nepies gyögymödok. (Aber- 
glauben und Volksheilmethoden in Olählapäd.) Ethn. 1907. 218. 129. Läzär: 
Alsöfeher es värmegye magyar nepe. (Das ungarische Volk im Komitate Alsö- 
feher.) (Alsöfeher Värmegye Monographiäja I. 2.) 1899. 563. J a n k ö : Torda Ara- 
nyosszek, Toroczkö magyar nepe. (Das ungarische Volk in Torda, Aranyosszek, 
Toroczkö.) 1893. 232. 

2 Vgl. Wlislocki: Quälgeister im Volksglauben der Rumänen. Urquell 
1895. 90. 

3 Gönczi: Göcsej: 1914. 187. 

* L e a t h e r : Folk-Lore öf Herefordshire. 1912. 14. 



256 

Spiegelzauber. 



und lockt so die Sonnengöttin aus ihrer Höhle hervor i n„ 
als die Götter über die Sprünge des UzuJ in i * r", ^ 

indem man höchstwahrscheinlich das Abt ld 2 g u ° K 
finsternden und wiedererscheinenden Sni. S1 ° h Ver ' 

spiegeP auffing und dabe ^LderU" ein T + Meta11 - 
Göttin zu Ehren Tänze aufführte Das llt "f '""' der 

«... ha4 - *> t sota L s™:gc™°" eben kd ° m vat " 

°— S ' was LfvlC„ Ch is I« ge f a l n Ä m "' « U « «" <"" ** 
halten wie H., 7 1 ' g ' e slch znm Alltagsleben so ver- 
Festtä' zu d !', r t ? e I mm S« öh ""*en Sterblichen: dfc 

^•Florenz: Japanische Mythologie. 1901. 94-99 
u. Brauns: Japanische Märchen und Sagen 1885 'im m 

~i s sr. SLr^-rrc*' ä^ä* ...» 

104, 105. g h em » Sonn enspeer-. Florenz: löc. cit. 



Die Sonne am 



257 

Die Himmelskörper mtf der Spiegel. 

gewertete Tat begehen; aus der schwarzen Magie ^ ein 
geheiligter Kult, aus der Preise run ^ Hand^der 
Pietät. In solcher Ze t schaut man Carmarthen hire 

ja man fängt «sogar »» W«~g^ Sommertage 

glaubt man woMaßJ n .^ dammerung die tanzende 
von einer Bergspitze aus be g Waieg ^ aU dnen 
Sonne sehen könne doch ^ hal der ^ .^ 

f a ^d Sßt -f m Ostersonntag Wasser in ein Gefäß 

/Svefmnt auf dem Spiegel des Wassers die Sonne 
und man vermeint * u v {rühen en des 

tanzen zu sehen«. In Irla jd PW im x 

^To^od:; rd n Wass^t tanzende Sonne zu be- 
? U rLT Glekhfall am Ostersonntag schaut man in Poitou in 

Xciu^chfrk:!.^ .rei Spränge«. Eoenso 

, c,ik i nrp ptr of Wales. 1909. 37. 38. 

iSÄSiE^iÄ- ■■»■ >•■«■•« TheMk - 

Lore of Herefordshire. 1912. 99. 
' Ausland 1860. 381. 

* c „ i, m i n t • Le Folk-Lore de France. 1904. I. 63. 
tw! von Schulenburg: Wendische Volkssagen und Gebräuche aus 

dem Spreewald. 1880. 253. Mecklenburg. 1880. II. 261. 

St" cke^an rÄuben und Sagen aus dem Herzogtum Okto* 
, /tQO I 78 Vgl. über Osterwasser gegen Augenleiden Whslocki. 
bürg. 1909. H- <°. vgl. uu Wotiaken pflegen zur Be- 

Aus dem Volksleben der ^«-189 127. Die W tj^ Vj ^ 

seitigung der Augenube der ^f ^ ^^ ^^ und 

SÄ ^oSSf Mem. Soc. Finno-Ougrienne. XVIII. 1902. 72. ; 

Spiege'.zauber. 



255 Spiegelzauber. 

nach dem in der Sonne tanzenden Osterlamm durch ein schwarzes 
Seidentuch 1 . Im sächsischen Erzgebirge stellt man ein mit Wasser 
gefülltes Gefäß in den Hof, um das hüpfende Osterlamm oder die 
vor Freude tanzende Sonne und den Erlöser in ihr zu sehen 2 . 
Im Schütterschen spiegelt sich die anbivalente Einstellung in den 
einschlägigen Vorstellungen : die vor Freude tanzende Sonne 
speit auf der Welt Gift herum, gegen welches man sich dadurch 
schützen kann, daß man sich vor der Morgendämmerung im 
fließenden Wasser wäscht «. In Ostpommern nennt man das 
österliche Herumhüpfen der Sonne „Osterlammspringen" 4 . Ebenso 
haben wir in Brandenburg den Ritus der Sonnenschau zu 
Ostern 8 . Hier ersieht man das in der Sonne herumhüpfende 
Osterlamm aus dem Spiegel des Wassers 6 , ferner in Schlesien 7 
wo man im .Spiegel des Wassers nach der hüpfenden Sonne 
schaut und aus diesem Gesicht die Dinge weissagt, die sich im 
Jahre ereignen werden 8 . In Göcsej sieht man in der Sonne eine 
menschliche Gestalt, die man hauptsächlich im Sommer erblicken 
kann, wenn man die Sonne am Magdalenentag in einer mit 
Wasser gefüllten weißen Schüssel beobachtet: es scheint, „als ob 
Maria die Wiege schaukeln würde" 9 . Nach russischem Volks- 

1 H. Pröhle: Gebräuche aus den Harzgegenden. Zt. f. Deutsche 
Mythologie I. 80. 

' E. John: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge- 
1909. 194. 5 s 

8 A. John: Sitte, Brauch etc. im deutschen Westböhmen. 1905. 65. 

4 O. K n o p p : Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben etc. aus dem öst- 
lichen Hinterpommern. 1885. 179. 

5 A. Kuhn: Märkische Sagen und Märchen. 1843. 311. 

6 I. D. H. T e m e : Die Volkssagen der Altmark. 1839. 85. 

7 Th. Vernaleken: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich 
1859. 302. 

8 Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglauben in Schlesien. 1903. 1. 96. 

9 Gönczi: Göcsej 1914. 186. Vgl. noch Reinsberg-Dürings- 
feld: Das festliche Jahr. 1898. 152. 185. Haberland: Spiegel. Zt. f. Vps. 
XIII. 331. 332. Sartori: Sitte und Brauch. 1914. III. 153. 154. Der aus dem 
Spiegel erschauten tanzenden Sonne entspricht in China das am sechsten Tage 
des sechsten Monats statthabende »öffnen der Himmelstore". Zu dieser Zeit 



Die HimWidskörper und! der Spiegel 259 

glauben spielt sich die Sonne am Ostersonntag 1 . Das gilt auch 
bei den Kaschuben 2 . Am Eliastage pflegen die Eltern in 
Brescine bei Ragusa die Kinder in der Mittagsstunde zu Hause 
zu halten, damit sie „der gehörnte Mittag" nicht aussauge. Am 
Eliasfeste um die Mittagsstunde kann man ihn erblicken, wenn 
man durch ein Seidentüchel in die Sonne schaut 3 . Alle diese 
Gebräuche gruppieren sich nicht ohne Grund um die Ostern 
oder zumindest um den Zeitpunkt der Frühlings- und Sommer- 
feste. Denn wie das Verdecken der Oberfläche des 
Wassers nur den Zweck haben konnte, die sich ver- 
finsternde Sonne ja nicht darin auf zufangen, kann 
der Sinn dieser Riten nur der sein, die belebende 
Wärme, die Frühlingssonne auf die Erde herabzu- 
bringen, d. h. dasSpiegelbildderSonneimWasser- 



tun sich nämlich die Tore des Himmels auf und man stellt dann in einer mit 
Wasser gefüllten Waschschüssel einen Spiegel in den Hof, um darin die glück- 
bringende Vision zu erblicken. Man sieht dann an einem mit rotem Teppich 
gedeckten langen Tische einen weißbärtigen Greis sitzen, in rotem Gewände, 
mit einer Krone auf dem Haupte. Das ist der „Hüter des -Himmels" oder nach 
anderen der „Herr des Himmels" (San-ti) selbst. Einige behaupten, daß zu 
dieser Zeit durch die geöffneten Himmelspforten aller Segen und Reichtum 
sich auf die Erde ergieße, während andere der Ansicht sind, die Tore des 
Himmels öffneten sich deshalb, damit die Götter die Taten der Menschen 
besser wahrnehmen mögen. I. I. M. de G r o o t : Les F6tes annuellement 
celebrees ä Emoui. 1886. I. (Musee Guimet XI.) 389. Vgl. zum Öffnen der 
Himmelstore Julius Meszäros: A csuvasi ösvalläs emlekei (Die Urreligion 
der Tsuwaschen). 1909. 84. 85. I. M a r m u 1 a : Ärvamegyei lengyelajku lako- 
sainak nepräjzi leiräsa (Ethnographische Beschreibung der polnischen Ein- 
wohner des Komitates Ärva). Ethn. XI. 454. A. Zubek; A märamarosmegyei 
„Nagy-Äg"-vöIgy ruthen nephiedel meböl (Aus dem ruthenischen Volksglauben in 
„Nagy-Äg"-Tale des Märamaroser Komitates). Ethn. VI. 1895. 437. G. Ver- 
se n y i : Erdelyi nepmondäk (Siebenbürger Volkssagen). Ethn. XII. 319. 

1 P o t a n i n : Maferiali po narodno vjerova nijam velikorussov. Etn. 
Obozr. II./III. 1896. 195. 

2 Gulgowski: Sonne, Mond und Sterne im Volksglauben der 
Kaschuben. Globus. XCIII. 1908. 145. 

3 Vid-Vuletic-Vukasovic; Der gehörnte Mittag. Urquell. 1892. 
III. 203. 

17* 



Spiegelzauber. 

Spiegel zu behalten. Wenn dieses Ziel zur Stunde auch 
nicht mehr im Bewußtsein derjenigen lebt, die den Ritus aus- 
üben, so leiht doch der ganze Charakter des Osterfestes 1 , zu- 
mindest vorläufig einer solchen Konstruktion einige Berechtigung. 
fass s r g m der Nun können wir unsere Ergebnisse zusammenfassen. Den 

Ergebne. Schlüssel zu all den kollektiven Vorstellungen 
und Riten, in deren Mittelpunkt der Spiegel steht, 
finden wir in der zweiten ontogenetischen Stufe 
der psychosexuellen Entwicklung, in der Selbst- 
liebe (Narcissismus). So wie das Individuum diese 
Entwicklungsstufe am reinsten im Kindesalter zeigt, 
gruppieren sich auch die Spiegeltabu zum großen 
Teile um das Kind und die Motivierungen der 
Tabu verraten das unbewußte Wissen des wahren 
Sinnes der Verbote. Die Erstarrung und Konser- 
vierung der infantilen seelischen Einstellung 
charakterisiert den aus dem Spiegel wahrsagen- 
den Seher und die Spiegelschau der Könige. Die 
Wiederbelebung des kindlichen Narcissismus er- 
folgt im Seelenleben des Durchschnittsmenschen 
gewöhnlich dann, wenn er in seinen Kindern sein 
eigenes infantiles Ebenbild wiederfindet und mit 
und in seinen Kindern die Kindheit wieder durch- 
lebt oder mit anderen Worten die Spiegelschau 
führt zur Reincarnation. Das Liebesorakel der 

1 Vgl. z. B. Wenn man das Osterei leicht schälen kann, pflegt man zu 
sagen, der Eigentümer sei sicherlich zeitlich aufgestanden, um die tanzende 
Sonne zu sehen. Sartori: Sitte und Brauch III. 153. cit. Jahrbücher für die 
Landeskunde der Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg. V. 188. In 
der Gegend längs der Nyäräd wirft man mit roten Eiern nach der Sonne, 
d. h. man wirft sie nach dem Himmel hinauf, damit aus ihnen eine 
Sonne werde. I. Zilahi: Nyärädmenti teremtesmondäk (Schöpfungssagen 
in der Nyäradgegend). Ethn. 1909. 363. Wenn wir zu Ostern ein rotes Ei auf- 
heben, wird dieses nach hundert Jahren tanzen. A. H e r m a n n : Der volks- 
tümliche Kalenderglaube in Ungarn. ZA. V. f. Vk. ps. 1894. 396. (Vgl. die 
tanzende Ostersonne). 




Die Himmdskörper unidi dier Spdegel. 



261 



Spiegelschau, in denen das Mädchen statt des 
eigenen Bildes den Zukünftigen im Spiegel er- 
blickt, deutet an, daß die Stelle des Ichs als Ziel- 
punkt derLibido nun vomGeliebten eingenommen 
wird, daß die Objektwahl auf narciß tis eher Gru nd- 
lage gelungen ist. Doch eben dann, in diesem ent- 
scheidendenStadium der Libidoübertragung, kann 
infolge derFixierung an sich selbst dieHemmung 
auftreten, die Regression auf die" autoerotische 
Stufe und als derenProjizierung tritt dann derim 
Spiegel erscheinende Totenkopf oder das kopf- 
lose Ebenbild auf. Daß man die Haustiere, beson- 
ders die Katze, in den Spiegel schauen läßt, ist 
eine Übertragung des Liebeszaubers auf dieTier- 
welt. Die negative Form des Spiegelschau -Ritus 
ist der autosymbolische Ausdruck einer teils 
gegen den Narcissismus gerichteten Reaktion, 
teils aber des Grauens vor der Selbsterkenntnis; 
derim Spiegel erscheinende Dämon aber ist die 
Projizierung der verdrängten Vorstellungen. Die 
Dämonen, eiizierte Komplexe aus dem Ubw des 
Menschen, schrecken vor denselben Dingen zu- 
rück, vor denen der Mensch erschaudert; sie 
fürchten sich also vor dem Spiegel entweder des- 
halb, weil sie darin ihr Ebenbild in fremder Hand 
sehen, oder aber, weil ihnen das eigene Zerrbild 
Entsetzen einflößt. Das Zerbrechen des Spiegels 
ist gleichfalls eine motorische Äußerung von 
Gefühlen mit negativem Vorzeichen: es bedeutet 
den Bruch mit dem Narcissismus als Weg der 
Libidoübertragung und auch mit dem Objekt der 
Libido, dem Original des Ebenbildes, der solcher- 
art durch Analogiezauber getötet wird. Wie die 
Spiegelschau für den Lebenden gefährlich, für 
den Dämon grauenhaft ist, so ist sie dem Toten 



262 Spiegelzauber. 

verboten. In den Spiegel läßt man die Braut 
schauen und auch die Katze, damit sie infolge der 
narcißtischen Fixierung an das eigene Ebenbild 
im Hause bleiben mögen; aus entsprechendem 
Grunde verhüllt man vor dem Toten den Wand- 
spiegel und gibt ihm Spiegel in das Grab mit» 
damit er nicht an das Haus, sondern an das Grab 
fixiert werde. Die untergehende Sonne ist als 
erster Toter Symbol der Seele, der Dahingeschie- 
denenüberhaupt, sowiedieProjizierungdes toten 
Vaters auf das Himmelsgewölbe. Deshalb ist es 
eine gefährliche Handlung, die nur einemEmpörer 
oder Zauberer ansteht, dem Toten oder der Sonne 
ins Auge zu schauen, nämlich sich ihnen ent- 
gegenzustellen. So wie man dem Toten die Augen 
zudrückt, so deckt man bei der Sonnenfinsternis 
den Brunnenspiegel zu, damit die verfinsterte, 
d. h. sterbende Sonne darin nicht aufgefangen 
werde. Der Spiegel, welcher der von den Ahnen er- 
erbten Ebenbildseele entspricht und die Sonne, 
die das Imago des Vaters darstellt, sind also 
vikariierende Symbole, mit anderen Worten die 
Solarisierung des Spiegels ist die Identifikation 
des menschlichen Ebenbildes mit dem des Vaters. 
Noch ein Wort zur neuen Terminologie und Methode. Der 
Erste, der sich mit dem Thema des Spiegels vom ethnologischen 
Standpunkte aus befaßt hat, Haberland, und ihm folgend die 
Übrigen 1 , haben den Schlüssel des Problems im Animismus ge- 
sucht; unsere Ausführungen aber haben ihren Ausgangspunkt 
von der Narcissismus genannten individualpsychologischen Er- 

•Haberland: Der Spiegel in Glaube und Brauch. Zeitschrift für 
Völkerpsychologie XIII. 324—347. Ne gel ein: Bild, Spiegel und Schatten 
A. R. IV. V. 1—37. I. G. Frazer: Taboo. 1911. 92—96 usw. Meszäros 
(loc. cit.) ausgenommen, der die diesbezüglichen Vorstellungen vom Standpunkt 
der Manatheorie betrachtet. 



Die Himmelskörper urnd! der Spiegel. 263 

scheinung genommen. Rank hat bereits darauf hingewiesen, daß 
die Psyche nichts anderes ist, als das aus narzißtischen Beweg- 
gründen entstandene Ebenbild des Menschen \ oder mit anderen 
Worten, was wir bis jetzt im Leben der Menschheit Animismus 
genannt haben, dem entspricht in der Evolution des Individuums 
der Narcissismus. Indem man sich auf die Individualpsychologie, 
insbesondere aber auf die Psychoanalyse stützt, zerstört man also 
nicht die bisherigen grundlegenden Ergebnisse der Völker- 
psychologie, im Gegenteil, man gewinnt neue Stützpunkte zu 
ihrer Würdigung. Daß die neue Methode tiefer gräbt als die 
alte, daß sie mehr erklärt und auch die geheimste Triebfeder 
der Determiniertheit des Seelenlebens aufdeckt, das sind die Vor- 
teile dieser neuen Methode, welche die Völkerpsychologie, wenn 
sie vom Fortschritt der Wissenschaften nicht zurückbleiben will, 
anerkennen und sich aneignen muß. 



1 O. Rank: Der Doppelgänger. Imago 1914. 162. 



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